16 Januar 2021, 13:16:58

Autor Thema: Der Junge mit den traurigen Augen  (Gelesen 1113 mal)

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Trallala

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Der Junge mit den traurigen Augen
« am: 22 Januar 2017, 14:55:42 »
Liebe Teufel,

ich habe eine Shortstory geschrieben (ca. 60 Seiten) und da ich dazu neige, den Schluß immer sehr kurz zu halten, möchte ich dazu gerne mal Eure Meinung hören.

Was man wissen muss:
Meine Prota heißt Zoe, ihre Mutter ist Alkoholikerin und kurz davor, in eine Entzugsklinik zu gehen. Das Jugendamt ist auf die Familie aufmerksam geworden, so das Zoe in eine Therapiegruppe gehen muss. Sie lernt Dominik kennen, der sich aber total daneben benimmt. Als Entschuldigung lädt er sie ins Kino ein, sie weiß nicht genau, was er von ihr will.
Außerdem hat sie sich die Haare rot gefärbt, was total in die Hose gegangen ist.

Das soll der Schluß sein:

________________

Ich saß auf der Bettkante und sah dabei zu, wie sich der Koffer meiner Mutter immer weiter füllte. Sie würde vier Wochen nicht hier sein, vielleicht sogar länger. Ich war es ja gewohnt, für mich zu sorgen, aber immer alleine zuhause zu sein, das war auch für mich neu. Papa hatte zwar versprochen, abends früher zu kommen, aber ob das klappte, stand in den Sternen.
Würde ich mich einsam fühlen? So ganz alleine in dem großen Haus? Ich musste an Marie denken, die mir geschrieben hatte und mal was mit mir machen wollte. Und an Dominik und das Date heute Abend. War das überhaupt ein Date?
Mama sah zu mir rüber. „Wirst du zurechtkommen, Zoe?“
„Klar.“
Sie ließ das Packen sein, setzte sich neben mich aufs Bett und nahm meine Hand. „Du kannst auch zu Oma ziehen, das weißt du ja.“
Na, schönen Dank auch.
„Nee, geht schon, wirklich.“
Ich hatte einen Kloß im Hals.
Mama streichelte meine Hand. „Ich hab dich lieb, mein Mädchen.“
Der Kloß wurde dicker.
„Es tut mir so leid, was passiert ist. Das mit deinen Freundinnen, meine ich. Und das Jugendamt und diese Gruppe, in die du gehen musst. Es ist alles meine Schuld.“
„Ist okay, Mama. Werde du nur wieder ganz gesund“, presste ich hervor.
„Das habe ich deinem Vater versprochen und dir verspreche ich es auch. Du kannst dich auf mich verlassen.“ Ihre Stimme klang total fremd.
Ich holte einmal tief Luft. Es half nichts, ich heulte. Mama auch.
Zweimal heulendes Elend zum Mitnehmen, bitte!

Als das Taxi kam, begleitete ich Mama zur Tür. Sie nahm mich in den Arm, flüsterte etwas in mein Haar, was ich nicht verstand, gab mir einen Kuss auf die Wange und ging zu dem Wagen. Die Fahrzeugtür ging mit einem dunklen Plopp zu. Und weg war sie.
Ich ging zurück ins Haus, das mir irgendwie leerer vorkam als sonst. Dann gab mein Handy ein Signal.
Eine WhatsApp. „Komödie, Liebe oder Aktion?“
Ich überlegte kurz, was ihm am besten gefallen würde und schrieb zurück. „Aktion.“
Warum wollte der Wunderknabe mit mir ins Kino gehen? Vielleicht hatte er immer noch ein schlechtes Gewissen wegen des Ausrutschers letztens. Ein Date wollte er ganz sicher nicht. Mit mir schon gar nicht. Mit den Haaren!
Eine weitere WhatsApp. „Independence Day 2?“
Großer Gott, so einen Scheiß schaue ich mir ganz sicher nicht an.
„Wann und wo?”, schrieb ich zurück.
„Um acht im Gloria.“
„Ich bin da.“
Ich schaute auf die Uhr, noch vier Stunden. In der Zeit würden sich meine Haare niemals in ihre Ursprungsfarbe zurück verwandeln. Da half auch der stärkste Zauberspruch dieser Welt nichts. Mal abgesehen davon, dass ich keinen einzigen kannte.
Ich ging in mein Zimmer und checkte meine Garderobe. Die Lieblingsjeans war klar. Doch welches Shirt? Das rote, das mir am besten stand, fiel aus. Passte gerade nicht zur Haarfarbe. Das gelbe war auch gut. Also gelbes Shirt und Lieblingsjeans.
Nur, was sollte ich mit diesem Karottenunglück auf meinem Kopf anfangen? Vielleicht eine Haarkur? Oder besser gleich eine Glatze rasieren?
Das würde ihm sicher gefallen, Zoe!
Ich sah in den Spiegel. Ein Ungeheuer mit den hässlichsten Haaren der Welt sah zurück.
Der will kein Date!
Also ist es auch komplett egal, was du anziehst.
Du könntest auch nackt gehen! 
Drei Stunden später hatte ich mir die Haare fünfmal gewaschen. Die Farbe veränderte sich auch. Allerdings nicht zu ihrem Vorteil. Ich hatte nur noch eine Stunde. Eher eine halbe, die andere halbe würde ich für die Fahrt brauchen. Oh Gott, was sollte ich mit diesen verfickten Haaren anstellen?
Setz eine Badekappe auf, sagte eine innere Stimme, die es nicht gut mit mir meinte.

