12 Juli 2020, 07:36:39

Autor Thema: Textanfänge  (Gelesen 15972 mal)

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Trippelschritt

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Re: Textanfänge
« Antwort #30 am: 14 Januar 2015, 09:11:01 »
... aber der Buchanfang, den Merin zitiert hat, gefällt mir auch sehr gut. Weiß der Teufel, warum.

Vielleicht bloß, weil diese Mutter locker genug war, sich beim Rumalbern mit einem Kissen auf dem Kopf fotografieren zu lassen ........ + weil Erinnerungen (für mich) zum Wichtigsten in dieser (verdammten) Erdenexistenz gehören.


Hi Zachi,

Merin hielt ihn für o.k., nicht grandios, und ich teile ihre Meinung. Auch wenn es mit Begrpündungen immer schwierig ist, will ich mal eine versuchen.
Die Mutter ist wichtig und sie wird über eine indirekte Art skizziert. Das macht neugierig. Grandios hätte ich den Anfang wahrscheinlich gefunden, wenn andere Fotos ausgewählt worden wären. Welche mit inneren Verbidnungen oder Gegensätzen oder ich weiß nicht was. Mich habe die Fotos nicht berührt. Ich weiß aber von anderen Büchern, dass so etwas möglich ist.
Andererseits: So etwas ist leicht gesagt. Man muss es erst einmal besser machen.

Liebe Grüße
Trippelschritt
Wer bin ich, wer war ich, wer werde ich sein?

Fabian

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Re: Textanfänge
« Antwort #31 am: 18 Januar 2015, 12:35:59 »
In jenem Sommer, den ich bei ihr verbrachte, erschreckte sie mich bei jedem Sonnenaufgang, wenn sie auf der Kante ihres Bettes saß, die langen offenen Haare bis zum Boden reichten und unter ihren unentwegten Bürstenstrichen zitterten.

Aus einem Buch, von dem ich bisher nur diesen einen (1.) Satz gelesen habe.

Der Satz zerrt auf zwei Weisen an mir:
- ich will natürlich wissen, was genau dieses Erschrecken hervorruft (der geschilderte Sachverhalt ist ja banal: eine Frau kämmt sich)
- noch mehr irritiert mich allerdings der Satzbau (die Schachtelung, der Subjektwechsel von der sich kämmenden zu den Haaren - versteht ihr, was ich meine? (das Benennen grammatikalischer Strukturen ist nicht meine Stärke)).

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Re: Textanfänge
« Antwort #32 am: 18 Januar 2015, 13:40:15 »
Ein Satz zum dreimal lesen ... Ich bin nur noch nicht sicher, ob ich das gut finde oder nicht. - Insofern schon mal nicht schlecht, weil ich danach weiterlesen würde ... allein schon, um herauszufinden, ob sich die Sprache danach vereinfacht, oder so schachtelig bleibt. Wenn es so bleibt, ist es nichts für mich ...  :devgrin:
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Parzifal

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Re: Textanfänge
« Antwort #33 am: 18 Januar 2015, 14:38:06 »
Zitat
Wie bei allen anderen Büchern auch: Bukowskis Anfang muss man nicht unbedingt witzig finden. Wie immer: Alles subjektiv, Leute. Ich gebe sogar gerne zu, dass ich Texte je nach meiner Laune mal gut finde, und mal nicht. (Geht aber, wenn wir mal ehrlich sind, doch jedem so.) Wer in ein Kabarett geht, unterschreibt an der Kasse auch keinen Vertrag darüber, dass er in mindestens jeder dritten Sprechpause lachen wird.
Und glücklicherweise gibt es keine Katechismen, keine Gesetzbücher, + keine Zauberregeln für das, was "gute Literatur" ausmacht - nein, nicht wirklich. Denn "gut" heißt in Sachen Literatur für jeden etwas anderes (und das finde ich gut so).
Freilich klammern sich hoffnungsvolle Schreiberlinge, die "soooo" gerne Gedrucktes zwischen "richtigen Buchdeckeln" veröffentlichen würden - ob ich mich noch dazu zählen soll, weiß ich zurzeit nicht mehr so genau - immer wieder an Schreibratgeber in Print + Internet. Da sucht man nach Orientierung, nach Vorbildern, nach Beispielen von Schriftstellern, die erfolgreich sind oder waren. ... Mann, bin ich heute Abend wieder mal destruktiv. Wer mich an dieser Stelle noch ernst nimmt, ist selber schuld. Hat aber nicht das geringste mit diesem Thread (der mir sehr gut gefällt) oder mit Euch zu tun.

