11 Juli 2020, 03:15:12

Autor Thema: Textanfänge  (Gelesen 15955 mal)

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Trippelschritt

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Textanfänge
« am: 09 Januar 2015, 21:08:42 »
Ich habe mir gedacht, ich fange einmal einen thread an, der sich nur mit den Anfängen von Geschichten beschäftigt. Dazug ehört der berühmte erste Satz ebenso wie ein ganzer erster Absatz.

Die Funktion eines Anfangs ist es, den Leser in die Geschichte hineinzuziehen. Bei Kurzgeschichten ist das m.E. essentiell. Bei Romanen haben die Leser in der Regel ein wenig mehr Geduld, sodass man auch mit einem mittelmäßigen Anfang den Leser noch nicht unbedingt verliert. Aber um wieviel würde ein Roman gewinnen, wäre der Anfang so gut wie in einer richtig guten Kurzgeschichte, in der jeder Satz sitzt.

Ich stelle mir diesen thread folgendermaßen vor.
Jeder stellt einen Textanfang vor, den er entweder selber geschrieben hat, und erläutert anschließend, warum er das so und nicht anders geschrieben hat,
oder
er stellt einen Textanfang vor, der ihm besonders gut gefallen hat, und erklärt, warum er diesen einen Anfang für so ausgesprochen stark findet.

Damit haben wir jedesmal Textbeispiel plus Erläuterung

Und wenn wir Glück haben, besitzen wir am Ende eine Typologie für gute Textanfänge, denn es gibt viele Möglichkeiten, aber nicht unbegrenzt viele. Aber das werden wir herausfinden.

Ich antworte mal auf meinen eigenen Text und gebe ein paar Beispiele

Liebe Grüße
Trippelschritt
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Trippelschritt

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Re: Textanfänge
« Antwort #1 am: 09 Januar 2015, 21:19:26 »
Ich habe mir mal einen Kurzgeschitenband von Jeffrey Archer herausgeholt, den ich für einen begnadeten Erzähler halte. Berühmt geworden ist er allerdijngs durch seine Romane. Die Beispiel stammen aus: A twist in the tale.

Wenn ich mich nicht anders besonnen hätte, hätte ich nie die Wahrheit herausgefunden.
Ich konnte nicht glauben, dass Carla mit einem anderen Mann geschlafen hatte, dass sie mich, was ihre Liebe zu mir angeht, belogen hatte und dass ich womöglich nur zweiter oder dritter in ihrer Zuneigung war.
(die etwas freie Übersetzung ist von mir)

Der erste Satz macht klar, dass es um Lug und Trug geht, und damit habe ich bereits den Ausgangskonflikt.
Der nächste Abschnitt beginnt mit "Sex sells", aber die Spitze ist die Steigerung von "betrogen" (das könnte noch eine Affäre sein, die man verzeihen kann) über falsche Liebe (also das geht nun gar nicht) zu dem möglichen dritten Platz in der Zuneigung (absolute Demütigung, die nicht ohne Konsequenzen bleiben wird).
Und das ganze in fünf Taschenbuchzeilen.
Technik: 1. Grundkonflikt, 2. Kurzbeschreibung mit eingebauter Steigerung der Charakteristika

Trippelschritt


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Trippelschritt

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Re: Textanfänge
« Antwort #2 am: 09 Januar 2015, 21:25:44 »
Und noch einen mit anderer Technik

(Nur) Wenige zeigten Interesse, als Ignatius Agarbi zu Nigerias Finanzminister ernannt wurde. Schließlich war er, wie die Zyniker betonten, die siebzehnte Person, die dieses Amt bekleidete. In siebzehn Jahren.

Weniger sprektakulär dieser Anfang. (Nur) Wenige spielt ein Ereignis herunter, das wichtig genug ist, in einer Geschichte behandelt zu werden. Und schon ist das Interesse da. Das Schlüsselwort im Folgesatz ist "Zyniker".
Damit kann der Leser entscheiden, ob er sich zu den Zynikern zählen lassen will und das Buch zuklappt oder ob er dem autor folgen wird, der ihm hier etwas verspricht.

Technik: Understatement (britische Version?  :hehe:)

Trippelschritt



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Lupa

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Re: Textanfänge
« Antwort #3 am: 09 Januar 2015, 23:20:28 »
Hallo Trippelschritt,

ich liiiiiebe erste Sätze. Habe in den Tiefen meines Rechners eine kleine Sammlung davon.

Mein absoluter Liebling ist leider auf englisch und auf Deutsch finde ich ihn nicht halb so schön.
Ich gebe ihn trotzdem zum Besten ...

"Red Seas under Red Skies" von Scott Lynch

Locke Lamora stood on the pier in Tal Verrar with the hot wind of a burning ship at his back and the cold bite if a loaded crossbow's bolt at his neck.

Übersetzung:
Locke Lamora stand auf dem Pier von Tal Verrar, den heißen Wind eines brennenden Schiffes im Rücken und den kalten Biss eines Armbrustbolzens im Nacken.

Es fängt ja ganz harmlos an mit dem Namen des Protas und dem Ort wo er sich befindet. Durch den Pier habe ich gleich eine Umgebung vor Augen und weiß, wo ich mich befinde (Den Prota kenne ich auch schon, es ist ein zweiter Band).
Dann kommt das brennende Schiff, das Fragen aufwirft. Woher? Wieso?
Die Situation spitzt sich weiter zu durch den Armbrustbolzen in seinem Nacken.
Außerdem finde ich diesen Kontrast zwischen der Hitze und der Kälte einfach genial.
« Letzte Änderung: 09 Januar 2015, 23:22:00 von Lupa »

Parzifal

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Re: Textanfänge
« Antwort #4 am: 10 Januar 2015, 00:00:02 »
Guter Thread, Trippelschritt.
Da ist mir auch gleich eingefallen, welchen Textanfang ich einstellen kann. Ich mach´s mal spannend und nenne Roman und Autor nicht; dürfte aber leicht sein, es rauszukriegen.  ;)

Zitat
Es ist kalt um 6 Uhr 40 in der Frühe eines Pariser Märztages, und es scheint noch kälter zu sein, wenn zu dieser Zeit ein Mann von einem Exekutionskommando füsiliert werden soll.
Am 11. März 1963 stand zu jener Stunde ein Oberstleutnant der französischen Luftwaffe im Gefängnishof des Fort d´Ivry an einem in den Kies getriebenen Pfahl, hinter welchem man ihm die Hände zusammenband, und starrte mit langsam schwindendem Zweifel auf den Zug Infanteristen, der ihm gegenüber in zwanzig Meter Entfernung Aufstellung genommen hatte.

- Wer ist der Mann?
- Warum soll er erschossen werden?
... sind die beiden ersten (Spannung erzeugenden) Fragen, die man sich nach diesem Absatz als Leser stellt.
Den leichten Schauer über den Rücken besorgt die Uhrzeit, der Ort und die Umstände unter denen das Geschehen abläuft.  8)
« Letzte Änderung: 10 Januar 2015, 00:05:56 von Parzifal »

Fabian

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Re: Textanfänge
« Antwort #5 am: 10 Januar 2015, 11:51:05 »
Zitat
Es ist kalt um 6 Uhr 40 in der Frühe eines Pariser Märztages, und es scheint noch kälter zu sein, wenn zu dieser Zeit ein Mann von einem Exekutionskommando füsiliert werden soll.
Am 11. März 1963 stand zu jener Stunde ein Oberstleutnant der französischen Luftwaffe im Gefängnishof des Fort d´Ivry an einem in den Kies getriebenen Pfahl, hinter welchem man ihm die Hände zusammenband, und starrte mit langsam schwindendem Zweifel auf den Zug Infanteristen, der ihm gegenüber in zwanzig Meter Entfernung Aufstellung genommen hatte.

- Wer ist der Mann?
- Warum soll er erschossen werden?
... sind die beiden ersten (Spannung erzeugenden) Fragen, die man sich nach diesem Absatz als Leser stellt.
Den leichten Schauer über den Rücken besorgt die Uhrzeit, der Ort und die Umstände unter denen das Geschehen abläuft.  8)

Schau an, so unterschiedlich wirken Anfänge ...

Mir stellen sich ganz andere Fragen:
- hat hier mal wieder der Übersetzer geschludert?
- was ist das für ein ominöses "es", das noch kälter zu sein scheint, als das einleitende "es"?

Auf mich wirkt die Sprache antiquiert und distanziert und ich meine mich zu erinnern, dass mich der Autor mit seinem Roman nicht fesseln konnte (aber das ist schon soooo lange her ...).

"Weil niemand mehr Leonardo ist, können alle Leonardo werden ...
das Phantasma der Auserwähltheit Einzelner macht dem Phantasma der Selbstwahl aller Platz"

 (Jörg Scheller in der ZEIT, Nr 2/2019, S. 43)

Parzifal

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Re: Textanfänge
« Antwort #6 am: 10 Januar 2015, 11:56:19 »
Zitat
Auf mich wirkt die Sprache antiquiert und distanziert und ich meine mich zu erinnern, dass mich der Autor mit seinem Roman nicht fesseln konnte (aber das ist schon soooo lange her ...).

