20 Januar 2021, 10:46:57

Autor Thema: Erster Eindruck vom Schreibstil 2.0  (Gelesen 854 mal)

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Oflinitrium

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Erster Eindruck vom Schreibstil 2.0
« am: 10 April 2017, 12:19:30 »
Ich habe jetzt den Text (http://www.federteufel.de/forum/index.php/topic,1843.0.html) ein wenig überarbeitet und versucht eure Kritikpunkte umzusetzen.
Ich habe eine Art Intro dran gehängt, welches in den Kontext passt um auch den männlichen Prota und seine Situation ein wenig besser zu beleuchten, weil da doch einige drüber gestolpert sind. Allerdings ist dieses Intro eher eine Art Zusammenfassung des vorigen Tages den ich ihn komplett erleben lasse. Ich wollte damit hauptsächlich die Figur griffiger machen.
Auf den Umstand, dass Jennifer seinen Schlüssel hat bin ich jetzt nicht näher darauf eingegangen, weil ich sonst eine Stelle beschreiben müsste, die ca. 30-40 Seiten zuvor spielt. Es ist halt so und beide Seiten sind Okay damit.

Zu den Sternchen:
* Schatten ist eine Art inoffizieller Beruf. Jeder weiß, dass es sie gibt, offiziell hat niemand etwas mit ihnen zu tun und trotzdem verdienen sie ihr Geld. Im Grunde nehmen sie alle Tätigkeiten an die während der Nacht zu erledigen sind wie z.B. Diebstahl, Spionage, Mord, Schmuggel, überbringen von geheimen Botschaften etc. Dabei legt jeder Schatten selbst fest, auf welche Aufträge er sich einlässt. Jennifer ist spezialisiert auf Diebstahl und Spionage. Von Botengängen lässt sie die Finger, weil sie nicht zwischen die Fronten von Regierung und Rebellen geraten will und für beide Seiten Aufträge annimmt. (Was der Prota natürlich nicht weiß). Mordaufträge hatte sie bisher nur angenommen, wenn sie um ihre Existenz bangen musste und auch immer nur weit entfernt von ihrer Heimatstadt.

** Hat einen persönlichen Grund weswegen dieser Satz bleibt. Man könnte ihn höchstens ein wenig besser integrieren, aber nicht rausschmeißen. Die Haare trägt sie im Übrigen gewohnheitsmäßig als Zopf, weil es ihr lieber ist, wenn Außenstehende sie auf den ersten Blick für einen Mann halten, solange sie ihrer Arbeit nachgeht und so rutschen ihr auch keine Haare ins Gesicht. Vielleicht benutze ich ihn auch als eine Art Parodie, wenn die Charaktere sich unterhalten und einer den andern veralbern will, aber das ist zu detaillierte Zukunftsmusik. Stand jetzt würde er so in der Art vorkommen.
 
