19 Oktober 2020, 17:28:22

Autor Thema: Lyrik: Übergang  (Gelesen 139 mal)

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merin

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Lyrik: Übergang
« am: 13 Februar 2020, 13:48:11 »
Ich habe mal wieder einen Text geschrieben, der vielleicht ein Lied werden soll. Und irgendwie mag ich ihn, aber er scheint mir noch etwas unrund. Vielleicht habt ihr ja Ideen dazu? Und natürlich würde mich interessieren, ob der Text auch für euch holpert und wenn ja wo.

Übergang

Schwester ich hab dich schon atmen gesehen
bevor noch die Sonne zerschmolz
ein Windhauch nur
weiß aus deinem Mund
und so viel Nähe, die ich hinter mir ließ.
Nun bist du verschollen hinter dem Horizont
und ich gehe ins Weite.

Bruder ich hab deine Tränen geschmeckt
als der Mond schon wieder versank.
Ein Schatten bist du
ein leeres Versprechen
ein Mund voll Sehnsuchtsblüte.
Nun bist du verschollen hinter dem Horizont
und ich gehe ins Weite.

Tochter ich weiß nicht
was ich dir geben soll
aber ich geb es mit reinem Gesicht.
Ich halt deine Hand, so lange du willst
so lange ich mitgehen kann.
Und ich weiß, der Wald wächst
und das Grün frisst uns auf
und es wächst immer wieder nach
bis die Weite dich aufnimmt und mich zurücklässt.
Dann gehst du lächelnd ins Weite.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Oldlady

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Re: Lyrik: Übergang
« Antwort #1 am: 13 Februar 2020, 23:51:23 »
Von mir nur eine ganz schnelle, spontane Rückmeldung: Schön!  :cheer:
Aber eher ein Gedicht als ein Lied.

Morgen schaue ich mir das noch genauer an.

Salamander

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Re: Lyrik: Übergang
« Antwort #2 am: 14 Februar 2020, 11:47:17 »
Ich finde es auch schön, und macht nachdenklich - Übergang. Passt zur Jahreszeit, obwohl hier nicht viel Weiß ist. :devgrin:
Was meinst Du mit unrund, den Rhythmus? Kommt drauf an, wie man es liest/singt.

merin

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Re: Lyrik: Übergang
« Antwort #3 am: 14 Februar 2020, 13:17:33 »
Ja, es gibt für mich rhythmisch eine Zeile, die holpert oder rausssticht. Aber ich bin eben nicht sicher, ob das an mir liegt oder ob es nicht auch gut ist, weil die Zeile zumindest für mich eine Art Knackpunkt des Textes ist. Da kann sie schon auch rausstechen.
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Salamander

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Re: Lyrik: Übergang
« Antwort #4 am: 14 Februar 2020, 17:48:54 »
So, wie ich das lese, höre ich Rhythmusänderung nur in den letzten zwei Zeilen, und da passt es ja inhaltlich zum Thema Aufbruch, Weggang ins Weite.
Beim Lesen würde ich "hinter dem Horizont" zusammenziehen zu "hinterm Ho." = für mich flüssiger.
Ratlos lässt mich das "reine Gesicht":
Ich könnte was anfangen mit "reinem Sinn" oder "reinem Blick", aber nicht Gesicht?

merin

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Re: Lyrik: Übergang
« Antwort #5 am: 19 Februar 2020, 14:43:04 »
Vielen Dank für die Rückmeldungen. Für mich holpert tatsächlich die drittletzte Zeile, was aber inhaltlich auch irgendwie Sinn macht. Dagegen geht "hinterm Horizont" für mich nicht, wohl auch, weil eine Stimme in meinem Kopf dann gleich anfängt, ein anderes Lied zu trällern. :cheer:
Und das reine Gesicht. Tja. Das ist irgendwie was Inuitives und es braucht eben zwei Silben an der Stelle. Aber da denk ich nochmal drüber nach, ob es sich durch ein passenderes Wort ersetzen lässt.
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eska

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Re: Lyrik: Übergang
« Antwort #6 am: 19 Februar 2020, 23:07:01 »
Hi Merin,

ich weiß nicht, ob dir das, was ich zu deinem Song sagen kann, irgendwie weiterhilft, also schau mal.

