16 Januar 2021, 12:52:33

Autor Thema: AT: Das Volksfest  (Gelesen 2053 mal)

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Mondstern

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AT: Das Volksfest
« am: 26 Dezember 2016, 17:29:48 »
Nicht für den öffentlichen Bereich.

Eckdaten. Die Geschichte spielt 1990, in ländlicher, süddeutscher Gegend. Die Mädels sind 17, die Jungs 1-2 Jahre älter.

Anja, Jan und Petra (ein Pärchen) und Jens (wie Jan ein Mitglied des Bikerclubs Black Shadows) waren auf einem Volksfest im Nachbarort.

Die „Thunderer“ kommen hier zum ersten Mal vor – 2 der Charaktere haben später noch weiterer Auftritte.
Ach ja – Hoppel ist ein Stoffhase.

Meine Fragen wären dieser Art. Wo stolpert ihr, wo ist es unklar?

LG Mondstern

Edit. Jens van Winkan, Jan Schröter


*** *** *** *** *** *** *** *** *** *** *** *** *** *** *** *** *** *** *** *** *** ***


Irgendwann war es ein Uhr nachts und Zapfenstreich. Wir tranken aus und schlenderten gemütlich zu den Motorrädern.
Am Autoscooter hingen noch einige 14-15-Jährige rum, ein Pärchen knutschte, ein Typ hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten, und hier und da lag eine Schnapsleiche zwischen den verwaisten Verkaufsständen.
„Gehen wir noch auf einen Absacker ins Treff?“, fragte Jan.
„Klar. Zu einen Kaffee sag ich nie nein“, meinte ich.
„Kaffee?“, fragte Petra ungläubig. „Um die Uhrzeit?“
„Es ist doch dem Kaffee egal, wann er getrunken wird“, erklärte ich ihr und zwinkerte Jan zu. Obwohl Petra mittlerweile im Verstehen ironischer Aussagen einen Quantensprung vollzogen hatte, war es immer noch unglaublich, wie jeder meiner Sprüche ihre Gesichtszüge veränderte.

Als wir abends hier hergekommen waren, war der ganze Platz mit Zweirädern zugepflastert gewesen, und wir mussten die Motorräder dementsprechend weit hinten abstellen. Jetzt standen nur noch vereinzelt ein paar Bikes rum. Unsere waren auf den ersten Blick gar nicht zu sehen, was hauptsächlich daran lag, dass fünf Typen davor standen. Ich kniff die Augen zusammen … Thunderer! Eine Jugendgang, mit der wir zwar keinen Stress hatten, aber auch nicht befreundet waren.

„Wenn eine von den Fotzen meine Karre angefasst hat, schlag ich sie alle ins Koma“, knurrte Jens böse vor sich hin.
Wir gingen langsam weiter, hielten Blickkontakt. Ein ungutes Gefühl überkam mich. Ein sehr bekanntes ungutes Gefühl.
„Lass mich mit denen reden, Jens“, sagte Jan.
„Wieso? Der Erste, der sein dummes Maul aufreißt …“
„Jens!“, unterbrach ihn Jan. „Vielleicht wollen sie ja nur Servus sagen.“
„Bestimmt, und dann bitten sie noch um ein Autogramm“, steuerte ich meinen Teil der Hypothese bei.

Ein recht großer Typ mit Bierwampe hob theatralisch die Hände.
„Es ist also wahr. Ich habe es gar nicht geglaubt ...“, dankte er dem Nachthimmel und strich sich eine fettige Haarsträhne aus der mit Akne überzogenen Stirn.
„Doch, doch, Walschburger, ist wissenschaftlich belegt“, erklärte ich ihm, „die Erde dreht sich um die Sonne.“
„Halt du dich raus, Anja“, fuhr mich Hauser, der Secretary der Thunderer, an. „Das geht nur uns und van Winkan was an.“
„Um was geht’s?“, fragte Jens betont gelangweilt.
„Es geht darum, dass du Stadtverbot hast …“
„Stadtverbot?“, fragte ich nach. „Ihr bezeichnet euer Kuhdorf als Stadt?“
„Ruhig, Anja“, ermahnte mich Jan. „Das Verbot wurde offiziell aufgehoben und das weißt du genau, Hauser.“
„Von mir aber nicht“, lallte Walschburger und baute sich vor Jens auf.
„Was ist denn Stadtverbot?“, fragte Petra.
„Eine Sanktion, Schatz“, erklärte ihr Jan. „Jens durfte sich hier nicht aufhalten …“
„Und wieso nicht?“
„Weil der Wichser meine Alte angemacht hat“, regte sich Walschburger auf.
„Die zu dem Zeitpunkt nicht deine Freundin war“, stellte Jan richtig.
„Erzähl du mir nicht, ob ich mit der Alten zusammen war oder nicht, Schröter, das weiß ich ja wohl besser.“
Jan schüttelte den Kopf und wandte sich an Hauser. „Diese Unterhaltung ist ein Witz. Das bringt nichts. Wir können es gern morgen oder übermorgen noch mal durchgehen, aber jetzt ist es mitten in der Nacht und Walschburger ist besoffen.“
Hauser schien das wohl auch so zu sehen, wollte aber nicht zu schnell einlenken. Das übliche machomäßige Wir-sind-die-Herren-unseres-Dorfs-Getue.
Ein Dunkelhaariger mit Pferdeschwanz und Baseballkappe lächelte mich an. Als ich ihn erkannte, lächelte ich zurück. Damir, ein Kroate, den Claudia und ich vor einigen Tagen am Stadtbrunnen kennengelernt hatten, und der ziemlich von meiner Schwester begeistert war. Nichts schloss aber auf eine Mitgliedschaft bei den Thunderer.
Ich versuchte, die Typen einzuschätzen. Schwierig, weil sie, von Hauser vielleicht abgesehen, alle mehr oder weniger Stoff intus hatten. Auch die Tatsache, dass sie sich gerade mit keinem Geringeren als dem berüchtigtsten Schläger der Region anlegten, sprach nicht von einem durchdachten Konzept.