Macht nichts, Fabian - der Roman hatte (auch ohne dich) weltweit mehr als genug Leser und gilt schon lange als Klassiker.  ;)

P.S.
Ich glaube auch nicht, dass es in diesem Thread darum geht, Textanfänge zu rösten. Wir wollen sie analysieren, um rauszufinden, was der Autor gemacht macht, um die Leser in seine Geschichte reinzuziehen.  :klug:
« Letzte Änderung: 10 Januar 2015, 12:08:20 von Parzifal »

Trippelschritt

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Re: Textanfänge
« Antwort #7 am: 10 Januar 2015, 12:45:50 »
Guter Thread, Trippelschritt.

Zitat
Es ist kalt um 6 Uhr 40 in der Frühe eines Pariser Märztages, und es scheint noch kälter zu sein, wenn zu dieser Zeit ein Mann von einem Exekutionskommando füsiliert werden soll.
Am 11. März 1963 stand zu jener Stunde ein Oberstleutnant der französischen Luftwaffe im Gefängnishof des Fort d´Ivry an einem in den Kies getriebenen Pfahl, hinter welchem man ihm die Hände zusammenband, und starrte mit langsam schwindendem Zweifel auf den Zug Infanteristen, der ihm gegenüber in zwanzig Meter Entfernung Aufstellung genommen hatte.


Da ist meine Antwort doch in den Tiefen der Federhölle verschwunden. Also noch einmal.
Danke für die Blumen, Parcifal, aber ich bin nur Deiner Anregung gefolgt undd achte mir, dass es mit Satzanfängen am leichtesten sei.

Dein Zitat gefällt mir, aber ich habe nicht Deine Fragen.
Mit dem Wetter anzufangen ist immer eine schlechte Idee, aber hier gibt es zwei Arten von Kälte, und die eine hat mit der anderen wenig zu tun. Das ist der Aufhänger.
Dann folgte eine Beschreibung belangloser Details, denen aber durch die Ausführlichkeit Bedeutung  zugewiesen wird.
Stark ist außerdem "mit langsam schwindenden Zweifel", weil dieser Aspekt den Menschen und nicht den Oberstleutnant betrifft und damit für Empathie sorgt.
Ein schönes Beispiel für überlegt gesetzte Worte.

Trippelschritt
« Letzte Änderung: 10 Januar 2015, 12:47:21 von Trippelschritt »
Wer bin ich, wer war ich, wer werde ich sein?

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Re: Textanfänge
« Antwort #8 am: 10 Januar 2015, 13:21:47 »
Um das nicht schuldig zu bleiben:
Es ist der Anfang des Romans "Der Schakal" von Frederick Forsyth.

LaHallia

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Re: Textanfänge
« Antwort #9 am: 10 Januar 2015, 14:49:18 »
Hier mein Anfang:
Mit einer falschen Nummer fing es an, mitten in der Nacht läutete das Telefon dreimal, und die Stimme am anderen Ende fragte nach jemandem, der er nicht war.
(Stadt aus Glas, Paul Auster).

Warum mir dieser Anfang so gefällt?
Eigentlich ist es etwas ziemlich Banales, von jemandem angerufen zu werden, der sich verwählt hat, aber es ist mitten in der Nacht, der Anrufer wird also einen dringenden Grund haben. Oder war es vielleicht gar nicht unbeabsichtigt? Die Person könnte ja zunächst auch nur so getan haben, als hätte sie sich verwählt.
Ich kenne den Roman nicht, aber mir würden mehrere Möglichkeiten einfallen, wie es weitergehen könnte.
Und: wenn dieser Anruf nicht wichtig für die Geschichte wäre, hätte der Autor in (hoffentlich!!!) nicht an den Anfang gestellt.
Sie müssen erzählerische Risiken eingehen. Vor allem aber: niemals versuchen, den anderen zu gefallen. Sie müssen so hoch zielen, dass Sie ganz tief fallen können. Dann vielleicht haben Sie Erfolg. (Frank Schätzing)

Trippelschritt

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Re: Textanfänge
« Antwort #10 am: 10 Januar 2015, 15:57:12 »
Das ist die Technik mit etwas Ungewöhnlichem anzufangen.
Spannend für mich als autor ist es dann immer, wie der zweite Satz lautet oder welche Stimmung das Ungewöhnliche erzeugt und wie der Autor das macht.

Liebe Grüße
Trippelschritt
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Trallala

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Re: Textanfänge
« Antwort #11 am: 10 Januar 2015, 16:15:35 »
Super Thread!

Ich  habe etwas, bei dem ich die Kombination aus Titel und erstem Satz super finde.

Graham Greene: Leihen Sie uns ihren Mann?

"Ich hörte nie einen anderen Namen für sie als Poopy, weder von ihrem Gatten noch von den beiden Männern, die sich mit dem Paar anfreundeten."

Ich finde, Titel und erster Satz machen total neugierig. Der Beobachter sagt uns, dass es ein Ehepaar gibt und zwei Männer, die sich mit dem Ehepaar befreunden. Wer also wird wem den Mann leihen?


T!
"Das mit dir und mir" - erschien am 1.12.14 bei dtv
"A Song about Love" - erschien am 1.7.15 bei BoD
"Das Zwillingsmatch" - erschien am 1.1.16 bei BoD
"Diese ganze Herzscheiße" - erschien am 15.3.17 bei amazon

"AT: Nur dieser eine Augenblick" - Krimi
"AT: Das Mädchen Maryam" - Jugendbuch

zac

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Re: Textanfänge
« Antwort #12 am: 13 Januar 2015, 00:42:49 »
Kaum jemand schlägt ein Buch auf, ohne zuerst den Titel gelesen zu haben. Also kommt der erste Eindruck von diesem. Genau so ist es bei Kurzgeschichten. Dennoch trifft auf den Anfang des laufenden Textes selbstverständlich zu, was Tippelschritt in der Einführung seines Threads gesagt hat. Ich zitiere zuerst den Buchtitel, dann den einer Geschichte:

Zitat
Monster
Weil ich von dem Autor dieses Buches bereits eine Kurzgeschichte gelesen hatte + ihn von seinem Auftritt bei den Klagenfurter Tagen der Literatur 2013 her kannte (wo er auch zu den Preisträgern gehörte) war mir klar, dass es hier nicht um blöden Horror gehen würde. Sonst wäre mir der Titel viel zu banal. Hier ist es Ironie.

Titel der ersten Erzählung in diesem Band:

Zitat
Viel schlimmer als die dunklen Räume sind die spiegelnden Fenster
Thema: Etwas, das Angst macht. Etwas, von dem man nicht weiß, was es ist, und das man nicht sieht oder nicht sehen kann.
Sachlich richtig ist: In spiegelnden Fenstern erkennt man in der Regel noch weniger als in dunklen Räumen. Denn an die Spiegelungen können sich unsere Pupillen nicht anpassen. Also dürfte vor letzteren die Unsicherheit noch größer sein.

Und hier die ersten vier Kurz-Absätze - mit meinen Zwischenbemerkungen:
Zitat
Es ist plötzlich da. Wie hineingestürzt ins Licht und auf die Straße. Das Ding. [...]
Gängige Mittel des Horrors, abgeschwächt: Schreckens, werden benutzt: Plötzlich stürzt während einer Autofahrt etwas auf die Straße; der Prota fragt sich: Was war das?
Zitat
[...] Der Mensch oder das Tier im Scheinwerferlicht. Zu schnell, um zu erkennen, was es ist. [...]
Den Prota überrascht nicht nur der Vorfall; er bekommt Angst, einen Menschen überfahren zu haben.
Zitat
[...] Plötzlich ist da was auf der Straße. Plötzlich ist es ein Geräusch unter dem Wagen, ein Schleifen oder Kratzen. Ein Scharren. Ein roter Schemen im Rücklicht.
Während der Prota ängstlich über den Unfall rätselt, beschreibt er ihn näher. Wichtig: Er beschreibt ihn so, wie ihn ein erschreckter Autofahrer tatsächlich in seinen Gedanken beschreiben könnte.
Zitat
[...] Tier. Bitte. [Absatz]
 Sich darauf vorbereiten, getötet zu werden, wie man in dunklen Wäldern getötet wird, wenn man aus Autos steigt. Die Tür öffnen. Aussteigen. [...]
(Für mich) ungewöhnliche Art, die Spannung zu steigern: Der Prota nennt sogar ein übliches Stilmittel von Horror-/ Thrillerstorys. Er ruft es aber zugleich als mögliche Fortsetzung seiner Geschichte auf.
Zitat
Tier, Tier, Tier. [Absatz]
Bitte, bitte, bitte.
Verwirrung, Angst, Schrecken des Protas + seine Hoffnung, keinen Menschen überfahren zu haben, werden wiederholt.

