25 April 2019, 02:36:28

Autor Thema: Woodrell, Daniel: Der Tod von Sweet Mister  (Gelesen 819 mal)

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Fabian

  • Betamonde
  • Federteufel
  • *
  • Beiträge: 692
  • Geschlecht: Männlich
  • Mann-der-den-Forenfrieden-störte
Woodrell, Daniel: Der Tod von Sweet Mister
« am: 23 Oktober 2017, 12:00:53 »
Ich habe gerade "Der Tod von Sweet Mister" von Daniel Woodrell beendet.

Was soll ich sagen? Gut wie immer.

Er geht sehr konsequent mit seinem Stoff um. Eine schnörkellos erzählte Coming-of-age-Geschichte, angesiedelt im Süden der USA, in den Ozarks im Milieu des White Trash. Keine zynische Distanz, ein unsentimentaler Blick auf eine Welt der brutalen Verlierer, Opfer und Täter in einem.
Und: keine Hoffnung, keine Rettung, nichts heldenhaftes. Die Brutalität zeugt sich fort und fort. Der Prota geht nicht unter, er zerbricht und steht wieder auf als Inkarnation dessen, was ihn zerbrochen hat.

Woodrell hat das Thema des versuchten Ausbruchs aus diesen Verhältnissen mehrfach erzählerisch variiert (z.B. in "Tomato Red" und in "Winters Knochen"). Solange sich seine Protagonisten unverschuldet im Inneren dieser Blase befinden (die sie als solche meist nicht einmal erkennen können), scheitern sie auf fast schicksalhafte, tragische Weise.
Woodrell erzählt konsequent aus der Perspektive der Protagonisten und macht so deren Scheitern auf schmerzhafte Weise plausibel.
Veränderung oder Entwicklung im positiven Sinne ist ohne Berührung mit alternativen Anstößen von außen nur schwer vorstellbar.

Erst in seinem Roman "In Alma's Augen" weitet er die Perspektive deutlich. Er behandelt immer noch den gleichen Stoff, erzählt aber von verschiedenen Standpunkten aus, wechselt die Zeitebenen und gibt so auch dem Leser die Möglichkeit, eine komplexere Vorstellung zu entwickeln.

In erster Linie sind das spannend erzählte Geschichten von einer erfrischenden Kürze, daneben aber auch  Beispiele dafür, wie durch den gekonnten (und konsequenten) Einsatz erzählerischer Mittel der Blick des Autors auf seinen Stoff beim Leser induziert wird.

"Weil niemand mehr Leonardo ist, können alle Leonardo werden ...
das Phantasma der Auserwähltheit Einzelner macht dem Phantasma der Selbstwahl aller Platz"

 (Jörg Scheller in der ZEIT, Nr 2/2019, S. 43)

merin

  • Oberfederteufel
  • Federteufel
  • *****
  • Beiträge: 4996
  • Geschlecht: Weiblich
  • Wortsucherin
Re: Woodrell, Daniel: Der Tod von Sweet Mister
« Antwort #1 am: 28 Oktober 2017, 22:37:19 »
Es ist also ein sehr düsterer Text? So ganz habe ich nicht verstanden, was daran dich fasziniert.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Fabian

  • Betamonde
  • Federteufel
  • *
  • Beiträge: 692
  • Geschlecht: Männlich
  • Mann-der-den-Forenfrieden-störte
Re: Woodrell, Daniel: Der Tod von Sweet Mister
« Antwort #2 am: 29 Oktober 2017, 11:00:35 »
Es ist also ein sehr düsterer Text? So ganz habe ich nicht verstanden, was daran dich fasziniert.
Wie kommst du auf fasziniert?
Eigentlich ist es kein düsterer Text. Woodrell erzählt relativ kühl, er klatscht keine stilistische oder moralische Tünche über seinen Stoff, er dramatisiert nicht übermäßig. Das ist ein sehr kunstvoll bescheidenes Erzählen (im Sinne von zurückhaltend), dass sich nicht in den Vordergrund drängt und Raum lässt, Handlung und Stoff wirken zu lassen. Woodrell bereitet das Tableau, das Urteilen überlässt er dem Leser. Meiner Meinung nach erzählt er von düsteren Verhältnissen.
Woodrell bleibt dabei konsequent bei seinem Prota, dem heranwachsenden Jugendlichen, und in dessen eingeschränkt subjektive Perspektive zwingt er so auch den Leser. Der muss/kann zum Schluss die Metamorphose des Prota be- oder auch ver-urteilen, ganz wie er will, und ist genau deshalb durch den Text auch auf sich selbst, auf die Beurteilung der eigenen Maßstäbe verwiesen.

