30 November 2020, 02:21:09

Autor Thema: Minimalia I  (Gelesen 880 mal)

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Fabian

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Minimalia I
« am: 10 Juni 2019, 15:18:01 »
Die Taube auf dem Dach haben wir ins Abseits gestellt.
Beliebt ist der Spatz.

Wir tragen die Hände offen.

"Weil niemand mehr Leonardo ist, können alle Leonardo werden ...
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 (Jörg Scheller in der ZEIT, Nr 2/2019, S. 43)

Aure

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Re: Minimalia I
« Antwort #1 am: 10 Juni 2019, 21:15:13 »
Finde ich inhaltlich ziemlich großartig. Mit dem Abseits (der Formulierung ) hadere ich noch.
We are not nouns, we are verbs. I am not a thing – an actor, a writer – I am a person who does things – I write, I act – and I never know what I am going to do next. I think you can be imprisoned if you think of yourself as a noun.
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Naleesha

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Re: Minimalia I
« Antwort #2 am: 11 Juni 2019, 23:21:19 »
Ich finde es auch ziemlich cool.

Irgendwo tiefsinnig und für jeden Lesenden mit einer anderen Bedeutungsnuance. Und trotzdem sehr einfach und auf den Punkt gebracht, kaum Zweideutigkeit aber für jeden hat es dennoch eine (wenn auch nur leicht) andere Assoziation.

Wie Aure hadere ich auch mit dem Begriff "Abseits". mal davon abgesehen, dass ich fast sofort eine Fußball-Assoziation habe, die ich nicht völlig verstehe, weil ich die Regel nicht komplett durchschaue, nimmt man nicht trotz Abseits immer noch am Spiel selbst teil? der Spielzug mag dann ungültig sein, aber aus dem Spiel ist man deswegen noch nicht raus.

Es ist fast klar, was gemeint ist. Es wird beiseite gedrängt, aus dem Fokus heraus, platz gemacht für etwas anderes. Aber im Abseits besteht immer die Möglichkeit für ein (ungewolltes) comeback.

Ich wüsste spontan nicht direkt, welchen Begriff ich eher verwenden würde, da ich mir nicht ganz sicher bin, was genau du mit dem Abseits aussagen willst. Aber davon mal abgesehen, find ich die paar Zeilen da schon sehr cool. :)

LG, Nalee
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Fabian

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Re: Minimalia I
« Antwort #3 am: 13 Juni 2019, 22:10:36 »
Erst mal vielen Dank euch beiden für die Kommentare.

@ Aure:
Freut mich, dass du die inhaltliche Ebene schätzt, über die Wahl der Elemente (Abseits z.B.) kann man nachdenken.

@ Nalee:
Ich hatte mir gewünscht, dass meine kleine Spielerei mit einer als allseits bekannt vorausgesetzten Spruchweisheit so etwas wie einen »schillernden« Charakter haben sollte. Das findet sich erfreulicherweise in deinem Begriff Bedeutungsnuance wieder.

Wie kann man jetzt mit dem Abseits? (und anderen Elementen, die Bedeutung konstituieren) umgehen?
Ich bin da nicht ganz frei in meinen Entscheidungen, denn die Idee zu diesem Textschnipsel ist in Reaktion auf meine montäglichen Lektüre in einem Internet-Forum entstanden, und in der Form sollte also anlassbezogen eine bestimmte Haltung zum Ausdruck gebracht werden.
Wenn ich jetzt anfange, nach formalen (ästhetischen) Alternativen zu suchen, könnte diese Anlassbezogenheit (die aus der relativen Distanz heraus sowieso schon undeutlicher wird) unter die Räder eines freischwebenden Ästhetizismus geraten. Muss den Leser natürlich nicht interessieren, mich aber schon.

Was ist mir denn nun nach euren Anmerkungen eingefallen?

Eine Möglichkeit wäre z.B.:

Die Taube auf dem Dach haben wir ignoriert.
Beliebt ist jetzt der Spatz.