Danke an Tippelschritt. Guter Vorschlag.
« Letzte Änderung: 13 Januar 2015, 00:51:19 von Zachi »

Mooncat

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Re: Textanfänge
« Antwort #13 am: 13 Januar 2015, 02:29:27 »
Ich musste jetzt einige meiner Lieblingsbücher durchgehen, denn kaum einer davon hat einen Anfang, den ich jetzt Wert finde, hier einzustellen. Bin aber doch noch fündig geworden bei einer meiner Lieblingskrimiserien und es ist sicher eine Art Anfang, der hier noch nicht genannt wurde, mich aber sofort gefesselt hat und eine Art, die ich sehr mag, aber leider viel zu wenig antreffe:

Zitat
Some people are street-smart, some people are book-smart, but most people are just dumber than dirt.
—Chrissy (Mac) McMullen, upon finding her boyfriend in the backseat of her Mazda with a Majorette

MR. HOWARD LEPINSKI was an intelligent man. He was well educated, articulate, and precise. Unfortunately, he was about two aces short of a full deck.
Es fängt an mit einem Zitat - einem sehr witzigen Zitat. Und, was ich persönlich grandios finde, nicht von irgendeinem verstaubten oder hippen Zeitgenossen, nein, es ist von einer Chrissy (Mac) McMullen, die man nicht kennt - aber auf die Art gleich vorgestellt bekommt.
Der erste Absatz ist dann stinknormal - zu Anfang. Fast schon langweilig. Was genau richtig ist, denn offensichtlich ist der gute Lepinsky genau das. Ach ja, und etwas verrückt. Was mit dem letzten Satz dieses ersten Absatzes mehr als nur deutlich wird. Was gut ist, denn Chrissy ist eine Psychologin - und Lepinsky eine wichtige Geldquelle für sie.

Warum ich ihn so liebe, diesen Anfang? Konflikt kennt man da noch nicht, aber ich weiss gleich, in welchem Ton diese Geschichte geschrieben ist, was mir persönlich eh viel wichtiger ist, und damn, it's a marvellous snarky and funny one. Im übrigen, wenn man dann die ganze Geschichte kennt, erkennt man, dass das Zitat eigentlich genau Chrissys grösstes Problem im Buch schildert - nicht etwa, dass sie unter Mordverdacht steht, sondern wem sie nun vertrauen kann - dem street-smart Mann oder dem book-smart Mann. Von daher ist der Konflikt sogar da, clever versteckt.  :danke:

Tja - und ich glaube, jetzt muss ich gleich weiterlesen gehen. Was nicht der Plan war. Aber so gut ist dieser Anfang halt für mich, dass ich ihn nur zu lesen brauche und gleich die ganze Serie zum x-ten Mal lesen will. Was will ich mehr von einem Anfang?

PS: Nein, ich übersetze nicht. Und da ich nichts deutsches lese, kann ich halt nur mit Englisch dienen. Ich gehe einfach davon aus, dass alle genug Englisch können, um es zu verstehen. Wenn nicht, Unzipped von Lois Greiman. Es wurde übersetzt, ich weiss das - aber diese Verschandelung tue ich niemandem an. Die deutsche Sprache schafft es meiner Meinung nach nicht, diese Art der Verwendung des Englischen getreu hinzukriegen. Echt mal, wenn ihr nur ein bisschen Englisch könnt - lest es im Original!
« Letzte Änderung: 13 Januar 2015, 13:38:23 von Mooncat »
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Trippelschritt

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Re: Textanfänge
« Antwort #14 am: 13 Januar 2015, 07:49:50 »
Hi Zachi,

ich muss zugeben, so ganz habe ich den Text nicht verstanden. Fehlen da Teile?

Und das mit der Überschrift ist so eine Sache. Ich hoffe, dass "Monster" eine Überschrift ist, die der Autor gewählt hat. Bei Kurzgeschichten trifft das meistens zu. Muss aber nicht. Bei vielen Kurzgeschichten von Asimov sind die Titel nicht von ihm. die konnte er erst in späteren Ausgaben durchsetzen.
Und was Romane angeht ...
Meine schöne Überschrift: "Das Oval des Onyx" vom eerstenBand der Pentamuriatrilogie wurde durch eine feld-, Wald- undWiesenüberschrift ersetzt, weil die wichtigsten Fantasy-Suchworte nicht drin vorkamen. Das ist Marketing!

Liebe Grüße
Trippelschritt
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Trippelschritt

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Re: Textanfänge
« Antwort #15 am: 13 Januar 2015, 07:51:54 »
Hi Mooncat

Ja, der anfang macht Appetit auf mehr. Wenn ich das recht verstehe, beziehen sich die asse auf ein weniger gutes Blatt beim Poker. Oder?

Liebe Grüße
Trippelschritt
Wer bin ich, wer war ich, wer werde ich sein?

Parzifal

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Re: Textanfänge
« Antwort #16 am: 13 Januar 2015, 12:40:24 »
Ich hab hier noch was (der Roman heißt Faktotum) Er fängt auch mit dem Wetter an (was ja eigentlich verboten ist; warum auch immer) Das hier ist aber so witzig, finde ich, dass man auch gleich rein kommt.

Es regnete, als ich um 5 Uhr morgens in New Orleans eintraf. Ich setzte mich eine Weile in den Wartesaal des Busbahnhofs, aber die Menschen deprimierten mich, deshalb nahm ich meinen Koffer in die Hand, ging hinaus und lief durch den Regen. Ich wollte mir eine billige Absteige suchen, wußte aber nicht, wo die ärmeren Stadtviertel lagen.
Mein Koffer war aus Pappe und löste sich allmählich in seine Bestandteile auf. Ursprünglich war er schwarz lackiert, doch die schwarze Lackschicht war abgeblättert und hatte den gelben Karton freigelegt. Ich hatte versucht, den Schaden zu beheben, indem ich schwarze Schuhcreme auf den Karton schmierte. Während ich jetzt durch den Regen ging und den Koffer abwechselnd in der rechten oder linken Hand trug, rieb sich die schwarze Schmiere an meinen Hosenbeinen ab.
Na schön, ich war in einer neuen Stadt. Vielleicht würde ich diesmal Glück haben.

zac

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Re: Textanfänge
« Antwort #17 am: 13 Januar 2015, 13:14:14 »
Hi Trippelschritt,

Zitat
so ganz habe ich den Text nicht verstanden. Fehlen da Teile?

Alles vorhanden; die Auslassungszeichen bedeuteten in diesem Falle lediglich, dass ich das Zitat unterbrochen hatte.
Hier nochmal ohne Unterbrechungen - exakt so formatiert wie im Buch:

Zitat
Es ist plötzlich da. Wie hineingestürzt ins Licht und auf die Straße. Das Ding. Der Mensch oder das Tier im Scheinwerferlicht. Zu schnell, um zu erkennen, was es ist. Plötzlich ist da was auf der Straße. Plötzlich ist es ein Geräusch unter dem Wagen, ein Schleifen oder Kratzen. Ein Scharren. Ein roter Schemen im Rücklicht.
Tier. Bitte.
Sich darauf vorbereiten, getötet zu werden, wie man in dunklen Wäldern getötet wird, wenn man aus Autos steigt. Die Tür öffnen. Aussteigen.
Tier, Tier, Tier.
Bitte, bitte, bitte.

Zu Deinem Einwand:
Zitat
Und das mit der Überschrift ist so eine Sache. Ich hoffe, dass "Monster" eine Überschrift ist, die der Autor gewählt hat. Bei Kurzgeschichten trifft das meistens zu. Muss aber nicht.
Ob Benjamin Maack selbst den Buchtitel "Monster" gewählt hat, weiß ich nicht - traue ihm aber diese (in diesem Fall) etwas schräge Ironie zu. Der (in meinem vorherigen Beitrag genannte) Titel der Erzählung dürfte aber von ihm sein, denn er passt sehr gut zum Inhalt.