"Weil niemand mehr Leonardo ist, können alle Leonardo werden ...
das Phantasma der Auserwähltheit Einzelner macht dem Phantasma der Selbstwahl aller Platz"

 (Jörg Scheller in der ZEIT, Nr 2/2019, S. 43)

merin

  • Oberfederteufel
  • Federteufel
  • *****
  • Beiträge: 4996
  • Geschlecht: Weiblich
  • Wortsucherin
Re: Woodrell, Daniel: Der Tod von Sweet Mister
« Antwort #3 am: 29 Oktober 2017, 13:28:23 »
Ich nahm an, Du möchtest das Buch empfehlen, weil es dich irgendwie stark bewegt oder eben fasziniert hat. War vielleicht eine Fehlannahme.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Fabian

  • Betamonde
  • Federteufel
  • *
  • Beiträge: 692
  • Geschlecht: Männlich
  • Mann-der-den-Forenfrieden-störte
Re: Woodrell, Daniel: Der Tod von Sweet Mister
« Antwort #4 am: 29 Oktober 2017, 15:05:29 »
Ich nahm an, Du möchtest das Buch empfehlen, weil es dich irgendwie stark bewegt oder eben fasziniert hat. War vielleicht eine Fehlannahme.
Ganz und gar keine Fehlannahme.
Ich müsste schon sehr wenig Empathie besitzen, wenn mich diese Geschichte nicht auch innerlich bewegt hätte. Aber wäre dieser Aufruhr, in den sie mich versetzt hat, ein wichtiger, mitteilenswerter Ansporn, das Buch zu lesen?
Wichtiger noch als die Aspekte, die ich versuchte, herauszustellen? War alles Erwähnte nichtssagend, unverständlich, demotivierend? Du verunsicherst mich.

"Weil niemand mehr Leonardo ist, können alle Leonardo werden ...
das Phantasma der Auserwähltheit Einzelner macht dem Phantasma der Selbstwahl aller Platz"

 (Jörg Scheller in der ZEIT, Nr 2/2019, S. 43)

merin

  • Oberfederteufel
  • Federteufel
  • *****
  • Beiträge: 4996
  • Geschlecht: Weiblich
  • Wortsucherin
Re: Woodrell, Daniel: Der Tod von Sweet Mister
« Antwort #5 am: 29 Oktober 2017, 15:43:25 »
Nein, das wollte ich nicht sagen. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich verstanden habe, was du sagen wolltest. Vor allem hier:

Zitat
Woodrell erzählt konsequent aus der Perspektive der Protagonisten und macht so deren Scheitern auf schmerzhafte Weise plausibel.
Veränderung oder Entwicklung im positiven Sinne ist ohne Berührung mit alternativen Anstößen von außen nur schwer vorstellbar.

Und da dachte ich, wenn ich nach einer weniger abstrakten, persönlichen Beschreibung frage, dann verstehe ich vielleicht mehr.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Fabian

  • Betamonde
  • Federteufel
  • *
  • Beiträge: 692
  • Geschlecht: Männlich
  • Mann-der-den-Forenfrieden-störte
Re: Woodrell, Daniel: Der Tod von Sweet Mister
« Antwort #6 am: 29 Oktober 2017, 18:40:09 »
Und da dachte ich, wenn ich nach einer weniger abstrakten, persönlichen Beschreibung frage, dann verstehe ich vielleicht mehr.
Ich fand meine abstrakten Anmerkungen schon recht persönlich gefärbt. Deutlicher kann ichs leider nicht rüber bringen. Vielleicht hätte "Monströse Verhältnisse gebären Monstren" mehr Anklang gefunden, aber das wäre mir zu sensationsheischend gewesen.
Vielleicht hätte ich auch von dem Kloß im Hals sprechen können oder von der Kälte, die zurückblieb, als mich der Autor die Verwandlung dieses Protas so hautnah miterleben ließ. Zumindest in "Potato Red" und "Sweet Mister" sind es Reisen ins Herz der Finsternis, die Woodrell mir da zugemutet hat.
Aber letztendlich wären auch das nur Umschreibungen gewesen, wer sich angesprochen fühlt oder auch nur neugierig geworden ist, der sollte: LESEN!

"Weil niemand mehr Leonardo ist, können alle Leonardo werden ...
das Phantasma der Auserwähltheit Einzelner macht dem Phantasma der Selbstwahl aller Platz"

 (Jörg Scheller in der ZEIT, Nr 2/2019, S. 43)