16 Juni 2021, 08:54:21

Autor Thema: AT: Medvingar - Die Wege des Windes  (Gelesen 2564 mal)

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Oflinitrium

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AT: Medvingar - Die Wege des Windes
« am: 05 Oktober 2017, 21:51:59 »
Eine etwas kleinere Szene mal von mir. Da ich aber eine ordentliche Röstung will, passt sie nicht auf den Schnellimbiss. Die Erklärung ist um einiges länger als die Szene selbst, aber ich will diese kurze Szene (in der kein Wort gesprochen werden soll) stärker zur Geltung bringen. Ich bekomme Joriks Gefühle noch nicht wirklich griffig präsentiert. Das Ganze ist mir noch zu kurz und platt. Ich hoffe ihr könnt mir dabei helfen.

Etwa 1-2 Wochen vor dieser Szene starb Joriks Vater der König (höchstwahrscheinlich natürlicher Tod).
Der Nachfolgende König wird in diesem Reich vom Adel ausgewählt, wobei auch der Wunsch des verstorbenen Königs mit einbezogen wird. Eigentlich ist die Nachfolge bereits zu Lebzeiten des Königs geklärt und wird auch zu politischen Zwecken benutzt, da dass Wort des Königs logischerweise schwer wiegt schließen sich die meisten Speichellecker seiner Wahl an. Allerdings ist es auch ein Weg sein Misfallen auszudrücken, bewusst eine andere Partei als die vom König bevorzugte zu favorisieren. Aber ich will hier jetzt nicht zu sehr ins Detail gehen.
In diesem speziellen Fall allerdings, hatte der König zu Lebzeiten sich nicht klar für einen Kandidaten ausgesprochen und auch kein Testament oder ähnliches hinterlassen. Daher debattierte der Adel darüber, wer als der nachfolgende König gekrönt werden sollte. Die Figur um die es hier geht ist der jüngste Sohn des Königs und Soldat. Er war selten am Hof und hat sich aus den Intrigen des Adels immer rausgehalten. Die Krone hatte ihn nie interessiert und er war der Meinung nach dem Tod seines Vaters, würde einer seiner Brüder oder der einflussreichste Adelige gewählt.

Unmittelbar vor dieser Szene wurde Jorik zu den Adeligen in den Verhandlungssaal gerufen. Verdutzt und leicht verunsichert geht er zu der Versammlung.
Dort gratulieren ihm die Adeligen dafür, dass sie sich für ihn entschieden hätten.
Er bleibt höflich aber durchschaut schnell ihre Absicht ihn als Marionette zu benutzen.
Als sie bemerken dass er nicht sonderlich glücklich ist, geben sie ihm mit zuckersüßen Worten zu verstehen, dass, wenn er sich weigert, sie ihn öffentlich als Verräter am eigenen Volke darstellen würden und ihn ins Exil treiben.
Er willigt ein und erbittet Zeit bis zum nächsten Tag um sich vorzubereiten.
________________________________________________________________________________

Ohne eine Antwort abzuwarten drehte er sich auf dem Absatz um und ging hinaus. Sobald die Tür hinter ihm ins schloss fiel beschleunigten sich seine Schritte. Er musste raus, raus aus diesen Hallen.
                                                                                                             ***
Jorik stand an der rauen Küste und blickte über das Meer unter ihm. Sein Umhang flatterte hinter ihm im Wind. Die See war wie immer aufgewühlt und rau. Ihm schien es als spiegele das Meer, sein Inneres wider. Sein Vater war Tod...und er bedauerte es nicht einmal... Das Land versank im Chaos und die Intrigen des Adels machten es verwundbar. Man wollte ihn als Marionette benutzen. Ihn, Jorik, den Sohn der niemals König werden sollte und es auch nie gewollt hatte. Ihm versuchten sie nun in die Ketten der so genannten "Vernunft" und der "Verantwortung" zu legen.
Zähneknirschend schloss er die Augen und atmete tief durch.
Er genoss den Wind, der ihn umströmte.
Die Seeluft, die nach Salz roch und schmeckte.
Die Gischt, die sich wie ein Schleier auf seine Haut und Kleidung legte.
Er kostete den Moment vollkommen aus, ehe er die Augen öffnete.
Dies war seine Heimat. Und sie brauchte ihn!
Jorik Bezwinger der Wächterin, Jorik der Hauptmann, ließ ein letztes Mal den Blick über den trüben Horizont schweifen, ehe er dem Meer den Rücken kehrte und entschlossen zurück zur Burg lief.
Er war bereit!
Er, Jorik Durathror war bereit seine Fesseln zu sprengen, noch ehe man sie ihm vollends anlegen konnte.
« Letzte Änderung: 05 Oktober 2017, 22:03:24 von Oflinitrium »
Die Werke die ich am meisten liebe, sind gleichzeitig die, die ich am meisten kritisiere. Im Grunde ist es so, dass eine ausführliche Kritik meinerseits auch eine Anerkennung und ein Glückwunsch ist, denn wenn es einfach nur schlecht wäre, würde ich mir gar keine Gedanken darüber machen.