Hallo Zachi,

diese Antwort gefällt mir sehr gut.
Wer Bukowski genauer kennt, weiß, dass hinter seinen "witzigen" Texten manchmal reine Verzweiflung steckt. Er ist kein Freund des American Way, beschreibt eher den Amerikanischen Alptraum, in dem er (als Durchschnittsmensch) täglich ums Überleben kämpfen muss (auch im psychischen Sinne) Henry Miller hat das (Jahre zuvor) auf ähnliche Weise gemacht.
Aber er geht noch ein Stück darüber hinaus: Bukowski zweifelt an unserer ganzen Existenz als Menschen - sie kommt ihm bisweilen aberwitzig und sinnlos vor. In so einer Situation ist Witz vonnöten; eine Art Strohhalm, an dem man sich festhalten kann. Und es wird dem aufmerksamen Leser auch bald klar, dass es sich um Galgenhumor handelt. ;)
« Letzte Änderung: 18 Januar 2015, 17:00:41 von Parzifal »

zac

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Re: Textanfänge
« Antwort #34 am: 18 Januar 2015, 17:39:41 »
Unbekannter Autor, den Fabian zitiert hat:
Zitat
In jenem Sommer, den ich bei ihr verbrachte, erschreckte sie mich bei jedem Sonnenaufgang, wenn sie auf der Kante ihres Bettes saß, die langen offenen Haare bis zum Boden reichten und unter ihren unentwegten Bürstenstrichen zitterten.

Auf diesen ersten Satz reagiere ich weitgehend so wie Fabian. Also 1. stellt sich auch mir die Frage, weshalb das den Ich-Erzähler erschreckt. Und 2. stört auch mich der Satzbau, durch dessen Subjektwechsel sich am Ende ein grammatischer Fehler ergibt: "... die langen offenen Haare bis zum Boden reichten und unter ihren unentwegten Bürstenstrichen zitterten" - als ob sich diese überlangen Haare selber kämmen würden + dabei "zitterten" ??  :watchout:
Drittens hat der Ich-Erzähler entweder reichlich übertrieben - siehe: "... die langen offenen Haare bis zum Boden reichten ..." oder sein Autor wollte eine neue Rapunzel ins literarische Leben einführen.
Gut möglich, ja sehr wahrscheinlich, dass ich - so wie Fabian - nicht viel mehr als nur diesen einen und ersten Satz von diesem Buch gelesen hätte.

Zitat von Parzifal:
Zitat
Wer Bukowski genauer kennt, weiß, dass hinter seinen "witzigen" Texten manchmal reine Verzweiflung steckt. Er ist kein Freund des American Way, beschreibt eher den Amerikanischen Alptraum, in dem er (als Durchschnittsmensch) täglich ums Überleben kämpfen muss (auch im psychischen Sinne) Henry Miller hat das (Jahre zuvor) auf ähnliche Weise gemacht.
Aber er geht noch ein Stück darüber hinaus: Bukowski zweifelt an unserer ganzen Existenz als Menschen - sie kommt ihm bisweilen aberwitzig und sinnlos vor. In so einer Situation ist Witz vonnöten; eine Art Strohhalm, an dem man sich festhalten kann. Und es wird dem aufmerksamen Leser auch bald klar, dass es sich um Galgenhumor handelt.