"Was für ein Tag." Ich streckte mich und gähnte ausgiebig. Endlich war ich zuhause angekommen und konnte die Tür hinter mir verriegeln. Achtlos hing ich meinen Mantel an den unzureichend eingeschlagenen Nagel neben der Tür und zog meine Stiefel aus. Das ständige Gepolter der Absätze auf den Dielen machte mich auf Dauer nur reizbar. Da waren mir die Sandalen um einiges lieber. Erst auf dem Weg zur kleinen Kochstelle spürte ich die Anspannung des Tages langsam von mir abfallen. Von den geplanten Erledigungen hatte ich, Dank diesem elenden Spion des Statthalters, so gut wie nichts in Angriff nehmen können. Den gesamten Tag war ich damit beschäftigt gewesen meine Spuren zu verwischen. Ein Treffen mit Dagur wäre unter diesen Umständen blanker Selbstmord gewesen.
'Er wird es verkraften... Nur bringt mir das auch nichts, wenn es jetzt zum Normalzustand wird, dass ich auf Schritt und Tritt beobachtet werde und ihn überhaupt nicht mehr kontaktieren kann...'
Leise fluchend setzte ich einen Kessel Wasser auf und begann mir die Zutaten für einen Kräutertee zusammen zu suchen.
Ich brauchte Dagur und seine Bande von Idealisten für mein Vorhaben. Ohne sie waren meine Erfolgsaussichten ziemlich schlecht.
‘Hoffentlich lässt sich wenigstens diese Jennifer heute blicken.'
Sie war jetzt mein heißestes Eisen im Feuer. Oder besser gesagt, mein letztes. Doch sie hatte seit drei Tagen nichts von sich hören lassen. Sicherlich, sie würde nicht auftauchen ehe sie die vereinbarten Informationen zusammengetragen hatte, doch das Warten zehrte an meinen ohnehin schon strapazierten Nerven. Müde ging ich mit meinem Tee zum gepolsterten Stuhl vorm Kamin, lehnte mein Schwert an die hohe Lehne und entspannte die müden Glieder.
Ein Scharren an der Tür ließ mich aus dem Sessel hochfahren. Ich musste eingenickt sein, denn draußen war es bereits dunkel. Regungslos starrte ich auf die Tür und lauschte. Ein leises Klimpern, wie von Schlüsseln, drang an mein Ohr. 'Jennifer...?' Nur sie besaß einen zu meiner Tür, doch nach diesem Tag konnte ich nicht vorsichtig genug sein. Ich griff nach meinem Schwert und durchquerte den Raum ohne ein Geräusch zu verursachen. Gerade als ich mich an die kühle Wand lehnte, klickte das Schloss und die Tür schwang auf. Darauf konzentriert ruhig zu bleiben, beobachtete ich wie eine vermummte Gestalt den Raum betrat. Sie schien sich sicher zu fühlen und machte Anstalten die Tür zu schließen.
'Zu unachtsam!'
Noch ehe sie sich ganz umgedreht hatte, trat ich vor und legte ihr meine Klinge an die Kehle. 
"So spät noch zu Besuch bei Fremden?" fragte ich betont gelassen.
"So spät noch wach und nichts Besseres zu tun als harmlose Schatten* zu bedrohen?", entgegnete eine vertraute Stimme.
“Was ist los?”, fragte Jennifer, “dachtest du ich versage und man schickt dir einen Mordbuben, oder bist du davon ausgegangen, dass ich dich verrate und dir einen Dolch in den Rücken ramme?"
"Beides", brummte ich und ließ die Klinge sinken.
Sie seufzte in meinem Rücken, als ich die Tür abschloss.
"Langsam begreife ich, warum du in deinem Alter noch keine Frau gefunden hast. Du bist viel zu schwarzseherisch. Und außerdem...", sie sah mich vorwurfsvoll an während sie die Kapuze zurück schob, "...wäre es ein Kinderspiel dich zu ermorden, wenn du mir den Rücken zudrehst." Damit wandte sie sich ab und öffnete ihren geflochtenen Zopf während sie auf das wärmende Kaminfeuer zuging. Eine Kaskade leicht gelockter, kastanienbrauner Haare ergoss sich über ihren Rücken.**
"Wenn du mich sofort töten wolltest, hättest du das längst getan", pflichtete ich ihr bei. "Doch wer sagt mir, dass du nicht einfach erst Informationen über mich auskundschaften sollst, ehe du mich umbringst?"
Sie grinste ehe sie zum Kamin ging und sich auf meinen Sessel fläzte.
"Mmh, es gibt also Informationen über dich, von denen du glaubst, dass ich sie noch nicht in Erfahrung gebracht habe und die deinen Tod rechtfertigen würden?", fragte sie neugierig. "Meine Güte ich muss schon sagen du verstehst dich, auf eine dramatische Art und Weise, darauf dich interessant zu halten." Der Spott in ihrer Stimme war unüberhörbar, doch der Blick den sie mir zuwarf ließ sich nur als kokett bezeichnen.
‘Kaum angekommen und schon spielt sie ihr Spiel mit mir. Hoffentlich hat sie wenigstens irgendwas Brauchbares herausbekommen, falls nicht…’ Ich biss mir auf die Zunge um den aufkommenden Gedanken zu unterdrücken. Ich musste mich auf das hier und jetzt konzentrieren. Alles andere würde sich danach ergeben.
"Überspringen wir den Teil in dem du dich gleichzeitig über mich lustig machst und deinen sogenannten 'Charme' versprühst, um mich aufs Glatteis zu führen", entgegnete ich leicht genervt. Es fiel mir schwer einzuschätzen, ob sie tatsächlich mit mir spielte oder ob das einfach ihre natürliche Art war.
“Erzähl mir lieber was du herausgefunden hast." forderte ich sie auf, während ich mir den Hocker zum Feuer zog und mich neben sie setzte.

Was sie ihm im Detail erzählt, bleibt wahrscheinlich sogar Offscreen und wird dem Leser nur nach und nach enthüllt während der Plan, den sie gemeinsam ausarbeiten ausgeführt wird.

