15 Oktober 2021, 23:38:19

Autor Thema: Mehrband-Fahrplan  (Gelesen 1776 mal)

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Paul

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Re: Mehrband-Fahrplan
« Antwort #30 am: 01 Mai 2021, 08:54:27 »
Ich fand es für meinen Roman hilfreich, die Story in ein bis drei Sätzen zusammenzufassen. Diese Methode zwingt einen dazu, sich auf die wirklich wesentliche Punkte zu konzentrieren (die dann im Roman auch entsprechend als "Spannungshöhepunkte" auftauchen müssen). So bekommt der Roman seinen "Bogen". Diesen Bogen zu kennen hilft ungemein, die Szenen eindeutiger zu gestalten - und auch ein Gefühl dafür zu bekommen, ob eine Szene notwendig ist oder nicht.

Meine drei Sätze lauten:

Der Roman erzählt von einem Mann, der von einer toxischen Männlichkeit vergiftet ist und der sich auf mehrere Reisen begibt, um sich von dieser Last zu befreien. Auf diesen Reisen lernt er nach und nach neue Menschen kennen, die zu seinen Freunden und Freundinnen werden. Mit ihrer Hilfe befreit er sich von seinen alten Dämonen und er erfährt einen ungeahnten Reichtum in seinem Leben, bis er am Ende, als es unter seinen Freunden zu einer Katastrophe kommt und jemand dabei stirbt, er wieder mit leeren Händen dasteht.

Paul
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Lionel Eschenbach

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Re: Mehrband-Fahrplan
« Antwort #31 am: 01 Mai 2021, 09:45:11 »
@Viskey.

Es ist früh. Mein Kaffee schmeckt. Spotiy spielt im Hintergrund. Gerade Jazz.

Ich persönlich lache gerne über mich, hinsichtlich meines Plans, eine Geschichte zu schreiben, die über mehrere Bänder gehen könnte. Ich schreibe fleißig an meinem Roman, Bd.1, und behalte für mich immer im Hinterkopf, wie es weiter gehen könnte. Hauptaugenmerk ist aber klar Bd.1. Logischerweise.

Ab und an lese ich, welcher Autor wie vorgegangen ist. Die meisten haben - es gibt Ausnahmen - nicht mit einem Mehrbänder angefangen. Windigo hat es sehr schön geschrieben, ein Mehrbänder ist wie Profisport. Und eben das ist es. Romane - und nur ein Band - ist schon die Königsklasse. Daher empfiehlt in der Regel auch keiner, damit zu beginnen. Und doch übt es wohl auch für mich, wie für euch, eine Faszination aus, eben in dieser Klasse schreiben zu wollen.  Wie sagte  George R. Martin auf seinem Blog, was er jungen Autoren empfiehlt. Fangt mit einer Kurzgeschichte an, veröffentlicht sie, schreibt noch eine, veröffentlicht diese auch, irgendwann hat man einen Namen, und irgendwann wird vielleicht ein Verlag aufmerksam.  In kleinen Schritten nehmen wir als die Treppe des Erfolges.

Halte ich mich daran. Nö! Ich will gleich mit etwas Großem beginnen, nicht unter Königsklasse. Ich weiß, dass es größenwahnsinnig ist. Warum eigentlich, weil ich mit Tausend Dämonen gleichzeitig kämpfen muss.