kass

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Re: AT: Medvingar - Die Wege des Windes
« Antwort #1 am: 06 Oktober 2017, 08:27:18 »
gefällt mir gut, diese kleine Szene. hat ein klein wenig Pathos, aber das ist stimmig, passt zum Moment, verleiht der Szene Intensität. Besonders gut gefällt mir der Schluss, denn das ist ein schöner Cliffhanger.

Ein ganzer Schwung Erbsen ist drin. Ich mach mich mal dran inklusive ein paar kleinen Änderungsvorschlägen.

Zitat
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich auf dem Absatz um und ging hinaus. Sobald die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, beschleunigten sich seine Schritte. Er musste raus, raus aus diesen Hallen.
                                                                                                             ***
Jorik stand an der rauen Küste und blickte über das Meer unter ihm. Sein Umhang flatterte hinter ihm im Wind. Die See war wie immer aufgewühlt und rau. Ihm schien es, als spiegelte das Meer, sein Inneres wider. Sein Vater war tot...und er bedauerte es nicht einmal... Das Land versank im Chaos und die Intrigen des Adels machten es verwundbar.

(Ich würde wohl ein anderes Wort wählen als verwundbar, denn schon das Chaos macht das Land verwundbar.)

Man wollte ihn als Marionette benutzen. Ihn, Jorik, den Sohn, der niemals König werden sollte und es auch nie gewollt hatte. Ihn versuchten sie nun, in die Ketten der so genannten "Vernunft" und der "Verantwortung" zu legen.

(Im nächsten Abschnitt würde ich die Absätze nicht so setzen, es stärker aneinander setzen)

Zähneknirschend schloss er die Augen und atmete tief durch. Er genoss den Wind, der ihn umströmte. Die Seeluft, die nach Salz roch und schmeckte. Die Gischt, die sich wie ein Schleier auf seine Haut und Kleidung legte. Er kostete den Moment vollkommen aus, ehe er die Augen öffnete.
Dies war seine Heimat. Und sie brauchte ihn!

(Nach dem letzten Satz würde ich, aber das ist Geschmackssache, kein Ausrufungszeichen setzen: Und sie brauchte ihn.)

Jorik, Bezwinger der Wächterin, Jorik, der Hauptmann, ließ ein letztes Mal den Blick über den trüben Horizont schweifen, ehe er dem Meer den Rücken kehrte und entschlossen zurück zur Burg lief.
Er war bereit!

(Auch hier würde ich wieder kein Ausrufungszeichen setzen.)

Er, Jorik Durathror, war bereit, seine Fesseln zu sprengen, noch ehe man sie ihm vollends anlegen konnte.
Merkzettel für mich: Nicht ins Höllenfenster stellen!
(Experiment für Gedächtnistraining, Klappe 1)

merin

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Re: AT: Medvingar - Die Wege des Windes
« Antwort #2 am: 06 Oktober 2017, 11:10:15 »
Lieber Ofli,

na dann mal ran.

Zitat
Ohne eine Antwort abzuwarten drehte er sich auf dem Absatz um und ging hinaus. Sobald die Tür hinter ihm ins schloss fiel beschleunigten sich seine Schritte. Er musste raus, raus aus diesen Hallen.

