19 Oktober 2020, 17:01:35

Autor Thema: Kapitel - Länge, Überschrift und überhaupt  (Gelesen 5423 mal)

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merin

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Kapitel - Länge, Überschrift und überhaupt
« am: 06 November 2016, 16:54:30 »
Liebe Teufel_innen,

ich schreib ja grad ganz gut, aber immer wenn ich ein Kapitel fertig stelle, frage ich mich: Was ist das eigentlich, so ein Kapitel? Aktuell hat jedes Kapitel eine Überschrift, einfach weil ich mich dann leichter im Text zurechtfinde. Die Überschrift besteht aus dem Namen des Protagonisten, der/die im Zentrum steht und dem, was da so grob passiert. Und natürlich frag ich mich, was ich später mal damit mache. Die Titel so beizubehalten, scheidet aus, das finde ich unsexy. Aber einfach nur Absätze machen? Muss man drüberschreiben, um wen es geht, oder vertraue ich darauf, dass die Lesenden es schon schnallen? (Das ist nicht allzuschwer, denke ich.)

Und zweitens: Wie lang muss denn so ein Kapitel sein? Gibt es da irgendwelche Vorgaben oder Gepflogenheiten? Meine Kapitel haben meist so zwischen 1000 und 2000 Wörtern, das scheint mir recht kurz. Andererseits ergibt es sich so und die Spannungsbögen scheinen für mich zu stimmen.

Ich bin gespannt, was ihr so meint.

lg
merin
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Fabian

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Re: Kapitel - Länge, Überschrift und überhaupt
« Antwort #1 am: 06 November 2016, 18:48:25 »
Ich hab Bücher mit langen Kapiteln gelesen und ich hab Bücher mit kurzen Kapiteln gelesen – ich habe nach meiner Erinnerung aber nie(?) darüber nachdenken müssen, ob die Kapitellänge im Verhältnis zur gelesenen Geschichte als bedeutsam (im positiven wie im negativen Sinne) aufzufassen ist.
Über "erzählende" Kapitelüberschriften lese ich meistens hinweg, eine Numerierung nehme ich überhaupt nicht wahr.

Deshalb habe ich in dieser Hinsicht auch keine Erwartungen an einen Text (sie dürfen eben nur eines nicht: stören).

"Weil niemand mehr Leonardo ist, können alle Leonardo werden ...
das Phantasma der Auserwähltheit Einzelner macht dem Phantasma der Selbstwahl aller Platz"

 (Jörg Scheller in der ZEIT, Nr 2/2019, S. 43)

tlt

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Re: Kapitel - Länge, Überschrift und überhaupt
« Antwort #2 am: 06 November 2016, 18:51:22 »
hallo,

also, ich bin sehr für Überschriften. Das kann alles mögliche sein. Es gibt (gute) Bücher, in denen es Kapitel-Überschriften gibt, die in die Richtung gehen: "Wie der Karl sein erstes Abenteuer bestand und dabei beinahe sein Leben verlor, aber ein anderes rettete." Ist mir zu lang und zu erklärend. Aber wie gesagt, kann trotzdem passen. Hin und wieder finde ich es gut (und mache das selbst), wenn die Zeit oder das Datum für den jeweiligen Abschnitt erwähnt ist. Das hilft bei chronologisch kritischen Schriften dem Leser sehr. Und wenn nichts dasteht, weil nicht dastehen muss, dann ist das ebenso ok. Dann reicht "nichts" oder eben die Kapitelnummer.
Und die Länge ...? Ich denke, da macht es eher Sinn nach dem Sinn eines Abschnittes zu fragen. Wo endet eine Handlung, wo wird etwas angeschlossen, das so bedeutend für die Geschichte ist, dass der Leser eine kleine Pause verdient hat.

lg
tlt
Ich bin zu alt für das alles.

LaHallia

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Re: Kapitel - Länge, Überschrift und überhaupt
« Antwort #3 am: 06 November 2016, 19:17:33 »
Hi merin,

Kapitelüberschriften kenne ich eigentlich nur von Kinder/Jugendbüchern und fände ich persönlich in einem Erwachsenenroman irritierend. Das ist aber sicherlich Geschmackssache und könnte deinen Text auch von anderen abheben.