Merin hat hier einen Thread geöffent über Szenenfolgen. Damit kämpfe ich.
Ich kämpfe mit meiner Sprache, weiß noch nicht so richtig, was mir gefällt.
Dann kämpfe ich mit meinem Plot, ist es logisch, führt das einen zum anderen?
Dann kämpfe ich mit meinen Charakteren. Witzigerweise kann ich zwischenzeitlich sehr gut verstehen, warum in vielen Roman die Helden blass bleiben. Denn wenn es nur mehr als ein PROTOAGONIST ist, dem glaubwürdig  Leben eingehaucht werdem soll, dann kommen da mal leicht 200 Seiten  pro weiterer Hauptfigur zusammen. Daher - und gerade - in Fantasy sind die Charaktere eben oft auch sehr klischeehaft. Ich orientiere mich hinsichtlich der Charakterentwicklung sehr stark an GRRM, der es meiner Meinung nach zur Perfektion gebracht hat. ABER!!! 4000 Seiten!!!!  Denn es ist nicht nur die Balance zwischen Charakterentwicklung und Handlung, sondern auch über Motivation und Psychologie. So bin ich schier darüber verzweifelt, warum mein Prota nun König werden sollte. Mir ist erst viel später aufgefallen, als ich schon viele, viele Szenen geschrieben haben, das eigentlich, mein Prota NULL Gründe hätte König zu werden. Stellt euch selber mal vor, jemand unterbreitet euch den Vorschlag BundeskanzlerIn zu werden. Würdet ihr es machen?  Also kämpfe ich auch mit der Motivation, warum wer was macht.  Ich könnte jetzt den Klassiker wählen. Lionel erkennt, es ist seine Bestimmung. Hurra, wie oldschool ist denn das. Eine Kraft ist in dir, und here we go, ich werde König. Das wollte ich nicht, also überlegte ich mir, was könnte Lionel bewegen, sich der Verantwortung zu stellen, obwohl er eigentlich Null Bock darauf hat.

So, und schon wieder waren es 100 Seiten mehr.
So, mein Kaffee neigt sich langsam dem Ende.

Egal an welchem Aspekt ich momentan arbeite, an allen Ecken und Enden spüre ich, ein weiter Weg liegt noch vor mir.

Ob es die Sprache ist. Dafür habe ich ja hier die Röstungen.
Ob es der Plot ist.
Ob es die Handlung ist.
Ob es die Charaktere sind.
Ob es die Motivation ist.

Hier lasse ich mal das worldbuilding ala Tolkien raus, wieder 100 Seiten mehr.

Und oben drauf kommt dann noch - und hier bin ich sicher, viele von euch sind gelegentlich auch mit Selbstzweifeln geplagt - das wir nicht abschätzen können, auf welchem Niveau wir gerade schreiben, da wir in der Regel weder von Lektoren noch von Lesern Rückmeldungen bekommen haben.

Also, stellen wir uns vor, wir machen eine Steinmetzausbildung. In welchen Ausbildungsjahr sind wir denn gerade? Sind wir noch Auszubildener oder schon Meister oder daVinci?

Und hier - wenn ich ehrlich zu mir selber bin - denke ich nur sehr am Rande daran, ob ich je Band 2 oder 3 oder 4 oder 5 schreiben werde. Ich denke zu 90 Prozent nur an Band 1.

Und eben das wäre mein realistischer Rat, sich nicht darin zu verzetteln (was ja auch schön zu Zetteln an der Korkwand passt), es zu komplex werden zu lassen.

Also nur mit einem Lächeln denken wir an die Folgebänder, aber unsere ganze Liebe steckt NUR in dem Projekt, an dem wir arbeiten.

Von daher mögen wir hier Tipps geben, wie wir es schaffen könnten, mehrere Bände zu konzipieren, halt Theorie, aber eigentlich sollten wir die Finger davon lassen und uns nur auf einen Band konzentrieren, was immer noch die Königsklasse wäre. Und das wäre auch mein ehrlicher Rat an June. Lass die Finger davon! :)  :devcool:

So. Kaffee alle.

P.S. @Paul. Habe ich auch so gemacht. Ob nun Schneeflockenmethode, oder was auch immer. 1 Satz Zusammenfassung, dann 2 Satz Zusammenfassungen und so weiter. Grobskizzierung, Feinjustierung. Meine ganze Ordner sind voll davon. Ich weiß also schon, was die Eckpfeiler sind. Und diese Techniken sind auch wichtig. Nur das bereitet mir nicht die Kopfschmerzen, sondern Szene für Szene. Und schauen wir hier mal darauf, wenn wir geröstet werden, wie gut unser Selbstbewusstsein ausgesprägt sein muss, damit wir nicht bitterlich anfangen zu  weinen :)
 
« Letzte Änderung: 01 Mai 2021, 10:12:08 von Lionel Eschenbach »

June

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Re: Mehrband-Fahrplan
« Antwort #32 am: 01 Mai 2021, 10:20:18 »
Zitat
Romane - und nur ein Band - ist schon die Königsklasse.

