27 Januar 2021, 19:52:54

Autor Thema: Fremder Kurzgeschichte  (Gelesen 1729 mal)

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Sana

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Fremder Kurzgeschichte
« am: 16 Januar 2017, 20:16:54 »
Mein Mann sagt, das sei zum Himmel schreiend kitschig.Aber was frage ich auch einen Mann?
Nebeninfo:
Emma ist ein Bastard, dessen adeliger Vater sie aber anerkannt hatte und sie sogar verheiraten wollte. Leider aber kam es vor der Eheschließung zu einer Vergewaltigung und der Ehevertrag platzte.Sie wurde in ein Kloster gegeben, aus dem sie dann aber letztenendes flüchtete.Sie fand in einer verlassenen Hütte in einem Wald Unterschlupf.
Dort findet dann der schwer zugerichtete Söldner Thomas ebenfalls Unterschlupf. Verständlicherweise ist Emma aber nicht mehr besonders gut auf Männer zu sprechen...(und es spielt im Mittelalter, aber ich denke, das kann man sich denken?)

******************************************************
„Ich mag es nur einfach nicht, wenn man mir nahe kommt! Ich verstehe auch gar nicht, wie andere Frauen so etwas schön finden können!“
Thomas Blick verhärtete sich. Reden, das merkte er, würde hier nichts bringen.
„Darf ich dir etwas zeigen?“ fragte er stattdessen und in Emmas Augen blitzte Argwohn auf, trotzdem nickte sie zögernd.
Er streckte seine rechte Hand aus und strich sachte über ihre Wange.
„Wie ist das?“
„I-ich weiß nicht...“ antwortete Emma unsicher, wollte schon zurückschrecken, als er ihr Gesicht in beide Hände nahm, unterließ es dann aber doch, weil er seine Stirn gegen ihre legte.
Thomas meinte, sie müsse seine Anspannung fühlen, die Selbstbeherrschung, die ihn fast auffraß, doch gegen ihn wirkte Emma fast entspannt, beinahe ahnungslos.
Doch als er  sich ihren Lippen näherte, weiteten sich ihre Augen und Emma wollte ausweichen, da verlor Thomas für einen Moment seine Beherrschung und seine Hände umfassten fester ihr Gesicht, lockerte seinen Griff aber wieder sofort.
„Entschuldige.“ murmelte er und lies seine Stirn gegen ihre Schulter fallen, atmete tief durch.
Sein Herz klopfte in seiner Brust, schnell, stolpernd, wie ihres. Was sollte sie jetzt tun?
Es fühlte sich an wie eine halbe Ewigkeit, in der keiner der beiden etwas sagte oder sich rührte und wahrend Emma sich spürbar beruhigte, tobte in Thomas ein Chaos von Gefühlen.
Natürlich hatte er schon bei anderen Frauen gelegen, aber das war etwas völlig anderes gewesen.Eine willige Magd , die genauso wie er nur einfaches Vergnügen gesucht hatte oder eine Trosshure, für ein paar blanke Münzen.
Hier , in diesem Moment, wo er Emma im Arm hielt,sein Gesicht in ihren Haaren verborgen,  fühlte es sich an, also würde er seine Seele vor ihr blank ziehen.
Thomas hatte noch nie jemanden eine andere Seite von sich gezeigt, als seine rohe,  harte Art und bis jetzt noch nicht mal geahnt, das er auch eine andere Seite besaß.
Oder der junge Mann hatte es vergessen.
„Ist es das, was du meinst?“ flüsterte sie fast.
„Ist es...“ murmelte er.
Sein Herz raste immer noch, nur wieso?
„Es gibt da noch so viel mehr.“
Sachte  begann er ihren Hals zu küssen , wanderte zu ihrem Ohr hinauf, nahm dann wieder ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie zärtlich auf den Mund. Ihre Finger krallten sich überrascht in sein Hemd, eine angenehme Gänsehaut überzog ihren Körper und war enttäuscht, als Thomas sich wieder von ihr löste.
Jetzt entfloh Emma ein erstaunter Laut, über ihre eigenen Gefühle,so das Thomas fassungslos feststellte, wie unschuldig sie trotz allem  noch war.
Seine Beherrschung drohte verloren zu gehen und Thomas packte die junge Frau um ihre Taille, fegte die Schüssel mit dem Teig vom Tisch und setzte sie ab.
„Mach mit  mir was du willst, aber tue es.“
Sonst musste er es tun und das  wäre vielleicht das Ende vom Anfang.
In Emmas Augen glomm etwas auf, was Thomas zum ersten mal nicht deuten konnte und sie fasste mit beiden Händen in seine schwarzen Haare und zog ihn zu sich.
„Wenn du schon nicht hier bleiben willst...“ flüsterte sie in sein Ohr, quälend süß,“ dann musst du mich mitnehmen.“
Alles, wenn sie nur nicht aufhörte...
Thomas konnte nur nicken, bevor sie ihn wieder küsste. Er würde sie zu einer ehrbaren Frau machen und nicht zulassen, das irgendein anderer Mann die leise aufglimmende Flamme löschte, die er gerade in ihr entfacht hatte.
Er wünschte sich Fesseln,um seine Hände bei sich behalten zu können, als Emma sein Hemd aufknöpfte, mit  ihren Fingern über seine Brust fuhr, stoppte.
„Meine erste Fehde.“ erklärte Thomas mit rauer Stimme seine Narbe, einfach um abgelenkt zu sein, seine Hände still zu halten.
Ihre Finger wanderten weiter, löste den Schwertgurt und lies die Waffe klirrend zu Boden fallen.
Sie rutschte vom Tisch, begann mit der einen Hand scheu mit seinem Hosenbund zu spielen und zog ihn mit der Linken wieder zu sich, um ihm noch einen Kuss zu stehlen.