Ich bin neugierig wie ihr den Text dieses Mal wahrnehmt. Bereits letztes Mal hat es ja doch häufiger dazu gereicht, dass sich die Leser die Fragen gestellt haben, die sie sich stellen sollten. Nach der konstruktiven Kritik empfinde ich selbst den Text um einiges griffiger und ansprechender. Auch die Kommas dürften dieses Mal nicht mehr ganz so katastrophal sein (hoffe ich ._.).  Viel besser bekomme ich die Szene derzeit nicht hin und mich würde vor allem natürlich ein Vergleich zum ersten Versuch interessieren und ob-/ wie sehr- ich mich gesteigert habe.

Danke schonmal im Vorraus und schonmal schöne Ostern, an alle die wegfahren oder schon weggefahren sind =)

Edit -Letzte Änderung:-: Die vorgenommenen Änderungen betreffen nicht den Text selbst, sondern nur die Erklärungen vor und nach der Szene.
« Letzte Änderung: 10 April 2017, 15:44:25 von Oflinitrium »
Die Werke die ich am meisten liebe, sind gleichzeitig die, die ich am meisten kritisiere. Im Grunde ist es so, dass eine ausführliche Kritik meinerseits auch eine Anerkennung und ein Glückwunsch ist, denn wenn es einfach nur schlecht wäre, würde ich mir gar keine Gedanken darüber machen.

kass

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Re: Erster Eindruck vom Schreibstil 2.0
« Antwort #1 am: 13 April 2017, 06:00:11 »
Hi Ofli,

ja, ich weiß, wie frustrierend das ist, wenn man das zu hören kriegt, und ich fühle mit dir, aber - nach meinem Empfinden - ist es nicht besser, sondern schlechter geworden. Verschlimmbessert, wie es so makaber heißt.

Die Neugier, der Überraschungseffekt - futsch.

In der vorherigen Fassung hat der Anfang Spannung aufgebaut. Es wurden Fragen aufgeworfen, was gut ist, denn das erzeugt Neugier. Hier war ich gleich gelangweilt und habe natürlich damit gerechnet, dass es Jennifer ist, weil du sie ja ankündigst. Ein Teil des Wegfalls der Spannung kann natürlich auch darin begründet sein, dass ich in der Zwischenzeit ja ohnehin weiß, dass sie es ist.

Will sagen, ich würde dabei bleiben, mit "Ein Scharren vor der Tür ..." die Szene zu beginnen. Alles, was du jetzt davor gesetzt hast, würde ich wieder streichen.

Sorry ... aber leider ging es mir so beim Lesen. Wir sind ja hier noch im Schnellimbiss. Vielleicht, frag mal das Modteam, solltest du den Text lieber richtig auf den Grill hauen für detaillierte Röstungen?

LG
Kass

Merkzettel für mich: Nicht ins Höllenfenster stellen!
(Experiment für Gedächtnistraining, Klappe 1)

Sana

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Re: Erster Eindruck vom Schreibstil 2.0
« Antwort #2 am: 13 April 2017, 09:43:12 »
Zum Schreibstil: Mich reißen seine Gedankengänge raus. Die passen  nicht zum übrigen Text.

Spielt das im Mittelalter? Spielen da noch Fantasyeinflüsse eine Rolle?
Ich mit ergebener Leser von rein historischen Romanen und deswegen gefallen mir einige Formuliereungen nicht.
Zum Beispiel:

Sie grinste ehe sie zum Kamin ging und sich auf meinen Sessel fläzte.




Noch ehe sie sich ganz umgedreht hatte, trat ich vor und legte ihr meine Klinge an die Kehle. 
Ich fände da einen Dolch handlicher.^^

Oflinitrium

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Re: Erster Eindruck vom Schreibstil 2.0
« Antwort #3 am: 13 April 2017, 10:25:16 »
@Kass Verstehe das Problem, dass du ansprichst und habe mir das bereits gedacht. Wie gesagt habe ich mit diesem Abschnitt versucht ein wenig Vorwissen wegzunehmen und den Charakter mehr zu beleuchten. Vielleicht ließe sich hier mit einem Kapitelumschwung arbeiten. Sodass der obere Abschnitt das alte Kapitel beendet und das neue Kapitel mit "Ein Scharren an der Tür" beginnt.
Ich hätte auch noch einen anderen Charakter der zeitgleich in einem anderen Land sehr aktiv ist. Ich könnte ein Kapitel über ihn ohne Probleme zwischen die beiden Kapitel setzen. Dadurch hat man als Leser nicht mehr sofort auf dem Schirm, dass der eigentliche Prota auf dem Sessel eingepennt ist.