Während ich mich schminkte, versuchte ich den oberen Teil meines Kopfes nicht anzusehen. Dann ging ich zum Schrank, durchsuchte meine Mützen und zog mir eine, die farblich einigermaßen zum Shirt passte, über den Kopf. Es war viel zu warm dafür, aber ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Mit der Mütze ging es einigermaßen, fand ich. Auch wenn der ziemlich dämliche Spruch ´Ich schmeiß alles hin und werd Prinzessin´ draufgedruckt war.
Ich wollte gerade zu meinem Rad gehen, als Papa in die Einfahrt einbog. Mist.
„Hey, willst du noch weg?“, fragte er durch das runtergekurbelte Autofenster.
„Ja, ich geh ins Kino.“
„Das ist … gut. Mit einer Freundin?“
„Ja“, log ich, winkte einmal kurz und weg war ich.

Er wartete vor dem Kino. Das Herzpoltern setzte wieder ein, als ich mein Rad abschloss. Irgendwie gab es offensichtlich einen Zusammenhang zwischen Fahrrad und Herzpoltern, der mir bislang entgangen war. An ihm konnte es ja nicht liegen. Der wollte nur seinen Ausrutscher wieder gut machen.
„Hallo“, sagte ich.
„Hallo“, sagte er. Dann wedelte er mit den Eintrittskarten. „Ich lade dich ein.“
„Danke, das ist aber …“
„Komm, es ist schon kurz vor acht, lass uns noch schnell was zu trinken holen.“
Er stapfte los, ich hinterher.
Mir war warm unter der Mütze, aber ich würde sie auf keinen Fall absetzen.
An der Theke sah er mich fragend an. „Cola?“
„Die bezahl ich aber“, erwiderte ich.
„Kommt gar nicht in Frage, heute zahle ich alles.“ Er zwinkerte einmal kurz.
Wie beim ersten Mal war ich aber nicht ganz sicher, ob es wirklich ein Zwinkern war.
Er bestellte noch Popcorn Extra Large, dann gingen wir in den Kinosaal. Ich machte mich auf zwei langweilige Stunden gefasst. Independence Day. Hallo!
Wir setzten uns in die Mitte der elften Reihe, verstauten unsere Colas in die dafür vorgesehenen Blechdinger, die an dem Vordersitz angebracht waren, und Dominik stellte das Popcorn zwischen uns.
Das Licht ging aus. Werbung.
Unsere Finger berührten sich kurz, als wir beide gleichzeitig in die Popcornbox griffen.
Ein kleiner, gemeiner Blitzschlag durchfuhr mich. Schnell zog ich die Hand wieder weg, legte sie auf meinen Oberschenkel, schaute auf die Leinwand, verstand kein Wort, das dort gesprochen wurde, und hörte meinem Herz beim Poltern zu.
Mit meiner Atmung stimmte auch was nicht.
Das änderte sich nicht wesentlich, als ich seine Hand auf meiner spürte.
Unter meiner Mütze wurde es jetzt unerträglich warm. Er hielt tatsächlich meine Hand.
Es war ein Date!
Das erste in meinem Leben.