„Ey, Walschi. Nimm doch die Schnalle als Ersatzbraut.“ Ein Glatzkopf, den ich noch nie zuvor gesehen hatte, und dem wohl sein übermäßiger Anabolikakonsum die letzten Hirnzellen zermatscht hatte, trat vor Petra und zeigte mit dem Finger auf sie. „Die Titten von der Braut sind saustark.“ Nachdem er sie ungeniert gemustert hatte, sah er zu mir. „Oder nimm die Blonde, die hat einen geilen Arsch.“
Jan war einen Moment sprachlos, wandte sich wieder an Hauser. „Nehmt ihr jetzt schon jeden dahergelaufenen Dummschwätzer auf?“
Das Stimmungsbarometer haute es um etliche Grad nach unten.
„Es geht hier um meine Ehre und nicht um irgendeine Alte“, brüllte Walschburger den Glatzkopf an.
„Es geht darum, dass deine Kleine mal einen richtigen Mann wollte“, provozierte Jens und die gefühlte Temperatur sank unter den Gefrierpunkt.
„Halt deine dreckige Fresse, du Wichser.“
„Wichsen musste ich gar nicht, Walschburger. Sie hat jedes Mal meinen Schwanz in den Mund genommen ... und sie wurde richtig geil dabei."

Mir haute es förmlich die Kinnlade runter, und das, was man umgangssprachlich als Adrenalinschub bezeichnete, schoss durch meinen Körper. Das wird heute definitiv nicht gut ausgehen … Auch weil Walschburger schon eine weiß-grünliche Gesichtsfarbe aufwies.
„So was musst du aber wirklich nicht sagen, Jens. Das ist einfach nicht angebracht“, erboste sich Petra.
Mittelschwer fassungslos schaute ich zu meiner Freundin. Das hatte sie auch auf keinste Weise ironisch gemeint, das war eben original Petra.

Glatzkopf hatte nach Walschburgers vehementer Verzichterklärung Petra ins Visier genommen und glotzte ihr völlig schmerzfrei auf den Busen. Jan war sich mehr als unschlüssig, wie er darauf reagieren sollte. Der Schlaksige, der direkt vor mir stand, tippte nervös mit den Fingern an seine Bierflasche und nahm dann einen kräftigen Schluck. Irgendwas an ihm störte mich, ließ sämtliche Alarmglocken bei mir klingeln. Es roch förmlich nach einer „linken Ratte.“
Vorsorglich verstaute ich Hoppel in meiner Jacke, fischte mein Feuerzeug aus der Hosentasche, ballte eine Faust darum und drehte mich unauffällig zur Seite, um eine bessere Angriffsposition zu haben.
Jens Spruch schien mittlerweile in Walschburgers benebeltem Gehirn angekommen zu sein. Er schnappte mehrmals nach Luft, trat wütend eine auf dem Boden liegenden Coladose in die Stratosphäre und baute sich bedrohlich vor Jens auf: „Zieh deine Kutte aus, Winkan!“, befahl er zähnefletschend und starrte ihn wie der personifizierte Zorn an. 
„Bist du dir sicher, Walschburger?“, fragte Jens leise. „Du gehst mir jetzt langsam aber sicher auf den Sack.“

„Oh ja! Mir auch. Komm, Jan, ich will jetzt gehen.“
Für Petra war die skurrile Debatte definitiv zu Ende, sie wollte gerade ihren Helm aufsetzen, als der Glatzkopf ihr an die Schulter fasste.
„Was gibt denn das, du Bitch? Habe ich dir das erlaubt?“
„Nimm deine Drecksgriffel von ihr …“, schrie Jan und schlug seinen Arm weg. Sofort ging Glatzkopf auf Jan los. Der wich reflexartig zurück, aber viel zu weit, um kontern zu können. Glatzkopf setzte nach, packte Jan an der Gurgel, der schlug den Arm weg und drehte sich mit dem Oberkörper zur Seite. Dabei traf er den Angreifer mit dem Ellenbogen an die Schläfe. Anabolika sackten die Beine weg und er ging benommen in die Knie. 

Walschburger und Jens waren einen Moment abgelenkt. Der Typ vor mir fixierte Jens, ließ seine Pulle sinken, drehte sie. Bier lief aus. Er umklammerte den Flaschenhals wie eine Keule und holte aus. Im gleichen Moment traf ihn mein Sidekick voll in die kurze Rippe.
Innerhalb der gleichen Sekunde packte Jens Walschburger am Kragen und verpasste ihm einen heftigen Kopfstoss.
Der Flaschenmann krümmte sich und ich schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Er schrie auf. Ich verpasste ihm einen weiteren Kick, den er abwehrte, aber der nächste traf ins Ziel. Die Fußsohle mitten ins Gesicht. Der Tritt war kräftig und es haute ihn rücklings um. Laut schreiend wälzte er sich am Boden. Im Augenwinkel sah ich, wie der Glatzkopf sich erhob und Jan wie versteinert auch noch zusah.
„Mach den Typ alle, Jan!“, schrie ich rüber.
Endlich regierte er und verpasste dem Glatzkopf einen Faustschlag an Kinn. Ein klassischer Volltreffer, und der Freak ging zu Boden. Jens schlug derweilen wie ein Berserker auf Walschburger ein, der stark blutete, nicht den Hauch einer Chance hatte, und schützend seine Hände vor den Kopf nahm. Unzählige schmerzhafte Körpertreffer ließen ihn zu Boden gehen. 
Hauser war deutlich geschockt und wohl intuitiv einen oder zwei Schritte zurückgegangen. Damir stand nur da, und schaute zu. Ich drehte mich zur Seite, um so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten, die Rechte krampfhaft ums Feuerzeug geballt, die Beine gelockert, um mich sofort wegducken und den gegnerischen Angriff unterlaufen zu können ... aber von denen kam nichts. Damir schüttelte leicht den Kopf, signalisierte mit den Händen, dass er mich nicht angreifen werde. Hauser versuchte, die Situation einzuordnen und wusste gar nicht, wo er zuerst hinschauen sollte.
Ich schielte zu Jens, dessen Miene nur Verachtung ausdrückte, zu Petra, die mit großen Augen ihren Freund ansah, und zu Jan, der sich wohl am meisten über seine Knockoutfähigkeiten wunderte. Alles zusammen hatte weniger als eine Minute gedauert.