PS: Ich denke für eine richtige Röstung gibt die Szene zu wenig her und spielt zusehr in der Mitte der Geschichte.^^


@Sana Es wird ein Phantasyroman mit mittelalterlichen Einflüssen.
Was du mit dem Gedanken ansprichst wirft mich jetzt ein wenig in einen Zwiespalt, denn ich verwende diese ja mit Absicht so, dass sie etwas Abseits vom Text stehen. Die Geschichte spielt ja bereits zu weiten Teilen in der 1. Person und diese Gedankengänge sollen in der Situation nur kurze prägnante Einblicke in seine momentanen und konkreten Gedanken geben. Ist es eher etwas, was dir nicht gefällt oder etwas was objektiv betrachtet den Text zerstört?

Was den Dolch angeht ist er zwar handlicher jedoch glaube ich, dass es nicht Schaden kann etwas Distanz zwischen sich und einen Gegner zu bringen, der potentiell mit vielen unterschiedlichen (auch vergifteten) Waffen ausgestattet ist. Würde ich statt dem Schwert einen Dolch einbauen, müsste sich der Feind nicht einmal umdrehen um z.B. eine vergiftete Nadel oder Klinge dem Prota in den Oberschenkel zu rammen. Auch wäre das nicht zwangsweise ein Todesurteil für den Attentäter, wenn dieser es schafft den Dolch vom Prota für einen kurzen Augenblick von sich wegzudrücken und es würde ja schon reichen sich das zuzutrauen um einen Versuch zu riskieren.

fläzte: Ich habe keine passenden Synonyme für diesen Begriff gefunden die mir in der Situation gefallen würden.^^
« Letzte Änderung: 14 April 2017, 11:49:33 von Oflinitrium »
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Viskey

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Re: Erster Eindruck vom Schreibstil 2.0
« Antwort #4 am: 13 April 2017, 12:33:28 »
Hallo!

Also das ...
Zitat
Vielleicht ließe sich hier mit einem Kapitelumschwung arbeiten.
... ist dann keine Frage mehr von Schreibstil, sondern da geht's dann ans eingemachte, und dafür wäre dann tatsächlich eine richtige Röstung der Weg der Wahl, bzw. eine grundsätzliche Diskussion über die Struktur deines Romans. Was passiert, warum passiert es, worauf wirkt sich das aus?


Zitat
Ich denke für eine richtige Röstung gibt die Szene zu wenig her und spielt zusehr in der Mitte der Geschichte.

Mitte der Geschichte macht nichts. Mußt du nur dazuschreiben und ev. die eine oder andere nötige Vorinformation, ohne die die Szene nicht verständlich ist. (zB: Er steckt in Schwierigkeiten, sie soll ihm da wieder raushelfen.)
Dass die Szene nicht viel hergibt  ... das liegt an dir, das zu ändern. Ich finde, da steckt schon einiges drin. Er ist besorgt, vielleicht hat er sogar Angst. Sie ist selbstsicher bis zur Fehlerhaftigkeit. Die zwei sind sehr unterschiedlich, es gibt eine potentielle Gefahr (sie könnte ihn doch verraten haben oder wenigstens mit dem Gedanken spielen ... er könnte Szenarien entwerfen, was er in dem Fall am besten tun könnte ...) Da steckt Potential zu vielem drin.

Und ganz nebenbei bekommst du dann auch ein paar Antworten zu deinem Stil. Das bleibt nie aus. Also einfach mal über den Schatten springen und rauf auf den Rost! ;) (Geht eh hier auch schon Richtung Röstung)

lg, Viskey
"There is no such thing as bad work, just unfinished work." - Eric Idle