___________________

Ist der Schluß zu kurz geraten? Es ist kein Roman, nur eine Kurzgeschichte, dass solltet Ihr bei Eurer Beurteilung bedenken.

Alles andere nehme ich gerne auch.

Vielen Dank
T!









"Das mit dir und mir" - 2014, dtv
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Viskey

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Re: Der Junge mit den traurigen Augen
« Antwort #1 am: 22 Januar 2017, 15:32:58 »
Hi, T!

Ist natürlich schwierig, den Schluß von etwas zu beurteilen, ohne das ganze davor zu kennen. Aber ich bekomme nicht das Gefühl, dass da irgendwas abgewürgt wird. Es ist einfach ein halb-offenes Ende. Die zwei haben ein Date, das ist ein Abschluß einer (dieser?) Geschichte. Es ist das erste, vielleicht das einzige, könnte ja schief gehen. Könnte auch nach drei weiteren Dates erst sein, dass die zwei feststellen, dass es mit ihnen nicht klappt. - Das ist also offen. Und ich mag solche Enden.

Das einzige, wo ich stolpere, ist hier:
Zitat
„Es tut mir so leid, was passiert ist. Das mit deinen Freundinnen, meine ich. Und das Jugendamt und diese Gruppe, in die du gehen musst. Es ist alles meine Schuld.“
Das klingt für mich, als bekäme ich was erklärt, was ich eh schon weiß. Ein einfaches "es tut mir leid" reicht vielleicht schon.

lg, Viskey
"There is no such thing as bad work, just unfinished work." - Eric Idle

merin

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Re: Der Junge mit den traurigen Augen
« Antwort #2 am: 23 Januar 2017, 10:01:03 »
Huhu Trallala,

schade, dass Du uns nicht die ganze Geschichte gönnst. ;)

Ich bin zunächst irritiert, dass Zoe offenbar so viel Zeit hat. Geht sie nicht zur Schule oder Ausbildung? Der Text der Mutter wirkt irgendwie unauthentisch, dazu kann ich aber nicht viel sagen, weil ich die ja nicht kenne.

Zitat
Als das Taxi kam, begleitete ich Mama zur Tür. Sie nahm mich in den Arm, flüsterte etwas in mein Haar, was ich nicht verstand, gab mir einen Kuss auf die Wange und ging zu dem Wagen. Die Fahrzeugtür ging mit einem dunklen Plopp zu. Und weg war sie.
Ich ging zurück ins Haus, das mir irgendwie leerer vorkam als sonst. Dann gab mein Handy ein Signal.
Eine WhatsApp. „Komödie, Liebe oder Aktion?“
Ich überlegte kurz, was ihm am besten gefallen würde und schrieb zurück. „Aktion.“

"Ein Signal"? Nicht besser, es piepte? Tüdelte? Für mich wäre "zum Wagen" flüssiger. Und "ging zu" finde ich irgendwie auch holprig. Bei der Nachricht begreife ich erst spät, dass es um Filme geht. Da müsste es "Action" heißen.

Zitat
Wir setzten uns in die Mitte der elften Reihe, verstauten unsere Colas in die dafür vorgesehenen Blechdinger, die an dem Vordersitz angebracht waren, und Dominik stellte das Popcorn zwischen uns.

Hier ist wieder so ein "an dem". Ich würde diese Erklärung aber ganz streichen, jeder, der mal im Kino war, kennt die Dinger und wenn nicht ist es auch egal, wo die sind.

Zitat
Ist der Schluß zu kurz geraten? Es ist kein Roman, nur eine Kurzgeschichte, dass solltet Ihr bei Eurer Beurteilung bedenken.

Kommt drauf an. Ich hatte schon befürchtet, dass ich das ohne den Rest nicht einschätzen kann. Es wäre ein passendes Ende für eine Geschichte, in der es darum geht, ob jemand sie mag. Oder ob sie einen Freund findet. Wenn aber was anderes Thema ist, dann eher nicht.

Der Abschnitt liest sich insgesamt flüssig, Zoe erscheint recht unbeholfen, aber das soll wohl so. Der Text liest sich gut weg.