Hihi, ich hab mal gelernt, Kurzgeschichten sind die Königsklasse ...

Für mein Empfinden ist es aber die Lyrik - na, was stimmt denn nun? :D
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Lionel Eschenbach

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Re: Mehrband-Fahrplan
« Antwort #33 am: 01 Mai 2021, 11:19:54 »
Frage zehn Leute, bekommst elf Meinungen.

Und ja Lyrik, oh je, ich mag Astern und Gottfried Benn :)

KLEINE ASTERN
Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster
zwischen die Zähne geklemmt.
Als ich von der Brust aus
unter der Haut
mit einem langen Messer
Zunge und Gaumen herausschnitt,
muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt
in das nebenliegende Gehirn.
Ich packte sie ihm in die Brusthöhle
zwischen die Holzwolle,
als man zunähte.
Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft,
kleine Aster!

June

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Re: Mehrband-Fahrplan
« Antwort #34 am: 01 Mai 2021, 11:40:33 »
 :streichel:
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merin

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Re: Mehrband-Fahrplan
« Antwort #35 am: 01 Mai 2021, 11:45:48 »
Ich finde schon, dass es wichtig ist, auch differenziert zu schauen. Wir schreiben hier auf verschiedenen Niveaus und auch mit verschiedenen Ansprüchen. Wenn jemand seinen Stil noch nicht gefunden hat, wie Lionel, ist es sinnvoll, erstmal auf der Ebene kürzerer Texte daran zu arbeiten. Wenn jemand schon zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht und einen Verlag für sein Romandebüt hat, wie June, dann ist der Stil schon klar und es erscheint mir auch angemessen, zu schauen, ob ein Mehrbänder eine Option ist. June kann zurückgreifen auf ihre Erfahrungen, sie weiß prinzipiell, wie sie sich organisiert und etwas fertigstellt. Das muss nun angepasst werden auf Mehrbänder, aber es ist ja schon da.
Viskeys Weg ist wieder ein anderer: Sie hat einen Stil und sitzt seit Jahren an zwei Mehrbändern. Die grobe Planung steht, sogar schon ziemlich fein. Das Fertigstellen auf der Textebene scheint die Schwierigkeit.
Und ich? Habe jahrzehntelang Lyrik und KGs gemacht, war damit auch im kleinen Rahmen erfolgreich, und wage mich seit so 15 Jahren an Romane. Auch ich muss erstmal lernen, wie ich mich organisiere, wie meine kreativen Prozesse funktionieren. Ich finde es hilfreich, mich auszutauschen, zu schauen, wie es andere machen. Manches davon probiere ich aus, verwerfe es oder nehme es (für eine Weile oder für länger) an.

Zu euren Beiträgen habe ich noch folgende Gedanken:

Paul:
Zitat
Der Roman erzählt von einem Mann, der von einer toxischen Männlichkeit vergiftet ist und der sich auf mehrere Reisen begibt, um sich von dieser Last zu befreien. Auf diesen Reisen lernt er nach und nach neue Menschen kennen, die zu seinen Freunden und Freundinnen werden. Mit ihrer Hilfe befreit er sich von seinen alten Dämonen und er erfährt einen ungeahnten Reichtum in seinem Leben, bis er am Ende, als es unter seinen Freunden zu einer Katastrophe kommt und jemand dabei stirbt, er wieder mit leeren Händen dasteht.