Wir tragen die Hände offen.


Klingt irgendwie weicher, oder?
Andererseits: Abseits (die Abseitsfalle) – das hatte sowohl kombinatorisch (Taube / Abseits – zwei Welten; das geht doch gar nicht zusammen) wie auch inhaltlich (die friedliche Taube / die hinterfotzige Abseitsfalle) das LI als unberechenbar agressiv-opportunistisch charakterisiert.
Das ignorante LI der Variante ist dagegen doch bloß bescheiden-dämlich und insofern viel langweiliger.

Außerdem gefällt mir die Ursprungszeile vom Rhythmus her besser.

Mir macht ehrlich gesagt der letzte Satz am meisten zu schaffen.

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Naleesha

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Re: Minimalia I
« Antwort #4 am: 14 Juni 2019, 01:20:56 »
zugrunde liegt ja der Spruch

"Lieber der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach" (oder zumindest ganz ähnlich)

für mich gehört der Satz mit den Händen also schon in genau der Form da rein, wie er jetzt da steht, denn das impliziert, dass die Hand offen ist und den Spatz nicht versucht festzuhalten.

Tauben sind ja auch bekannt als die Ratten der Lüfte. sie können einem mit ihrem gegurre echt auf die Nerven gehen, scheißen einfach alles zu und solange die Taube nicht weiß ist, steht sie auch nicht unbedingt für den Frieden.

Ich würde in etwa schreiben:

Die Taube auf dem Dach ließen wir hinter uns.
beliebt ist der Spatz

aber wir tragen die Hände offen.


für mich steht da also in etwa sowas wie: den Stress (vieles und lautes Gurren, zuscheißen etc) haben wir überstanden. freches und Neues hat jetzt platz in unserem Leben aber wir jagen dem nicht nach, wir tragen die Hände eben... naja, offen. :)

LG, Nalee
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Naleesha

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Re: Minimalia I
« Antwort #5 am: 14 Juni 2019, 01:29:55 »
Und, es war nicht die Frage nach der Ästhetik weshalb ich so meine Probleme mit dem "Abseits" hatte. Es war eher die Assoziation und die Bedeutungsgebung, die ich problematisch fand, wie ich ja auch dargelegt hatte.
klar kennt man den Begriff "ins Abseits stellen" um zu beschreiben wie etwas aus dem Weg geräumt wird. Aber das Abseits ist eben aus dem Fußball heraus am bekanntesten, und diejenigen, die zwar die Redewendung kennen, die Abseitsregel im Fußball aber nicht (zur Gänze) verstehen weil sie sich - wie ich - nicht mit Fußball beschäftigen, könnten daher andere Assoziationen entwickeln als du sie beabsichtigt hast. so hatte ich das in meinem Post ja auch ausgeführt als ich von (ungewolltem) Comeback bzw auch der Tatsache gesprochen hatte, dass ein Abseits nicht gleich bedeutet, dass man aus dem Spiel selbst raus ist. ein Abseits ist eben kein Platzverweis und bedeutet meines Wissens nach "nur" dass der Spielzug ungültig war. (oder das geschossene Tor. je nachdem...)

Aus diesem einzigen Grund würde ich einen Begriff wählen, der mehr und deutlicher in die Richtung geht, dass ungewollte Assoziationen und Bedeutungen nicht auftreten können.
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Re: Minimalia I
« Antwort #6 am: 14 Juni 2019, 09:27:00 »
Hallo Fabian,

oh, wieder mal Lyrik! Na dann mal ran:


Zitat
Die Taube auf dem Dach haben wir ins Abseits gestellt.
Beliebt ist der Spatz.

Wir tragen die Hände offen.

Der Text spricht mich an. Inhaltlich scheint es für mich darum zu gehen, dass man sich (um bestimmte Dinge?) nicht mehr bemüht, sich mit einem Status Quo zufrieden gibt. Das könnte ich sowohl auf solche Dinge wie den Klimawandel oder Sozialpolitik, als auch auf dieses Forum beziehen.