Zunächst der Titel: Einen Übergang finde ich von Natur aus spannend, von einem Zustand in den anderen, einer Phase in die nächste: jeweils zwei unterschiedliche Zustände, die sich abwechseln, Anpassung erfordern, Reibung ergeben...
Ich beziehe ihn aber nicht automatisch auf den Text. Erst beim Nachdenken ordne ich ihn am ehesten der dritten Strophe zu, die einen Übergang von einer Generation zur nächsten darstellt. Übergang auch der Aktivität, weg vom Ich zur Tochter.

Die Personen: Die Begriffe Schwester und Bruder und Tochter sprechen alle von Familie, von naturgemäß vorhandener Nähe, von auch schmerzlichen Abhängigkeiten. Ich kann nicht festmachen, warum, aber ich denke bei Schwester und Bruder trotzdem mehr an selbstgewählte Menschen, die dem Ich nahe waren (oder noch sind), vielleicht sogar stellvertretend für alle nahen Menschen. Bei Tochter kann ich das nicht, und das verwirrt mich in meiner Lesart. Ein Kindschaftsverhältnis kann es nur geben, wo einmal ein Machtgefälle war (ich finde kein sanfteres Wort); die Gleichberechtigung der ersten beiden Strophen ist abgelöst durch ein tastendes Entlassen aus der Obhut, das gleichzeitig ein Erstarken der Tochter und ein Schwächen des Ichs (der Mutter) bedeutet. Diese ist unsicher: weiß nicht, kann nur begrenzt mitgehen, entscheidet nicht mehr. Folgerichtig wird sie am Ende zurückgelassen. Die Rolle des Waldes und des Grüns ist mir allerdings schleierhaft. (Beim ersten Lesen war ich - realitätsgeprägt - froh, dass der Wald wächst, alles nachwächst, aber auffressen scheint wirklich bedrohlich gemeint, außerdem bewirkt das Grün die endgültige Trennung. (Wird dann 'nur' die zurückbleibende Mutter gefressen?)

Schwester und Bruder hat das Ich aktiv hinter sich gelassen, trotz der jeweiligen, durchaus bedeutenden Nähe. Die Tochter wird die Mutter hinter sich lassen, das ist in Ordnung so, immerhin kann die Tochter lächeln. Und die Mutter hat ihr alles mitgegeben, was sie kann.

Mit einigen Details kann ich nichts anfangen oder sie verwirren mich:
Die zerschmelzende Sonne wäre für mich ein Endzeit-Bild, auf das nichts mehr folgen könnte.

Der Mond scheint immer wieder zu versinken - worin? Und weshalb? Und was bedeutet das für die Geschwister? Ist er der Grund für des Bruders Tränen?
 
Insgesamt scheint der Bruder eher eine Enttäuschung gewesen zu sein, aber der Mund voll Sehnsuchtsblüte ist viel zu schön und emotional aufgeladen, um ihn so abzutun.

Das reine Gesicht verstehe ich auch nicht. Es suggeriert mir weniger Aufrichtigkeit als Tabula rasa - weggewischtes Leben durch weggewischte Spuren.

Und zum Schluss: Zweimal Weite in den letzten beiden Zeilen, dabei noch einen Artikelwechsel (die Weite, das Weite) finde ich nicht optimal. Außerdem fehlt mir hier der Horizont von oben.

Insgesamt zieht mich der Text durchaus an, ist aber meines Erachtens zu schwer zu verstehen für ein Lied, das ich ja höre, nicht mehrmals nachlesen kann.
Eine Auflösung würde mich durchaus interessieren, wenn du sie liefern magst.  :)

Gute Nacht,  :bett:
eska

merin

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Re: Lyrik: Übergang
« Antwort #7 am: 20 Februar 2020, 09:37:02 »
Liebe Eska,

vielen Dank für deine Zeilen, mit denen ich sehr viel anfangen kann. Ich muss zugeben, dass der Text für mich sehr intuitiv ist. Ich kann Lyrik kaum konstruieren, sondern ich muss eine Stimme in mir wecken und der dann schreibend hinterherlaufen. In einem zweiten (dritten usw.) Schritt kann ich dann versuchen, zu verstehen, was ich da geschrieben habe und das dann bearbeiten. Dabei hilft es mir sehr, wenn andere mir zurückmelden, was sie aufnehmen. Und dabei helfen mir deine Zeilen riesig!