Das mit den drei Sätzen ist super. Allerdings verstehe ich nicht ganz, warum du die nicht so feilst, dass sie den Text wirklich auf den Punkt bringen. Vorschlag:

Zitat
Einem Mann ist von toxischer Männlichkeit vergiftet und begibt sich auf mehrere Reisen, um sich von dieser Last zu befreien. Er lernt neue Menschen kennen und lieben, mit deren Hilfe er sich von alten Dämonen befreien kann. Doch der ungeahnte Reichtum, den er dadurch erfährt, ist nicht von Dauer: Als es unter seinen Freunden zu einer Katastrophe kommt und jemand stirbt, steht er wieder mit leeren Händen da.

Lionel:
Bei dir verstehe ich nicht, warum die Antworten auf deine Fragen nicht zu drei Sätzen führen, wie bei Paul, sondern zu hunderten Seiten Text. Vielleicht ist es als Orientierung hilfreicher, es mal mit drei Sätzen pro Frage zu versuchen.
« Letzte Änderung: 01 Mai 2021, 12:58:23 von merin »
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht und was ich gern anders hätte.

Paul

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Re: Mehrband-Fahrplan
« Antwort #36 am: 01 Mai 2021, 12:52:12 »
@Merin

Danke für die Redaktion meiner drei Sätze. Ich habe sie heute Morgen nochmals schnell neu aufgeschrieben, da ich dank meiner "ähem" genialen Organisation die ursprünglichen drei Sätze nicht mehr fand. Zumindest hatte ich sie aber noch im Kopf - und das allein zählt.

Bei einem Mehrbänder finde ich das größte Problem darin, mehrere solcher Spannungsbögen sinnvoll zu gestalten und dabei dann auch noch die Gesamtgeschichte voranzutreiben. Von daher ja: Königsdisziplin

Paul
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Viskey

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Re: Mehrband-Fahrplan
« Antwort #37 am: 01 Mai 2021, 14:21:48 »
@ Lionel

Also langsam fühle ich mich von dir einfach nicht ernst genommen. Denkst du, ich hab mich eines Tages hingesetzt und gedacht, "Jetzt ein Mehrbänder, das wär's"?

Nein. Ich habe mit Kurz- und Kürzestgeschichten angefangen. Ich hab als Teenager Liebesszenen geschrieben für meine Schulfreundinnnen - jeweils mit ihr und ihrem Schwarm in den Hauptrollen. Über eine Seite ging das selten hinaus. Da habe ich meine Sprache trainiert.
Dann kam Fanfiction, da habe ich Charakterisierung, Plotten, diverse Stilmittel trainiert. Aber auch die gingen selten über zwanzig Seiten hinaus (Also als Normseiten so 40 - 50). Und dann kam eines Tages eine Geschichte - eine Fanfiction -, die hatte plötzlich 50 Seiten, 60, 70 ... und war immer noch nicht fertig. Da habe ich vielleicht gestaunt. Aber die Geschichte war halt nicht früher fertig erzählt. Am Ende waren es wohl so ca 200 Normseiten.

Und irgendwann kam mir NaNo vor die Füße. Ich hab mich hingesetzt und hab zum ersten Mal in meinem Leben einen originären Roman geschrieben ... oder halt ein Fragment davon, denn ich weiß bis heute nicht, worauf diese Geschichte eigentlich hinauslaufen könnte.

Dann hatte ich eine Idee, ursprünglich mal wieder für Fanfiction (ja, ich liebe die, auch heute noch und schreib sie auch heute noch). Bis ich dachte, dass es eigentlich schade wäre, diese Idee für Fanfiction zu "verbraten". Das ist die Geschichte, an der ich mit Mooncat zusammen schreibe. Wir haben umgemodelt, haben eine Welt erfunden, Völker, Aliens ... Und das alles, damit die Hauptfigur "König" werden kann. ;)

Ich weiß nicht, wieviel Schreiberfahrung June schon hat, aber bei mir sind es ohne Übertreibung Jahrzehnte. Wenn ich dann von dir  so verallgemeinernde Statements lese, man konzentriere sich erst mal nur auf den ersten Band, stößt mir das sauer auf. Weil ich aus wortwörtlich jahrelanger Erfahrung weiß, dass das nicht stimmt. Nicht für mich und auch nicht für Mooncat, die neben diesem Projekt auch noch andere Mehrbänder in Arbeit hat. Sogar bei ihrer Cozy-Crime-Reihe, die genregemäß ziemlisch stark nach dem Prinzip "ein Buch ein Fall" funktioniert, macht sie sich Gedanken darüber, was in späteren Bänden passieren wird, und wie sie das jetzt schon vorbereiten kann bzw. muss.