... womit mir noch einmal mehr klar wird, dass jener Beginn von Bukowskis "Faktotum" sehr gut ist.
« Letzte Änderung: 18 Januar 2015, 17:47:46 von Zachi »

Fabian

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Re: Textanfänge
« Antwort #35 am: 18 Januar 2015, 19:10:26 »
Unbekannter Autor, den Fabian zitiert hat:
Zitat
In jenem Sommer, den ich bei ihr verbrachte, erschreckte sie mich bei jedem Sonnenaufgang, wenn sie auf der Kante ihres Bettes saß, die langen offenen Haare bis zum Boden reichten und unter ihren unentwegten Bürstenstrichen zitterten.
Dem Autor soll natürlich Referenz erwiesen werden: beim Zitat handelt es sich um den 1. Satz aus dem Buch "In Almas Augen" (Orig.: "The Maid's Version") von Daniel Woodrell, in der Übersetzung von Peter Torberg.

Zitat
Auf diesen ersten Satz reagiere ich weitgehend so wie Fabian. Also 1. stellt sich auch mir die Frage, weshalb das den Ich-Erzähler erschreckt. Und 2. stört auch mich der Satzbau, durch dessen Subjektwechsel sich am Ende ein grammatischer Fehler ergibt: "... die langen offenen Haare bis zum Boden reichten und unter ihren unentwegten Bürstenstrichen zitterten" - als ob sich diese überlangen Haare selber kämmen würden + dabei "zitterten" ??  :watchout:
Drittens hat der Ich-Erzähler entweder reichlich übertrieben - siehe: "... die langen offenen Haare bis zum Boden reichten ..." oder sein Autor wollte eine neue Rapunzel ins literarische Leben einführen.
Gut möglich, ja sehr wahrscheinlich, dass ich - so wie Fabian - nicht viel mehr als nur diesen einen und ersten Satz von diesem Buch gelesen hätte.
Dazu sind drei Dinge anzumerken:
1. Ich reagiere etwas anders als Du, ich fragte mich nicht, warum das, was der Autor erwähnt, den Ich-Erzähler erschrecken könnte - ich fragte mich vielmehr, was das wohl sein könnte, was er den Ich-Erzähler nicht erwähnen lässt, wenn dieser sie so des Morgens sieht.
2. ich vermute eher einen Übersetzungsfehler (obwohl mir Herr Torberg bisher nicht als schlampiger Übersetzer aufgefallen ist), interessant wäre also, wie der Satz im Original lautet.
3. ich habe nicht gleich von den ungewöhnlich langen Haaren auf Rapunzel geschlossen, sie haben mich ebenfalls nur neugierig bzw. aufmerksam gemacht, ohne dass ich die vom Autor erdachte Auffälligkeit für störend übertrieben halte.

Ich schätze die Texte von Daniel Woodrell ungemein und werde das Buch auf jeden Fall lesen. Allein schon deshalb, weil er seine Geschichten immer so ungewöhnlich knapp ausbreitet (hier: 187 S.). Sehr angenehm!
« Letzte Änderung: 18 Januar 2015, 19:12:24 von Fabian »

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merin

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Re: Textanfänge
« Antwort #36 am: 18 Januar 2015, 19:13:09 »
Ich mag den Satz gern, auch wegen der Schachtelung und natürlich weild a mal eine Frau meine Haarlänge hat. :biggrin:In mir wird da eine Stimmung wach, ein Bild, und dasmacht mich neugierig. Szene und Gefühl stehen im Widerspruch und da will ich nun wissen: warum?
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

zac

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Re: Textanfänge
« Antwort #37 am: 18 Januar 2015, 22:47:53 »
Hi Fabian, Hi Merin,

Zitate von Fabian:

Zitat
beim Zitat handelt es sich um den 1. Satz aus dem Buch "In Almas Augen" (Orig.: "The Maid's Version") von Daniel Woodrell, in der Übersetzung von Peter Torberg.
Aha; von dem hatte ich bislang nie etwas gehört/gelesen. Habe mir jetzt nur schnell den Eintrag bei wiki... angeschaut. Danke für die nachträgliche Info.