Ein groteskes Bild. Walschburger kauerte blutüberströmt auf der Straße und hielt sich die gebrochene Nase. Glatzkopf lag völlig regungslos auf dem Boden, und mein neuer bester Freund hatte sich wieder aufgerappelt und zu seinen Kumpels gestellt. Mit schmerzverzerrter Miene massierte er sich abwechselnd die Rippen und den Schädel.
„Was ist? Wollt ihr noch was, ihr Pisser?“, fragte Jens in die Runde.
Die Frage war eigentlich nicht rhetorisch gemeint, aber so gar keine Reaktion? Nicht einmal vom ansonsten recht wortgewandten Hauser.
Und wieder einmal bewahrheitete sich, Hunde, die bellen, beißen nicht.

„Du wolltest mein Abzeichen, du kleine Fotze?“, fragte Jens den malträtierten Walschburger in seiner charmanten Art. Und als dieser nicht regierte, verpasste er ihm eine deftige Ohrfeige.
Aus dem Augenwinkel beobachtete ich die drei Thunderer. Auch wenn sie sich heute nicht gerade mit unsterblichem Ruhm bekleckert haben, Chorknaben waren sie auch nicht. Und das würden sie sich bestimmt nicht bis zum St. Nimmerleinstag ansehen … oder doch?
„Hör auf, Winkan!“, befahl Hauser. „Hör auf. Der hat echt genug.“
„Sag bloß, du hast deine Eier wieder gefunden, du Pisser?“, reizte ihn Jens. „Du sagst mir, was ich tun soll?“
„Hauser ist hier nicht der Feind, Jens“, beschwichtigte ich. „Erinner dich, wir schlagen keine Wehrlosen zusammen.“
„Spinnst du jetzt auch? Ich respektiere ehrenhafte Gegner, das weiß jeder … aber diese kleine Fotze …“
„Ist besoffen und erledigt. Außerdem sollten wir abhauen, nicht, dass noch die Bullen auftauchen.“ Ich schaute mich um, ein paar Jungs vom Autoscooter hatten die nächtliche Show mitbekommen, hielten aber gebührenden Abstand. Ein Pärchen kam angeschlendert, blieb stehen, drehte um, und nahm einen anderen Weg.
„Ich soll meine Kutte ausziehen?“, fragte Jens nach, und weil er keine Antwort bekam, wollte er seinen Stiefelabdruck in Walschburger verewigen.
„Jens!“, ermahnte ich ihn.
„Ist ja gut, Mann! Wieso setzt du dich für den Wichser ein?“
„Weil es um die Ehre der Black Shadows geht!“, erklärte ich ihm.
Jens hielt inne, sah zu Jan. Der nickte.
„Das hat aber nichts mit dem Club zu tun. Die Pisser sagten es ja selbst.“
Im Prinzip hatte Jens Recht. Es war eine persönliche Angelegenheit, aber dann völlig aus dem Ruder gelaufen.
Ich schaute zu den Thunderern, blieb bei Damir hängen. Der war völlig verwirrt, und wäre wohl am liebsten weit weg. Der Schlaksige sah mich böse an. Ich erwiderte den Blick mindestens so finster und blieb wachsam.

„Bei drei gibst du mir deine verdammte scheiß Kutte, Walschburger, oder ich tret’ dich jetzt ins Koma. Eins … zwei …“
Ich war perplex und schüttelte den Kopf. Jens zählte jetzt nicht wirklich den Countdown runter? Noch erstaunter war ich aber über Walschburgers abgesoffenes Gehirn. Es war noch durchaus in der Lage, eine Entscheidung zu treffen. Zwar die falsche, aber immerhin.
Hastig streifte er seine Kutte ab und warf sie Jens vor die Füße. Kurios, dass mir das mehr an die Nieren ging, als die vorhergegangene nonverbale Konversation. 99,9 Prozent der Menschheit würden Walschis Entscheidung als die richtige ansehen, aber die waren auch nicht Member in einer Streetgang und dadurch für alle Zeiten als Feigling gebrandmarkt.
„Der Donner war schon immer der feige Begleiter des Blitzes“, brachte ich meine Verachtung rüber.
„Ich sagte, du sollst sie mir geben!“
„Muss das sein, Jens? Der hat sich doch schon genug blamiert. Man kann auch recht haben, und trotzdem ein Vollpfosten sein“, fuhr ich ihn an.
„Anja hat recht, Bro. Wir sollten jetzt fahren“, meinte Jan.
Murrend hob Jens die Kutte auf, marschierte schnurstracks zum Motorrad und startete die 900er. Auch wenn ich ihn seit frühester Kindheit kannte, so verwunderte er mich doch immer wieder. Keiner ging so wortkarg und gnadenlos zur Tagesordnung über, wie Jens van Winkan.
Ich blieb noch kurz stehen, ging dann langsam rückwärts zu den Maschinen. Damir lächelte wieder und prostete mir mit seiner Flasche zu.
„Was zum Henker willst du nur bei denen?“, fragte ich ungläubig.