Okay, es geht noch weiter...aber den ganzen Akt wollte ich auch nicht posten  :rotwerd: :biggrin:
Und es ist auch die einzige Szene solcherart(bei 7 kurzen Kapiteln, auf 14 Seiten im Word).Also, ist es wirklich so kitschig?



LaHallia

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Re: Fremder Kurzgeschichte
« Antwort #1 am: 16 Januar 2017, 21:20:17 »
Hi Sana,

kitschig? Ja, finde ich schon. Wenn das die Art Geschichte ist, die du Schreiben willst (kurzer Heftroman?), dann passt das sicher.
Was mich etwas stört ist, dass die Frau nach einer Vergewaltigung sicherlich keinen Mann so nahe ran lassen würde. Und es ihr sicherlich auch nicht gefallen würde. Ich denke, in diesem Moment würde sie keine schaurig schöne Gänsehaut bekommen, sondern Flashbacks.
DAS ist mein eigentliches Problem an dem Text. Wenn es ein Auszug aus einem 300 seitigen Roman wäre und es auf diesen 300 Seiten darum geht, wie Emma ihr Trauma verarbeitet und Thomas lieben lernt und ihre Gefühle (bezüglich Männer und Sex wieder normalisiert) und dieser Auszug auf Seite 280 stehen würde, dann wäre es für mich ok.
So finde ich es ziemlich unwahrscheinlich. Vielleicht kann man die Vergewaltigung weglassen und ihr stattdessen einen körperlichen Makel (Klumpfuß, Schielen, was weiß ich was im Mittelalter verpönt war) geben, der den Herren dazu bewogen hat die Verlobung zu lösen, aber Thomas egal ist?

Liebe Grüße,
LaHallia
Sie müssen erzählerische Risiken eingehen. Vor allem aber: niemals versuchen, den anderen zu gefallen. Sie müssen so hoch zielen, dass Sie ganz tief fallen können. Dann vielleicht haben Sie Erfolg. (Frank Schätzing)

merin

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Re: Fremder Kurzgeschichte
« Antwort #2 am: 16 Januar 2017, 21:44:21 »
Hi Sana,

oh, da fällt es mir schwer, sachlich zu bleiben. Ich hoffe, ich schaffe es, etwas dazu zu schreiben, ohne zu kränkend zu sein.
Ich finde das Hauptproblem des Textes ist nicht Kitsch, sondern Sexismus: Da ist eine Frau mit Gewalterfahrung, die eigentlich keinen Sex will, dann aber gegen ihren Willen verführt wird und das dann auch noch schön findet. Ich bin ... ähm ... mir fällt kein passendes Wort ein. Irritiert? Erschrocken? Schockiert? All so was: Dass eine Frau so etwas schreibt. Angesichts der aktuellen Art, wie in der Öffentlichkeit über Vergewaltigungen gesprochen wird, finde ich das ganz schrecklich. Und auch noch unlogisch. Die Frau müsste total irre sein, wenn sie das gut finden sollte. Eher würde sie in Schockstarre fallen oder um sich schlagen.
Das also zum Inhalt.