Zitat
2. ich vermute eher einen Übersetzungsfehler (obwohl mir Herr Torberg bisher nicht als schlampiger Übersetzer aufgefallen ist), interessant wäre also, wie der Satz im Original lautet.
Ja, dieses Original würde ich dann allerdings auch gerne mal in Augenschein nehmen. Was da jedoch erschreckend sein soll + vorerst nicht gesagt wird, habe ich mich an dieser Stelle nicht gefragt, weil mich erstmal nur dieser verschwurbelte Satz irritiert hat + in einem bereits veröffentlichten Buch eher dazu veranlassen würde, die nächsten paar Sätze allenfalls mit sehr großer Skepsis weiter zu lesen - um dem Text noch eine Chance zu geben, sozusagen.
Wäre das ein Text zum Rösten, würde ich denken: Au weia, da kommt ja wohl noch einiges in dieser Art.

Und generell hatte + habe ich jedesmal, wenn ich englischsprachige Originalliteratur mit deren deutscher Übersetzung vergleiche, den Eindruck: Literatur zu übersetzen ist mit Abstand die schwierigste Disziplin für Übersetzer  - also schier unmöglich, es dem Autor kongenial zu machen. 

Zitat
Ich schätze die Texte von Daniel Woodrell ungemein und werde das Buch auf jeden Fall lesen. Allein schon deshalb, weil er seine Geschichten immer so ungewöhnlich knapp ausbreitet (hier: 187 S.). Sehr angenehm!
Wenn ich bereits Werke eines Autors kenne + sehr schätze, fällt es mir natürlich auch viel leichter, über einen sperrigen oder gar mit einem Grammatikfehler "glänzenden" ersten Satz hinweg zu lesen.

Zitat von merin:

Zitat
Ich mag den Satz gern, auch wegen der Schachtelung und natürlich weild a mal eine Frau meine Haarlänge hat. :biggrin:In mir wird da eine Stimmung wach, ein Bild, und dasmacht mich neugierig. Szene und Gefühl stehen im Widerspruch und da will ich nun wissen: warum?
... also reichen die Haare dieser Frau in sitzender Haltung + nach vorne gebeugt, damit die Haare zum Bürsten frei hängen, bis zum Boden ... (Das wären bei mir ungefähr 85 cm) - Gut: An das Nach-vorne-Beugen habe ich erst bei meinem Selbstversuch gedacht (davon steht ja nichts in Woodrells Text); ist also auch ohne künstliche Haarverlängerung noch möglich.
Gut, merin; womit wir mal wieder bei den unterschiedlichen Geschmäckern wären - was jetzt nicht Deine beachtliche Haarpracht anbelangt - ebenfalls "big grin" - sondern bei mir in diesem Fall hauptsächlich am Stil des zitierten Satzes liegt. Schachtelsätze: gut, aber dann bitte richtig. Und gegen Gedanken, die einer möglichen Besinnlichkeit morgens auf der Bettkante zuwiderlaufen, habe ich ja prinzipiell auch nichts einzuwenden.

Freilich hat mich jetzt die Bezeichnung "Country-Noir-Krimi" in dem Wiki...-Eintrag zu Daniel Woodrell neugierig gemacht.

Apropos "Noir-Krimi": (und da mache ich zunächst auch mal keine weiteren Angaben)