Schloss muss groß sein, ist ja ein Substantiv. Und dann frage ich mich noch, ob es gut ist, die Schrittbeschleunigung passiv zu schildern. Es ist eine schöne Formulierung, aber es macht ihn eben passiver. Mir fällt allerdings keine bessere aktive Formulierung ein, denn wenn Du "Sobald die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, beschleunigte er seine Schritte" schreibst, ist es mit dem Satz davor so aufzählungsartig. Mhm. Ich finde es aber trotzdem besser. Und würde dem Satz auch ein PQP gönnen, um die Abfolge klarer zu machen.

Zitat
Jorik stand an der rauen Küste und blickte über das Meer unter ihm. Sein Umhang flatterte hinter ihm im Wind. Die See war wie immer aufgewühlt und rau. Ihm schien es als spiegele das Meer, sein Inneres wider. Sein Vater war Tod...und er bedauerte es nicht einmal...

Oh ... die zahlreichen Fehler reißen mich leider immer wieder raus. Erst ist da die Doppelung von "rau", dann das sinnentstellende Komma nach Meer, dann Tod statt tot. Wenn Du das korrigierst, wird es besser. Dann ist mir als Leserin schon klar, dass das Mehr sein Inneres spiegelt, ich will das nicht gesagt bekommen. Ein bissel straffen kann man auch. Also besser so:

Zitat
Jorik stand an der zerklüfteten Steilküste und blickte auf das tosende Meer unter ihm. Sein Umhang flatterte im Wind, die See brodelte wild. Sein Vater war tot... und er bedauerte es nicht einmal... .

Die stärkeren Worte für das Meer spiegeln auch sein inneres Brodeln besser wieder.

Zitat
Das Land versank im Chaos und die Intrigen des Adels machten es verwundbar. Man wollte ihn als Marionette benutzen. Ihn, Jorik, den Sohn der niemals König werden sollte und es auch nie gewollt hatte. Ihm versuchten sie nun in die Ketten der so genannten "Vernunft" und der "Verantwortung" zu legen.

Hier würde ich das "man" rausnehmen, weil es zu vage wirkt. Mach ein "Sie" draus, dann hat er einen klareren Feind. Und dann sind die Formulierungen unklar. Es geht ja im dritten Satz um wollen und sollen - das würde ich klarer herausarbeiten. Und der letzte ist grammatikalisch falsch, ich musste ihn mehrfach lesen um zu verstehen, was gemeint war. Es muss einfach "ihn" statt "ihm" heißen. Und durch die Anführungszeichen wird das Sogenannte ja schon klar. Wäre dann also sowas:

Zitat
Das Land versank im Chaos und die Intrigen des Adels machten es verwundbar. Sie wollte ihn als Marionette benutzen. Ihn, Jorik, den Sohn, der niemals König werden sollte und es nie gewollt hatte. Ihn versuchten sie nun in die Ketten von "Vernunft" und "Verantwortung" zu legen.

Zitat
Zähneknirschend schloss er die Augen und atmete tief durch.
Er genoss den Wind, der ihn umströmte.
Die Seeluft, die nach Salz roch und schmeckte.
Die Gischt, die sich wie ein Schleier auf seine Haut und Kleidung legte.
Er kostete den Moment vollkommen aus, ehe er die Augen öffnete.

Mhm. Im ersten Wort scheint er wütend, dann atmet er. Ich würde da zwei Sätze draus machen. Erst die Wut, dann die Beruhigung. Und den zweiten Satz würde ich verstärken. "Umströmte" klingt so nach Strömungskanal. Aber er steht im Sturm, oder? Ich würde wohl auch Innen und Außen mehr verschränken und so die innere Wendung deutlicher machen.

Zitat
Er biss die Zähne aufeinander und schaute in das Grau und Weiß der sich überschlagenden Wellen. Das war seine Heimat!
Er schloss die Augen und atmete tief durch.
Der Wind rüttelte an ihm. Die Seeluft roch und schmeckte nach Salz. Die Gischt legte sich wie ein Schleier auf seine Haut und Kleidung. Das war es, was er kannte und liebte. Wenn sein Land ihn brauchte, so war er bereit.