Für mich ist das ein Text über menschliche Verluste. Darüber, dass Menschen kommen und gehen, Beziehungen sich ändern. Und du hast völlig richtig herausgelesen, dass es bei Bruder und Schwester nicht um Verwandtschaft geht, sondern um Peers, Freunde, die gehen. Dass ich sie aktiv hinter mir lasse, war dabei von mir nicht angedacht, ich war eher in der Stimmung über die zu trauern, die aus verschiedenen Gründen nicht mit mir gegangen sind.
Die zerschmelzende Sonne und der versinkende Mond sind für mich keine Endzeitbilder, sondern sollen das Vergehen von Zeit symbolisieren: Wenn eine Sonne am Meer untergeht oder im Nebel, dann sieht es manchmal aus, als würde sie schmelzen und wenn der Mond untergeht, sieht es manchmal aus, als würde er versinken. Es sind Bilder für vergehende Tage und Nächte.
Auch der Wald ist für mich einfach nur ein Bild für das Vergehen von Zeit: Wenn man sieht, dass er gewachsen ist, sind Jahre ins Land gegangen. Allerdings ist das auch eine Stelle, mit der ich hadere. Es soll etwas Tröstliches haben: So wie der Wald nachwächst, wachsen auch Beziehungen nach. Aber ich finde, dass es mir nicht ausreichend gelungen ist, das auszudrücken.

Dass der Bruder eher eine Enttäuschung gewesen zu sein scheint, kann ich nicht recht nachvollziehen. Also auf der textlichen Ebene. Auf der Ebene meiner nicht-mehr-Freunde schon, da waren Männer bei mir wirklich oft enttäuschender als Frauen.

Und die zweimal Weite - tja, damit hadere ich auch noch. Dass der Horizont durch die Weite abgelöst wird, ist Absicht, aber ich weiß noch nicht, ob das so gelungen ist.

Vielleicht wäre das eine Variante?

Tochter ich weiß nicht
was ich dir geben soll
aber ich geb es so gut ich's vermag.
Ich halt deine Hand, so lange du willst
so lange ich mitgehen kann.
Und ich weiß, der Wald wächst
und du mit ihm mit
bis du eines Tages gehst,
bis die Weite dich aufnimmt und mich zurücklässt.
Dann gehst du lächelnd ins Weite.

Aber ist die besser?

Liebe Grüße
merin
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eska

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Re: Lyrik: Übergang
« Antwort #8 am: 20 Februar 2020, 21:21:01 »
Liebe Merin;
es freut mich, dass meine Assoziationen dir helfen. Danke auch für die Auflösung, sie war spannend.  :cheer:

Eine kurze Erklärung meinerseits: Was auf mich enttäuschend wirkt am Bruder, sind folgende Begriffe: leeres Versprechen, Schatten, ein Mund voll Sehnsucht (= keine Erfüllung), sie hat (nur?) seine Tränen geschmeckt, nichts Fruchtbares.

Deine neue Version der dritten Strophe gefällt mir deutlich besser. Warum? Vor allem gibt es keine unverständlichen Stellen mehr. Das reine Gesicht ist abgelöst von 'so gut ich's vermag' - viel klarer und nachvollziehbarer und für mich sehr ehrlich menschlich. Dann der Wald, der das Bedrohliche verloren hat, eine Art Gefährte im Wachstum ist (ich würde allerdings das zweite mit weglassen).

Zur Weite ist mir eine Alternative eingefallen, vielleicht sagt die dir zu: 'bis die Ferne dich aufnimmt' etc. (da klingt die Idee von Horizont wieder an.) Oder sogar 'die Welt' - fände ich noch positiver.

Das wär's.
 :hallo:

eska

merin

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Re: Lyrik: Übergang
« Antwort #9 am: 21 Februar 2020, 10:48:23 »
Tochter ich weiß nicht
was ich dir geben soll
aber ich geb es so gut ich's vermag.
Ich halt deine Hand, so lange du willst
so lange ich mitgehen kann.
Und ich weiß, der Wald wächst
und du mit ihm
bis du eines Tages gehst,
bis die Welt dich aufnimmt und mich zurücklässt.
Dann gehst du lächelnd ins Weite.