Hilft Dir das?

lg
merin
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

scura

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Re: Der Junge mit den traurigen Augen
« Antwort #3 am: 23 Januar 2017, 20:17:39 »
Ich habe diesen Teil gerne gelesen. Ob er zu kurz ist oder wie er zum Rest passt, ist schwer zu sagen. Ich kenne den Rest ja nicht. So hier finde ich ihn nicht zu kurz.



Das soll der Schluß sein:

________________

Ich saß auf der Bettkante und sah dabei zu, wie sich der Koffer meiner Mutter immer weiter füllte. Sie würde vier Wochen nicht hier sein, vielleicht sogar länger. Ich war es ja gewohnt, für mich zu sorgen, aber immer alleine zuhause zu sein, das war auch für mich neu. Papa hatte zwar versprochen, abends früher zu kommen, aber ob das klappte, stand in den Sternen.
Würde ich mich einsam fühlen? So ganz alleine in dem großen Haus? Ich musste an Marie denken, die mir geschrieben hatte und mal was mit mir machen wollte. Und an Dominik und das Date heute Abend. War das überhaupt ein Date?
Mama sah zu mir rüber. „Wirst du zurechtkommen, Zoe?“
„Klar.“
Sie ließ das Packen sein, setzte sich neben mich aufs Bett und nahm meine Hand. „Du kannst auch zu Oma ziehen, das weißt du ja.“
Na, schönen Dank auch.
Schön. Ich mag deine Zoe.
„Nee, geht schon, wirklich.“
Ich hatte einen Kloß im Hals.
Mama streichelte meine Hand. „Ich hab dich lieb, mein Mädchen.“
Der Kloß wurde dicker.
„Es tut mir so leid, was passiert ist. Das mit deinen Freundinnen, meine ich. Und das Jugendamt und diese Gruppe, in die du gehen musst. Es ist alles meine Schuld.“
„Ist okay, Mama. Werde du nur wieder ganz gesund“, presste ich hervor.
„Das habe ich deinem Vater versprochen und dir verspreche ich es auch. Du kannst dich auf mich verlassen.“ Ihre Stimme klang total fremd.
Ich holte einmal tief Luft. Es half nichts, ich heulte. Mama auch.
Zweimal heulendes Elend zum Mitnehmen, bitte!  Das mit dem heulendes Elend zum mitnehmen braucht es hier nicht finde ich.

Als das Taxi kam, begleitete ich Mama zur Tür. Sie nahm mich in den Arm, flüsterte etwas in mein Haar, was ich nicht verstand, gab mir einen Kuss auf die Wange und ging zu dem Wagen. Die Fahrzeugtür ging mit einem dunklen Plopp zu. Und weg war sie.
Ich ging zurück ins Haus, das mir irgendwie leerer vorkam als sonst. Hier passt es noch nicht ganz. Irgendwie leerer ist ja klar... Den Satz lese ich und denke mir Nanonana
Dann gab mein Handy ein Signal.  Mein Handy piepste. Gab ein Signal klingt komisch
Eine WhatsApp. „Komödie, Liebe oder Aktion?“
Ich überlegte kurz, was ihm am besten gefallen würde und schrieb zurück. „Aktion.“
Das ist gut. Zeigt wie unsicher sie ist bezüglich Jungs
Warum wollte der Wunderknabe mit mir ins Kino gehen? Vielleicht hatte er immer noch ein schlechtes Gewissen wegen des Ausrutschers letztens. Ein Date wollte er ganz sicher nicht. Mit mir schon gar nicht. Mit den Haaren!
Eine weitere WhatsApp. „Independence Day 2?“
Großer Gott, so einen Scheiß schaue ich mir ganz sicher nicht an.
„Wann und wo?”, schrieb ich zurück.
„Um acht im Gloria.“
„Ich bin da.“
Ich schaute auf die Uhr, noch vier Stunden. In der Zeit würden sich meine Haare niemals in ihre Ursprungsfarbe zurück verwandeln. Da half auch der stärkste Zauberspruch dieser Welt nichts. Mal abgesehen davon, dass ich keinen einzigen kannte.
Ich ging in mein Zimmer und checkte meine Garderobe. Die Lieblingsjeans war klar. Doch welches Shirt? Das rote, das mir am besten stand, fiel aus. Passte gerade nicht zur Haarfarbe. Das gelbe war auch gut. Also gelbes Shirt und Lieblingsjeans.
Nur, was sollte ich mit diesem Karottenunglück auf meinem Kopf anfangen? Vielleicht eine Haarkur? Oder besser gleich eine Glatze rasieren?
Das würde ihm sicher gefallen, Zoe!
Ich sah in den Spiegel. Ein Ungeheuer mit den hässlichsten Haaren der Welt sah zurück.
Der will kein Date!
Also ist es auch komplett egal, was du anziehst.
Du könntest auch nackt gehen! 
Drei Stunden später hatte ich mir die Haare fünfmal gewaschen. Die Farbe veränderte sich auch. Allerdings nicht zu ihrem Vorteil. Ich hatte nur noch eine Stunde. Eher eine halbe, die andere halbe würde ich für die Fahrt brauchen. Oh Gott, was sollte ich mit diesen verfickten Haaren anstellen?
Setz eine Badekappe auf, sagte eine innere Stimme, die es nicht gut mit mir meinte.