Tja und dann kannst Du den Rest kürzen. Und schauen, ob da nicht einzelne Wörter doch stärker gemacht werden können:

Zitat
Jorik Bezwinger der Wächterin, Jorik der Hauptmann, ließ ein letztes Mal den Blick über den trüben Horizont schweifen, ehe er dem Meer den Rücken kehrte und entschlossen zurück zur Burg lief.
Er war bereit!
Er, Jorik Durathror war bereit seine Fesseln zu sprengen, noch ehe man sie ihm vollends anlegen konnte.

"Lief" zum Beispiel. Ich würde ihn "stampfen" oder, wenn das zu ihm passt, "marschieren" lassen. Und im letzten Satz würde ich wieder verdichten:

Zitat
Er, Jorik Durathror würde seine Fesseln sprengen, noch ehe man sie ihm vollends angelegt hatte.

Joa.

Insgesamt sind das ja alles Kleinigkeiten. Von der Anlage und der Dramaturgie her finde ich die Szene sehr gelungen. Bildhaft und in schöner Sprache.

lg
merin
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

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Re: AT: Medvingar - Die Wege des Windes
« Antwort #3 am: 06 Oktober 2017, 20:01:02 »
Hallo Ofli!

Die Erbsen wurden ja schon angesprochen, die spar mich mir also.

Ich finde die Szene sehr schön, so wie sie ist. Ich mag die Melancholie darin, die Ruhe vor dem Sturm. Für mich müsste man daran jetzt nicht wirklich was ändern. Im Gegenteil, wenn da jetzt noch was draufgesetzt würde, würde es mir wahrscheinlich zu viel werden.

Wobei natürlich noch die Frage offen ist, welche Gefühle du ansprechen und in den Lesern wecken willst. Aber Melancholie, Entschlossenheit und Verantwortungsgefühl sind die Dinge, die bei mir ankommen. Ich sehe da einen jungen Mann vor mir, mit dem sich die Adligen mehr in die Suppe brocken, als sie hinterher auslöffeln können. Der wird ihnen schon noch die Wadeln nach vorn richten, wie man so sagt ...

lg, Viskey

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Juni

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Re: AT: Medvingar - Die Wege des Windes
« Antwort #4 am: 11 Oktober 2017, 22:39:13 »
Hi Olfi,
bin schon ne Weile am überlegen, wie ich das am besten kommentiere...
Auszusetzen habe ich nichts, mein Eindruck: Finde ich gut! Habe die Atmosphäre und Emotionen abbekommen/ aufgenommen und hätte mit dem Schwung noch lange weiter lesen können.

LG

June

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Re: AT: Medvingar - Die Wege des Windes
« Antwort #5 am: 12 Oktober 2017, 09:57:05 »
Hallöchen Olfi :)

noch ein paar Kleinigkeiten.
"Mantel flattert hinter ihm im Wind", da kann das hinter ihm entfallen. Finde ich. Klar, könnte der Wind auch von der anderen Seite kommen, aber ich hatte das sofort vor Augen.

Zitat
Ihm versuchten sie nun in die Ketten der so genannten "Vernunft" und der "Verantwortung" zu legen.
Entweder Ihm versuchten sie nun die Ketten anzulegen oder Ihn wollten sie in die Ketten ... legen.

Tod/tot wurde ja schon korrigiert :)

Ansonsten sehr schöne Szene!
LG, Ryrke
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Oflinitrium

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Re: AT: Medvingar - Die Wege des Windes
« Antwort #6 am: 12 Oktober 2017, 13:47:40 »
Hallo ihr Lieben. Ich kam jetzt eine Weile nicht zum Schreiben und freue mich daher umso mehr, dass einige Antworten eingetrudelt sind. Vielen Dank für die ganzen Hinweise auf die Erbsen... immer schön, wenn sich in solchen Szenen mehr Erbsen finden als im eigenen Garten ._.
Vielleicht haben diese mir die Sicht auf meinen eigenen Text verbaut denn, das –

Zitat
Viskey:
Melancholie, Entschlossenheit und Verantwortungsgefühl sind die Dinge, die bei mir ankommen. Ich sehe da einen jungen Mann vor mir, mit dem sich die Adligen mehr in die Suppe brocken, als sie hinterher auslöffeln können. Der wird ihnen schon noch die Wadeln nach vorn richten, wie man so sagt ...

war ziemlich genau was ich erreichen/auslösen wollte. Und das kam ja scheinbar auch bei den meisten von euch rüber.