Mhm. Ohne das zweite Mit ist es sprachlich schöner, aber der Rhythmus haut nicht ganz hin. Und was mir in der Welt fehlt, ist die innere Weite. Die ist auch in der Ferne nicht enthalten.  :gruebel: Da muss ich nochmal nachknobeln und -spüren.

Vielen Dank nochmal!
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Ruglud

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Re: Lyrik: Übergang
« Antwort #10 am: 18 Mai 2020, 15:41:17 »
Bevor ich mich hier verzettle: Gibt es eine neue Version? Neue Fragen? Hab Input, will aber nicht vielleicht schon antiquierte Verse analysieren.
Der Weg ist das Ziel, wenn dein Ziel Weg ist.

merin

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Re: Lyrik: Übergang
« Antwort #11 am: 18 Mai 2020, 16:17:57 »
Die neue Version der letzten Strophe steht ja hier im Thread. Da mir die Inspiration gefehlt hat, hab ich aber nichts weiter damit gemacht. Und freu mich über deine Gedanken dazu.
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Viskey

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Re: Lyrik: Übergang
« Antwort #12 am: 18 Mai 2020, 20:48:16 »
Hach schön, mal wieder Liedtext!  :cheer:

Schwester ich hab dich schon atmen gesehen
bevor noch die Sonne zerschmolz
ein Windhauch nur
weiß aus deinem Mund
und so viel Nähe, die ich hinter mir ließ.
Nun bist du verschollen hinter dem Horizont
und ich gehe ins Weite.

Bruder ich hab deine Tränen geschmeckt
als der Mond schon wieder versank.
Ein Schatten bist du
ein leeres Versprechen
ein Mund voll Sehnsuchtsblüte.
Nun bist du verschollen hinter dem Horizont
und ich gehe ins Weite.

Für mich holpert's da schon. Die zweite Strophe kann in meinen Augen nicht mit der ersten mithalten in Sachen "Traumbild". Die zerschmelzende Sonne ist so ein starkes Bild. Bevor ich noch sonst etwas lese, weiß ich: Hier geht's um Verlust, Wehmut, Traurigkeit ...
Dagegen ist ein versinkender Mond geradezu profan und bedeutungslos. Mei, der Mond geht halt unter und sinkt dabei dem Horizont entgtegen, das ist rein astronomisch gegeben. Wenn es für sich allein stünde, wär das noch eins, aber die zerschmelzende Sonne ... die stellt halt alles andere in den Schatten (:hehe:)

Das gleiche gilt für die nächsten Zeilen; der weiße Windhauch ist sehr viel lyrischer als ein Schatten und ein leeres Versprechen. Die Sehnsuchtsblüte reißt da viel wieder raus, aber da stört mich, dass der Mund wiederverwendet wird. - Wobei dagegen ja eigentlich gar nichts einzuwenden ist. Keine Ahnung, wieso ich mich daran jetzt störe. :dontknow:

Tja, und die letzte Strophe ist dann ... geradezu ein Holzhammer für mich, so gewöhnlich kommt die Sprache darin daher. Die Idee dahinter ist edel, auch traurig. Aber für beides braucht es mindestens einen zweiten Blick, wenn nicht einen dritten. Was in der ersten Strophe leicht wie Feentanz daherkommt, wirkt am Ende bemüht und schwerfällig ... vor allem im Vergleich zu dieser grandiosen ersten Strophe. (Merkt man, dass ich die erste Strophe so ganz minimal toll finde ...?) In der dritten Strophe sind keine außergewöhnlichen Bilder mehr, was das ganze etwas platt wirken lässt.
- Diese Röstung gilt für beide Versionen der dritten Strophe, und ich könnte da jetzt weder die eine noch die andere als bessere nennen.

Und der Balance wegen hätte ich eigentlich noch eine Strophe über einen Sohn erwartet. :dontknow: Aber das ist rein persönliche Symmetrieliebe, die muss dich nicht kümmern. ;)

LG Viskey
« Letzte Änderung: 18 Mai 2020, 20:50:18 von Viskey »
"There is no such thing as bad work, just unfinished work." - Eric Idle

Ruglud

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Re: Lyrik: Übergang
« Antwort #13 am: 21 Mai 2020, 19:40:11 »
Dann mal offiziell Hi!