Zitat
Slibulsky und ich klemmten im leergeräumten Geschirrschrank eines kleinen brasilianischen Restaurants am Rand des Frankfurter Bahnhofsviertels und warteten auf Schutzgeldeintreiber.
Der Schrank war etwa ein Meter zwanzig breit und siebzig Zentimeter tief. Weder wegen Slibulsky noch mir musste sich die Kleiderindustrie Sorgen um den Absatz ihrer XL-Größen machen, außerdem trugen wir kugelsichere Westen und wollten im Ernstfall eine Pistole und ein Schrotgewehr so in Position bringen, dass [...]
1. Situation + Thema sind klar;
2. für meine Vorstellungsfähigkeit gut + realistisch beschrieben;
3. eine gewisse Komik sehe ich in diesen Sätzen auch bereits (+ erwarte noch mehr);
4. Spannung ist da: bin vor allem gespannt darauf, was genau oder wie es dann schief gehen wird;
5. korrektes Deutsch.
6. Ich hab' dieses Buch mit Vergnügen zu Ende gelesen.
« Letzte Änderung: 18 Januar 2015, 23:01:54 von Zachi »

Fabian

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Re: Textanfänge
« Antwort #38 am: 19 Januar 2015, 01:31:15 »
Das Original:
Zitat
She frightened me at every dawn the summer I stayed with her. She’d sit on the edge of her bed, long hair down, down to the floor and shaking as she brushed and brushed, shadows ebbing from the room and early light flowing in through both windows.
Und hier noch mal die Übersetzung, um den 2. Satz erweitert, damit sie deckungsgleich dem Original ist:
Zitat
In jenem Sommer, den ich bei ihr verbrachte, erschreckte sie mich bei jedem Sonnenaufgang, wenn sie auf der Kante ihres Bettes saß, die langen offenen Haare bis zum Boden reichten und unter ihren unentwegten Bürstenstrichen zitterten. Die Schatten schwanden dann aus dem Zimmer, und das frühe Licht schwebte zu beiden Fenstern herein.

In Kenntnis des Originatextes hätte ich wahrscheinlich eher so etwas erwartet:
In jenem Sommer, den ich bei ihr verbrachte, erschreckte sie mich bei jedem Sonnenaufgang. Dann saß sie auf der Kante ihres Bettes, ihre langen Haare hingen bis zum Boden und zitterten unter ihren unentwegten Bürstenstrichen, während die Schatten aus dem Zimmer schwanden und das frühe Licht zu beiden Fenstern hereinschwebte.
Für mich gibt Torberg den beiden einleitenden Original-Sätzen in seiner Übersetzung fast schon einen anderen Sinn.

Zitat
Ich schätze die Texte von Daniel Woodrell ungemein und werde das Buch auf jeden Fall lesen. Allein schon deshalb, weil er seine Geschichten immer so ungewöhnlich knapp ausbreitet (hier: 187 S.). Sehr angenehm!
Wenn ich bereits Werke eines Autors kenne + sehr schätze, fällt es mir natürlich auch viel leichter, über einen sperrigen oder gar mit einem Grammatikfehler "glänzenden" ersten Satz hinweg zu lesen.
Drüber weg gelesen hab ich ja nun nicht gerade ...

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Re: Textanfänge
« Antwort #39 am: 19 Januar 2015, 07:01:36 »
Das Original:
Zitat
She frightened me at every dawn the summer I stayed with her. She’d sit on the edge of her bed, long hair down, down to the floor and shaking as she brushed and brushed, shadows ebbing from the room and early light flowing in through both windows.
Und hier noch mal die Übersetzung, um den 2. Satz erweitert, damit sie deckungsgleich dem Original ist:
Zitat
In jenem Sommer, den ich bei ihr verbrachte, erschreckte sie mich bei jedem Sonnenaufgang, wenn sie auf der Kante ihres Bettes saß, die langen offenen Haare bis zum Boden reichten und unter ihren unentwegten Bürstenstrichen zitterten. Die Schatten schwanden dann aus dem Zimmer, und das frühe Licht schwebte zu beiden Fenstern herein.


Ich hätte es anders übersetzt und dabei entweder einen Fehler gemacht oder der Übersetzer hat sich vertan.
Who is shaking überhaupt?
Für mich ist es die Frau und sind es nicht die Haare. Außerdme kann ich mir schlecht zitterende Haare vorstellen, wenn es sich um eine ganze Haarpracht handelt, die gebürstet wird.
Ja, ist schon eine Crux mit den Übersetzungen. Und mit der englischen Zeichensetzung hatte ich schon immer meine Probleme.