Vor allem vielen Dank an merin, da ist einiges dabei was ich benutzen kann. Ich denke ich brauch keine zusätzlichen Zeilen sondern muss tatsächlich höchstens ein paar Wörter abändern. ich werde den Text nochmal überarbeiten, die Erbsen (hoffentlich vollständig) raus lesen und ein paar Wörter anders hervorheben. Ich denke, das dürfte dann auch schon der Feinschliff sein, den diese Szene braucht.
Die Werke die ich am meisten liebe, sind gleichzeitig die, die ich am meisten kritisiere. Im Grunde ist es so, dass eine ausführliche Kritik meinerseits auch eine Anerkennung und ein Glückwunsch ist, denn wenn es einfach nur schlecht wäre, würde ich mir gar keine Gedanken darüber machen.

merin

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Re: AT: Medvingar - Die Wege des Windes
« Antwort #7 am: 12 Oktober 2017, 15:51:42 »
Super, freut mich. :cheer:
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Lionel Eschenbach

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Re: AT: Medvingar - Die Wege des Windes
« Antwort #8 am: 16 Oktober 2017, 20:59:19 »
Sprachlich sehr schön, da schließe ich mit den Vorrednern an. Habe ich gerne gelesen. Besonders den letzten Satz.


Ich möchte hier nur zu bedenken geben, betrachte es als eine Äußerung, über die du dir Gedanken machen kannst. Es ist vielleicht nur eine Kleinigkeit, da ich aber selber mit einem ähnlichen Problem zu kämpfen habe, schildere ich mal meine Probleme, und du magst dann überlegen, ob du die Szene so belässt oder sie veränderst.

Wie lange brauchen wir, um uns zu entscheiden? Darüber will ich einwenig nachdenken.

Im Wesentlichen - so habe ich die Szene verstanden - geht es darum, er entscheidet sich. Er will König werden und er wird gegen die Intrigen ankämpfen, die sicherlich seitens des Adels bereits begonnen haben. Im einleitenden Text schreibst du ja auch, er war lange nicht am Hof, hat nicht damit gerechnet. Und bevor es zu dieser Szene kommt, eröffnen die Adeligen, sie würden gerne ihn zum König wählen.

Habe ich es soweit richtig verstanden?

Was ich nicht weiß, wie lang die Szene mit den Adeligen ist und worüber der Prota dort bereits nachdenkt. Nur mal angenommen, fröhlig pfeiffend kommt er in den Saal, weiß von nix.

Beginn um 9.00 Uhr.

Er erfährt nun wirklich zum ersten Mal, er soll König werden, wohl nur ein mieser Trick der Adeligen. Er ist also überrascht, hey, ich, wirklich ich soll König werden. Genau in diesem Moment, muss es in ihm arbeiten. Er hört den Adeligen zu, wie sie ihm schmeicheln. Dreckskerle, die wollen mich tot sehen. Während sie ihm schmeicheln, schaut er in deren Gesichter und weiß, welches Spiel sie spielen. Und immer wieder reflektiert er darüber, was für Absichten sie verfolgen, ob sie ihn unterstützen werden oder ob sie nur einen schwachen König haben wollen, um ihre eigenen Pläne zu verfolgen. Darüber mag sich der Prota Gedanken machen. Er ist unsicher, weil er sich nicht in Gefahr sehen will, oder er denkt darüber nach, wie er das Chaos beseitigen könnten.

Für mich käme es also darauf an, inwieweit er schon die Lage durchdenkt, während er mit den Adeligen zusammen sitzt. Er beginnt also schon reflektierend mit dem Entscheidungsprozess.

So jetzt kommt es weiter darauf an. Um 9.00 Uhr hört er also zum ersten Mal, er soll König werden. Jetzt muss ich schätzen. Sagen wir die Sitzung dauerte 1 Stunde, dann hätte er eine Stunde Zeit schon darüber zu grübeln.
Um 10.00 Uhr schlendert er also zum Meer und dann bekommt der Leser deine Szene vorgelegt.

Ok, dann würde ich evt. mitgehen. Dann entscheidet er sich innnerhalb einer Stunde und x Minuten doch König zu werden und sich der Gefahr zu stellen.