Ich hab schon lang kein Gedicht mehr auf Herz und Nieren überprüft und vielleicht hilfts ja deiner lyrischen Stimme, wenn ich alles mal zerdenke. Vielleicht nicht. Finden wir es raus!

Text
Kurz zur Symmetrie: Cooles Fundament. Sonne sinkt, Mond sinkt. Aufbau fühlt sich sehr intuitiv an, wobei das Ende dem Ganzen nicht gerecht wird. Dazu später mehr.

1. Strophe

Zitat
Schwester ich hab dich schon atmen gesehen
bevor noch die Sonne zerschmolz

Einfach so versteh ich „schon atmen gesehen [~Anfang]“ mit „bevor die Sonne zerschmolz [~Ende]“ nicht; man sieht niemanden schon kurz vor dem Ende. Also muss man das Atmen wohl als Veränderung bzw. Vorzeichen des Beziehungsendes sehen. = Ich hab schon deine Zweifel gesehen, bevor alles kaputt ging. Aber dann wiederum, ist für mich Atmen = Leben. Und dann steht da: Ich hab schon gemerkt, dass du angefangen hast dein eigenes Leben zu leben, bevor es mit uns beiden nicht mehr funktioniert hat. Hört sich nicht nach einer gesunden Beziehung an, was nicht passt, weil man ja nicht um die schlechten Beziehungen trauert. Nicht, nicht, nicht. Weiter!

Zitat
ein Windhauch nur
weiß aus deinem Mund

Schön.

Zitat
und so viel Nähe, die ich hinter mir ließ.

Mit dem „und“ wird aus dem ganzen irgendwie eine Aufzählung. Ich lasse hinter mir: einen Windhauch, einen weißen Mund und viel Nähe.
 
Zitat
und so viel Nähe, die ich hinter mir ließ.
Nun bist du verschollen hinter dem Horizont
und ich gehe ins Weite.

Ich tu mir schwer mit dem (Refrain?) (Refrain!) Refrain in der ersten Strophe. Es ist die Choreografie des Ganzen: Ich lasse etwas hinter mir, dann bist du verschollen, dann gehe ich ins Weite. Kann man etwas hinter sich lassen, dass verschollen ist? Ich weiß es nicht. Kann man ins Weite gehen, nachdem man schon alles hinter sich gelassen hat? Ich weiß es nicht. Mir scheint es zu viel. Wenn du verschollen bist, dann hast du mich zurückgelassen. Wenn ich ins Weite gehe, dann ich dich. Wenn ich dich hinter mir lasse, dann bin ich verschollen. Vielleicht ist es einfach das Wort verschollen.
Nein, hah! Ich habs, ich mag das doppelte „hinter“ nicht. Versteh es dann zwar immer noch nicht, aber damit ist es schöner. Ich sollte vielleicht mal pausieren und Lob aussprechen. Das mit dem Atmen ist etwas Besonderes, nur weiß ich noch nicht ganz wieso eigentlich. Vielleicht ist aber genau diese Ambivalenz der tragende Pfeiler. Vielleicht nicht. Das weiß ich nicht, das musst du rausfinden. Nicht, nicht, nicht, nicht, nicht. Weiter!

2. Strophe

Zitat
Bruder ich hab deine Tränen geschmeckt
als der Mond schon wieder versank.

Erneut. Schön. Erneut versteh ich das „als“ nicht wirklich, aber das ist ok. Hier störts mich nicht so wie oben.

Zitat
Ein Schatten bist du
ein leeres Versprechen
ein Mund voll Sehnsuchtsblüte.