Wenn du anders arbeitest, ok. Aber behaupte bitte nicht mehr, dass das allgemein so ist, weil es einfach nicht stimmt.
"There is no such thing as bad work, just unfinished work." - Eric Idle

eska

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Re: Mehrband-Fahrplan
« Antwort #38 am: 01 Mai 2021, 23:28:39 »
Mir ist beim Lesen eurer Beiträge noch folgendes eingefallen:

1. Ich glaube, dass eine Kurzgeschichte genauso viel Wissen um das Funktionieren von Geschichten braucht wie ein Roman. Durch die Kürze kommen Fehler sehr deutlich zur Geltung, die man bei einem Roman eher verzeiht.
Viskey schreibt:
Zitat
Jedes Kapitel muss einen Bogen haben, jede Szene muss einen Bogen haben. Und wenn man das um einen oder mehrere weitere Bände erweitert, müssen die auch jeder ihren eigenen Bogen haben.

Genau so!
Und das meint nicht nur Handlung im Sinne von Action, sondern auch Innenleben. Am besten ergänzt sich beides. Auf jeden Fall ist die Dramaturgie der entscheidende Punkt beim Entwickeln von Geschichten, die die Leser packen und bei der Seite halten. Diese zu studieren, lohnt sich auf jeden Fall (auch immer wieder). Gerne an Lieblingsbüchern oder -filmen, die einen eben hinreißen - was ist deren Geheimnis?
Dramaturgie von mehreren Bänden ist mehr und komplexer als die von einem, funktioniert aber nach den gleichen Regeln. Und ich bleibe dabei: Jeder Band muss eine abgeschlossene Geschichte erzählen. Das heißt nicht, dass nicht noch große Teile der Hauptstory offen bleiben dürfen.

Ein Beispiel: Einer meiner Lieblings-Mehrteiler (Lymond-Saga, historische Romane) hat im Original 6 Bände. Auf deutsch übersetzt gibt es nur drei, Bd. 4 bis 6 wurden nie übersetzt. Wenn es nur um das Erzählen einer Geschichte bis zu ihrem Ende ginge, wäre kein Band auf deutsch verkauft worden, denn das Ende fehlt ja und ist aus dem Vorhandenen auch nicht zu erschließen.  Stattdessen sind drei faszinierende Lebensabschnitte des Protagonisten nacheinander erzählt, jeder bis zu einem punktuellen Abschluss (die jeweils akute Bedrohung ist beseitigt), wobei die Saat für später sowohl handlungsmäßig als auch personell oder durch kleine Irritationen, die auf das Geheimnis zielen, schon ausgesät wird. (Das klappt aber eben nur, wenn die Autorin von vorneherein weiß, wo sie hinwill.) Als Leser vermisst man nichts nach Band 1 oder 2, am Ende von Bd.3 allerdings steht ein Hook für weiteres, der leider nicht eingelöst werden konnte. Das ist dann ein frustrierendes Lesegefühl.

Aus der Leserperspektive kann zumindest ich es auch gar nicht leiden, wenn ein sehr guter Band 1 mit durchschnittlichen Folgebänden fortgesetzt wird, weil es so ein Erfolg war. Nur gibt es oft eigentlich eben keine tragende Story dahinter, weil die Idee fertig erzählt war. Oder eine altbekannte ohne besonderen Reiz.