Zur Form: Ja, ich finde es kitschig. Für mich wird nicht klar, wie die beiden zueinander stehen, warum sie sich darauf einlässt, wieso er sie rumkriegen will usw. Ein  großes Problem ist auch die unklare Perspektive, die immer wieder von ihm zu ihr und zurück wechselt.

So weit erstmal.
LG
merin
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Sana

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Re: Fremder Kurzgeschichte
« Antwort #3 am: 16 Januar 2017, 21:54:17 »
Diese Flashbacks hatte sie schon in dem einen oder anderen Kapitel zuvor(und die Vergewaltigung liegt etwas länger zurück).
Besonders nachdem Emma erfährt, dass Thomas fälschlicherweise selbst einer Vergewaltigung beschuldigt wurde, woran er sich aber keinesfalls erinnern kann, weil er an dem Abend etwas über den Durst getrunken hatte.
Gut, muss ich mir überlegen, ob sich das was längeres draus machen lässt.Nicht, das es mir an Ideen fehlt, es hapert nur am Können der richtigen Recherche.

Merin: Sexitisch?
Hätte sie nein gesagt, hätte er es gelassen.
« Letzte Änderung: 16 Januar 2017, 22:00:01 von Sana »

Aure

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Re: Fremder Kurzgeschichte
« Antwort #4 am: 16 Januar 2017, 22:32:24 »
Sexistisch, weil es den Eindruck erweckt, dass eine Frau, auch wenn sie eigentlich nicht will, mit nur genug Nachdruck verführt werden kann.
"Ich mag das nicht." "Doch, das ist schön!" (grabschgrabsch) "Oh! OH wie wundervoll. Nimm mich!"

Ich finde aber schon - erschlagt mich nicht - dass Verführung so funktionieren kann. Auch eine Frau, die vergewaltigt wurde, kann wieder Lust empfinden. Für mich wäre ausschlaggebend, wie sicher sie sich bei ihm fühlt.
Allerdings ist das die erste Begegnung der beiden.

Sana, ich werfe dir mal einen ganzen Eimer voll Realismus hin, von dem ich nicht der Meinung bin, dass davon alles in deine Geschichte muss - pick dir raus, was du magst, wenn du magst.
(Es gibt natürlich zeitlich und regional teilweise große Unterschiede.)

Für eine Adlige war es schon tödlich (im übertragenen Sinn) in einer Situation mit einem Mann gewesen zu sein, in der es zu einer sexuellen Handlung hätte kommen können. Die beiden alleine in einem Zimmer, verschlossene Tür? Skandal! Grund genug für den Ehemann in Spe, die Hochzeit abzusagen. Oder vorsorglich das erste Kind töten zu lassen, das diese Frau gebären wird.
Natürlich kann man die Jungfräulichkeit von der Kirche feststellen lassen, aber:
- man ist dann als Adliger abhängig von der Kirche
- es ist ein weitaus größerer Skandal, wenn es überhaupt zu einer solchen Untersuchung kommen muss, als eine Ehe abzusagen
- es ist nicht gesagt, dass die Kirche der Untersuchung auch wirklich zustimmt und sie durchführt, immerhin handelt es sich bei Emma um einen Bastard. Ein uneheliches Kind.

Was mich zu einem weiteren Punkt führt: Es ist fraglich, ob ein Kloster sie aufgenommen hätte. Es war schwer genug, einen Priester zu finden, der einen Bastard überhaupt getauft hat. Auch wenn der Vater sie anerkannt hat - das ist eine weltlich Anerkennung, keine der Kirche oder vor Gott. Immerhin ist sie in Sünde entstanden.
Wenn der Vater sehr wohlhabend war, oder einflussreich, dann vielleicht ja.
Aber dann wären die meisten Ehemänner in Spe Trottel, wenn sie sie nicht heiraten. Man kann das erste Kind ja wie gesagt töten lassen, um sicher zu gehen.