Oflinitrium

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Re: Erster Eindruck vom Schreibstil 2.0
« Antwort #5 am: 13 April 2017, 13:12:07 »
Mmhh eigentlich gehts mir ja Primär darum ob/wie die Szene wirkt. Darauf, dass jeder Satz auseinander genommen wird habe ich (noch) keine Lust. Ich mach mir halt direkt Gedanken zur Kritik und schreibe sie auf, weil ich sie mir nicht behalten kann bis ich irgendwann heute Abend nach Hause komme. Und auf einen Zettel schreiben ist schlecht möglich, da mein Chef es nicht gerne sehen wird wenn 60% von meinem Schreibtisch mit Notizen zu meinem Buch zugekleistert ist... Mitagspause hin oder her.^^
Die Werke die ich am meisten liebe, sind gleichzeitig die, die ich am meisten kritisiere. Im Grunde ist es so, dass eine ausführliche Kritik meinerseits auch eine Anerkennung und ein Glückwunsch ist, denn wenn es einfach nur schlecht wäre, würde ich mir gar keine Gedanken darüber machen.

merin

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Re: Erster Eindruck vom Schreibstil 2.0
« Antwort #6 am: 15 Juni 2017, 16:01:43 »
Hallo Ofli,

endlich habe ich etwas Zeit für Deinen Text. Wir sind ja hier im Schnellimbiss, da will ich nicht zu sehr ins Detail gehen. Für mich gibt es im Einstieg eine deutliche Verbesserung des Stils. Leider ist er für mich aber immer noch holprig, mich hauen vor allem kleine Fehler oder Unstimmigkeiten raus, die ich mal beispielhaft benenne:

Zitat
Achtlos hing ich meinen Mantel an den unzureichend eingeschlagenen Nagel neben der Tür und zog meine Stiefel aus. Das ständige Gepolter der Absätze auf den Dielen machte mich auf Dauer nur reizbar. Da waren mir die Sandalen um einiges lieber. Erst auf dem Weg zur kleinen Kochstelle spürte ich die Anspannung des Tages langsam von mir abfallen.

hängte - nicht hing
nur reizbar - warum nur?
erst auf dem Weg - warum erst? Es ist nach meinen Gefühl keine Minute vergangen.

Sowohl im Satz davor als auch in dem danach sind zudem noch Zeitformenfehler. Und auch Groß- und Kleinschreibung ist im weiteren Text nicht immer korrekt.

Auch irritierende Absätze gibt es, wie hier:

Zitat
"So spät noch wach und nichts Besseres zu tun als harmlose Schatten* zu bedrohen?", entgegnete eine vertraute Stimme.
“Was ist los?”, fragte Jennifer, “dachtest du ich versage und man schickt dir einen Mordbuben, oder bist du davon ausgegangen, dass ich dich verrate und dir einen Dolch in den Rücken ramme?"

Wenn Du den Absatz streichst kannst Du auch das "fragte Jennifer" streichen. Genau das Gleiche gibt es später noch einmal:

Zitat
"Überspringen wir den Teil in dem du dich gleichzeitig über mich lustig machst und deinen sogenannten 'Charme' versprühst, um mich aufs Glatteis zu führen", entgegnete ich leicht genervt. Es fiel mir schwer einzuschätzen, ob sie tatsächlich mit mir spielte oder ob das einfach ihre natürliche Art war.
“Erzähl mir lieber was du herausgefunden hast." forderte ich sie auf, während ich mir den Hocker zum Feuer zog und mich neben sie setzte.

Absatz weg und ranrücken, dann ist klar, wer spricht.

Zitat
Sie grinste ehe sie zum Kamin ging und sich auf meinen Sessel fläzte.

Ich sprech aus Erfahrung: Offene lange Haare stören beim Flätzen. Wieso sie die Haare öffnet ist mir völlig unklar. Will sie ihn anflirten? Sie tut das ja danach, aber ich bin mir nicht sicher, ob Du willst, dass für den Leser unklar bleibt, was sie da macht und warum.

Insgesamt finde ich den Text deutlich besser. Nach diesem Einstieg interessiert es mich, mehr von den beiden zu erfahren, was für ein Verhältnis sie zueinander haben und was sie vorhaben. Vorher gab es mehr direkte Spannung, die ist nun futsch. Der Fokus ist nun eher in Richtung Beziehung gerutscht. Das kann durchaus angemessen sein, je nachdem, welche Funktion die Szene hat.

lg
merin

« Letzte Änderung: 15 Juni 2017, 16:04:32 von merin »
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Oflinitrium

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Re: Erster Eindruck vom Schreibstil 2.0
« Antwort #7 am: 16 Juni 2017, 02:15:36 »
hängte - --> nicht hing  :stirn:
nur reizbar - warum nur? --> Er mag schlicht das Geräusch von Stiefeln auf einem Dielenboden nicht auf Dauer. Ich wollte durch diese kleine Erwähnung den Charakter dem Leser etwas näher bringen, ohne dabei auf etwas wichtigeres als eine Neigung aufmerksam zu machen.
erst auf dem Weg - warum erst? Es ist nach meinen Gefühl keine Minute vergangen. --> Hier habe ich länger getüftelt, weil ich beschreiben will, wie er von der Tür zur Kochstelle läuft ohne plump zu schreiben "Von der Tür aus ging ich zur Kochstelle." Das "erst" bezieht sich dabei auf den vorangegangenen Weg nach Hause der zwar ohne Zwischenfälle verlief, was aber offensichtlich nicht ausreichte um ihn zu entspannen.