Tausend, Zweitausend Worte sind relativ kurz. Eine Szene, würde ich schätzen. Das hängt natürlich auch wieder von deinem Text ab, wenn du aber viele verschiedene Perspektiven hast, hat der Leser vielleicht das Problem, dass er sich gerade auf die aktuelle Szene einlässt und wenn er drinnen ist, kommt schon die nächste, mit der nächsten Perspektive. Das können dir vermutlich Betaleser am besten beantworten, wie es wirkt und ob es verwirrend ist oder nicht.

Wie gliederst du denn deine Kapitel?
Ich fasse Kapitel immer thematisch zusammen. Also mehrere Szenen bilden ein Kapitel. Das Kapitel hat einen Anfang und einen klaren Endpunkt. Wie eine Szene eigentlich.
Ein Beispiel:
Kapitel 1,
Anfang: Tamar gewinnt den Staatsmeistertitel im Boxen. Deswegen tritt nach dem Kamopf ein Manager auf sie zu
Ende: Tamar unterschreibt den Profivertrag

Kapitel 2:
Anfang: Rafael fühlt sich von dem Profivertrag gefährdet
Ende: sie trennen sich

Dazwischen liegen immer thematisch passende Themen. Bei Kapitel 1 also die Verhandlungen für den Vertrag, Rumerzählen, dass sie gewonnen hat...
Bei Kapitel zwei Streitigkeiten.

Dieses System ist bestimmt bei vielen Perspektiven und Handlungssträngen sehr schwierig, oder gar nicht umsetzbar.
Hast du schon mal Betalseser über ein paar Kapitel drüber lesen lassen?

Liebe Grüße,
LaHallia
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Viskey

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Re: Kapitel - Länge, Überschrift und überhaupt
« Antwort #4 am: 06 November 2016, 19:45:00 »
Ich persönlich mag Kapiteltitel, auch bei Erwachsenenbüchern.

Und ich habe bei meinen Büchern immer mehrere Perspektivträger, fasse Kapitel aber genauso zusammen wie LaHallia. - Chronologisch angeordnete, inhaltlich zusammenhängende KUrzgeschichten, wenn man so will. Und wenn dann eine dieser Kurzgeschichten nach 2000 Wörtern zu Ende ist, dann ist das eben so.

Ich finde,  das funktioniert sehr gut,  und bisher hat sich auch noch kein Leser über Perspektivenverwirrung beklagt. Jeder Wechsel der Perspektive ist auch gleichzeitig ein Szenenwechsel.
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merin

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Re: Kapitel - Länge, Überschrift und überhaupt
« Antwort #5 am: 07 November 2016, 09:38:35 »
Viskey so mache ichs auch: Meine Kapitel sind jeweils die Perspektivenwechsel. Das sind dann meist ein, zwei abgeschlossene Szenen, die etwas zeigen, dass die Handlung weiterbringt oder die Charaktere näher beleuchtet, damit man Folgehandlungen versteht. Für mich selbst hab ich, wenn da zwei wichtige Sachen hintereinander passieren, da auch Zwischenüberschriften drin, aber die sind eben nur für mich zur Orientierung, damit ich leichter finde, was ich suche.

Betaleser gibt es momentan noch nicht. Der Uli-Fürst hat drübergelesen, aber der findet eh alles gut, was ich schreibe, das gilt nicht. Ein anderer Schreibkumpan hat drei oder vier Kapitel gelesen und hatte alles mögliche zu meckern, das ich auch teilweise schon geändert habe. Er kennt aber nur zwei der aktuell fünf geplanten Perspektiven. Ich denke, die Sache muss dann wirklich jemand entscheiden helfen, der viel Text kennt (also so 100 Seiten oder mehr), aber dazu will ich den Text aktuell noch nicht rausgeben, weil ich dann wahrscheinlich sofort in die Überarbeitung gehen will - und das will ich ja grad mal vermeiden.