Während ich mich schminkte, versuchte ich den oberen Teil meines Kopfes nicht anzusehen. Dann ging ich zum Schrank, durchsuchte meine Mützen und zog mir eine, die farblich einigermaßen zum Shirt passte, über den Kopf. Es war viel zu warm dafür, aber ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Mit der Mütze ging es einigermaßen, fand ich. Auch wenn der ziemlich dämliche Spruch ´Ich schmeiß alles hin und werd Prinzessin´ draufgedruckt war.
Ich wollte gerade zu meinem Rad gehen, als Papa in die Einfahrt einbog. Mist.
„Hey, willst du noch weg?“, fragte er durch das runtergekurbelte Autofenster.
„Ja, ich geh ins Kino.“
„Das ist … gut. Mit einer Freundin?“
„Ja“, log ich, winkte einmal kurz und weg war ich.

Er wartete vor dem Kino. Das Herzpoltern setzte wieder ein, als ich mein Rad abschloss. Irgendwie gab es offensichtlich einen Zusammenhang zwischen Fahrrad und Herzpoltern, der mir bislang entgangen war. An ihm konnte es ja nicht liegen. Der wollte nur seinen Ausrutscher wieder gut machen.
„Hallo“, sagte ich.
„Hallo“, sagte er. Dann wedelte er mit den Eintrittskarten. „Ich lade dich ein.“
„Danke, das ist aber …“
„Komm, es ist schon kurz vor acht, lass uns noch schnell was zu trinken holen.“
Er stapfte los, ich hinterher.
Mir war warm unter der Mütze, aber ich würde sie auf keinen Fall absetzen.
An der Theke sah er mich fragend an. „Cola?“
„Die bezahl ich aber“, erwiderte ich.
„Kommt gar nicht in Frage, heute zahle ich alles.“ Er zwinkerte einmal kurz.
Wie beim ersten Mal war ich aber nicht ganz sicher, ob es wirklich ein Zwinkern war.
Er bestellte noch Popcorn Extra Large, dann gingen wir in den Kinosaal. Ich machte mich auf zwei langweilige Stunden gefasst. Independence Day. Hallo!
Wir setzten uns in die Mitte der elften Reihe, verstauten unsere Colas in die dafür vorgesehenen Blechdinger, (die sind doch aus Plastik oder?) die an dem Vordersitz angebracht waren, und Dominik stellte das Popcorn zwischen uns.
Das Licht ging aus. Werbung.
Unsere Finger berührten sich kurz, als wir beide gleichzeitig in die Popcornbox griffen.
Ein kleiner, gemeiner Blitzschlag durchfuhr mich. Schnell zog ich die Hand wieder weg, legte sie auf meinen Oberschenkel, schaute auf die Leinwand, verstand kein Wort, das dort gesprochen wurde, und hörte meinem Herz beim Poltern zu.
Mit meiner Atmung stimmte auch was nicht.
Das änderte sich nicht wesentlich, als ich seine Hand auf meiner spürte.
Unter meiner Mütze wurde es jetzt unerträglich warm. Er hielt tatsächlich meine Hand.
Es war ein Date!
Das erste in meinem Leben.

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Ist der Schluß zu kurz geraten? Es ist kein Roman, nur eine Kurzgeschichte, dass solltet Ihr bei Eurer Beurteilung bedenken.

Alles andere nehme ich gerne auch.

Vielen Dank
T!