Zitat
Ich sprech aus Erfahrung: Offene lange Haare stören beim Flätzen.
Gut zu wissen, habe ich ehrlich gesagt nicht dran gedacht... Bei einer maximalen Haarlänge von rund 4 cm fehlt mir da schlicht der Erfahrungswert. ^^

Zitat
Will sie ihn anflirten? Sie tut das ja danach, aber ich bin mir nicht sicher, ob Du willst, dass für den Leser unklar bleibt, was sie da macht und warum.
1. Ja
2. Möchte ich den Leser in dem Moment im Bezug auf ihre Motive genauso verwirrt zurücklassen wie meinen Protagonisten. Die Beziehung der beiden verselbstständigt sich später sowieso und würde wahrscheinlich im Fanfictionsektor sofort zur otp erklärt.

Zitat
Insgesamt finde ich den Text deutlich besser. Nach diesem Einstieg interessiert es mich, mehr von den beiden zu erfahren, was für ein Verhältnis sie zueinander haben und was sie vorhaben. Vorher gab es mehr direkte Spannung, die ist nun futsch. Der Fokus ist nun eher in Richtung Beziehung gerutscht. Das kann durchaus angemessen sein, je nachdem, welche Funktion die Szene hat.

Mmhh das ist gleichzeitig erfreulich, als auch schade. Ja, ich will, dass der Leser nach dieser Szene über die Beziehung der beiden und vor allem über Jennyfers Absichten nachgrübelt, aber eigentlich sollte der Part bevor sie sich zu erkennen gibt auch eine gewisse direkte Spannung aufbauen. Die Schwierigkeit besteht in der Situation darin, dass sowohl Protagonist als auch Leser wissen, dass Jennyfer auftauchen sollte. Nur ist es so, dass der Protagonist zwischen die Mühlensteine von politischen Intrigen und Rebellen geraten ist und sich mit Jennyfers Hilfe Zutritt zu einem Hochsicherheitsgefängnis verschaffen will, gegen das Alcatraz wie ein gemütliches und unbewachtes Wohnzimmer wirkt. Deswegen ist er verständlicherweise ziemlich angespannt und rechnet im Grunde jederzeit mit dem absoluten worst case und einem Attentat auf seine Person. Diese Spannung gilt es auch in der Szene widerzuspiegeln, wobei natürlich die Vorinformationen helfen würden Spannung beim leser aufzubauen. Vielleicht ist die Enthüllung von Jennyfer zu früh und ich sollte ihn evtl. im Raum drüber platzieren, damit er die Schritte unter sich bemerkt. Dadurch bekomme ich mehr Zeit um Spannung aufzubauen...
« Letzte Änderung: 16 Juni 2017, 10:36:41 von Oflinitrium »
Die Werke die ich am meisten liebe, sind gleichzeitig die, die ich am meisten kritisiere. Im Grunde ist es so, dass eine ausführliche Kritik meinerseits auch eine Anerkennung und ein Glückwunsch ist, denn wenn es einfach nur schlecht wäre, würde ich mir gar keine Gedanken darüber machen.

merin

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Re: Erster Eindruck vom Schreibstil 2.0
« Antwort #8 am: 16 Juni 2017, 15:48:00 »
Zitat
nur reizbar - warum nur? --> Er mag schlicht das Geräusch von Stiefeln auf einem Dielenboden nicht auf Dauer. Ich wollte durch diese kleine Erwähnung den Charakter dem Leser etwas näher bringen, ohne dabei auf etwas wichtigeres als eine Neigung aufmerksam zu machen.

Ja, aber das erklärt das Wörtchen "nur" nicht. Für mich passt es hier nicht.

Und wenn er so angespannt ist - wäre es dann nicht gut, uns genau das zu zeigen. Wenn es gelingt, steckt es sicher an.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.