***

Zwanzig Minuten später waren wir im Treff. Ein paar Nachtschwärmer waren noch anwesend und wurden Zeugen, wie Jens die Kutte im Billardraum an die Wand nagelte. Ich fand diese Trophäensammlerei immer schon ziemlich bizarr und quittierte die Aktion mit gewohntem abwertendem Kopfschütteln. Jan erzählte den anderen, was vorgefallen war und Jens wiederholte es zu meiner Freude noch mal. Ich hatte keine Lust, mir das anzuhören, und beschloss, heimzutigern. Im Augenwinkel sah ich Petra. Sie saß allein an der Bar und starrte auf das reichhaltige Spirituosenangebot.
„Was ist los? Kannst dich nicht entscheiden, oder was?“
„Du bist vielleicht gut … lässt dich das alles kalt?“
„Wie kommst du darauf?“, fragte ich und setzte mich auf den freien Barhocker neben ihr.
„Du warst … bist … so eiskalt.“
„Die Amygdala im Gehirn speichert gute und schlechte Erinnerungen, und es speichert emotionale Traumata. Dadurch reagieren wir, noch bevor wir uns dessen bewusst sind. Hypothalamus heißt das Teil, das dann den Körper zur Flucht, zum Kampf oder zur Beschwichtigung veranlasst.“
Petra schaute mich an, als ob ich aus einem anderen Universum käme.
„Für die physischen Reaktionen der Angst ist das autonome Nervensystem zuständig. Und das Ding steuert alle Vorgänge im Körper. So gesehen bin ich, was ich bin.“
„Woher weißt du das alles?“
„Stadtbibliothek.“
„Und wieso liest du so was?“
„Jan meint, du wärst ziemlich clever. Bist du clever?“
Petra zuckte mit der Schulter, spielte an ihrem halb leeren Glas und schaute mich dann ernst an. „Das hängt mit den ganzen üblen Geschichten über deinen Vater und deiner Kindheit zusammen.“
„Du bist clever!“
„Nein, nicht so sehr, wie ich gern wäre. Jan hat mir einiges erzählt, und Eddy hat es bestätigt.“
„Feiner Zug von Eddy.“
„Tut mir leid. Ich hätte nicht so neugierig sein dürfen. Aber ich war geschockt, als ich von den ganzen Gerüchten hörte, und kann mir vorstellen, wie peinlich das für dich ist.“
„Peinlich?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich bin ich. Ich kann doch nichts dafür, dass mein Alter ein versoffener Psychopath ist.“
„Natürlich nicht! Das wollte ich auch nicht sagen … ich … ich weiß jetzt gar nicht mehr, was ich sagen wollte.“
„Kein Problem, Petra. Ich wünsch mir manchmal auch, dass alles nur Gerüchte wären.“
Wir machten eine kurze Pause. Jens imitierte den wimmernden Walschburger, allerdings in einer sehr freien Interpretation. Die anderen lachten und fanden es lustig.

„Ich weiß auch, dass eine Zeit lang das Jugendamt bei euch ein und aus ging“, nahm Petra das Gespräch wieder auf. „Oder ist dir das jetzt zu persönlich?“
„Das weiß eh das halbe Dorf … eigentlich das ganze. Aber ich halte nichts von den Gestalten, mal von John Doe abgesehen. Nur Schwätzer, die keine Ahnung haben.“
„Das kannst du aber nicht pauschalisieren, Anja. Die Leute haben qualifizierte Ausbildungen …“
„Ich war mal bei so einem Wich… bei so einem Psycho-Heini vom Jugendamt“, fiel ich Petra ins Wort.
„Das ist doch gut. Darüber reden hilft.“
„Ja. Nein. Es hätte geholfen, wenn die nicht nur ständig geredet hätten. Mir bluteten schon die Ohren. Die hätten meinen Alten wegsperren müssen, oder ihn zumindest ordentlich verprügeln sollen.“
„Gewalt kann keine Lösung sein.“
„Nicht? Aber deine Plattitüden sind die Offenbarung, oder was?“, regte ich mich auf. Petra sah mich mit ihren unschuldigen Bambi-Augen erschrocken an.
„Sorry, das klang schlimmer, als ich es meinte. Ich wollte dich nicht anmachen, Petra. Du bist meine Freundin, aber was ich durchgemacht habe, davon hast du keine Ahnung!“
„Ich wollte dich auf keinen Fall beleidigen, entschuldige, wenn das so rüberkam. Aber du weißt, dass ich Erzieherin werden will. Ich habe schon einige Fachbücher über das Thema gelesen.“
„Ja, eben! Gelesen, Petra. Ich habe die ganze Scheiße erlebt. Erlebt!“
„Ich will dir wirklich nicht zu nahe treten, aber du denkst oft zu radikal. Es gibt nicht nur schwarz und weiß.“
„To be, or not to be, that is the question.”
„Siehst du? Schon wieder.”
Ich musste plötzlich grinsen. Petra rüttelte an meiner selbst aufgestellten Weltanschauung, an meiner Rüstung, und ich verteidigte sie diesmal nicht bis zum letzten Blutstropfen. Ob ich das jetzt unter gut oder schlecht einordnen sollte?
„Wahrscheinlich ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für ein solches Gespräch, Anja, aber ich würde gern mehr darüber erfahren. Ein anders Mal?“
Ich nickte.
„Aber eins beschäftigt mich noch …“
„Schieß los.“
„Ich habe dich beobachtet. Du weißt schon, bei der Schlägerei. Ich hatte furchtbare Angst, du überhaupt keine …“
„Ich hatte gleich dieses komische Gefühl, als ich die Kerle bei den Bikes stehen sah. Irgendwie habe ich da ein Talent für. Nenn es von mir aus Intuition. Und da einer der Typen Jens die Flasche über den Schädel donnern wollte, hielt ich eine Grundsatzdebatte über Pazifismus für unangebracht. Aber um auf deine Frage zurückzukommen. Angst ist völlig normal, und ein natürlicher Schutzmechanismus.“ Ich zündete eine Zigarette an, blies den Rauch unter die Leuchte am Tresen und legte das Feuerzeug neben den Aschenbecher. Am Rand des Bodens klebte getrocknetes Blut. „Ich hatte keine Angst, kein bisschen. Und das macht mir eine Scheiß Angst.“
Petra nickte. „Gemäß den Gesetzen der Straße gewinnt derjenige, der keine Skrupel hat. Richtig?“
„Kann sein“, meinte ich nachdenklich. „Also … darüber habe ich mir bisher keine Gedanken gemacht …“

„Der Donner war schon immer der feige Begleiter des Blitzes“, rief einer der Jungs zu uns rüber. „Das erklär mir doch mal bitte etwas genauer, Süße.“
Unser kleiner philosophischer Exkurs über die Kunst der Straßenkämpfe war damit beendet. Wir hockten noch kurz an den Tisch der Jungs, und der Wirt schenkte die nun wirklich allerletzte Runde aus.
„Also Süße, sag schon, seit wann neigst du zur Lyrik?“
„Nix Lyrik. Der Sohn des Bärenjägers. Karl May Hörspiel, das wir als Kinder immer angehört haben.“
„Nun gut. Aber der Donner ist feige? Thor findet das sicher nicht witzig, das kann ich dir versichern.“
„Wenn Thor ein Problem hat, soll er herkommen. Ich klär das dann.“
„Ja, klar! Der hämmert dich unangespitzt in den Boden.“
„Solange er sie nicht am Boden nagelt …“, meinte ein anderer.
Die Jungs brachen über diesen grenzgenialen Joke fast zusammen. Petra schüttelte nur den Kopf. Ich verdrehte die Augen und wusste schlagartig wieder, wieso ich kaum Alkohol trank.
Ich stand auf, nickte Petra zu und warf ihr ihre Jacke hin, die über meiner Stuhllehne hing. „Und nun komm, du alter Besen! Nimm die schlechten Lumpenhüllen. Bist schon lange Knecht gewesen, nun erfülle meinen Willen!“, zitierte ich Herrn Goethe.
Dass Petra den Zauberlehrling wohl nie auswendig gelernt hatte, zeigte der skeptische Blick auf ihre Jacke …
„Lumpenhülle?“
Soviel zur Lyrik.