Mir gefällts.
Ich denke Zoe ist noch jünger. So um die 15? Sie will sich taff geben, ist aber eigentlich noch sehr unsicher.
Wunderbar dargestellt.

merin

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Re: Der Junge mit den traurigen Augen
« Antwort #4 am: 23 Januar 2017, 21:19:27 »
Stimmt, das heulende Elend zum Mitnehmen war mir auch zu viel.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

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Re: Der Junge mit den traurigen Augen
« Antwort #5 am: 25 Januar 2017, 15:37:33 »
Hallo Ihr Lieben,

vielen Dank für Eure Rückmeldung.

merin: Soll ich hier wirklich sechzig Seiten einstellen?  :devgrin:

Alternativ kann ich es Dir mal schicken, wenn Du wirklich interessiert bist, ist aber noch eine Rohfassung.

Das heulende Elend ist gestrichen  :biggrin:

Gruß
T!
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Re: Der Junge mit den traurigen Augen
« Antwort #6 am: 26 Januar 2017, 18:08:34 »
Stimmt, Du hast Shortstory und 60S. hingeschrieben - für mich sind 60 Seiten keine Shortstory mehr, keine Ahnung wie da die Definition ist. Einstellen lassen sich 60 S. natürlich nicht in einem Ruck. Ich les sie trotzdem gern, ob du sie mir fertig geben magst, oder zum Rösten, kannst Du Dir aussuchen.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Trallala

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Re: Der Junge mit den traurigen Augen
« Antwort #7 am: 28 Januar 2017, 15:02:10 »
hi merin,

kannst Du mir bitte noch mal Deine emailadresse per PN übermitteln, ich finde sie nicht mehr.

Merci und einen schönen Samstag

T!
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Re: Der Junge mit den traurigen Augen
« Antwort #8 am: 23 August 2017, 17:43:44 »
Wow, 60 Seiten als Kurzgeschichte? o.O Ich würde auf 60 Seiten wahrscheinlich eher 30 Kurzgeschichten unterbringen :biggrin:
Ich hoffe, du sucht noch nach einer weiteren Meinung.

Zitat
Die Fahrzeugtür ging mit einem dunklen Plopp zu.

Macht eine Tür tatsächlich 'Plopp'? :dontknow:

Zitat
„Komödie, Liebe oder Aktion?“ [...] „Aktion.“

Ich bin nicht überzeugt von deiner Idee, das englische Genre "Action" einzudeutschen. Guckt man sich heutzutage statt "Actionfilmen" wirklich "Aktionsfilme" an?

Zitat
Großer Gott, so einen Scheiß schaue ich mir ganz sicher nicht an.
„Wann und wo?”, schrieb ich zurück.

Der Unterschied zwischen dem Gedachten und dem Gesagten gefällt mir.

Zitat
„Um acht im Gloria.“
„Ich bin da.“

Warum ist sie denn jetzt schon da? Sie soll doch erst um acht kommen! Vielleicht lieber "Ich werde da sein"? Wäre m.E. aber auch etwas ungebräuchlich, vermutlich würde sie eher sowas antworten wie "okay" oder "bis dann".

Zitat
Oh Gott, was sollte ich mit diesen verfickten Haaren anstellen?

Auch wenn das so ziemlich die Sprachrealität der Jugendlichen widergibt solltest du vielleicht überdenken, ob du das wirklich so in einem Jugendroman schreiben möchtest.

Zitat
Wir setzten uns in die Mitte der elften Reihe, verstauten unsere Colas in die dafür vorgesehenen Blechdinger, [...]

Für mich klingt "verstauten unsere Colas in den dafür vorgesehenen Blechdingern" besser. Also etwas 'irgendwo' verstauen anstatt 'irgendwohin'. Vielleicht ist meine Möglichkeit aber auch einfach umgangssprachlich und deine Variante klingt für mich nur ungewohnt.

Zitat
Unsere Finger berührten sich kurz, als wir beide gleichzeitig in die Popcornbox griffen.
Ein kleiner, gemeiner Blitzschlag durchfuhr mich. Schnell zog ich die Hand wieder weg, legte sie auf meinen Oberschenkel, schaute auf die Leinwand, verstand kein Wort, das dort gesprochen wurde, und hörte meinem Herz beim Poltern zu.