Zu Deinem von der Abteilung Verlagsmarketing nicht akzeptierten Buchtitel "Das Oval des Onyx":
Schade, dass die den gestrichen haben. Weshalb? - Gab es den etwa schon einmal?
Mir fällt daran zuerst auf, dass ein Onyx (schwarzer Halbedelstein) nicht unbedingt oval sein muss. Also handelt es sich um einen so geschliffenen Stein - mit einer bestimmten Oval-Form. Das lässt mich an einen Stein denken, mit dem es etwas Besonderes auf sich hat.
Und die Alliteration aus "O... des O..." mit je einem zweisilbigen Wort klingt mir angenehm rund - eben auch oval. Vielleicht wird das ja Dein nächster Thread: Titel ;)


zac

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Re: Textanfänge
« Antwort #18 am: 13 Januar 2015, 13:18:18 »
Hi Parzifal,

Der Anfang von "Faktotum" ist echt witzig.  :diablo:

Mooncat

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Re: Textanfänge
« Antwort #19 am: 13 Januar 2015, 13:37:09 »
Hi Mooncat
Ja, der anfang macht Appetit auf mehr. Wenn ich das recht verstehe, beziehen sich die asse auf ein weniger gutes Blatt beim Poker. Oder?
Liebe Grüße
Trippelschritt
Freut mich, dass es nicht nur mir Lust auf mehr gibt.
Was die Bemerkung zu den Assen angeht: 'deck' ist ein Kartenset - wer mit einem unvollständigen Kartenset spielt, hat wenig Aussicht auf Erfolg, egal ob Poker oder sonst ein Kartenspiel. Im Englischen gibt es die Redewendung 'not play with a full deck' - entspricht, wenn nicht im spielerischen Sinn gemeint, in etwa unserem 'nicht allen Tassen im Schrank haben'. Die Autorin hat es also etwas modifiziert, um es für sich zu gebrauchen.
Das Leben ist kurz - der Tod ist ewig.
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Trippelschritt

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Re: Textanfänge
« Antwort #20 am: 13 Januar 2015, 17:21:12 »
Hi Mooncat
Ja, der anfang macht Appetit auf mehr. Wenn ich das recht verstehe, beziehen sich die asse auf ein weniger gutes Blatt beim Poker. Oder?
Liebe Grüße
Trippelschritt
Freut mich, dass es nicht nur mir Lust auf mehr gibt.
Was die Bemerkung zu den Assen angeht: 'deck' ist ein Kartenset - wer mit einem unvollständigen Kartenset spielt, hat wenig Aussicht auf Erfolg, egal ob Poker oder sonst ein Kartenspiel. Im Englischen gibt es die Redewendung 'not play with a full deck' - entspricht, wenn nicht im spielerischen Sinn gemeint, in etwa unserem 'nicht allen Tassen im Schrank haben'. Die Autorin hat es also etwas modifiziert, um es für sich zu gebrauchen.

Yepp, erinnere mich. Deck of Cards war sogar mal als Titel in den Charts

Danke
Trippelschritt
« Letzte Änderung: 13 Januar 2015, 17:26:00 von Trippelschritt »
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Trippelschritt

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Re: Textanfänge
« Antwort #21 am: 13 Januar 2015, 17:25:33 »
Ich hab hier noch was (der Roman heißt Faktotum) Er fängt auch mit dem Wetter an (was ja eigentlich verboten ist; warum auch immer) Das hier ist aber so witzig, finde ich, dass man auch gleich rein kommt.

Es regnete, als ich um 5 Uhr morgens in New Orleans eintraf. Ich setzte mich eine Weile in den Wartesaal des Busbahnhofs, aber die Menschen deprimierten mich, deshalb nahm ich meinen Koffer in die Hand, ging hinaus und lief durch den Regen. Ich wollte mir eine billige Absteige suchen, wußte aber nicht, wo die ärmeren Stadtviertel lagen.
Mein Koffer war aus Pappe und löste sich allmählich in seine Bestandteile auf. Ursprünglich war er schwarz lackiert, doch die schwarze Lackschicht war abgeblättert und hatte den gelben Karton freigelegt. Ich hatte versucht, den Schaden zu beheben, indem ich schwarze Schuhcreme auf den Karton schmierte. Während ich jetzt durch den Regen ging und den Koffer abwechselnd in der rechten oder linken Hand trug, rieb sich die schwarze Schmiere an meinen Hosenbeinen ab.
Na schön, ich war in einer neuen Stadt. Vielleicht würde ich diesmal Glück haben.


Hi Parcifal,

verboten ist nie etwas. Nur misslingt der Anfang mit dem Wetter meist. Also wetter kann auch o.k. oder sogar gut sein.
Witzig ist aber auch gefährlich, denn Du kennst ja den Spruch. "Also, ich habe ja wirklich Humor, aber ..."

In diesem Fall geht der Witz an mir vorbei. Ich erkenne ihn, aber er trifft nicht meine Art von Humor. Imnteressieren würde mich allerdings aus der Sicht eines autors, welchen Punkt im Text Du für witzig hältst.

Liebe Grüße
Trippelschritt
(guter Lerntext dieser Text)
Wer bin ich, wer war ich, wer werde ich sein?

merin

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Re: Textanfänge
« Antwort #22 am: 13 Januar 2015, 18:01:16 »
Zsuzsa Bank: "Der Schwimmer"

Zitat
Wir.

Ich hatte wenige Erinnerungen an meine Mutter. Im Grunde kannte ich sie nur von Fotos, die mein Vater in einem kleinen Kasten aufbewahrte. Schwarzweißbilder waren es, mit dickem weißen Rand. Meine Mutter beim Tanz. Meine Mutter mit geflochtenen Zöpfen. Meine Mutter barfüßig. Meine Mutter, die ein Kissen auf dem Kopf balancierte. Ich schaute mir die Bilder häufig an. Es gab Zeiten, in denen ich nichts anderes tat.

Hier steht eine Leerstelle am Beginn, jemand, der nicht da ist. Das ist in Bezug auf die Kapitelüberschrift ein Widerspruch, der mich neugierig macht. Ich spüre in diesen Zeilen Sehnsucht, Neugier, Einsamkeit - somit ist der Erzähler oder die Erzählerin im Ansatz charakterisiert. Und ich frage mich, was das für eine Mutter ist, die tanzt und balanciert - ich mache mich, wie der/die Erzählende innerlich auf die Suche nach ihr. Eine erste Identifikation ist gegeben.

Ich finde das keinen grandiosen Anfang, aber ich finde, er tut's.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Parzifal

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Re: Textanfänge
« Antwort #23 am: 13 Januar 2015, 19:29:30 »
Zitat
Interessieren würde mich allerdings aus der Sicht eines autors, welchen Punkt im Text Du für witzig hältst.

... diese Frage könntest du auch Zachi stellen. :klug:
Vermutlich die gleiche Stelle wie du auch; nur dass sie dich kalt lässt. ;)

Trippelschritt

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Re: Textanfänge
« Antwort #24 am: 13 Januar 2015, 19:45:18 »
Zitat
Interessieren würde mich allerdings aus der Sicht eines autors, welchen Punkt im Text Du für witzig hältst.

... diese Frage könntest du auch Zachi stellen. :klug:
Vermutlich die gleiche Stelle wie du auch; nur dass sie dich kalt lässt. ;)

Mit dieser Antwort kann ich nun leider gar nichts anfangen. Du hast den Text ausgesucht und wirst auch einen Grund dafür gehabt haben. Du behauptest, er sein witzig, zeigst aber nicht die entsprechende Textstelle. Stattdessen stellst Du Vermutungen über mich an.  :dontknow:

Und Zachi? Hat er wirklich behauptet, sein Text sei witzig? Da gehe ich doch gleich noch einmal nachlesen.

Liebe Grüße
Trippelschritt

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Parzifal

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Re: Textanfänge
« Antwort #25 am: 13 Januar 2015, 19:49:49 »
Hi Parzifal,

Der Anfang von "Faktotum" ist echt witzig.  :diablo:

Hi Trippelschritt,

nicht aufregen!  :biggrin:
Die Stelle, die ich witzig finde, ist die wo sich die aufgetragene Schuhcreme (auf dem Koffer) durch den Regen langsam ablöst und die Pappe freilegt. Da hab ich mir gedacht: Was für ein witziger Kerl. Der kann anscheinend einiges ab - bin mal gespannt, in was der da hinein gerät. Und wie er damit umgeht. Insgesamt hat mich dieser Anfang neugierig gemacht und zum Weiterlesen angeregt.  ;)

Trippelschritt

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Re: Textanfänge
« Antwort #26 am: 13 Januar 2015, 20:27:15 »
Danke Parcifal
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Re: Textanfänge
« Antwort #27 am: 13 Januar 2015, 20:47:05 »
Ich liefere auch einen englischen Anfang. - Sollten die Engländer/Amerikaner bessere Anfänge schreiben als wir Deutschsprachige? :watchout: Da die meisten meiner Bücher in Schachteln verstaut sind, kann ich das jetzt schlecht überprüfen ...

Zitat
The night before he went to London, Richard Mayhew was not enjoying himself.
He had begun the evening by enjoying himself: [...]

(miese) Übersetzung: Die Nacht, bevor er nach London ging, hatte Richard Mayhew keinen Spaß.
Er hatte den Abend damit begonnen, Spaß zu haben: [Aufzählung der "spaßige" Dinge]
')


Warum mir dieser Anfang gefällt? Weil er kurz und bündig daherkommt, und mich gleich mal vor eine vollendete Tatsache stellt: Richard hat keinen Spaß, er fühlt sich nicht wohl. - Das ist erst schon mal interessant. Und dann bekomme ich sofort den Satz nacheschoben, dass der Abend durchaus spaßig angefangen hat. Irgendwas muss also passiert sein, dass Richard gehörig die Laune verhagelt hat. Was könnte das gewesen sein? Wer ist dafür verantwortlich?

Und im übrigen gibt's auch bei diesem Anfang Wetter: Es regnet ... wie aus Kübeln ... :devgrin:




*) Neil Gaiman: "Neverwhere"
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zac

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Re: Textanfänge
« Antwort #28 am: 14 Januar 2015, 00:27:00 »
Also, nochmal zur Klarstellung:

Den von Parzifal zitierten Beginn des Romans "Faktotum" von Charles Bukowski find' ich witzig.