Danke fürs Lesen  :)
« Letzte Änderung: 27 Dezember 2016, 00:46:37 von Mondstern »

Sana

  • Gast
Re: AT: Das Volksfest
« Antwort #1 am: 26 Dezember 2016, 20:09:45 »
Wenn Jens und Jan vorher schon mit Nachnamen vorgstellt wurden ist alles ok. Ich selbst musste jetzt zweimal lesen. Aber ich wurde hier auch nur in einen Teil der Geschichte reingeschmissen.

Persönlich finde ich, das die Kraftausdrücke zuviel sind und das etwas überspitzt wirkt. Aber vielleicht habe ich auch eine falsche Vorstellung von deutschen Gangs aus den 90ern. :rotwerd: Ich war da damals da noch mehr Kind als Teenager.

Oldlady

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Re: AT: Das Volksfest
« Antwort #2 am: 29 Dezember 2016, 18:49:38 »
Hallo Mondstern,
ich freue mich, mal wieder etwas von Dir zu lesen.

Beim ersten Durchgang bin ich an folgender Stelle durcheinandergekommen:

Zitat
und mein neuer bester Freund hatte sich wieder aufgerappelt und zu seinen Kumpels gestellt.

Da habe ich nicht mehr verstanden, wer wer ist. Deshalb habe ich ab dort noch mal von vorn gelesen, etwas langsamer, und dann war mir das schon klar.
Natürlich ist es schwierig, eine „Schlacht“ mit so vielen Personen so zu beschreiben, dass auch der nicht absolut aufmerksame Leser den Überblick behält. Deshalb halte ich es hier für besonders wichtig, die Handelnden mit Namen oder Charakterisierungen  zu belegen, die man leicht wiedererkennt.
Konkret: in dem Satz oben  wäre statt „mein neuer bester Freund“ ein Ausdruck sinnvoller gewesen, der noch mal seine Eigenart herausstreicht, etwa „der Schlaks“, obwohl das nicht so witzig ist. Aber ich halte Klarheit für wichtiger.

Abgesehen von diesem Stolperer hat mir der Text sehr gut gefallen. Ein kleines Minus vielleicht: der etwas zu lange Dialog im zweiten Teil mit Petra, obwohl der glaubhaft und interessant ist.

Ich finde den Text witzig, herrlich finde ich zum Beispiel:

Zitat
Und da einer der Typen Jens die Flasche über den Schädel donnern wollte, hielt ich eine Grundsatzdebatte über Pazifismus für unangebracht.

Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt.


LG Oldlady

Trippelschritt

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Re: AT: Das Volksfest
« Antwort #3 am: 30 Dezember 2016, 11:23:21 »
Gratulation! Super geschrieben, Mondstern.

Und es ist gar nicht einfach eine Kampfszene zu schreiben. Da hast du die richtige Mischung gefunden. Und so kommt auch Spannung auf.

Übrigens ist das die erste Szene, die ich von Dir gelesen habe, wo der Bildungshunger der Ich-Erzählerin deutlich wird und ihre Zitate und angelesenen Kenntnisse sich harmonisch eingebunden anfühlen. Das war früher nicht immer rund. Aber ich kann dir nicht sagen, wie Du das hinbekommen hast. Könnte an Petras Reaktionen liegen.

Und dann bin ich froh, wenigstens noch eine Korinthe gefnden zu haben.

Zitat
„Nicht? Aber deine Plattitüden sind die Offenbarung, oder was?“, regte ich mich auf. Petra sah mich mit ihren unschuldigen Bambi-Augen erschrocken an.

Dieses ..., regte ich mich auf. ist nicht korrekt. Auf jeden Fall streichen Lektoren das an. Du kanns taber ganz einfach schreiben ...?" Ich regte mich auf. Petra ... Oder wenn Dir das zu abrupt sein sollte: Ich fing an, mich aufzuregen.  Aber ich bevorzuge Deine kurze Variante.

Was wohl aus dieser Petra später geworden ist?

Liebe Grüße
Trippelschritt
Wer bin ich, wer war ich, wer werde ich sein?

merin

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Re: AT: Das Volksfest
« Antwort #4 am: 01 Januar 2017, 21:38:14 »
Hallo Mondstern,

da stolpere ich ins neue Jahr und wer wartet da auf mich: Anja!

Ich komme gut in den Text rein. Gestolpert bin ich hier:

Zitat
„Wenn eine von den Fotzen meine Karre angefasst hat, schlag ich sie alle ins Koma“, knurrte Jens böse vor sich hin.
Wir gingen langsam weiter, hielten Blickkontakt. Ein ungutes Gefühl überkam mich. Ein sehr bekanntes ungutes Gefühl.

In der Beschreibung sind die fünf Typen für mich eindeutig männlich (in meiner Umgebung ist eine Frau kein Typ), daher können sie auch keine Fotzen sein. Ich war irritiert. Und dann weiß ich nicht, wer zu wem Blickkontakt hält. Schauen sie während des Gehens zur Seite und einander an? Oder nach vorn zu den Typen?

Zitat
Ein Dunkelhaariger mit Pferdeschwanz und Baseballkappe lächelte mich an. Als ich ihn erkannte, lächelte ich zurück. Damir, ein Kroate, den Claudia und ich vor einigen Tagen am Stadtbrunnen kennengelernt hatten, und der ziemlich von meiner Schwester begeistert war. Nichts schloss aber auf eine Mitgliedschaft bei den Thunderer.