In jedem Fall scheint mir, ich bin erstmal auf einem gangbaren Weg und das motiviert mich auf jeden Fall zum Weiterschreiben. :cheer:
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Ryrke

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Re: Kapitel - Länge, Überschrift und überhaupt
« Antwort #6 am: 07 November 2016, 11:02:49 »
Hallöchen ;)

ich sage mal ganz profan: Das Gesamtpaket muss stimmen.
Allerdings meine ich, mal gelesen zu haben, nach der Fertigstellungsphase seien die Kapitelüberschriften zu löschen, weil das nur als Anhaltspunkt für den Autor gedacht ist.

Ich habe zum Beispiel seit einem halben Jahr Dramenkurvenüberschriften. Also bei der 5-Akt-Struktur: 5 Überschriften: eine für die Einleitung, eine fürs erregende Moment, eine für Mitte, eine fürs retardierende Moment, eine für den Schluss. Aber jeweils nur ein Wort. Damit fahre ich erstaunlich gut.

Dann gibt es noch so Schrifsteller wie Douglas Coupland, die *** (Sternchen) machen wenn ein "Kapitel" zu Ende ist, egal, ob es aus einer Zeile oder 10 Seiten besteht. (so gesehen in "Jpod") Geschmackssache. Das Buch ist eh grenzwertig, kommt es darauf auch nicht mehr an :-D

Ich persönlich finde das altmodische 1./ I. über einem Kapitel sehr ansprechend.

Letztendlich gibt es wohl keine wirkliche Regel dafür.

LG, Ryrke

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Viskey

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Re: Kapitel - Länge, Überschrift und überhaupt
« Antwort #7 am: 07 November 2016, 12:23:13 »
Ich  mach auch Sternchen (oder irgendwelche anderen Zeichen, je nach Laune) zwischen Szenen .... Damit weiß man, jetzt ist die Szene zu Ende, es kommt etwas Neues. Und dann tut auch ein Perspektiv-Wechsel nicht weh.

Ich finde das sehr praktisch und übersichtlich. Vor allem, solange der Text noch am Bildschirm läuft, finde ich es auch übersichtlicher als eine einfache Leerzeile, wie ich das aus manchen Büchern kenne.
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Sana

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Re: Kapitel - Länge, Überschrift und überhaupt
« Antwort #8 am: 17 November 2016, 12:57:28 »
Das ist unterschiedlich. Hat jeder Charakter sein eigenes Kapitel scheide für mich ein Titel aus und der Name des Charakters gehört an die Stelle. Da findet der Leser sich dann besser zurecht.
Ein Kapitel ist für mich ein Abschluss und für mich immer der Zeitpunkt, wo ich das Buch beiseite lese, wenn die Zeit ruft, oder ich eine Pause brauche.
Kurze Kapitel mag ich nicht so gerne, die reißen mich beim Lesen immer so raus, aber extrem lang auch nicht.
Und ob Titel oder nur Kapitelzahl ist mir da egal.

Trippelschritt

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Re: Kapitel - Länge, Überschrift und überhaupt
« Antwort #9 am: 17 November 2016, 13:09:41 »
Gibt es keine Überschriften, vermisse ich sie nicht. Gibt es Überschriften, lese ich sie und vergesse sie sofort wieder. Ich denke, die einzige Berechtigung haben sie, dem Leser klar zu machen, wo die Geschichte sich gerade befindet. Logisch, räumlich oder zeitlich. Wenn ich mich recht erinnere, gab James Clavell in seinem Schinken Noble House nur Die Kapitelnummer und die Uhrzeit an. Und das war auch nötig, denn die Kapitel waren ellenlang und nahmen nur ganz wenig reale Zeit in Anspruch. Ich habe Überschriften eingesetzt auf Empfehlung erfahrener Betas, weil fünf Protagonisten und fünf Schwerter bereits zehn handelnde Personen ausmachten. Da kann man sich schon mal verirren als Leser.
Ist also keine große Sache, die Überschrift

meint Trippelschritt
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Zauberfeder

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Re: Kapitel - Länge, Überschrift und überhaupt
« Antwort #10 am: 23 Januar 2017, 07:37:18 »
Ich mag Überschriften im Grunde. Es gibt ein paar Bücher, die ich gelesen habe, da gab es welche. Wobei es mich auch nie gestört hat, wenn einfach eine 1 darüber stand. Wirklich wichtig war es mir nicht, aber es sieht immer nett aus, wenn es welche gibt.
Ich selbst nutze keine, weil ich immer Schwierigkeiten damit habe, Titel zu finden.