Was da drin (natürlich) ? Diese Stelle:
Zitat
[...] ging hinaus und lief durch den Regen. Ich wollte mir eine billige Absteige suchen, wußte aber nicht, wo die ärmeren Stadtviertel lagen. Mein Koffer war aus Pappe und löste sich allmählich in seine Bestandteile auf. Ursprünglich war er schwarz lackiert, doch die schwarze Lackschicht war abgeblättert und hatte den gelben Karton freigelegt. Ich hatte versucht, den Schaden zu beheben, indem ich schwarze Schuhcreme auf den Karton schmierte. Während ich jetzt durch den Regen ging und den Koffer abwechselnd in der rechten oder linken Hand trug, rieb sich die schwarze Schmiere an meinen Hosenbeinen ab.
Na schön, ich war in einer neuen Stadt. Vielleicht würde ich diesmal Glück haben.
Und weshalb ich sie witzig finde: Der Prota wird mittels einer für Slapsticks tauglichen + lakonisch, aber (für meine Phantasie) gut vorstellbaren Szene als Tollpatsch dargestellt; planlos (keine Ortskenntnisse, kein Stadtplan), arm (Pappkoffer; billige Absteige suchend + das zu Fuß in einer ziemlich großen Stadt), dennoch unverzagt. Ein Schlemihl des zwanzigsten Jahrhunderts, ein Pechvogel auf der Suche nach einem Bisschen Glück.

Achtung: Das Wort 'witzig' bedeutet auch 'gewitzt' = clever geschrieben; gut gemacht.

Wie bei allen anderen Büchern auch: Bukowskis Anfang muss man nicht unbedingt witzig finden. Wie immer: Alles subjektiv, Leute. Ich gebe sogar gerne zu, dass ich Texte je nach meiner Laune mal gut finde, und mal nicht. (Geht aber, wenn wir mal ehrlich sind, doch jedem so.) Wer in ein Kabarett geht, unterschreibt an der Kasse auch keinen Vertrag darüber, dass er in mindestens jeder dritten Sprechpause lachen wird.
Und glücklicherweise gibt es keine Katechismen, keine Gesetzbücher, + keine Zauberregeln für das, was "gute Literatur" ausmacht - nein, nicht wirklich. Denn "gut" heißt in Sachen Literatur für jeden etwas anderes (und das finde ich gut so).
Freilich klammern sich hoffnungsvolle Schreiberlinge, die "soooo" gerne Gedrucktes zwischen "richtigen Buchdeckeln" veröffentlichen würden - ob ich mich noch dazu zählen soll, weiß ich zurzeit nicht mehr so genau - immer wieder an Schreibratgeber in Print + Internet. Da sucht man nach Orientierung, nach Vorbildern, nach Beispielen von Schriftstellern, die erfolgreich sind oder waren. ... Mann, bin ich heute Abend wieder mal destruktiv. Wer mich an dieser Stelle noch ernst nimmt, ist selber schuld. Hat aber nicht das geringste mit diesem Thread (der mir sehr gut gefällt) oder mit Euch zu tun.

"... ah ye don't believe, we're on the eve of destruction" (Barry McGuire) 
« Letzte Änderung: 14 Januar 2015, 00:40:04 von Zachi »

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Re: Textanfänge
« Antwort #29 am: 14 Januar 2015, 00:36:12 »
... aber der Buchanfang, den Merin zitiert hat, gefällt mir auch sehr gut. Weiß der Teufel, warum.

Vielleicht bloß, weil diese Mutter locker genug war, sich beim Rumalbern mit einem Kissen auf dem Kopf fotografieren zu lassen ........ + weil Erinnerungen (für mich) zum Wichtigsten in dieser (verdammten) Erdenexistenz gehören.

Und nochmal:
"... ah ye don't believe, we're on the eve of destruction" (Barry McGuire)   - sind wir doch die schlimmsten Biester auf diesem Planeten.

P.S.: Muss ich wohl gleich noch Tom Waits hören - "Waltzing Matilda" :

www.youtube.com/watch?v=XrkThaBWa5c
« Letzte Änderung: 14 Januar 2015, 00:45:53 von Zachi »

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Re: Textanfänge
« Antwort #30 am: 14 Januar 2015, 09:11:01 »
... aber der Buchanfang, den Merin zitiert hat, gefällt mir auch sehr gut. Weiß der Teufel, warum.

Vielleicht bloß, weil diese Mutter locker genug war, sich beim Rumalbern mit einem Kissen auf dem Kopf fotografieren zu lassen ........ + weil Erinnerungen (für mich) zum Wichtigsten in dieser (verdammten) Erdenexistenz gehören.


Hi Zachi,

Merin hielt ihn für o.k., nicht grandios, und ich teile ihre Meinung. Auch wenn es mit Begrpündungen immer schwierig ist, will ich mal eine versuchen.
Die Mutter ist wichtig und sie wird über eine indirekte Art skizziert. Das macht neugierig. Grandios hätte ich den Anfang wahrscheinlich gefunden, wenn andere Fotos ausgewählt worden wären. Welche mit inneren Verbidnungen oder Gegensätzen oder ich weiß nicht was. Mich habe die Fotos nicht berührt. Ich weiß aber von anderen Büchern, dass so etwas möglich ist.
Andererseits: So etwas ist leicht gesagt. Man muss es erst einmal besser machen.

Liebe Grüße
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Re: Textanfänge
« Antwort #31 am: 18 Januar 2015, 12:35:59 »
In jenem Sommer, den ich bei ihr verbrachte, erschreckte sie mich bei jedem Sonnenaufgang, wenn sie auf der Kante ihres Bettes saß, die langen offenen Haare bis zum Boden reichten und unter ihren unentwegten Bürstenstrichen zitterten.

Aus einem Buch, von dem ich bisher nur diesen einen (1.) Satz gelesen habe.

Der Satz zerrt auf zwei Weisen an mir:
- ich will natürlich wissen, was genau dieses Erschrecken hervorruft (der geschilderte Sachverhalt ist ja banal: eine Frau kämmt sich)
- noch mehr irritiert mich allerdings der Satzbau (die Schachtelung, der Subjektwechsel von der sich kämmenden zu den Haaren - versteht ihr, was ich meine? (das Benennen grammatikalischer Strukturen ist nicht meine Stärke)).

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Re: Textanfänge
« Antwort #32 am: 18 Januar 2015, 13:40:15 »
Ein Satz zum dreimal lesen ... Ich bin nur noch nicht sicher, ob ich das gut finde oder nicht. - Insofern schon mal nicht schlecht, weil ich danach weiterlesen würde ... allein schon, um herauszufinden, ob sich die Sprache danach vereinfacht, oder so schachtelig bleibt. Wenn es so bleibt, ist es nichts für mich ...  :devgrin:
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Parzifal

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Re: Textanfänge
« Antwort #33 am: 18 Januar 2015, 14:38:06 »
Zitat
Wie bei allen anderen Büchern auch: Bukowskis Anfang muss man nicht unbedingt witzig finden. Wie immer: Alles subjektiv, Leute. Ich gebe sogar gerne zu, dass ich Texte je nach meiner Laune mal gut finde, und mal nicht. (Geht aber, wenn wir mal ehrlich sind, doch jedem so.) Wer in ein Kabarett geht, unterschreibt an der Kasse auch keinen Vertrag darüber, dass er in mindestens jeder dritten Sprechpause lachen wird.
Und glücklicherweise gibt es keine Katechismen, keine Gesetzbücher, + keine Zauberregeln für das, was "gute Literatur" ausmacht - nein, nicht wirklich. Denn "gut" heißt in Sachen Literatur für jeden etwas anderes (und das finde ich gut so).
Freilich klammern sich hoffnungsvolle Schreiberlinge, die "soooo" gerne Gedrucktes zwischen "richtigen Buchdeckeln" veröffentlichen würden - ob ich mich noch dazu zählen soll, weiß ich zurzeit nicht mehr so genau - immer wieder an Schreibratgeber in Print + Internet. Da sucht man nach Orientierung, nach Vorbildern, nach Beispielen von Schriftstellern, die erfolgreich sind oder waren. ... Mann, bin ich heute Abend wieder mal destruktiv. Wer mich an dieser Stelle noch ernst nimmt, ist selber schuld. Hat aber nicht das geringste mit diesem Thread (der mir sehr gut gefällt) oder mit Euch zu tun.