Bezieht sich das auf jetzt (warum ist er dann da?) oder auf vor einigen Tagen? Dann stimmt die Zeitform nicht.

Beim Kampf weiß ich nicht immer, wer wo steht und was macht, aber das macht mir nichts aus. ich verstehe, wer zu Boden geht und wer agiert, den Rest muss ich nicht wissen. Die Stimmung kommt gut rüber.

Zitat
Murrend hob Jens die Kutte auf, marschierte schnurstracks zum Motorrad und startete die 900er.

Hier würde ich wohl "Jacke" schreiben, weil Kutte doch sehr oft vorkommt.

Zitat
Jan erzählte den anderen, was vorgefallen war und Jens wiederholte es zu meiner Freude noch mal.

Ist das ironisch oder ernst gemeint?

Das Gespräch zwischen Petra und Anja verstehe ich nicht, vielleicht fehlt mir da Vorinformation.

Zitat
Wir hockten noch kurz an den Tisch der Jungs, und der Wirt schenkte die nun wirklich allerletzte Runde aus.

Das ist Lokalkolorit oder? In D müsste es "hockten am Tisch" heißen.

Ansonsten hab ich es gern gelesen und finde, Du bringst die Leute gut rüber.

lg
merin
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Mondstern

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Re: AT: Das Volksfest
« Antwort #5 am: 03 Januar 2017, 01:20:19 »
Wenn Jens und Jan vorher schon mit Nachnamen vorgstellt wurden ist alles ok. Ich selbst musste jetzt zweimal lesen.

Hi Sana
Verständlich. Hatte ich nachträglich editiert.

Zitat
Persönlich finde ich, das die Kraftausdrücke zuviel sind und das etwas überspitzt wirkt.

Okay, finde ich nicht.  ;)
Persönlich mag ich Kraftausdrücke gar nicht, meine Ich-Erzählerin verwendet z.B. so gut wie nie welche.
Danke fürs Feedback
LG Mondstern

Mondstern

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Re: AT: Das Volksfest
« Antwort #6 am: 03 Januar 2017, 01:39:48 »
Hallo Mondstern,
ich freue mich, mal wieder etwas von Dir zu lesen.

Hi Oldlady
Und ich freu mich, dass du wieder etwas dazu sagst.  :)

Zitat
Beim ersten Durchgang bin ich an folgender Stelle durcheinandergekommen:

Zitat
und mein neuer bester Freund hatte sich wieder aufgerappelt und zu seinen Kumpels gestellt.

Da habe ich nicht mehr verstanden, wer wer ist. Deshalb habe ich ab dort noch mal von vorn gelesen, etwas langsamer, und dann war mir das schon klar.

Damir, der Kroate hielt sich von Anfang an raus, ebenso Hauser. „Glatze“ lag am Boden und Walschburger spielte mit van Winkan. Wäre eigentlich nur noch einer übrig.  ;)

Aber ich verstehe dich. Ich kenn die Story halt in und auswendig. Das mit dem in Anführungszeichen setzen habe ich früher so oft gemacht, das mein Korrekturleser motze. Deshalb dachte ich, das geht aus dem Kontext hervor.

Zitat
Natürlich ist es schwierig, eine „Schlacht“ mit so vielen Personen so zu beschreiben, dass auch der nicht absolut aufmerksame Leser den Überblick behält. Deshalb halte ich es hier für besonders wichtig, die Handelnden mit Namen oder Charakterisierungen  zu belegen, die man leicht wiedererkennt.
Konkret: in dem Satz oben  wäre statt „mein neuer bester Freund“ ein Ausdruck sinnvoller gewesen, der noch mal seine Eigenart herausstreicht, etwa „der Schlaks“, obwohl das nicht so witzig ist. Aber ich halte Klarheit für wichtiger.

Verstehe. Das muss ich mir noch mal anschauen. Aber du hast natürlich Recht – Klarheit sollte an erster Position sein.

Zitat
Abgesehen von diesem Stolperer hat mir der Text sehr gut gefallen. Ein kleines Minus vielleicht: der etwas zu lange Dialog im zweiten Teil mit Petra, obwohl der glaubhaft und interessant ist.

Dankeschön.  :)
Ich denke, der Dialog wirkt anders, wenn man mitten im Roman ist, ihn also von Anfang an liest. Petra kommt aus einem völlig anderen „Milieu“, und wird nach und nach zu Anjas bester Freundin. Es ist das erste Mal, das sie über dieses Thema mit jemandem redet, ohne gleich abzublocken oder auszuticken.

Zitat
Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt.

Cool. Sollte das Ding jemals veröffentlicht werden, schick ich dir ein Exemplar.  ;)
Danke fürs Feedback
LG Mondstern

Mondstern

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Re: AT: Das Volksfest
« Antwort #7 am: 03 Januar 2017, 19:17:13 »
Gratulation! Super geschrieben, Mondstern.

Danke für die Blumen. Lob vom Meister tut sehr gut.  :)

Zitat
Und es ist gar nicht einfach eine Kampfszene zu schreiben. Da hast du die richtige Mischung gefunden. Und so kommt auch Spannung auf.

Ja, nicht ganz so einfach. Ich hatte mir Gedanken über den Zeitablauf gemacht, die eigentliche „Handgreiflichkeit“ dauerte ja kaum eine Minute. Vorher und Nachher hatte ich mehr (zeitlichen) Spielraum.

Zitat
Übrigens ist das die erste Szene, die ich von Dir gelesen habe, wo der Bildungshunger der Ich-Erzählerin deutlich wird und ihre Zitate und angelesenen Kenntnisse sich harmonisch eingebunden anfühlen. Das war früher nicht immer rund. Aber ich kann dir nicht sagen, wie Du das hinbekommen hast. Könnte an Petras Reaktionen liegen.

Oh, erst die erste Szene? Ich dachte, ich wäre etwas besser.  ;)
Anja ist nicht überdurchschnittlich intelligent, was sie auszeichnet ist Konsequenz, mit der sie ihre Ziele verfolgt. (zumindest versuche ich sie so zu zeichnen)

Zitat
„Nicht? Aber deine Plattitüden sind die Offenbarung, oder was?“, regte ich mich auf. Petra sah mich mit ihren unschuldigen Bambi-Augen erschrocken an.