Wenn ich Bücher lese, ist mir die Länge des Kapitels egal. Ob lang oder kurz ist mir beides recht, wobei ich schon zu ein bisschen mehr Seiten tendiere, als nur so 4 Seiten Kapitel oder so. Langweilt mich das Buch aber, ziehen sich die Kapitel wie Kaugummi. Da ist es auch relativ egal, ob es ein kurzes oder langes Kapitel ist. Wenn es mich nicht packt, kommt es mir in jedem Fall zu lang vor.

Ich selbst schreibe, denke ich, eher längere Kapitel. Wenn mein Kapitel unter 4000 Wörter hat, bin ich eher unzufrieden, weil ich das Gefühl habe, dass es für mich keine gescheite Länge ist. Ich habe derzeit auch gerade mehr Kapitel im 7000er Bereich.

Viskey

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Re: Kapitel - Länge, Überschrift und überhaupt
« Antwort #11 am: 23 Januar 2017, 15:34:54 »
Also beim jetzt noch mal lesen des Ausgangsosts stolpere ich schon über die Kapitellänge. 1000 - 2000 Wörter? Da hab ich Szenen, die länger sind, nicht regelmäßig, aber doch immer wieder.

Kann es sein, dass du tatsächlich nur einzelne Szenen hast, nicht Kapitel?

Wenn nach jeder Szene der Perspektivträger wechselt, ist das für mich absolut ok, das muss nicht  gleich in ein neues Kapitel gegossen werden, das ich dann nicht mal als Kapitel wahrnehmen würde. Wenn ich mir das jetzt so vorstelle, wäre ich da sogar eher genervt, wenn ich in meinem Lesefluss dauernd unterbrochen würde mit "Name - xy passiert".

Ein Kapitel ist ja ein Teil der Handlung, der eine in sich - einigermaßen - geschlossene Sequenz bildet, und einen gewissen Zweck verfolgt. Das kann man auch an Perspektiven festmachen, aber wenn die alle 3 Seiten oder so wechseln, würd ich dadurch nur schwindlig werden.


Weil ich's grad lese, veranschauliche ich das mal an "A Study in Scarlet", der ersten Sherlock Holmes-Geschichte.


  • Kapitel - "Mr. Sherlock Holmes"
    dazu unten gleich mehr
  • Kapitel - "The Science of Deduction"
    Wir erfahren, was Holmes beruflich macht, und zwar aus Holmes' Mund. Wir lernen dabei auch, dass Holmes nicht einfach nur ein exzentrischer Typ ist (wie man im Kaitel 1 durchaus noch glauben kann), sondern ein echt cleverer Bursche, der von bis so ziemlich alles ableiten kann, wenn man ihm nur ein Fitzelchen von einem Hinweis gibt.
  • Kapitel - "The Lauritson Garden Mystery"
    Der Fall wird vorgestellt, und die eigentliche Handlung kommt ins Rollen.
Den Rest schenk ich mir, man sieht schon, worauf ich hinauswill, denke ich.


Beim ersten Kapitel mag man argumentieren, dass das formal eine einzige, ziemlich lange Szene ist, aber mMn ergibt sich das nur aufgrund der Erzählweise in Form von Erinnerungen, wo halt eine in die andere überfließt. Tatsächlich sehe ich da drei Szenen:
  • Watsons Lebensgeschichte bis dahin - in groben Zügen
  • Watson trifft seinen Freund Stamford und redet mit ihm über Holmes
  • Watson trifft Holmes