Ein paar Kleckse Senf dazu... :klug:

eska


June

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Re: Mehrband-Fahrplan
« Antwort #39 am: 02 Mai 2021, 10:31:59 »
Hallo @Viskey,

bitte nicht darüber ärgern.
Zitat
Ich weiß nicht, wieviel Schreiberfahrung June schon hat, aber bei mir sind es ohne Übertreibung Jahrzehnte. Wenn ich dann von dir  so verallgemeinernde Statements lese, man konzentriere sich erst mal nur auf den ersten Band, stößt mir das sauer auf. Weil ich aus wortwörtlich jahrelanger Erfahrung weiß, dass das nicht stimmt. Nicht für mich und auch nicht für Mooncat, die neben diesem Projekt auch noch andere Mehrbänder in Arbeit hat. Sogar bei ihrer Cozy-Crime-Reihe, die genregemäß ziemlisch stark nach dem Prinzip "ein Buch ein Fall" funktioniert, macht sie sich Gedanken darüber, was in späteren Bänden passieren wird, und wie sie das jetzt schon vorbereiten kann bzw. muss.

Ich denke, ich weiß, wo ich @Lionels Aussagen einordnen kann und wie gesagt, der Teufel auf meiner Schulter sagt das -leider- auch. Aber deswegen ja dieser Faden. Ihr habt mir alle sehr viel Mut gemacht und auch Wege gezeigt, wie es gehen könnte und dafür bin ich sehr dankbar <3

Ich schreibe seit der vierten Klasse und ich habe - auch wenn ich das nie breittrete - mehrere DinA4-Seiten Bibliographie unterschiedlichster Textsorten. (für alle Pseudos) Vor Corona war ich journalistisch tätig, das ist nicht vergleichbar aber auch eine Art "Schreibübung" und ich habe im Englischsprachigen Ausland verlegt - hier allerdings über Autorenfreunde, also nie selbst. Einzige Schwierigkeit für mich war da, den ganzen Kram in korrektes Englisch zu kriegen. Witzig, weil ich u.a. Anglistik studiert hab, aber eben keine Prosa. Ich kann das Pidgin in Jamaica mit dem in Südostasien oder dem Englisch der Schotten, Inder, woauchimmer vergleichen, aber das wars dann auch schon - böse gesprochen.

Seit meinem Debüt kann ich den Aufwand für ein Buch schon in etwa abschätzen. Und ich sehe ja auch bei anderen, dass es geht - weiß nur nicht, wie, von der Planung her. Deswegen der Faden. Ich denke, es gibt viele Autoren, die nicht mal ein Buch schaffen. Oder die davon reden, es zu tun, aber nichts tun. Dann ist das so. Aber wie du schon richtig sagst, muss das nicht für alle gelten. Und ich weiß ziemlich genau, wo ich hin will - das ist von Vorteil :D

Soweit mein Senf, jetzt guck ich mal, was @eska geschrieben hat - im nächsten Post.
Danke <3
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June

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Re: Mehrband-Fahrplan
« Antwort #40 am: 02 Mai 2021, 10:37:27 »
Liebe @eska,

genau das
Zitat
Stattdessen sind drei faszinierende Lebensabschnitte des Protagonisten nacheinander erzählt, jeder bis zu einem punktuellen Abschluss (die jeweils akute Bedrohung ist beseitigt),
meinte ich mit Puzzleteilen, die für sich selbst stehen können. Danke, dass du bestätigst, dass es das gibt und dass das geht <3

Und hier
Zitat
Aus der Leserperspektive kann zumindest ich es auch gar nicht leiden, wenn ein sehr guter Band 1 mit durchschnittlichen Folgebänden fortgesetzt wird, weil es so ein Erfolg war.
das möchte ich mit parallel schreiben vermeiden.

Ich denke, ich werde das für mich so lösen, dass es in meinem Kopf 1 Buch ist - mit 3 Teilen. Diese sind in sich abgeschlossen aber hängen doch zusammen. Das müsste irgendwie gehen :) Hach, spannend.
Seit gestern steht auch die Storyline für Band/Teil 2. Nun fehlt nur noch 3 und da ist die Frage - großes Finale in Form von: die ersten beiden ergeben noch mehr Sinn oder doch lieber wieder was ganz eigenes. Hihi.
Heute Abend werde ich es wissen.