Es ging immer um Erbschaften. Um Ansprüche. Wenn ein Anspruch angezweifelt werden konnte, dann war das ganz, ganz schlecht. Das hieß noch nicht, dass man den Anspruch durchsetzen konnte, aber es legitimierte es zum Beispiel, um den Anspruch Krieg zu führen.
Und Erbfolge war dafür nun einmal ausschlaggebend.
Das heißt aber auch, dass die Familie eher versucht hätte, die Sache unter den Teppich zu kehren. Wie hat der Ehemann von der Vergewaltigung überhaupt erfahren?

Du könntest die Geschichte vielleicht anders aufbauen - ohne Vergwaltigung.
Vielleicht ist der Söldner der erste Mann, der sie
- beschützt?
- respektiert?
- nicht wie eine Ware behandelt?

Oder vielleicht macht sie erst mit, weil sie
- es nicht anders gewohnt ist?
- Angst vor ihm hat?
- resigniert?
Er bemerkt das und hört auf. Was eben nicht selbstverständlich ist. Und du gibst den beiden etwas mehr Zeit?

---
Ich mag manche deiner Formulierungen sehr gerne. Im Rahmen des Genres. :)
We are not nouns, we are verbs. I am not a thing – an actor, a writer – I am a person who does things – I write, I act – and I never know what I am going to do next. I think you can be imprisoned if you think of yourself as a noun.
(S. Fry)

Sana

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Re: Fremder Kurzgeschichte
« Antwort #5 am: 17 Januar 2017, 00:27:08 »
"Ich mag das nicht." "Doch, das ist schön!" (grabschgrabsch) "Oh! OH wie wundervoll. Nimm mich!"
Um Gottes Willen, nein. Kommt auch keinesfalls so vor.
Ich kenne das aus der japanischen Hentaiecke. Und da hilft mir auch nicht der kulturelle Aspekt , um dem etwas abgewinnen zu können.
Wie hat der Ehemann von der Vergewaltigung überhaupt erfahren?
Sie hat den Mund aufgemacht, weil sie sich wehren wollte.Daraus schlussfolgere ich auch für mich selbst, das eine Frau dann auch durchaus in der Lage ist weitere Opfernrollen zu durchbrechen und Nähe zuzulassen.
Natürlich war es schwer, eine Gewaltat zu beweisen, aber auch dort gab es Regeln. Zerissene Kleidung z.B. die offentsichtlich beweist, das sich zur Wehr gesetzt wurde.
Und Erbfolge war dafür nun einmal ausschlaggebend.
Sind Söhne da nicht gefährlicher, als unwichtige Töchter?
Es ist fraglich, ob ein Kloster sie aufgenommen hätte.
Mit der passenden Mitgfit schon.Eine bessere Stellung im Kloster, als mehr als nur eine einfache Nonne, die nur nur als Dienstmagt funktionierte, war aber fraglich.
Geldgierig sind sie alle...

Du könntest die Geschichte vielleicht anders aufbauen - ohne Vergwaltigung.
Vielleicht ist der Söldner der erste Mann, der sie
- beschützt?
- respektiert?
- nicht wie eine Ware behandelt?

Ich könnte es auf eine versuchte Vergewaltigung abschwächen? Das Reichte auch schon um einen Makel aufgedrückt zu bekommen. Erschwerend kommen noch ihre rot-blonden Haare hinzu und der Vorwurf, das sie als Hexe verführt hätte. Thomas erster Gedanke, als er sie sah Vom Teufel geküsst(und nein, so schnell brannten Hexen nicht im Mittelalter)
Und er erfüllt alle drei "Auflagen", wenn auch auf seine etwas  ungeschickte Art.

Allerdings ist das die erste Begegnung der beiden.

Meinst du damit, die erste intime Begenung oder erste Begegnung?
Erste Begenung, er erwacht und stellt fest nicht mehr alleine in der Hütte zu sein.Und sie sitzt mit einem Schühacken bewaffnet in der Ecke und lauert...

Und du gibst den beiden etwas mehr Zeit?
Ich arbeite dran

Und Merin, ich muss sagen, das irtiert mich:
Ein  großes Problem ist auch die unklare Perspektive, die immer wieder von ihm zu ihr und zurück wechselt.