Ich finde den englischen Beginn interessant, weil ich wissen will, was mit der Frau los ist.
Den deutschen Beginn finde ich abstrus, denn die zitternden Haare interessieren mich nicht. Für mich ist das eine konstruierte Beobachtung, die ich nicht verstehe. Aber so kann es gehen.

Liebe Grüße
Trippelschritt
« Letzte Änderung: 19 Januar 2015, 10:53:48 von Trippelschritt »
Wer bin ich, wer war ich, wer werde ich sein?

zac

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Re: Textanfänge
« Antwort #40 am: 19 Januar 2015, 10:35:16 »
Zitat
Zitat
Das Original:
Zitat
She frightened me at every dawn the summer I stayed with her. She’d sit on the edge of her bed, long hair down, down to the floor and shaking as she brushed and brushed, shadows ebbing from the room and early light flowing in through both windows.
Oh, vielen Dank, Fabian. Ja, das ist - Sorry gegenüber Herrn Torberg - aber für meine Kenntnis + mein unter US-Amerikanern herangebildetes sprachliches Empfinden doch um vieles besser als die deutsche Übersetzung. In diesem Originaltext stimmt auch für meinen Geschmack alles - (selbstverständlich auch die Grammatik: Subjekt Frau + Objekt Mann + Objekt Haare + die jeweiligen Prädikate) - wunderbar, dieser Klang, diese melodische + zugleich semantische Wiederholung "down, down" sowie von "brushed and brushed" ...
100 % Zustimmung von mir: Schöner Romanbeginn; will ich auch lesen (needless to say in which language). Morgen fahr' ich zur Buchhandlung "Shakespeare & Sons" ...

Zitat
Zitat
Wenn ich bereits Werke eines Autors kenne + sehr schätze, fällt es mir natürlich auch viel leichter, über einen sperrigen oder gar mit einem Grammatikfehler "glänzenden" ersten Satz hinweg zu lesen.
Drüber weg gelesen hab ich ja nun nicht gerade ...
Hab' ich das missverständlich ausgedrückt? - Verzeihung, Fabian. - Mit diesem "drüber hinweg lesen" wollte ich freilich etwas anderes meinen als Schludrigkeit. "Drüber hinweg" sollte in meinem Satz heißen: ein zwar den Fehler + die Sperrigkeit in dem deutschen Satz erkennendes, aber verzeihendes Weiterlesen; so als würde der geneigte Leser sagen: "Ist zwar hier nicht so toll, aber wir wollen mal darüber hinwegsehen." Ich würde doch bei Dir, Fabian, kein unaufmerksames Lesen vermuten. - Nee wirklich nicht  :cheer:

Und Dank an Trippelschritt:
Zitat
Ja, ist schon eine Crux mit den Übersetzungen.
So ist es. Diese armen Literaturübersetzer leisten geistige Schwerstarbeit und werden dafür zuerst unter Termindruck gesetzt, dann unterbezahlt + einer aus aus ihren Reihen wird auch noch von einem Dilettanten wie mir kritisiert.

Wir Homo-Sapiens-Biester sind ungerecht + veranstalten immerzu babylonische Verwirrungen, mindestens das. Amen.
« Letzte Änderung: 19 Januar 2015, 10:39:26 von Zachi »

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Re: Textanfänge
« Antwort #41 am: 19 Januar 2015, 15:39:01 »
Oh, auf Englisch ist der Anfang aber schon gleich ein ganz anderes Kaliber! Da kommt der Herr Übersetzer nicht ran, nicht mal im Ansatz. - Wobei solch poetische Sprache einfach echt schwer zu übersetzen ist, das muss man bedenken. Jede Sprache hat ihre eigene, unübersetzbare Poetik.
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Re: Textanfänge
« Antwort #42 am: 19 Januar 2015, 16:23:42 »
Ja sehe ich auch so: Da ist bei der Übersetzung etwas verloren gegangen.