Nochmals liebe Grüße!  :cheer: :cheer:
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Oflinitrium

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Re: Mehrband-Fahrplan
« Antwort #41 am: 02 Mai 2021, 13:56:10 »
Zitat
Ich denke, ich werde das für mich so lösen, dass es in meinem Kopf 1 Buch ist - mit 3 Teilen. Diese sind in sich abgeschlossen aber hängen doch zusammen. Das müsste irgendwie gehen  Hach, spannend.
Zuerst einmal:
Wenn du 3 Teile hast vergiss das Prinzip von Chekhovs Gun nicht

Zitat
One must never place a loaded rifle on the stage if it isn't going to go off. It's wrong to make promises you don't mean to keep." Chekhov, letter to Aleksandr Semenovich Lazarev (pseudonym of A. S. Gruzinsky), 1 November 1889. Here the "gun" is a monologue that Chekhov deemed superfluous and unrelated to the rest of the play.

Bei mehreren Bändern finde ich es auch wichtig dieses Prinzip sowohl im Kleinen anzuwenden- Sprich Versprechungen machen die im selben Band eingehalten werden.-
Als auch im Großen dass du im 1. Band etwas etablierst was im 3. Wichtig wird. Und auch Dinge für den direkt nachfolgenden Band.
Das geht auch gut bei in sich abgeschlossenen Bänden. Und wertet das Lesegefühl enorm auf.



Ich glaube der Einzige hier im Forum der so doof war und eines Tages ohne jede Vorbereitung mit dem Entschluss aufgewacht ist: "Ich hab Bock auf einen Ewig langen Toman am besten eine Trilogie" bin ich derzeit hier im Forum  :biggrin:

Aber ich gehöre auch zu der Sorte Mensch, der schon ne Bühne für sein eigenes Rockkonzert bestellen möchte bevor er auch nur einmal ne Gitarre in der Hand hatte.
Ziemlich frustrierend diese "Herangehensweise" (sowohl für mein Umfeld, wie auch für mich)
Ich habe seit ich anfing enorm viel über Plottechniken, Storytelling etc. etc. gelernt. Sowohl für Bücher als auch Filme und bin so weit, dass ich verstehe und auch selbst erklären kann warum das eine Werk ein sehr gutes Gefühl hinterläst und ein anderes eher unzufriedenstellend ist.
Aber der Mangel an Schreibpraxis ist unübersehbar und frustriert mich am Meisten. Ich tue mich schwer damit zu verstehen wann ein Text gut zu lesen ist und wann nicht. Bei anderen Texten -okay - da fallen Schnitzer schon mal auf aber meist springen mir eher Ungereimtheiten oder Schwächen in der Handlung ins Auge.

Bei der Musik steht immer das Lied im absoluten Vordergrund. Gsnz egal was für ein grandioser Solist der Mann an der E-Gitarre ist, wenn der Song es nicht verlangt steht er nur 3 Minuten da und zupft langsam und gemütlich seine Saiten. Dafür aber im Perfekten Timing.
Bei Geschichten sehe ich es ähnlich. Am Anfang steht immer die Geschichte selbst. Manche Geschichten fordern nur 2 Seiten Text aber jegliche Finesse und Subtilität des Autors und andere wollen sich in ihre 5000 Normseiten ausdehnen und verlangen vom Autor, dass er die Übersicht behält und seine Finesse auf großer Bühne zeigt.
Am Ende verzeihen beide Geschichten andere Fehler und sind an unterschiedlichen Stellen sehr fordernd. Ich fühle mich nie so als arbeite ich an Band 1 oder 2 oder drölf. Ich arbeite an der Geschichte in ihrer Gesamtheit und versuche herauszufinden was sie von mir fordert und was sie mir hin und wieder verzeiht.
Tatsächlich muss sich sogar noch zeigen ob mehrere Bände notwendig sind. Mein Bauchgefühl sagt zwar ja aber wieviele Worte am Ende stehen kann ich überhaupt nicht einschätzen. Am Ende ist es für mich auch irrelevant. Ich schreibe was die Geschichte einfordert. Mein Plot hat genug Momente in denen ich einen gezielten Cut setzen und sagen kann "stay tuned". Ob mir das alles schreiberisch gelingt, gut lesbar ist und ich überhaupt mal damit fertig werde.... das steht leider auf einem ganz anderen Papier.