Ich kenne wahrscheinlich kein Klischee, das so oft benutzt wird, wie das zufällige Berühren der Hände beim Aufheben von etwas oder beim Popcorn essen. Irgendwie stört es mich hier aber nicht mal, weil das Ganze stimmig wirkt.

Zitat
Mit meiner Atmung stimmte auch was nicht.
Das änderte sich nicht wesentlich, als ich seine Hand auf meiner spürte.

Den zweiten Satz verstehe ich nicht wirklich. Sie will sagen, dass ihr Herzschlag nicht noch schneller wird, als er seine Hand absichtlich auf ihre legt? Aber das müsste doch eigentlich so sein, oder? Warum macht sie das nicht noch aufgeregter?
Ich könnte mich wohl eher noch mit sowas anfreunden: "Dass er seine Hand auf meine legte, machte es auch nicht gerade besser", falls du das "nicht wesentlich ändern" eher in diesem Sinne meinst. Allerdings glaube ich, dass du aus der Stelle noch mehr herausholen könntest, wenn du einen komplett anderen Satz wählst und eher das Magische in diesem Moment betonst, als sich ihre Hände absichtlich berühren.


Bis auf die paar Kleinigkeiten habe ich diesen Schluss aber wirklich gerne gelesen. Ehrlich gesagt, dieser "Schluss" könnte m.E. schon fast als eigenständige Kurzgeschichte durchgehen. Es ist eine schöne und einfache, aber fesselnde und berührende Handlung. Das Einzige, was mir dann fehlen würde, wäre die Tiefe der Charaktere, insbesondere des Jungen. Aber das Alkoholproblem der Mutter brauche ich persönlich gar nicht in dieser Geschichte, so wie ich sie jetzt erlebt habe.
« Letzte Änderung: 23 August 2017, 17:47:37 von Supertim99 »

scura

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Re: Der Junge mit den traurigen Augen
« Antwort #9 am: 23 August 2017, 20:25:54 »
Zitat
Oh Gott, was sollte ich mit diesen verfickten Haaren anstellen?

Auch wenn das so ziemlich die Sprachrealität der Jugendlichen widergibt solltest du vielleicht überdenken, ob du das wirklich so in einem Jugendroman schreiben möchtest.


Sorry aber das finde ich süß!
 :wasbesseres: Was ist bloß mit der heutigen Jugend los, wenn die schon anmerken das man da aber ein böses Wort verwendet hat... ch ch ch

So nun ernst... ich habe im meiner Geschichte auch immer wieder quasi "Schimpfwörter" oder halt eben unfeine Begriffe... aber wenn die Prota eben so eine ist und eben genauso denkt... dann muss das so sein. Ich finde es nicht schlimm. Und fände es auch nicht schlimm wenn meine Kinder so etwas in Zukunft läsen täten. Auch wenn sie jünger wären. Das ergibt ja dann auch eine gute Gelegenheit darüber zu reden...

merin

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Re: Der Junge mit den traurigen Augen
« Antwort #10 am: 24 August 2017, 10:21:46 »
Ich mag sowas auch, gerade im inneren Monolog. Mein Pako ist ja nicht mehr jugendlich, aber ein grandioser Flucher vor dem Herrn.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Oflinitrium

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Re: Der Junge mit den traurigen Augen
« Antwort #11 am: 24 August 2017, 21:08:13 »
Hey liebe trallala,
schön mal wieder was in dieser Rubrik lesen zu können.

Ich finde den Text ziemlich gelungen und er lässt sich flüssig lesen. Ohne irgendetwas über die Geschichte zu wissen: Ich mag deine Zoe und ich mag ihre Mum!

Zitat
Zitat
„Es tut mir so leid, was passiert ist. Das mit deinen Freundinnen, meine ich. Und das Jugendamt und diese Gruppe, in die du gehen musst. Es ist alles meine Schuld.“
Das klingt für mich, als bekäme ich was erklärt, was ich eh schon weiß. Ein einfaches "es tut mir leid" reicht vielleicht schon.
Aus eigener Erfahrung mit Alkoholikern weiß ich, dass diese, gerade wenn sie einen moralischen Moment haben, sehr ausführlich und blumig sich für alles mögliche entschuldigen. Ich hab noch nie einen kennen gelernt der sich mit einem einfachen "Entschuldigung" begnügt hätte. Realistischer wäre es sogar, wenn die Mum danach noch weiter ausholen wöllte und von Zoe unterbrochen wird, aber ich denke so wie es ist hast du einen sehr schönen Mittelweg.