Der Zweck dieses ersten Kapitels ist - wenig verwunderlich - die Vorstellung unserer Hauptcharaktere. Wir haben Dr. Watson, Kriegsveteran, gesundheitlich angeschlagen und nicht besonders gut bei Kasse. Deswegen sucht er auch einen Mitbewohner, weil's halt billiger kommt.
Wir haben Holmes, der ein ziemlich komischer Typ ist, seine sozialen Fähigkeiten lassen zu wünschen übrig ([his character] approaches cold-bloodedness / [Seine Persönlichkeit] grenzt an Kaltblütigkeit), und niemand weiß so recht, was er eigentlich mit seinem Leben anfängt (studiert viel, aber alles - scheinbar - ohne Ziel und Zweck).
Und schließlich treffen diese beiden aufeinander, was den Lesern eine neue Perspektive gibt. Denn der angeblich so kaltblütige Holmes hat seinen ersten Auftritt voller Begeisterung und überschwänglicher Euphorie. (Er hat ein Mittel entdeckt, mit dem Man Blut nachweisen kann, was es erlaubt, Blutflecken von zB Rostflcken zu unterscheiden.) Er gibt auch  gleich eine Probe seines Könnens ab und sagt Watson auf den Kopf zu, dass er ein Kriegsveteran ist (sagt aber nicht, woher er das weiß, das ist Zweck des 2. Kapitels).
Watson ist beeindruckt und fasziniert und stellt es sich zur Aufgabe, herauszufinden, wie Holmes das angestellt hat. Holmes ist das Rätsel, das er lösen möchte. (Das erste Puzzleteilchen zur Lösung bekommt er im 2. Kapitel.)


Als Gedankenexperiment könnte man jetzt diese drei Szenen aus vrschiedenen Perspektiven schreiben:
1. Watson
2. Stamford
3. Holmes

Die Inhalte der Szenen blieben jeweils die gleichen: Watson kennenlernen, was über Holmes erfahren, Holmes treffen. Natürlich würden die Szenen in sich anders aussehen, aber es ergäbe sich immer noch ein erstes Kapitel mit dem Zweck, die Hauptfiguren vorzustellen, bestehend aus diesen drei Szenen.


Ich bin jetzt nicht sicher, ob das alles irgenwie für dein Proekt sinnvoll ist, merin, aber da der Thread schon "Kapitel - Länge, Überschrift und überhaupt" lautet, dachte ich, ich werf das mal hier rein. Ich denke nämlich sowieso gerade in ähnliche Richtungen, da hat das gerae sehr gut gepasst.
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merin

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Re: Kapitel - Länge, Überschrift und überhaupt
« Antwort #12 am: 24 Januar 2017, 20:50:37 »
Doch, das ist hilfreich. Sehr sogar. Mich nämlich in meiner Idee zu bestätigen, dass meine Perspektivwechsel nicht jeweils ein Kapitel sind. Wahrscheinlich wird mein fertiger Text nur wenige Kapitel enthalten (drei oder vier) und dazwischen sind eben einfach die Perspektivwechsel. Denn die Spannungsbögen gehen eben über diese Wechsel hinweg.
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Lionel Eschenbach

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Re: Kapitel - Länge, Überschrift und überhaupt
« Antwort #13 am: 09 Februar 2017, 15:26:55 »
Der Virtuose braucht keine Strukutr. Wäre ich es nur  :stirn:

Ein Buch beginnt mit dem ersten Buchstaben und endet mit einem Punkt. Wie wir die Struktur wählen, ist fast so frei wie unsere Gedanken, wenn wir einen Roman schreiben.

Ja, ich verwende Kapitel, sie werden wohl durchnumeriert sein: 1,2,3,4,5.

Manchmal beginne ich ein neues Kapitel, wenn der Ort wechselt, oder ich beginne ein neues, wenn sich die Geschichte entscheidend verändert. So ist ein Kapitel bei mir, die Vorbereitungen der Königswahl, das nächste ist der Krieg, der durch die Vorbereitungen ausgelöst wird. Einmal verlässt mein Prota die Hauptstadt. Das nächste Kapitel spielt im Zirkus. Wenn in einem Kapitel die Perspektive wechselt, wird der Name des Perspektivträger fett abgesetzt.  Das liest sich dann komisch und wahrscheinlich ändere ich es noch.

3. Der Zirkus.
Todd....


Aber was habe ich da nicht alles gelesen. Und im Extremfall besteht ein Roman ganz ohne Kapitel, ***, und wie auch immer man ein Kapitel abgrenzen mag.