Hallo Zachi,

diese Antwort gefällt mir sehr gut.
Wer Bukowski genauer kennt, weiß, dass hinter seinen "witzigen" Texten manchmal reine Verzweiflung steckt. Er ist kein Freund des American Way, beschreibt eher den Amerikanischen Alptraum, in dem er (als Durchschnittsmensch) täglich ums Überleben kämpfen muss (auch im psychischen Sinne) Henry Miller hat das (Jahre zuvor) auf ähnliche Weise gemacht.
Aber er geht noch ein Stück darüber hinaus: Bukowski zweifelt an unserer ganzen Existenz als Menschen - sie kommt ihm bisweilen aberwitzig und sinnlos vor. In so einer Situation ist Witz vonnöten; eine Art Strohhalm, an dem man sich festhalten kann. Und es wird dem aufmerksamen Leser auch bald klar, dass es sich um Galgenhumor handelt. ;)
« Letzte Änderung: 18 Januar 2015, 17:00:41 von Parzifal »

zac

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Re: Textanfänge
« Antwort #34 am: 18 Januar 2015, 17:39:41 »
Unbekannter Autor, den Fabian zitiert hat:
Zitat
In jenem Sommer, den ich bei ihr verbrachte, erschreckte sie mich bei jedem Sonnenaufgang, wenn sie auf der Kante ihres Bettes saß, die langen offenen Haare bis zum Boden reichten und unter ihren unentwegten Bürstenstrichen zitterten.

Auf diesen ersten Satz reagiere ich weitgehend so wie Fabian. Also 1. stellt sich auch mir die Frage, weshalb das den Ich-Erzähler erschreckt. Und 2. stört auch mich der Satzbau, durch dessen Subjektwechsel sich am Ende ein grammatischer Fehler ergibt: "... die langen offenen Haare bis zum Boden reichten und unter ihren unentwegten Bürstenstrichen zitterten" - als ob sich diese überlangen Haare selber kämmen würden + dabei "zitterten" ??  :watchout:
Drittens hat der Ich-Erzähler entweder reichlich übertrieben - siehe: "... die langen offenen Haare bis zum Boden reichten ..." oder sein Autor wollte eine neue Rapunzel ins literarische Leben einführen.
Gut möglich, ja sehr wahrscheinlich, dass ich - so wie Fabian - nicht viel mehr als nur diesen einen und ersten Satz von diesem Buch gelesen hätte.

Zitat von Parzifal:
Zitat
Wer Bukowski genauer kennt, weiß, dass hinter seinen "witzigen" Texten manchmal reine Verzweiflung steckt. Er ist kein Freund des American Way, beschreibt eher den Amerikanischen Alptraum, in dem er (als Durchschnittsmensch) täglich ums Überleben kämpfen muss (auch im psychischen Sinne) Henry Miller hat das (Jahre zuvor) auf ähnliche Weise gemacht.
Aber er geht noch ein Stück darüber hinaus: Bukowski zweifelt an unserer ganzen Existenz als Menschen - sie kommt ihm bisweilen aberwitzig und sinnlos vor. In so einer Situation ist Witz vonnöten; eine Art Strohhalm, an dem man sich festhalten kann. Und es wird dem aufmerksamen Leser auch bald klar, dass es sich um Galgenhumor handelt.

... womit mir noch einmal mehr klar wird, dass jener Beginn von Bukowskis "Faktotum" sehr gut ist.
« Letzte Änderung: 18 Januar 2015, 17:47:46 von Zachi »

Fabian

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Re: Textanfänge
« Antwort #35 am: 18 Januar 2015, 19:10:26 »
Unbekannter Autor, den Fabian zitiert hat:
Zitat
In jenem Sommer, den ich bei ihr verbrachte, erschreckte sie mich bei jedem Sonnenaufgang, wenn sie auf der Kante ihres Bettes saß, die langen offenen Haare bis zum Boden reichten und unter ihren unentwegten Bürstenstrichen zitterten.
Dem Autor soll natürlich Referenz erwiesen werden: beim Zitat handelt es sich um den 1. Satz aus dem Buch "In Almas Augen" (Orig.: "The Maid's Version") von Daniel Woodrell, in der Übersetzung von Peter Torberg.

Zitat
Auf diesen ersten Satz reagiere ich weitgehend so wie Fabian. Also 1. stellt sich auch mir die Frage, weshalb das den Ich-Erzähler erschreckt. Und 2. stört auch mich der Satzbau, durch dessen Subjektwechsel sich am Ende ein grammatischer Fehler ergibt: "... die langen offenen Haare bis zum Boden reichten und unter ihren unentwegten Bürstenstrichen zitterten" - als ob sich diese überlangen Haare selber kämmen würden + dabei "zitterten" ??  :watchout:
Drittens hat der Ich-Erzähler entweder reichlich übertrieben - siehe: "... die langen offenen Haare bis zum Boden reichten ..." oder sein Autor wollte eine neue Rapunzel ins literarische Leben einführen.
Gut möglich, ja sehr wahrscheinlich, dass ich - so wie Fabian - nicht viel mehr als nur diesen einen und ersten Satz von diesem Buch gelesen hätte.
Dazu sind drei Dinge anzumerken:
1. Ich reagiere etwas anders als Du, ich fragte mich nicht, warum das, was der Autor erwähnt, den Ich-Erzähler erschrecken könnte - ich fragte mich vielmehr, was das wohl sein könnte, was er den Ich-Erzähler nicht erwähnen lässt, wenn dieser sie so des Morgens sieht.
2. ich vermute eher einen Übersetzungsfehler (obwohl mir Herr Torberg bisher nicht als schlampiger Übersetzer aufgefallen ist), interessant wäre also, wie der Satz im Original lautet.
3. ich habe nicht gleich von den ungewöhnlich langen Haaren auf Rapunzel geschlossen, sie haben mich ebenfalls nur neugierig bzw. aufmerksam gemacht, ohne dass ich die vom Autor erdachte Auffälligkeit für störend übertrieben halte.

Ich schätze die Texte von Daniel Woodrell ungemein und werde das Buch auf jeden Fall lesen. Allein schon deshalb, weil er seine Geschichten immer so ungewöhnlich knapp ausbreitet (hier: 187 S.). Sehr angenehm!
« Letzte Änderung: 18 Januar 2015, 19:12:24 von Fabian »

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Re: Textanfänge
« Antwort #36 am: 18 Januar 2015, 19:13:09 »
Ich mag den Satz gern, auch wegen der Schachtelung und natürlich weild a mal eine Frau meine Haarlänge hat. :biggrin:In mir wird da eine Stimmung wach, ein Bild, und dasmacht mich neugierig. Szene und Gefühl stehen im Widerspruch und da will ich nun wissen: warum?
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

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Re: Textanfänge
« Antwort #37 am: 18 Januar 2015, 22:47:53 »
Hi Fabian, Hi Merin,

Zitate von Fabian:

Zitat
beim Zitat handelt es sich um den 1. Satz aus dem Buch "In Almas Augen" (Orig.: "The Maid's Version") von Daniel Woodrell, in der Übersetzung von Peter Torberg.
Aha; von dem hatte ich bislang nie etwas gehört/gelesen. Habe mir jetzt nur schnell den Eintrag bei wiki... angeschaut. Danke für die nachträgliche Info.

Zitat
2. ich vermute eher einen Übersetzungsfehler (obwohl mir Herr Torberg bisher nicht als schlampiger Übersetzer aufgefallen ist), interessant wäre also, wie der Satz im Original lautet.
Ja, dieses Original würde ich dann allerdings auch gerne mal in Augenschein nehmen. Was da jedoch erschreckend sein soll + vorerst nicht gesagt wird, habe ich mich an dieser Stelle nicht gefragt, weil mich erstmal nur dieser verschwurbelte Satz irritiert hat + in einem bereits veröffentlichten Buch eher dazu veranlassen würde, die nächsten paar Sätze allenfalls mit sehr großer Skepsis weiter zu lesen - um dem Text noch eine Chance zu geben, sozusagen.
Wäre das ein Text zum Rösten, würde ich denken: Au weia, da kommt ja wohl noch einiges in dieser Art.

Und generell hatte + habe ich jedesmal, wenn ich englischsprachige Originalliteratur mit deren deutscher Übersetzung vergleiche, den Eindruck: Literatur zu übersetzen ist mit Abstand die schwierigste Disziplin für Übersetzer  - also schier unmöglich, es dem Autor kongenial zu machen. 

Zitat
Ich schätze die Texte von Daniel Woodrell ungemein und werde das Buch auf jeden Fall lesen. Allein schon deshalb, weil er seine Geschichten immer so ungewöhnlich knapp ausbreitet (hier: 187 S.). Sehr angenehm!
Wenn ich bereits Werke eines Autors kenne + sehr schätze, fällt es mir natürlich auch viel leichter, über einen sperrigen oder gar mit einem Grammatikfehler "glänzenden" ersten Satz hinweg zu lesen.

Zitat von merin:

Zitat
Ich mag den Satz gern, auch wegen der Schachtelung und natürlich weild a mal eine Frau meine Haarlänge hat. :biggrin:In mir wird da eine Stimmung wach, ein Bild, und dasmacht mich neugierig. Szene und Gefühl stehen im Widerspruch und da will ich nun wissen: warum?
... also reichen die Haare dieser Frau in sitzender Haltung + nach vorne gebeugt, damit die Haare zum Bürsten frei hängen, bis zum Boden ... (Das wären bei mir ungefähr 85 cm) - Gut: An das Nach-vorne-Beugen habe ich erst bei meinem Selbstversuch gedacht (davon steht ja nichts in Woodrells Text); ist also auch ohne künstliche Haarverlängerung noch möglich.
Gut, merin; womit wir mal wieder bei den unterschiedlichen Geschmäckern wären - was jetzt nicht Deine beachtliche Haarpracht anbelangt - ebenfalls "big grin" - sondern bei mir in diesem Fall hauptsächlich am Stil des zitierten Satzes liegt. Schachtelsätze: gut, aber dann bitte richtig. Und gegen Gedanken, die einer möglichen Besinnlichkeit morgens auf der Bettkante zuwiderlaufen, habe ich ja prinzipiell auch nichts einzuwenden.