Der Anfang mit den beiden Männern im Schrank gefällt mir auch: Da ist Witz drin, Spannung und auch eine gewisse Komik und Selbstironie. Und auch ein Ansatz von Beziehung: Männer, die sich ohne weiteres so nah sind körperlich kenne ich nicht sooo viele. Macht neugierig.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

zac

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Re: Textanfänge
« Antwort #43 am: 19 Januar 2015, 17:49:29 »
Hi merin,

Von mir in einem obigen Beitrag zitiert:
Zitat
Slibulsky und ich klemmten im leergeräumten Geschirrschrank eines kleinen brasilianischen Restaurants am Rand des Frankfurter Bahnhofsviertels und warteten auf Schutzgeldeintreiber.
Der Schrank war etwa ein Meter zwanzig breit und siebzig Zentimeter tief. Weder wegen Slibulsky noch mir musste sich die Kleiderindustrie Sorgen um den Absatz ihrer XL-Größen machen, außerdem trugen wir kugelsichere Westen und wollten im Ernstfall eine Pistole und ein Schrotgewehr so in Position bringen, dass [...]

Von merin dazu geschrieben:

Zitat
Der Anfang mit den beiden Männern im Schrank gefällt mir auch: Da ist Witz drin, Spannung und auch eine gewisse Komik und Selbstironie. Und auch ein Ansatz von Beziehung: Männer, die sich ohne weiteres so nah sind körperlich kenne ich nicht sooo viele. Macht neugierig.
Danke für diese Resonanz (wenn ich das mal so nennen darf, weil ich diesen Romanbeginn ja sehr ähnlich kommentiert hatte).
Und diese beiden Männer sind Kollegen (Privatdetektive).
Der Romanbeginn stammt von einem schon vielmals gefeierten deutschen Krimi-Autor:
Jakob Arjouni, "Kismet. Kayankayas vierter Fall". Diogenes, 2001

Ja die "Nähe" zwischen denen, deren Geschlecht unter dem Zeichen des Planeten Mars steht: Sie kommen einander körperlich am nächsten - wo, wenn sie nicht zufällig schwul sind? - : Beim Ringkampf, natürlich.  :biggrin: Und die zumeist männlichen Zuschauer lachen sich kaputt, wenn diese Nähe einmal "missverständlich" aussieht. Du merkst: Mir gefällt dieses Thema auch sehr gut, merin. - Äthiopier habe ich diesbezüglich übrigens völlig anders erlebt: Jugendliche, die ich in Englisch unterrichtet hatte (mittels einer einsprachigen Methode) haben mich in den Pausen häufig lachend umarmt, klebten bei Schulausflügen an mir + wollten auf mir reiten, so wie heutzutage mein Töchterlein oft mit ihrem Papi herumturnen will (wozu der dann nur selten "nein" sagen kann). Am Anfang hatten mich die jungen Äthiopier mit ihrer Unbefangenheit geradezu irritiert. Später habe ich gelernt, mit ihnen zu toben als wären wir Kinder. Tja, die kulturell errichteten Tabus ... Dazu fällt mir jetzt spontan eine Metapher ein: Wir "zivilisierten" Männer sind Marsmenschen ( = zu sehr vom astrologischen Zeichen des Krieges beeinflusst) was ich jedoch nicht esoterisch astrologisch verstanden wissen möchte, sondern kulturhistorisch 8)
Herzlichen Dank für Deine sehr anregende Bemerkung, merin.

Spétses

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Re: Textanfänge
« Antwort #44 am: 31 Januar 2015, 10:22:17 »
Ich steuere mal einen selbst geschriebenen Textanfang bei, den ich gerade beim Lesen alter Stories gefunden habe:

Zitat
Henning Maurer füllte sieben Eimer mit toten Vögeln am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages.

Warum ich ihn gut finde:
- benennt den Protagonisten im ersten Satz
- macht neugierig, weil sehr spezifisch und irgendwie grotesk.