Was aber - und ich kenne die vorhergehende Szene nicht - wenn keine Reflexionen eingebaut sind. Er eigentlich nur sehr überrascht ist, warum er. Wenn also die Entscheidungsszene, die du uns ja vorgelegt hast, nicht ausführlich genug vorbereitet wird, dann wäre mir die Entscheidungsphase deines Protos zu KURZ.

Hier habe ich nämlich ein ähnliches Problem. Einer meiner Protas muss auch König werden, so sagen wenigstens seine Berater, weil er hat die Kraft blablabla und wenn er es nicht macht, wird Schlimmes passieren.

So, ich hadere gerade sehr mit mir, wielange braucht jemand, der eigentlich keinen Bock darauf hat, sich in dieses Machtspiel zu werfen, um sein gemütliches Leben zu verlassen. Denn wenn mein Prota sich entscheidet, lauert hinter jeder Ecke sein Tod. Ähnlich wie bei dir, dein Prota weiß auch, hey, wenn ich das mache, dann beginnt der Kampf um die Macht. Wenn wir aber vor solchen Entscheidungen stehen, eigentlich nicht zu wollen, und doch letztlich zu müssen. Wielange würde wir mit uns hadern????

Zeitlich betrachtet entscheidet sich dein Prota in Windeseile ohne größere inneren Kämpfe. Er geht aus dem Saal an die Küste, schaut aufs Meer. Zwei kritische Gedanken, dann 45 Sekunden später die Entscheidung, er will König werden. Ehrlich, wenn jemand so schnell König werden will, würde für mich die Szene intensiver wirken, wenn er sich bereits im Gespräch mit den Adeligen entscheidet. Er lächelt die Adeligen an, gibt ihm zu verstehen, warum sie ihn wohl gewählt haben und sein Lächeln lässt die Adeligen erschaudern, denn sie wissen, es war die falsche Wahl. Denn sie haben jemanden gewählt, von dem sie annahmen, er sei schwach, doch er ist stark, ein ernst zunehmender Gegner im aufziehenden Konflikt.

Viele Worte habe ich dafür verschwendet, um mir darüber Gedanken zu machen, wielange brauchen wir, um uns zu entscheiden, besonders wenn die Entscheidung von enormer Bedeutung ist. (Romantechnisch, nach Campell, nimmt er in deiner Szene nämlich den Ruf an, er ist bereit, auf seine Reise zu gehen.) Dieser wichtige Wendepunkt wäre mir nur mit dieser Szene viel zu kurz.

Nur mal so zum Vergleich. Ich bin ca. bei 35 Seiten Entscheidungsfindung. Mein Prota will sein ruhiges Leben nicht aufgeben, er hat Null-Bock in die unausweichlichen Machtkämpfe hineingezogen zu werden und vorallen verlangen seine Berater, er soll das Risiko eingehen zu sterben. Denn um König zu werden, muss er sich Prüfungen stellen. Nur in der Geschichte meiner Welt haben das in 1000 Jahren nur zwei!!!!!! überlebt. Warum also bitte schön König werden - in meinem Fall - nur weil in einem  Buch steht, der mit der Kraft, muss es werden. Blöd nur, dass mein Prota noch nicht wirklich überzeugt ist, er hat auch diese Kräfte (hat sich stets gewundert, dass seine Wunden schnell heilen und er die Gedanken von Vögeln lesen kann)

Als ihm eröffnet wird, er muss König werden, ist er schrecklich genervt, haut ab in die Wildnis und sitzt mit dumpfen  Gedanken am Lagerfeuer und grübelt, flucht und grübelt und flucht. Wie gesagt 35 Seiten. (werde ich noch kürzen, lächel)

Bei mir allerdings sind die inneren Beweggründe - so hoffe ich - wesentlich. Aber ich habe gerade ein sehr ärgerliches Buch gelesen. Das vierte Siegel.

"Du bist ein Siegelträger. Kommst du mit auf eine gefährliche Reise, die dir das Leben kosten kann."
"Jo, bin dabei, hole eben mein Schwert, dann können wir los."

Nun, so geht es natürlich auch.

Mache dir also einfach ein paar Gedanken, wieviel Zeit du deinem Prota einräumen willst, eine so schwerwiegende Entscheidung zu treffen.