Ich habe aktuell einen Roman liegen, da wird im Kapitel zwischen Psychater und Missbrauchopfer gewechselt.
Da brauche ich konkret den Fehler bei mir.



merin

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Re: Fremder Kurzgeschichte
« Antwort #6 am: 17 Januar 2017, 10:11:00 »
Die Frage nach dem Sexismus hat Aure ja schon beantwortet. Auf mich wirkt es genau so.

Zitat
Hätte sie nein gesagt, hätte er es gelassen.

Sie sagt ja nein. Sehr deutlich. Aber er lässt es nicht und - oh hoppala - sie will doch.

Zitat
"Ich mag das nicht." "Doch, das ist schön!" (grabschgrabsch) "Oh! OH wie wundervoll. Nimm mich!"
Um Gottes Willen, nein. Kommt auch keinesfalls so vor.

Wenn das also so nicht vorkommen soll, dann musst Du es umschreiben. Denn genau das steht, verkürzt für mich im Text:

Zitat
„Ich mag es nur einfach nicht, wenn man mir nahe kommt! Ich verstehe auch gar nicht, wie andere Frauen so etwas schön finden können!“
Thomas Blick verhärtete sich. Reden, das merkte er, würde hier nichts bringen.
„Darf ich dir etwas zeigen?“ fragte er stattdessen und in Emmas Augen blitzte Argwohn auf, trotzdem nickte sie zögernd.
Er streckte seine rechte Hand aus und strich sachte über ihre Wange.
„Wie ist das?“

Sie sagt, er solle ihr nicht nahe kommen. Er fragt, ob er etwas zeigen dürfe. Ich als Leserin denke, ist das eine Finte oder wird er ihrer Bitte Folge leisten? Es erweist sich als Finte: Er grabbelt sie an - und fragt sie auch noch, wie sie das findet, obwohl sie doch vorher gesagt hat, niemand solle ihr nahe kommen. Dann hat er aber nichts Besseres zu tun, als ihr noch mehr auf die Pelle zu rücken und sie lässt es zu. Und findet es einige Absätze weiter unten schön.

Zitat
Besonders nachdem Emma erfährt, dass Thomas fälschlicherweise selbst einer Vergewaltigung beschuldigt wurde, woran er sich aber keinesfalls erinnern kann, weil er an dem Abend etwas über den Durst getrunken hatte.

Das verstehe ich nicht. Wieso wird er fälschlicherweise beschuldigt? Offenbar war er ja so besoffen, dass er es getan haben könnte. Und was will sie von so einem Typen?

Zitat
Ich finde aber schon - erschlagt mich nicht - dass Verführung so funktionieren kann. Auch eine Frau, die vergewaltigt wurde, kann wieder Lust empfinden. Für mich wäre ausschlaggebend, wie sicher sie sich bei ihm fühlt.

Eine Verführung kann so funktionieren. Es ist das sexistische Bild einer Verführung gegen den Willen der Frau, die  nicht weiß, was gut für sie ist. Natürlich gibt es solche Fälle wirklich. Aber sie bleiben nicht ohne Folgen. Und die Frage ist: Worum soll es in dieser Szene gehen? Warum ist sie im Buch?
Die Frage, ob eine vergewaltigte Frau wieder Lust empfinden kann, sehe ich davon sehr losgelöst. Natürlich kann sie, sage ich auch vor fachlichem Hintergrund. Und bei manchen dieser Frauen wird Sicherheit eine Rolle spielen, bei anderen das Spiel mit dem Feuer und bei wieder anderen noch was anderes. Sicher fühlt sich die Frau in der Szene auf jeden Fall nicht.

Vielleicht lässt sich das Problem aber schon teilweise lösen, wenn Du, Sana, eine klarere Perspektive einnimmst. Aus wessen sich soll diese Szene erzählt werden?
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Aure

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Re: Fremder Kurzgeschichte
« Antwort #7 am: 17 Januar 2017, 11:57:42 »
Zitat
Eine Verführung kann so funktionieren. Es ist das sexistische Bild einer Verführung gegen den Willen der Frau, die  nicht weiß, was gut für sie ist. Natürlich gibt es solche Fälle wirklich. Aber sie bleiben nicht ohne Folgen. Und die Frage ist: Worum soll es in dieser Szene gehen? Warum ist sie im Buch?