Trotz meiner Faszination für den Text habe ich im Konkreten dann doch Schwierigkeiten. Besonders mit dem ersten und dem letzten Satz. Mir gefällt, dass die Taube nicht im Abseits ist, sondern dorthin gestellt wurde. Aber der Spatz ist ja nicht in der Hand, denn die Hände sind offen. Es bleibt somit auch offen, wo der Spatz eigentlich ist. Ich persönlich mag die Fußballassoziation nicht, weil ich die Regel nicht kenne, aber auch, weil sie für mich unlyrisch ist. Daher weiß ich nicht genau, was es bedeutet, dass die Taube im Abseits ist. Das mag aber bei anderen anders sein. Dann kommt die Aussage, der Spatz sei beliebt. Diese Aussage wirkt etwas beliebig (was ich wegen beliebt und beliebig gewollt finde und daher passend): Es bleibt unklar, wer den Spatz warum liebt, dadurch nehme ich an, es handele sich um eine generalisierte Aussage zur aktuellen Gesellschaft.
Und dann: Wir tragen die Hände offen. Nicht wir halten sie offen, sondern wir tragen sie offen. Wie eine Mode. Ich dachte erst, dass das für mich nicht passt, aber je öfter ich es lese, desto besser finde ich es. Da geht es um Attitüde, um Schein, nicht um Einstellung oder Sein. Das hat was. Somit merke ich, dass sich meine kritischen Punkte entweder bei näherer Betrachtung des Textes auflösen oder ich sie auf meine Unwissenheit zurückführen kann. Somit finde ich sie dann nicht mehr haltbar.

Verbesserungsvorschläge habe ich somit nicht, lese nun aber mal, was die Anderen meinen. Mhm. Für mich ist das "ins Abseits stellen" schon aggressiv. Das hätte "ignorieren" auch (klingt aber für mich zu technisch und ist auch in abgeschwächter Form aggressiv), aber "hinter uns lassen" fehlt diese Bedeutungsebene fast ganz. Ich nehme an, dass sie wichtig ist. Vielleicht wäre "haben wir ins Abseits gedrängt" noch eine Variante.

Viele Grüße
merin
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Fabian

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Re: Minimalia I
« Antwort #7 am: 14 Juni 2019, 10:03:35 »
@ Nalee

Du hast du ja völlig recht damit, dass zum Text unterschiedlich assoziiert werden kann, das hast du schon im ersten Post gut dargelegt.

Aber – unabhängig davon, dass die Suche nach treffenderen Formulierungen nie schaden kann – eine widerspruchfreie Rezeption kann ich nicht erwarten, will ich auch gar nicht auslösen, wenn ich eine Spruchweisheit (Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach) verballhorne.
Auch wenn dich die Verwendung des Begriffs Abseits in diesem Kontext verunsichert hat – du bist damit auf eine Weise umgegangen, die mir bestätigt, dass der Text funktioniert.

[EDIT:] Shit, ich hab gar nicht gesehen, dass du 2 x nacheinander gepostet hast.
« Letzte Änderung: 14 Juni 2019, 10:10:12 von Fabian »

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Re: Minimalia I
« Antwort #8 am: 14 Juni 2019, 10:22:01 »
@ merin

Das der Text so gut funktioniert, hätte ich nicht gedacht.

Ich überlass euch mal das Feld, denn:
"In jeder Kunst ... obliegt (es) der Praxis, die Schwierigkeiten zu zeigen und die Erscheinungen anzugeben, und der Spekulation, die Erscheinungen zu erklären und die Schwierigkeiten zu beseitigen. Daraus folgt, daß es kaum einen vernünftig denkenden Künstler gibt, der über seine Kunst gut sprechen kann." – Denis Diderot
(aus:
Jan Philipp Reemtsma – Was heißt: einen literarischen Text interpretieren. Dem Kapitel Es lassen vorangestellt).

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