Freilich hat mich jetzt die Bezeichnung "Country-Noir-Krimi" in dem Wiki...-Eintrag zu Daniel Woodrell neugierig gemacht.

Apropos "Noir-Krimi": (und da mache ich zunächst auch mal keine weiteren Angaben)

Zitat
Slibulsky und ich klemmten im leergeräumten Geschirrschrank eines kleinen brasilianischen Restaurants am Rand des Frankfurter Bahnhofsviertels und warteten auf Schutzgeldeintreiber.
Der Schrank war etwa ein Meter zwanzig breit und siebzig Zentimeter tief. Weder wegen Slibulsky noch mir musste sich die Kleiderindustrie Sorgen um den Absatz ihrer XL-Größen machen, außerdem trugen wir kugelsichere Westen und wollten im Ernstfall eine Pistole und ein Schrotgewehr so in Position bringen, dass [...]
1. Situation + Thema sind klar;
2. für meine Vorstellungsfähigkeit gut + realistisch beschrieben;
3. eine gewisse Komik sehe ich in diesen Sätzen auch bereits (+ erwarte noch mehr);
4. Spannung ist da: bin vor allem gespannt darauf, was genau oder wie es dann schief gehen wird;
5. korrektes Deutsch.
6. Ich hab' dieses Buch mit Vergnügen zu Ende gelesen.
« Letzte Änderung: 18 Januar 2015, 23:01:54 von Zachi »

Fabian

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Re: Textanfänge
« Antwort #38 am: 19 Januar 2015, 01:31:15 »
Das Original:
Zitat
She frightened me at every dawn the summer I stayed with her. She’d sit on the edge of her bed, long hair down, down to the floor and shaking as she brushed and brushed, shadows ebbing from the room and early light flowing in through both windows.
Und hier noch mal die Übersetzung, um den 2. Satz erweitert, damit sie deckungsgleich dem Original ist:
Zitat
In jenem Sommer, den ich bei ihr verbrachte, erschreckte sie mich bei jedem Sonnenaufgang, wenn sie auf der Kante ihres Bettes saß, die langen offenen Haare bis zum Boden reichten und unter ihren unentwegten Bürstenstrichen zitterten. Die Schatten schwanden dann aus dem Zimmer, und das frühe Licht schwebte zu beiden Fenstern herein.

In Kenntnis des Originatextes hätte ich wahrscheinlich eher so etwas erwartet:
In jenem Sommer, den ich bei ihr verbrachte, erschreckte sie mich bei jedem Sonnenaufgang. Dann saß sie auf der Kante ihres Bettes, ihre langen Haare hingen bis zum Boden und zitterten unter ihren unentwegten Bürstenstrichen, während die Schatten aus dem Zimmer schwanden und das frühe Licht zu beiden Fenstern hereinschwebte.
Für mich gibt Torberg den beiden einleitenden Original-Sätzen in seiner Übersetzung fast schon einen anderen Sinn.

Zitat
Ich schätze die Texte von Daniel Woodrell ungemein und werde das Buch auf jeden Fall lesen. Allein schon deshalb, weil er seine Geschichten immer so ungewöhnlich knapp ausbreitet (hier: 187 S.). Sehr angenehm!
Wenn ich bereits Werke eines Autors kenne + sehr schätze, fällt es mir natürlich auch viel leichter, über einen sperrigen oder gar mit einem Grammatikfehler "glänzenden" ersten Satz hinweg zu lesen.
Drüber weg gelesen hab ich ja nun nicht gerade ...

"Weil niemand mehr Leonardo ist, können alle Leonardo werden ...
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Re: Textanfänge
« Antwort #39 am: 19 Januar 2015, 07:01:36 »
Das Original:
Zitat
She frightened me at every dawn the summer I stayed with her. She’d sit on the edge of her bed, long hair down, down to the floor and shaking as she brushed and brushed, shadows ebbing from the room and early light flowing in through both windows.
Und hier noch mal die Übersetzung, um den 2. Satz erweitert, damit sie deckungsgleich dem Original ist:
Zitat
In jenem Sommer, den ich bei ihr verbrachte, erschreckte sie mich bei jedem Sonnenaufgang, wenn sie auf der Kante ihres Bettes saß, die langen offenen Haare bis zum Boden reichten und unter ihren unentwegten Bürstenstrichen zitterten. Die Schatten schwanden dann aus dem Zimmer, und das frühe Licht schwebte zu beiden Fenstern herein.


Ich hätte es anders übersetzt und dabei entweder einen Fehler gemacht oder der Übersetzer hat sich vertan.
Who is shaking überhaupt?
Für mich ist es die Frau und sind es nicht die Haare. Außerdme kann ich mir schlecht zitterende Haare vorstellen, wenn es sich um eine ganze Haarpracht handelt, die gebürstet wird.
Ja, ist schon eine Crux mit den Übersetzungen. Und mit der englischen Zeichensetzung hatte ich schon immer meine Probleme.

Ich finde den englischen Beginn interessant, weil ich wissen will, was mit der Frau los ist.
Den deutschen Beginn finde ich abstrus, denn die zitternden Haare interessieren mich nicht. Für mich ist das eine konstruierte Beobachtung, die ich nicht verstehe. Aber so kann es gehen.

Liebe Grüße
Trippelschritt
« Letzte Änderung: 19 Januar 2015, 10:53:48 von Trippelschritt »
Wer bin ich, wer war ich, wer werde ich sein?

zac

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Re: Textanfänge
« Antwort #40 am: 19 Januar 2015, 10:35:16 »
Zitat
Zitat
Das Original:
Zitat
She frightened me at every dawn the summer I stayed with her. She’d sit on the edge of her bed, long hair down, down to the floor and shaking as she brushed and brushed, shadows ebbing from the room and early light flowing in through both windows.
Oh, vielen Dank, Fabian. Ja, das ist - Sorry gegenüber Herrn Torberg - aber für meine Kenntnis + mein unter US-Amerikanern herangebildetes sprachliches Empfinden doch um vieles besser als die deutsche Übersetzung. In diesem Originaltext stimmt auch für meinen Geschmack alles - (selbstverständlich auch die Grammatik: Subjekt Frau + Objekt Mann + Objekt Haare + die jeweiligen Prädikate) - wunderbar, dieser Klang, diese melodische + zugleich semantische Wiederholung "down, down" sowie von "brushed and brushed" ...
100 % Zustimmung von mir: Schöner Romanbeginn; will ich auch lesen (needless to say in which language). Morgen fahr' ich zur Buchhandlung "Shakespeare & Sons" ...

Zitat
Zitat
Wenn ich bereits Werke eines Autors kenne + sehr schätze, fällt es mir natürlich auch viel leichter, über einen sperrigen oder gar mit einem Grammatikfehler "glänzenden" ersten Satz hinweg zu lesen.
Drüber weg gelesen hab ich ja nun nicht gerade ...
Hab' ich das missverständlich ausgedrückt? - Verzeihung, Fabian. - Mit diesem "drüber hinweg lesen" wollte ich freilich etwas anderes meinen als Schludrigkeit. "Drüber hinweg" sollte in meinem Satz heißen: ein zwar den Fehler + die Sperrigkeit in dem deutschen Satz erkennendes, aber verzeihendes Weiterlesen; so als würde der geneigte Leser sagen: "Ist zwar hier nicht so toll, aber wir wollen mal darüber hinwegsehen." Ich würde doch bei Dir, Fabian, kein unaufmerksames Lesen vermuten. - Nee wirklich nicht  :cheer:

Und Dank an Trippelschritt:
Zitat
Ja, ist schon eine Crux mit den Übersetzungen.
So ist es. Diese armen Literaturübersetzer leisten geistige Schwerstarbeit und werden dafür zuerst unter Termindruck gesetzt, dann unterbezahlt + einer aus aus ihren Reihen wird auch noch von einem Dilettanten wie mir kritisiert.

Wir Homo-Sapiens-Biester sind ungerecht + veranstalten immerzu babylonische Verwirrungen, mindestens das. Amen.
« Letzte Änderung: 19 Januar 2015, 10:39:26 von Zachi »

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Re: Textanfänge
« Antwort #41 am: 19 Januar 2015, 15:39:01 »
Oh, auf Englisch ist der Anfang aber schon gleich ein ganz anderes Kaliber! Da kommt der Herr Übersetzer nicht ran, nicht mal im Ansatz. - Wobei solch poetische Sprache einfach echt schwer zu übersetzen ist, das muss man bedenken. Jede Sprache hat ihre eigene, unübersetzbare Poetik.
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merin

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Re: Textanfänge
« Antwort #42 am: 19 Januar 2015, 16:23:42 »
Ja sehe ich auch so: Da ist bei der Übersetzung etwas verloren gegangen.