Ich habe mich schräg formuliert, glaube ich.
Ich meine, eine Verführung kann so funktionieren, dass man zu etwas verführt wird, von dem man sich vorher nicht vorstellen kann, dass es einem gefallen könnte.
Das ist für mich etwas ganz anderes, als eine deutliche Abneigung vor etwas oder gar Angst zu haben.
Was Emma sagt klingt für mich nicht nach Angst vor Berührung, wenn ich nicht weiß, dass sie vergwwaltigt wurde.
Natürlich klingen gerade Vergewaltigungsopfer oft beschönigend, und sind nicht mehr gut in der Lage, klar NEIN zu sagen.

Es ist für gewisse Genres auch sehr typisch, dass genau mit diesen Klischees gespielt wird. Sehr maskuliner, oft unbeherrschter, "wilder" Mann (oft auch in Verbindung mit übernatürlicher Wildheit), der dann "der einen" Frau begegnet, die Sanftheit in ihm weckt, aber auch den Zwang, sie "in Besitz" zu nehmen, auf sexualisierte, animalische Art.
Als Gegenpart hat man dann toughe Frauen (auf die eine oder andere Art tough), die sich in diesen Mann verlieben und mit seiner überschäumenden Dominanz (oft in Form von übertriebenem Beschützerinstinkt oder Dominanzgehabe anderen Männern gegenüber) "umgehen".
In diesen Geschichten wird sehr klar, dass sie sich nicht vor ihm fürchten muss und unter keinen Umständen von ihm verletzt werden würde. Wie realistisch es ist, dass sie diese Sicherheit empfindet, steht auf einem anderen Blatt.
Da wird viel mit "Seelenverwandtschaft"/"dem einen richtigen Partner" gespielt.
Es ist "gottgegeben" klar, dass dieser Mensch mein Gegenpart ist, dass ich mein Leben in seine Hände legen kann, etc.
Das wird gerne gelesen. Ich habe mich eine Zeit lang viel mit der Materie befasst, weil ich für mich einige Fragen klären wollte.

Das nur als Info am Rande. Meine persönliche Meinung dazu ist wieder zu komplex, um sie knapp zusammenzufassen, das bräuchte eine ausführliche Diskussion.

Mehr zum eigentlichen Text / zu Sana später. :)
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(S. Fry)

Sana

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Re: Fremder Kurzgeschichte
« Antwort #8 am: 17 Januar 2017, 13:29:54 »
Zitat
Sie sagt, er solle ihr nicht nahe kommen. Er fragt, ob er etwas zeigen dürfe. Ich als Leserin denke, ist das eine Finte oder wird er ihrer Bitte Folge leisten? Es erweist sich als Finte: Er grabbelt sie an - und fragt sie auch noch, wie sie das findet, obwohl sie doch vorher gesagt hat, niemand solle ihr nahe kommen. Dann hat er aber nichts Besseres zu tun, als ihr noch mehr auf die Pelle zu rücken und sie lässt es zu. Und findet es einige Absätze weiter unten schön.
Er teilt ihr mit wieder aufzubrechen , weil ihm die Gesamtsituation(Emmas unterdrückte Angst und Misstrauen) nicht gefällt.Das drängt sie in die Position der Rechtfertigung-->.„Ich mag es nur einfach nicht, wenn man mir nahe kommt! Ich verstehe auch gar nicht, wie andere Frauen so etwas schön finden können!“

Er hat sie zuvor nie bedrängt.

@Aure: Richtig erfasst und für einen Heftroman finde ich diese Elemnte passend.

Viskey

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Re: Fremder Kurzgeschichte
« Antwort #9 am: 17 Januar 2017, 14:42:44 »
Hi, Sana!