Was auch immer ich verwende, meist tue ich es nur, um den Leser einen Anhaltspunkt zu geben, dass sich etwas verändert. Ist es aber notwendig. Manche verwende z.B. nur Zeitangaben, um den Verlauf zu skizzieren. GRRM schreibt nur Rob, Ned, Tyrion. Letztlich zeigt es nur den Perspektivwechsel an. Und es macht auch Sinn, weil wenn der Wechsel nicht angezeigt worden wäre, würden wir uns wundern. Hä, was passiert denn da, wo sind wir denn.

Hier glaube ich, dem Leser ist es fast egal, solange die Geschichte flüssig erzählt wird.

Und eben manchmal können die Kapitel so merkwürdig angeordnet sein: 8,9,10, 10a, 10b, 10c, 11, 12 usw.

In einer Seminararbeit musste ich mich mich nur auf die Kapiteleinteilung konzentrieren, warum Thomas Mann im Doktor Faustus eine solch komische Kapiteleinteilung gewählt hat. Und nach dem Studium vieler Briefe, die er an Freunden geschrieben hatte, wurde ich fündig, warum er es so gemacht hatte. Die Kapitel verstärkte in spielerischer Weise das Grundmotiv des Romans. Doch wohl nur Germanistikstudenten werden jemals erfahren, warum er es tat.

Die meisten Leser mag es aufgefallen sein, sie mochten einen Grund darin vermutet haben, doch für die Schönheit der Sprache tat es keinen Abbruch.

Also glaube ich, dass die Kapiteleinteilung nicht wirklich wichtig ist für den Leser. Schaue ich auf mein Schreibprogramm weiß ich nur, ok, ich überarbeite Stellen im Zirkus, in den Höhlen oder in der Hauptstadt. Für mich helfen Kapitel beim Schreiben, die entsprechende Szene schnell wieder zu finden. 600 Seiten sind eine Wand an Text.

L.
« Letzte Änderung: 09 Februar 2017, 15:32:25 von Lionel Eschenbach »

Oflinitrium

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Re: Kapitel - Länge, Überschrift und überhaupt
« Antwort #14 am: 31 März 2017, 12:07:59 »
Ich finde Kapitel dahingehend wichtig, dass man klare Grenzen zwischen den Abläufen hat und die Geschichte dadurch nicht für den Leser anfängt zu verschwimmen bzw. zu verwirren. Mit Kapiteln lässt sich klar zeigen, "diese Stelle ist beendet, es beginnt eine neue."
Natürlich benutzen manche auch die Kapitel um Cliffhanger im Buch zu erzeugen, was auch eine sehr spannende und reizvolle Variante ist.
Daher sollte ein Kapitel auch immer so lange sein, wie der Abschnitt zusammenhängend lesbar ist bzw. zusammenhängend gelesen werden soll. Ich kenne Bücher mit relativ gleich langen, aber auch mit wechselnden Kapitellängen.

Was die Überschriften betrifft habe ich keine wirklichen Vorlieben, was man auch an meinen Lieblingsbüchern erkennt. Bei einem steht einfach wann und wo das Kapitel beginnt (z.B. Januar 1859 London) bei einem anderen Zahlen 1-X, ein anderes teasert das kommende Kapitel an und mein absolutes Lieblingswerk benutzt einfach den Namen des jeweiligen Protagonisten als Überschrift (er hat allerdings auch ca. 10 die sich meist an unterschiedlichen Orten tummeln). Ich fand die Überschriften eigentlich in jedem der Werke passend, alerdings würden sie stören wenn man sie jetzt austauscht. z.B. anstatt dem Namen des Protagonisten die Jahreszahl+Ort, oder Anstatt des kleinen Teasers nur eine Zahl. Ich denke es kommt auf das Buch an und den Stil des Autors und dass die Kapitelüberschrift auch diesen Stil ein wenig definiert.
« Letzte Änderung: 31 März 2017, 12:14:24 von Oflinitrium »
Die Werke die ich am meisten liebe, sind gleichzeitig die, die ich am meisten kritisiere. Im Grunde ist es so, dass eine ausführliche Kritik meinerseits auch eine Anerkennung und ein Glückwunsch ist, denn wenn es einfach nur schlecht wäre, würde ich mir gar keine Gedanken darüber machen.