Der Anfang mit den beiden Männern im Schrank gefällt mir auch: Da ist Witz drin, Spannung und auch eine gewisse Komik und Selbstironie. Und auch ein Ansatz von Beziehung: Männer, die sich ohne weiteres so nah sind körperlich kenne ich nicht sooo viele. Macht neugierig.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

zac

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Re: Textanfänge
« Antwort #43 am: 19 Januar 2015, 17:49:29 »
Hi merin,

Von mir in einem obigen Beitrag zitiert:
Zitat
Slibulsky und ich klemmten im leergeräumten Geschirrschrank eines kleinen brasilianischen Restaurants am Rand des Frankfurter Bahnhofsviertels und warteten auf Schutzgeldeintreiber.
Der Schrank war etwa ein Meter zwanzig breit und siebzig Zentimeter tief. Weder wegen Slibulsky noch mir musste sich die Kleiderindustrie Sorgen um den Absatz ihrer XL-Größen machen, außerdem trugen wir kugelsichere Westen und wollten im Ernstfall eine Pistole und ein Schrotgewehr so in Position bringen, dass [...]

Von merin dazu geschrieben:

Zitat
Der Anfang mit den beiden Männern im Schrank gefällt mir auch: Da ist Witz drin, Spannung und auch eine gewisse Komik und Selbstironie. Und auch ein Ansatz von Beziehung: Männer, die sich ohne weiteres so nah sind körperlich kenne ich nicht sooo viele. Macht neugierig.
Danke für diese Resonanz (wenn ich das mal so nennen darf, weil ich diesen Romanbeginn ja sehr ähnlich kommentiert hatte).
Und diese beiden Männer sind Kollegen (Privatdetektive).
Der Romanbeginn stammt von einem schon vielmals gefeierten deutschen Krimi-Autor:
Jakob Arjouni, "Kismet. Kayankayas vierter Fall". Diogenes, 2001

Ja die "Nähe" zwischen denen, deren Geschlecht unter dem Zeichen des Planeten Mars steht: Sie kommen einander körperlich am nächsten - wo, wenn sie nicht zufällig schwul sind? - : Beim Ringkampf, natürlich.  :biggrin: Und die zumeist männlichen Zuschauer lachen sich kaputt, wenn diese Nähe einmal "missverständlich" aussieht. Du merkst: Mir gefällt dieses Thema auch sehr gut, merin. - Äthiopier habe ich diesbezüglich übrigens völlig anders erlebt: Jugendliche, die ich in Englisch unterrichtet hatte (mittels einer einsprachigen Methode) haben mich in den Pausen häufig lachend umarmt, klebten bei Schulausflügen an mir + wollten auf mir reiten, so wie heutzutage mein Töchterlein oft mit ihrem Papi herumturnen will (wozu der dann nur selten "nein" sagen kann). Am Anfang hatten mich die jungen Äthiopier mit ihrer Unbefangenheit geradezu irritiert. Später habe ich gelernt, mit ihnen zu toben als wären wir Kinder. Tja, die kulturell errichteten Tabus ... Dazu fällt mir jetzt spontan eine Metapher ein: Wir "zivilisierten" Männer sind Marsmenschen ( = zu sehr vom astrologischen Zeichen des Krieges beeinflusst) was ich jedoch nicht esoterisch astrologisch verstanden wissen möchte, sondern kulturhistorisch 8)
Herzlichen Dank für Deine sehr anregende Bemerkung, merin.

Spétses

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Re: Textanfänge
« Antwort #44 am: 31 Januar 2015, 10:22:17 »
Ich steuere mal einen selbst geschriebenen Textanfang bei, den ich gerade beim Lesen alter Stories gefunden habe:

Zitat
Henning Maurer füllte sieben Eimer mit toten Vögeln am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages.

Warum ich ihn gut finde:
- benennt den Protagonisten im ersten Satz
- macht neugierig, weil sehr spezifisch und irgendwie grotesk.

Trippelschritt

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Re: Textanfänge
« Antwort #45 am: 31 Januar 2015, 12:08:59 »
Es verleitet dazu, auch den zweiten Satz zu lesen. Aber ein Anfang besteht meistens aus mehr als nur einem Satz.
Magst du den Rest dazu schreiben?

Trippelschritt
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Spétses

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Re: Textanfänge
« Antwort #46 am: 31 Januar 2015, 20:46:31 »
Na ja, es ist ein alter Text vom Friedhof der Kuscheltiere. Er hat seine Probleme. Ich stelle ihn mal so rein:

Zitat
Henning Maurer füllte sieben Eimer mit toten Vögeln am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages.

Es begann damit, dass sie einzeln vom Himmel fielen, dann prasselten sie in Gruppen von zehn, zwanzig Stück nieder. Auf das Reetdach, auf die Terrasse. Es war ein Gewitter aus Vogelkörpern. Er und Susanne betrachteten es fünfzehn Minuten lang von der Haustür aus.

Einige Vögel verfingen sich in den Thujen im Garten. Ihre Schnäbel glänzten in der Wintersonne und, wie sie so in den Bäumen hingen, glichen sie Christbaumkugeln. Die meisten Vögel schlugen im tiefen Schnee auf. Dort erstarrten sie mit nach oben ragenden Füßen. Wenige krochen noch mühsam durch den Schnee bis zum Pflasterweg, wo sie letztlich liegen blieben.

Ein Anruf von seinem Vater in Deutschland, warum er denn im Vorgarten nicht den Müll aufgesammelt hätte - da lägen unzählige dunkle Klumpen herum -, ließ ihn stutzen.

Den ersten Satz finde ich immer noch gut. :biggrin:

Trippelschritt

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Re: Textanfänge
« Antwort #47 am: 01 Februar 2015, 07:46:55 »
Der letzte Satz ist das Rätsel.
Wie passt ein Anruf aus dem Ausland zu einer Tagesaufgabe.

Ja, ist ein guter Anfang
meint Trippelschritt
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merin

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Re: Textanfänge
« Antwort #48 am: 01 Februar 2015, 19:58:33 »
Ich stolpere bei diesem Anfang über die Satzstellung. Ich fände den Anfang noch besser, wenn er aus zwei Sätzen bestünde:

Zitat
Henning Maurer füllte sieben Eimer mit toten Vögeln. Es war der Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages.

oder, für mich noch besser:

Zitat
Am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages füllte Henning Maurer sieben Eimer mit toten Vögeln.

Was das für ein Text ist, verstehe ich nicht. Fan-Fiction? Und wie tote Vögel wie Christbaumkugeln aussehen können, verstehe ich auch nicht. Aber dieser erste Satz, der würde mir gefallen. :biggrin:
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Spétses

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Re: Textanfänge
« Antwort #49 am: 01 Februar 2015, 20:25:34 »
Zitat
Am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages füllte Henning Maurer sieben Eimer mit toten Vögeln.

Diese Version finde ich super. :)

Nein, keine Fanfiction, das ist einer von vielen Textanfängen, die nicht für mehr gereicht haben.

merin

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Re: Textanfänge
« Antwort #50 am: 01 Februar 2015, 21:31:03 »
Aber was heißt dann es sei ein  "Text vom Friedhof der Kuscheltiere"? Irgendwie steh ich da auf dem Schlauch. :gruebel:
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Fabian

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Re: Textanfänge
« Antwort #51 am: 01 Februar 2015, 22:09:08 »
Aber was heißt dann es sei ein  "Text vom Friedhof der Kuscheltiere"? Irgendwie steh ich da auf dem Schlauch. :gruebel:

Ein Ort, an dem die Texte begraben werden, die dann als Unvollendete, als mentale Zombies im Hirn der Autoren herumirren und auf ihre Wiedergeburt warten? Aber als was werden sie wiedererscheinen?

"Weil niemand mehr Leonardo ist, können alle Leonardo werden ...
das Phantasma der Auserwähltheit Einzelner macht dem Phantasma der Selbstwahl aller Platz"

 (Jörg Scheller in der ZEIT, Nr 2/2019, S. 43)

Spétses

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Re: Textanfänge
« Antwort #52 am: 03 Februar 2015, 19:27:53 »
Ein Ort, an dem die Texte begraben werden, die dann als Unvollendete, als mentale Zombies im Hirn der Autoren herumirren und auf ihre Wiedergeburt warten? Aber als was werden sie wiedererscheinen?

Ja, so in etwa war das gemeint auf die Schnelle. Als was sie wiedererscheinen? Vielleicht als veränderte Versatzstücke in längeren Texten (Kannibalisierung), als mentale Hintergründe für Charaktere, als Ideen für neue Stories ...

merin

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Re: Textanfänge
« Antwort #53 am: 03 Februar 2015, 19:46:34 »
Lach... :cheese: ich hatte natürlich gleich an das Buch von King gedacht und mit gefragt, wie das damit zusammenhängt.
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