19 May 2022, 16:55:18

Autor Thema: Texttypen: Roman, Kurzroman, Erzählung, Novelle  (Gelesen 530 mal)

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merin

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Texttypen: Roman, Kurzroman, Erzählung, Novelle
« am: 04 January 2022, 09:51:13 »
Hallo in die Runde,

ich würde gern diskutieren, woran wir festmachen, was eigentlich was ist, so textsortenmäßig. Am liebsten mit @Trippelschritt hier, weil der meist fit bei der Theorie ist. Im Netz finde ich dazu recht widersprüchliche Infos: Manche machen es an der Textlänge fest, andere am Inhalt. Wir können es gern am konkreten Beispiel diskutieren, müssen aber nicht.
Wenn Beispiel: Mein Headhunter-Projekt.
28k Wörter, Länge also etwas kurz für einen Roman. Der Text spielt über ein Jahr, jemand wacht in einem fremden Körper und Leben auf und muss sich zurechtfinden. Es gibt eine Art Krimi-Plot (was ist passiert? kann ich das wieder rückgängig machen?) und eine Beziehungsgeschichte (da ist ja noch die ursprüngliche Besitzerin des Körpers, wie kommen wir hier miteinander klar?). Also kein klassisches "unerhörtes Ereignis" á la Novelle (aber man könnte es so interpretieren, wenn man sehr mag) und auch keine klassische Heldenreise, wie es für Romane typisch ist (auch die ließe sich mit recht viel Willen reininterpretieren).

Wie würdet ihr nun festlegen, was für eine Textsorte das ist?

LG
merin
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht und was ich gern anders hätte.

Paul

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Re: Texttypen: Roman, Kurzroman, Erzählung, Novelle
« Antwort #1 am: 04 January 2022, 09:57:51 »
Hi Merin

Kurze Rückfrage: Warum ist es dir wichtig, eine "Schublade" für deinen Text zu finden? Was versprichst du dir davon, wenn du einen Oberbegriff dafür hast? Und warum kann es nicht "nur" eine Geschichte sein?

Paul
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merin

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Re: Texttypen: Roman, Kurzroman, Erzählung, Novelle
« Antwort #2 am: 04 January 2022, 10:05:22 »
Das ist ganz einfach zu beantworten:
1. Beschäftige ich mich gern mit Schreibtheorie und Literaturwissenschaft und glaube, dass das meine Texte besser macht. Für mich ist das Handwerkszeug. Klar kann ich mich immer noch dafür entscheiden, den Texttypen nicht gerecht zu werden, aber wenn, dann würde ich das schon gern mit einiger Bewusstheit tun und nicht, weil ich es nicht besser weiß. Daher informiere ich gern vor der nächsten Überarbeitung.
2. will ich den Text gern Verlagen anbieten (oder genau einem, im besten Falle) und dann wäre es schon schön, wenn ich im Exposé fundiert sagen könnte, worum es sich handelt.
3. Wüssten vielleicht auch manche Leser:innen gern, was sie da vor sich haben und ich kann es besser bewerben, wenn ich es weiß.
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Paul

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Re: Texttypen: Roman, Kurzroman, Erzählung, Novelle
« Antwort #3 am: 04 January 2022, 11:57:11 »
Ok. Das hilft mir weiter. Noch zwei letzte Fragen, bevor ich mich an eine Antwort wage: wieviel Normseiten sind 28 k ungefähr? Und: Ist deine Geschichte evtl. ein Teil einer größeren Geschichte? Ich habe in letzter Zeit einige "Romane" gelesen, die eigentlich aus drei Novellen zusammengesetzt waren.