L.

Oflinitrium

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Re: AT: Medvingar - Die Wege des Windes
« Antwort #9 am: 16 Oktober 2017, 22:46:22 »
Hi Lionel,

vielen Dank für den Einwurf. Er ist es auf jeden Fall wert intensiv darüber nach zu denken. Allerdings habe ich den kleinen Vorteil, dass Jorik "nur" mein 3. wichtigster Charakter ist. Meine beiden Protas sind zu dem Zeitpunkt in einem ganz anderen Land. Das macht die Sache auf der einen Seite etwas leichter, auf der anderen Seite auch komlizierter, weil ich mich entscheiden muss wieviel Aufmerksamkeit ich ihm zu diesem Zeitpunkt widme. Im Moment ist sich der Leser noch nicht so sicher, wie wichtig Joriks Rolle tatsächlich noch wird.

Zitat
Im Wesentlichen - so habe ich die Szene verstanden - geht es darum, er entscheidet sich. Er will König werden und er wird gegen die Intrigen ankämpfen, die sicherlich seitens des Adels bereits begonnen haben. Im einleitenden Text schreibst du ja auch, er war lange nicht am Hof, hat nicht damit gerechnet. Und bevor es zu dieser Szene kommt, eröffnen die Adeligen, sie würden gerne ihn zum König wählen.
Ja das hast du soweit richtig verstanden. Allerdings ist es nicht ganz eine 45 Sekunden Entscheidung. Wie gesagt starb sein Vater 2 Wochen zuvor und es ist für alle Beteiligten merkwürdig, wie lange der Kronrat dieses Mal braucht um seine Entscheidung zu fällen. Unabhängig davon ob der letzte König seinen Wunschkandidaten bestimmt hat oder nicht, so war es eigentlich offensichtlich wer nach ihm kommt. Daher läuft Jorik im Grunde schon seit einer Woche mit dem Gefühl "Die werden doch wohl nicht auf den Gedanken kommen mich in ihre Machtspiele einzubinden" durch die Gegend. Zugegeben er denkt dabei nicht konkret daran selbst zum König ernannt zu werden, aber Unbewusst setzt er sich damit bereits auseinander.
Vielen Dank du hast mich im Übrigen gerade auf eine neue Idee gebracht.
Ich wollte sowieso, dass der Tod vom König zuerst den beiden Protas im Ausland mitgeteilt wird, wusste aber noch nicht wie ich das am Besten umsetze, da sie erst stark verzögert (2-3 Wochen später) informiert werden können.

Meine Idee wäre, dass ich ein Kapitel beende in dem der Protagonist an seine Heimat und den gestorbenen König bzw. dessen Sohn denkt und das neue Kapitel beginnt mit einem Rückblick aus Joriks Sicht wie er seinen Vater zu Grabe trägt. Es wird ein etwas kürzeres Kapitel, in dem ich zeige wie es in Jorik aussieht und das mit der Szene oben endet, ehe es im nächsten Kapitel mit den Protas weitergeht.
Die Werke die ich am meisten liebe, sind gleichzeitig die, die ich am meisten kritisiere. Im Grunde ist es so, dass eine ausführliche Kritik meinerseits auch eine Anerkennung und ein Glückwunsch ist, denn wenn es einfach nur schlecht wäre, würde ich mir gar keine Gedanken darüber machen.

Lionel Eschenbach

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Re: AT: Medvingar - Die Wege des Windes
« Antwort #10 am: 20 Oktober 2017, 15:52:45 »
Ok, wenn es in ihm bereits arbeitet und in anderen Kapiteln schon diese Zweifel aufgenommen werden, dann mag es funktionieren. Auch wusste ich nicht, ob er ein Nebencharakter ist oder dein Prota. Mein Kommentar sollte auch nur dazu dienen, dass du darüber nachdenkst, wie lange jemand braucht, um sich zu entscheiden. Besonders dann, wenn es gefährlich werden kann :) Have fun.

L.

Oflinitrium

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Re: AT: Medvingar - Die Wege des Windes
« Antwort #11 am: 22 November 2017, 20:33:00 »
 Vielen Dank für die Hilfe hier kann dann zu. (Und ins Fenster gestellt werden.^^)

:closed:
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