Dieses ..., regte ich mich auf. ist nicht korrekt. Auf jeden Fall streichen Lektoren das an. Du kannst aber ganz einfach schreiben ...?" Ich regte mich auf. Petra ... Oder wenn Dir das zu abrupt sein sollte: Ich fing an, mich aufzuregen.  Aber ich bevorzuge Deine kurze Variante.

Verstehe. Man kann aufregen nicht sagen, ebenso wie lächeln oder grinsen. Das Thema hatte ich schon oft. Tolkien war da mit seinem „sagte xxx“ gnadenlos, aber auch recht einfälltig. Ich habe bestimmt 80% meiner gegrinsten Dialoge mittlerweile umgebaut. Bei manchen aber bewusst nicht.
Der Vorteil ist – m. M. – das die Stimmung gleich mit „eingebaut“ werden kann, ohne die Dialog zu verlangsamen.

Übrigens, bei den Neuübersetzungen von Eis und Feuer fiel mir auf, das dort auch öfters mal ein Dialog „gelächelt“ wurde.

Zitat
Was wohl aus dieser Petra später geworden ist?

Anjas beste Freundin. Sie kommt in zwei weiteren Roman-Serien von mir vor.
Danke fürs Feedback
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Mondstern

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Re: AT: Das Volksfest
« Antwort #8 am: 04 Januar 2017, 01:33:28 »
Hi merin
Schön das du etwas zu meinem Text gesagt hast.  :) Ich will die Punkte mal durchgehen.

Zitat
„Wenn eine von den Fotzen meine Karre angefasst hat, schlag ich sie alle ins Koma“, knurrte Jens böse vor sich hin.
Wir gingen langsam weiter, hielten Blickkontakt. Ein ungutes Gefühl überkam mich. Ein sehr bekanntes ungutes Gefühl.

In der Beschreibung sind die fünf Typen für mich eindeutig männlich (in meiner Umgebung ist eine Frau kein Typ), daher können sie auch keine Fotzen sein. Ich war irritiert. Und dann weiß ich nicht, wer zu wem Blickkontakt hält. Schauen sie während des Gehens zur Seite und einander an? Oder nach vorn zu den Typen?

Die liebevolle Bezeichnung von Jens hat weniger was mit dem tatsächlichen Geschlecht zu tun, als eher mit dem für was er die 5 Thunderer hält. Für „Pussys“, für Mädchen. Die wiederum meint er aber nicht Frauenfeindlich – weil er Frauen eigentlich achtet – sondern als Ausdruck tiefster Verachtung. (In dem Fall gegen die 5 Typen. Nicht generell, aber im Zusammenhand das sie sich ausgerechnet an den Bikes postiert haben)
Blickkontakt. Natürlich die eine Gruppe zu der anderen. Und da die einen auf die anderen zugehen …

Zitat
Ein Dunkelhaariger mit Pferdeschwanz und Baseballkappe lächelte mich an. Als ich ihn erkannte, lächelte ich zurück. Damir, ein Kroate, den Claudia und ich vor einigen Tagen am Stadtbrunnen kennengelernt hatten, und der ziemlich von meiner Schwester begeistert war. Nichts schloss aber auf eine Mitgliedschaft bei den Thunderer.

Bezieht sich das auf jetzt (warum ist er dann da?) oder auf vor einigen Tagen? Dann stimmt die Zeitform nicht.

Ich verstehe nicht was du meinst. Anja erkennt einen der Thunderer als jemand, den sie vor ein paar Tagen erst – an einer völlig anderen Stelle – kennengelernt hatte.

Zitat
Beim Kampf weiß ich nicht immer, wer wo steht und was macht, aber das macht mir nichts aus. ich verstehe, wer zu Boden geht und wer agiert, den Rest muss ich nicht wissen. Die Stimmung kommt gut rüber.

Interessant. Nach meiner Vorstellung stehen Jens und sein Herausforderer Walschburger „im Zentrum“. Anja links neben ihm, Jan und Petra rechts. Nur erwähnt hab ich das nirgends?
Da werde ich mal noch einen Satz zufügen.

Zitat
Murrend hob Jens die Kutte auf, marschierte schnurstracks zum Motorrad und startete die 900er.

Hier würde ich wohl "Jacke" schreiben, weil Kutte doch sehr oft vorkommt.

Mein erster Gedanke war – nein. Weil Kutte eben mehr bedeutet als nur Jacke. Aber du hast Recht. Der Begriff fällt zu oft. Werde ich ändern.

Zitat
Jan erzählte den anderen, was vorgefallen war und Jens wiederholte es zu meiner Freude noch mal.

Ist das ironisch oder ernst gemeint?

*lächel* Das Problem hast du öfters bei meinen Texten. Es ist meine Art so zu schreiben. Salopp, ironisch. Vorher hab es z.B. schon zwei ähnliche (weil ironische) Stellen.

Das wird heute definitiv nicht gut ausgehen … Auch weil Walschburger schon eine weiß-grünliche Gesichtsfarbe aufwies.

Er schnappte mehrmals nach Luft, trat wütend eine auf dem Boden liegenden Coladose in die Stratosphäre und baute sich bedrohlich vor Jens auf.

Das ist ähnlich wie bei der Szene, wo jemand ein Bild in der Wohnung aufhängen will, den Nagel ansetzt, sich mit dem Hammer auf die Finger haut und meint: „Na Toll. Das fängt ja gut an.“

Zitat
Das Gespräch zwischen Petra und Anja verstehe ich nicht, vielleicht fehlt mir da Vorinformation.

Es geht um Angst. Die hatte Petra und darüber grübelt sie. Auch ohne Vorinformationen erfährt der Leser hier doch einige „Fakten“ und „Indizien“ um sich – zumindest mal einen oberflächlichen Reim machen zu können. Oder nicht?

Zitat
Wir hockten noch kurz an den Tisch der Jungs, und der Wirt schenkte die nun wirklich allerletzte Runde aus.

Das ist Lokalkolorit oder? In D müsste es "hockten am Tisch" heißen.