Auf gewisse Art beneide ich aber jeden der es schafft sein Werk und die damit verbundene Arbeit im Kopf in viele kleine Abschnitte einzuteilen die erledigt werden wollen. Ich habe mich immer schwer getan mich auf die kleinen Schritte eines Projektes zu konzentrieren und wurde dann meist wegen der Größe lustlos und demotiviert.

Edit:
Ich wollte eigentlich den Tipp geben seine Geschichte immer in ihrer Gesamtheit im Auge zu behalten... stattdessen bin ich ins Schwafeln gekommen. Sorry, ich hoffe es war trotzdem irgendwie verständlich =/
« Letzte Änderung: 02 Mai 2021, 14:21:29 von Oflinitrium »
Die Werke die ich am meisten liebe, sind gleichzeitig die, die ich am meisten kritisiere. Im Grunde ist es so, dass eine ausführliche Kritik meinerseits auch eine Anerkennung und ein Glückwunsch ist, denn wenn es einfach nur schlecht wäre, würde ich mir gar keine Gedanken darüber machen.

June

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Re: Mehrband-Fahrplan
« Antwort #42 am: 02 Mai 2021, 18:40:44 »
Hallo @Olfinitrium

Zitat
Ich wollte eigentlich den Tipp geben seine Geschichte immer in ihrer Gesamtheit im Auge zu behalten... stattdessen bin ich ins Schwafeln gekommen. Sorry, ich hoffe es war trotzdem irgendwie verständlich =/

Hihi, ja, das war es, vor allem Chekhovs Gun ... das ist ein sehr guter Einwurf, den ich bedenken muss.

Und weißt du was? Ich finde, unserer Gesellschaft fehlen Träumer :D
Zitat
Aber ich gehöre auch zu der Sorte Mensch, der schon ne Bühne für sein eigenes Rockkonzert bestellen möchte bevor er auch nur einmal ne Gitarre in der Hand hatte.
Ambitioniert, aber wieso nicht? Solange es dich am Laufen hält :D Und wenn du nur träumst, ist das auch ok.
Die Realität ist schon stressig genug.

Ansonsten plane ich glaube etwas mehr, sortiere Szenen in Bände oder Teile und irgendwie brauch ich das, um es runterschreiben zu können. Das ist dann auch recht flott gemacht - aber erst muss der Rest stehen, daher kann man sagen, ich arbeite auch an der Gesamtstory, aber in Häppchen. ;)
Mittlerweile steht auch die 3, aber ich stelle fest, dass die Übergänge noch herausgearbeitet werden müssen, also Band 1 hört auf, Band 2 fängt woanders an, Band 3 erzählt dann irgendwie rückwärts. Das ist nötig, aber fühlt sich komisch an. Da ist es gut, wenn man alles auf einen Blick hat.

Nur werden die Dateien mittlerweile auch mehr ...
LG, June
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Re: Mehrband-Fahrplan
« Antwort #43 am: 02 Mai 2021, 19:42:56 »
Oh ja, Chekovs Gun ... in meinen Augen sehr wichtig. Eigentlich nicht zwingend nötig, wenn die Geschichte inhaltlich genug Zusammenhalt hat. Aber sie machen sich so schön, vor allem, wenn man eine Reihe ein zweites Mal liest. Hilft auch, Deus ex Machina zu verhindern. Wenn man es lange genug vorbereitet, kann man die Maschine aus dem Hut zaubern, wenn man sie braucht.
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Re: Mehrband-Fahrplan
« Antwort #44 am: 03 Mai 2021, 10:26:43 »
 :devgrin: :devgrin: :devgrin:
Du bist ein echter Profi, ich seh schon ...

(da kein Geschlecht im Profil angegeben, hoffe ich, dass die Form passt, werde schon ganz unsicher)
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