Zitat
Ich holte einmal tief Luft. Es half nichts, ich heulte. Mama auch.
Zweimal heulendes Elend zum Mitnehmen, bitte!
schade, dass der bei den andern nicht so gut ankommt... ist mein Lieblingssatz/Abschnitt im ganzen Text  :wasbesseres:

Ich mag die Unbeholfenheit von Zoe zusammen mit ihrer Stärke, die sie selbst vielleicht gar nicht wahrnimmt. Die Mutter einer Ex-Freundin war Alkoholikerin und du hast meiner Meinung nach ein Gespür für das Verhalten einer Teenie-Tochter deren Mutter ein Suchtproblem hat. Das Einzige was ich wirklich vermisst habe, ist dass Zoe daran zweifelt, dass ihre Mum es schafft.

Zitat
„Es tut mir so leid, was passiert ist. Das mit deinen Freundinnen, meine ich. Und das Jugendamt und diese Gruppe, in die du gehen musst. Es ist alles meine Schuld.“
„Ist okay, Mama. Werde du nur wieder ganz gesund“, presste ich hervor.
„Das habe ich deinem Vater versprochen und dir verspreche ich es auch. Du kannst dich auf mich verlassen.“ Ihre Stimme klang total fremd.
Bevor wir zweimal heulendes Elend zum Mitnehmen auf der Bettkante sitzen haben, wäre ein kleiner Einschub wie "Etwas war anders als sonst, vielleicht war das endlich mal keine Lüge." oder etwas ähnliches recht passend. Alkoholiker versprechen dreimal am Tag, dass sie aufhören werden und fangen an die Flaschen zu verstecken. Ich weiß jetzt nicht wie fortgeschritten der Zustand von ihrer Mutter ist, aber wenn sie in eine Entzugsklinik muss, denke ich doch, dass sie bereits mehrfach ihre Tochter belogen hat und diese deswegen berechtigte Zweifel hat. Natürlich wollen wir ein Happy-End und natürlich wäre es schön, wenn Zoe positiv in die Zukunft schaut, aber ich hätte trotzdem gerne zumindest einen minimalen Restzweifel irgendwo den sie mit einem positiven Gedanken verknüpft.

Zitat
Zitat
Großer Gott, so einen Scheiß schaue ich mir ganz sicher nicht an.
„Wann und wo?”, schrieb ich zurück.

Der Unterschied zwischen dem Gedachten und dem Gesagten gefällt mir.
Kann ich nur uneingeschränkt zustimmen. Gute Arbeit!

Zitat
Oh Gott, was sollte ich mit diesen verfickten Haaren anstellen?
Ich denke das ist Geschmackssache ob einem das gefällt oder nicht...mich würde es nur stören, wenn sie es zu jemandem sagen würde aber als Monolog mit sich selbst gefällt es mir gut. Wenn die innere Stimme anfängt zu fluchen, wird das ungefiltert getan, deswegen hats mir gut gefallen.

Zitat
Ist der Schluß zu kurz geraten? Es ist kein Roman, nur eine Kurzgeschichte, dass solltet Ihr bei Eurer Beurteilung bedenken.

Nein, höchstwahrscheinlich nicht. Es ist ein angenehmes Pacing mit einem etwas offenem aber passenden Ende. Ob er vollständig zur Geschichte passt kann ich natürlich nicht sagen, aber ich hatte nicht das Gefühl unterbrochen oder abgewürgt zu werden. Im Gegenteil, dadurch, dass du sie im Kino nicht richtig aufpassen lässt und die Detailtiefe ein wenig zurückschraubst und auf den Jungen fokussierst hast du bei mir ein wenig das Gefühl ausgelöst wie man es aus dem Radio kennt wenn der Song 10 Sekunden vor Schluss immer leiser wird, bevor die Nachrichten anfangen.
« Letzte Änderung: 24 August 2017, 21:10:30 von Oflinitrium »
Die Werke die ich am meisten liebe, sind gleichzeitig die, die ich am meisten kritisiere. Im Grunde ist es so, dass eine ausführliche Kritik meinerseits auch eine Anerkennung und ein Glückwunsch ist, denn wenn es einfach nur schlecht wäre, würde ich mir gar keine Gedanken darüber machen.