Hier verstehe ich auch nicht was du meinst. Da sie erst an den Tisch gehen (von der Bar) finde ich es korrekt. Klär mich auf.  :)

Danke fürs Feedback
LG Mondstern

merin

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Re: AT: Das Volksfest
« Antwort #9 am: 04 Januar 2017, 09:05:59 »
Hallo Mondstern,

Zitat
Die liebevolle Bezeichnung von Jens hat weniger was mit dem tatsächlichen Geschlecht zu tun, als eher mit dem für was er die 5 Thunderer hält. Für „Pussys“, für Mädchen. Die wiederum meint er aber nicht Frauenfeindlich – weil er Frauen eigentlich achtet – sondern als Ausdruck tiefster Verachtung.

Das ist zutiefst frauenfeindlich, aber vielleicht einfach milieubedingt. Danke für die Erklärung.

Zitat
Blickkontakt. Natürlich die eine Gruppe zu der anderen. Und da die einen auf die anderen zugehen …

Aus dem Text wird es nicht klar. Auch weil es ja dunkel ist und ich annahm, das Blickkontakt halten zur Gruppe gegenüber erst geht, wenn man schon fast dort ist. Die Stimmung verändert es sehr, wer wen ansieht. Wenn sie einander ansehen, während des Gehens, wirken sie eher überlegt, vorsichtig, fast ängstlich. Wenn sie das Gegenüber ansehen, sicher eher herausfordernd.

Zitat
Ich verstehe nicht was du meinst. Anja erkennt einen der Thunderer als jemand, den sie vor ein paar Tagen erst – an einer völlig anderen Stelle – kennengelernt hatte.

ja, das wird deutlich. Es wird aber nicht deutlich, ob sie damals dachte "der gehört zu keiner Gang" oder ob sie jetzt denkt "der steht zwar dabei, scheint aber nicht dazu zu gehören". Der verwendeten Zeitform zufolge meinst Du zweiteres, dann würde ich aber erwarten, dass sie eher sowas denkt wie "wieso steht der dann hier?".

Zitat
*lächel* Das Problem hast du öfters bei meinen Texten. Es ist meine Art so zu schreiben. Salopp, ironisch. Vorher hab es z.B. schon zwei ähnliche (weil ironische) Stellen.

Die anderen sind für mich eindeutig ironisch. Du hast sie auch durch eine herausstechende Sprache (Fremdwörter!) als ironisch markiert.

Zitat
Es geht um Angst. Die hatte Petra und darüber grübelt sie. Auch ohne Vorinformationen erfährt der Leser hier doch einige „Fakten“ und „Indizien“ um sich – zumindest mal einen oberflächlichen Reim machen zu können. Oder nicht?

Ja, ich denke schon.

Zitat
Hier verstehe ich auch nicht was du meinst. Da sie erst an den Tisch gehen (von der Bar) finde ich es korrekt. Klär mich auf.

Achso. Das hieße hier: "Sie hockten sich noch kurz an den Tisch der Jungs (eigentlich Jungen, aber umgangssprachlich kann es gut Jungs heißen)".... Also meines Erachtens ist hocken im Hochdeutschen in dieser Bedeutung reflexiv. Aber da es ja die Erzählung von Anja ist und diese nicht deutsch-deutsch spricht, ist das vielleicht auch egal. Es kann auch gut sein, dass das jemandem aus Süddeutschland nicht auffiele.

lg
merin
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Mondstern

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Re: AT: Das Volksfest
« Antwort #10 am: 06 Januar 2017, 01:34:46 »
Hi merin
Danke für die Rückmeldung.

Zitat
Das ist zutiefst frauenfeindlich, aber vielleicht einfach milieubedingt. Danke für die Erklärung.

Ich finde, es ist einfach asozial. Als Hobbyschreiberin muss ich aber auch solche Charaktere zeichnen.

Zitat
Blickkontakt.
Aus dem Text wird es nicht klar. Auch weil es ja dunkel ist und ich annahm, das Blickkontakt halten zur Gruppe gegenüber erst geht, wenn man schon fast dort ist. Die Stimmung verändert es sehr, wer wen ansieht. Wenn sie einander ansehen, während des Gehens, wirken sie eher überlegt, vorsichtig, fast ängstlich. Wenn sie das Gegenüber ansehen, sicher eher herausfordernd.

Hm, interessant. Ich werde meinen Text dahingehend noch mal überarbeiten.

Zitat
Es wird aber nicht deutlich, ob sie damals dachte "der gehört zu keiner Gang" oder ob sie jetzt denkt "der steht zwar dabei, scheint aber nicht dazu zu gehören". Der verwendeten Zeitform zufolge meinst Du zweiteres, dann würde ich aber erwarten, dass sie eher sowas denkt wie "wieso steht der dann hier?".

Ahhh … jetzt weiß ich was du meinst. Ja, ich werde das ändern.

Zitat
Aber da es ja die Erzählung von Anja ist und diese nicht deutsch-deutsch spricht, ist das vielleicht auch egal.

*lach*
Vielleicht lass ich meinen Roman mal als Sonderedition ins Deutsche übersetzen  ;)

LG Mondstern  :lava:

merin

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Re: AT: Das Volksfest
« Antwort #11 am: 06 Januar 2017, 10:31:11 »
Wer weiß, vielleicht wäre Anja auf deutsch megalangweilig. :devgrin: Und darin, dass in Büchern auch asoziale Charaktere und Arschlöcher vorkommen dürfen müssen, stimme ich mit dir völlig überein.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Trippelschritt

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Re: AT: Das Volksfest
« Antwort #12 am: 06 Januar 2017, 11:49:42 »
Für mich ist diese höchst individuelle Erzählstimme ein Teil meines Lesevergnügens

Trippelschritt
Wer bin ich, wer war ich, wer werde ich sein?

schmurr

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Re: AT: Das Volksfest
« Antwort #13 am: 18 Januar 2017, 17:16:37 »
Toll geschrieben! Tolkien benutzt immer "sagte", weil bei den Angelsachsen guter Stil ganz anders definiert wird als bei uns: http://usaerklaert.wordpress.com/2006/10/08/plain-english-fur-komplizierte-deutsche/  (Den Link habe ich aus meinem Sprachen-Buch)  ;)