Dafür ist das zu 2/3 nicht so schön. Außerdem versteh ich es nicht. Vorher hast du dem Bruder die Tränen wegschnabuliert und dann ist er dir zu wenig? Für mich ist Weinen und Traurigkeit nichts was einen Schatten ausmacht und finde es auch ein bisschen gemein den traurigen Menschen gegenüber. Ein leeres Versprechen weint nicht, es isst deine Spaghetti auf und ruft nicht zurück (wörtlich zu nehmen) und ein Schatten hat keine Gefühle, also auch keine Tränen. Sorry Schatten! (aber es ist wahr) (nicht, nicht, nicht, nicht, nicht)

3. Strophe

Zitat
Tochter ich weiß nicht
was ich dir geben soll

Im Gegensatz zu Viskey find ich die Nur-Tochter-Strophe wichtig für den Text, weil sehr persönlich. Das lyrische Ich hat vielleicht nur eine Tochter und diese eine Beziehung gilt es abzulichten. So gibst du mehr Information preis, als wenn du mehr schreiben würdest.

Zitat
aber ich geb es so gut ich's vermag.

Ich glaub es gibt eine bessere Kombination an „es“‘s.

Zitat
Ich halt deine Hand, so lange du willst
so lange ich mitgehen kann.

Lieb.

Zitat
Und ich weiß, der Wald wächst
und du mit ihm

Ich weiß zwar nicht wo der Wald jetzt hergekommen ist, aber trotzdem schönes Bild und definitiv besser als die erste Version. Ich hätt nichts gegen ein „und du mit ihm mit“. Rollt gut von der Zunge.

Zitat
bis du eines Tages gehst,
bis die Welt dich aufnimmt und mich zurücklässt.
Dann gehst du lächelnd ins Weite.

Das Ende ist der Teil vom Gedicht, der mir wirklich nicht gefällt. 1stens: gehst und gehst. Pfui! Pardon. Aber es ist praktisch nur die letzte Zeile. Sie funktioniert einfach nicht. Es passt mit keinem Rhythmus, mit dem ich es lese. Und von der Struktur erinnert es an die Horizontfragen von oben. Die Tochter geht, wird aufgenommen, lässt dich zurück und geht erneut? Die letzte Zeile übermittelt einfach keine neue Information. Bin gespannt darauf, wie du meinen Input verwurstest und beende

Abschließend
Inhaltlich ist es randvoll. Es geht um Freunde, Liebe, Trennung, Erwachsen werden, Eltern sein. Und es ist sehr kurz. Da bleibt nicht viel Platz für etwaige Unklarheiten, deswegen schau ich auch so genau auf das gelegentliche Adverb. Nach dem Korrekturlesen sehe ich jetzt, dass ich wohl die Hälfte nicht gecheckt hab, kann aber definitiv sagen, dass Teile davon sehr schön sind.

Ich würde mich freuen, wenn mir entweder meine Blasphemie mit einer messerscharfen Antwort aus dem Leib operiert wird oder eine neue Version des Gedichtes das Licht der Welt erblickt.

Also Handlungsempfehlung: Das Gedicht braucht Inspiration für die 2te, sowie Textbau für die 3te Strophe.

Viel Glück damit!


PS: Röst-Ratschläge sind willkommen!
PPS: Röstung hat 29 authentische "nicht"'s. Literat durch und durch. :devgrin:
Der Weg ist das Ziel, wenn dein Ziel Weg ist.

merin

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Re: Lyrik: Übergang
« Antwort #14 am: 22 Mai 2020, 22:34:00 »
Vielen Dank für eure Rückmeldungen. Ich finde es interessant, wie verschieden sie ausfallen. Tatsächlich finde ich nach Viskeys Röstung die dritte Strophe sprachlich auch schwach. Da muss ich nochmal ran.

Auch mit deinen, Ruglud, Anregungen kann ich viel anfangen. Ich bin mir selbst noch nicht so sicher, ob es wirklich möglich sein sollte, den Text so Zeile für Zeile nachzuvollziehen. Für mich war er viel assoziativer gedacht. Es könnte aber natürlich gut sein, dass er sehr viel gewinnt, wenn ich ihn als Gedicht wirklich ernst nehme und alle Bedeutungen so bearbeite, dass sie wirklich für sich stehen können. :gruebel: Darüber muss ich mal nachdenken. Es scheint ja so zu sein, als würde die von mir intendierten Themen auch so enthalten sein. Die Zweifel an den letzten drei Zeilen kann ich nachvollziehen. Auch darüber denke ich nochmal nach!

Liebe Grüße und vielen Dank
merin

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