kitschig ... schwer zu beantworten, wenn man sich an anderem viel mehr stört ... Ich hätte jetzt nichts dagegen, wenn Emma, selbst nach einer erfolgten Vergewaltigung, lernt, dass Sex auch gut und schön sein kann. Aber es geht mir hier viel zu schnell, auch wenn dieser Szene schon mehrere ähnlich angelegte vorausgehen. Es sind trotzdem nur ein paar wenige Absätze zwischen "Ich mag das nicht" und "Mach mit mir, was du willst." Das ist dann eher zu wenig kitsch, weil die ganzen Nuancen dazwischen fehlen. - Wobei ich bis jetzt nicht sicher bin, ob das "mach was du willst" von ihr kommt oder von ihm. Da sind die Perspektiven einfach nicht klar genug.
Wie schafft er es denn doch noch, sie für sich zu interessieren? Ein Stirn-an-Stirn und ein Kuss? Sorry, aber selbst wenn ich schon von vornherein "positiv eingestellt" in so eine Situation stolpere, brauch ich da mehr als das. Das funktioniert vielleicht zwischen langjährigen Partnern, die sich lange nicht gesehen haben, aber für ein erstes Mal? No way, Jose.
Du gibst mir als Leser überhaupt keine Chance, mich da hineinzufühlen.

Und dann möchte ich den Sexismus-Aspekt noch um eine Ecke erweitern: Mir ist dieser Kerl vom Lesen her extrem unsympathisch, weil außer Salami-Verstecken scheint er keine Interessen zu haben. Er hat halt grad noch so viel Anstand, dass er eine Frau, von der er weiß, dass sie vergewaltigt wure (?), nicht einfach über den Küchentisch legt und seinen Trieben nachgeht. Selbst wenn er nichts von der Vergewaltigung weiß, dass sie nicht ganz so heiß auf ihn ist, wie er auf sie, das weiß er, sie hat's ihm schließlich gesagt. Trotzdem liegt sein Hauptaugenmerk darauf, wie sehr er sich zurückhalten muss, nicht, wie es ihr geht. Ein Mann, der merkt, dass die Frau nicht will, also wirklich nicht will, und dann immer noch nur spitz ist ... Ne. Da muss ich einee Lanze für die Männer brechen: so schwanzgesteuert sind zum Glück die wenigsten.


Ich bin weder Sexszenen abgeneigt, noch der "seichten" Heftromanliteratur. Aber die Szene braucht noch eine ganze Menge an Arbeit, bis sie bei mir funktioniert. Sorry, aber in der Form fällt die Szene bei mir komplett durch.

lg, Viskey
« Letzte Änderung: 17 Januar 2017, 17:25:20 von Viskey »
"There is no such thing as bad work, just unfinished work." - Eric Idle

Oldlady

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Re: Fremder Kurzgeschichte
« Antwort #10 am: 17 Januar 2017, 16:56:04 »
Hallo Sana,

ja für mich ist es Kitsch. Man könnte nun lange diskutieren, was Kitsch ist. Für mich ist es die klischeehafte Darstellung eines Gefühls.

Beispiele:

Zitat
nahm dann wieder ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie zärtlich auf den Mund.

Dieses „Gesicht in die Hände nehmen“ ist eine typische Kitschroman-Formel.

Zitat
die leise aufglimmende Flamme löschte, die er gerade in ihr entfacht hatte.

auch die "Flamme" ist für mich Klischee.

Leider ist für mich auch der Inhalt nicht glaubhaft. Über Vergewaltigung weiß ich nicht viel, aber  ich denke, dass nach einer solchen Erfahrung die „Flamme“ nicht so leicht  und schnell wieder „entfacht“  werden kann wie in Deiner Story. Ich könnte mir vorstellen, dass sich Vertrauen und Zärtlichkeit langsam entwickeln, wenn die beiden längere Zeit im gleichen Unterschlupf leben. Wenn er an einem Tag leicht, wie zufällig ihre Hand berührt, irgendwann dann wagt, sie zu drücken … also ganz, gaaanz langsam.
Dass Emma nach ein paar sanften Berührungen gleich selbst aktiv wird, kann ich mir gar nicht vorstellen.

Abgesehen davon finde ich die häufigen Perspektivwechsel in der Story verwirrend.

Für mich wäre die Geschichte unlesbar. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass viele Frauen eine solche Story  als Verwirklichung eigener Traum-Szenarien durchaus genießen (wobei ich annehme, dass das Frauen wären, die nie vergewaltigt worden sind ).

Sorry also, gar nicht meins. Aber ich bin auch alles andere als die Zielgruppe.

LG Oldlady

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Re: Fremder Kurzgeschichte
« Antwort #11 am: 17 Januar 2017, 19:44:01 »
Soll es denn ein Heftroman werden? Das ist ja nicht unwichtig zu wissen.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.