Paul
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merin

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Re: Texttypen: Roman, Kurzroman, Erzählung, Novelle
« Antwort #4 am: 04 January 2022, 12:08:01 »
Also, das sind 172k Zeichen und das macht so pi mal Daumen bei einer Normseite von 1500 Zeichen (wegen der vielen Dialoge): 115 Normseiten. Es ist ein in sich abgeschlossener Text.
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June

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Re: Texttypen: Roman, Kurzroman, Erzählung, Novelle
« Antwort #5 am: 04 January 2022, 12:15:08 »
Hallöchen merin,

spannendes Thema! :cheer:
Also bei Novelle + Erzählung scheiden sich die Geister im Netz sehr.  Was ich bisher herausfand: eine Novelle hat neben der Prämisse IMMER mindestens ein zentrales Symbol im Mittelpunkt stehen.
Abgrenzung zum Roman bei der Erzählung ist anscheinend, dass in einer Erzählung nur um EIN EINZIGES Ereignis dreht. Keine Rückblenden, keine Zeitsprünge usw.

Allerdings ist das alles sehr schwammig und ich gebe keine Garantie darauf, dass es richtig ist.

Von meinem sicher falschen Gefühl her würde ich sagen, dass Novelle ein sehr alter Begriff ist und nahtlos mit Kurzroman ausgetauscht werden kann.
Bei Erzählung würde ich an unter 100 Seiten denken.
Bei Roman an über 250.
Kurzroman 150-200.

Aber das sind nur meine "Werte"  :rotwerd:

LG, June
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Re: Texttypen: Roman, Kurzroman, Erzählung, Novelle
« Antwort #6 am: 04 January 2022, 13:49:13 »
Das mit dem Dingsymbol scheint so ein Ding zu sein: Das gibt es wohl auch nicht immer. Bei mir jedenfalls gibt es das nicht.
Rückblenden und Zeitsprünge gibt es bei mir, allerdings immer nur ganz kurz (also da wird mal ein Monat übersprungen und drei Sätze was von Gestern erzählt).

Und ich finde auch, Novelle klingt altbacken und/oder hochliterarisch. Das ist eher nicht das, was Ottonormalmensch mit SciFi in Verbindung bringt. Aber gerade deshalb wäre es vielleicht auch ganz witzig.

Seitenmäßig verfehlt mein Text genau deine Kategorien.  :biggrin:
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Re: Texttypen: Roman, Kurzroman, Erzählung, Novelle
« Antwort #7 am: 04 January 2022, 22:42:35 »
Ich kann dir keine Antwort im Sinne der Literaturwissenschaft geben - da kenne ich mich viel zu wenig aus - aber ich kann dir meine Einschätzung geben:

Novelle - ist ein altertümlicher Begriff, der für mich zur Literatur des 19. Jhds. passt und schon im 20. Jhd. ausläuft.

Erzählung - gefällt mir als Oberbegriff. Eine Erzählung ist länger als eine Kurzgeschichte und mit knapp über 100 Seiten zwar etwas lang, aber für mich gerade noch im Rahmen des Möglichen.

Kurz-Roman - fände ich eine passende Alternative. Wobei hier knapp über 100 Seiten eher die Untergrenze bildet.

Was also tun, wenn eine Geschichte genau auf der Grenze liegt?

Da wäre für mich die Art der Geschichte entscheidend. Ist es eher eine Geschichte mit einer einfacheren Erzählstruktur, wenig bis gar keinen Zeitsprüngen, wenigen zentralen Personen, ... würde ich sie als Erzählung vermarkten. Ist die Geschichte dagegen eher komplex, hat viel "Personal" an Bord, einen komplizierten Plot, der auch einen Roman füllen könnte, ... dann würde ich sie auch als Roman - bzw. wegen der Länge - als Kurz-Roman vermarkten. Letztlich eine subjektive Entscheidung - wie so vieles im Leben, was auf der Grenze liegt.

Paul  ;)
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Re: Texttypen: Roman, Kurzroman, Erzählung, Novelle
« Antwort #8 am: 05 January 2022, 09:38:22 »
Mir gefällt an dem Begriff Novelle gerade der Verweis auf die "hohe Literatur".

Wenn ich was darüber lernen will, finde ich trotz meiner recht ausgiebigen Netzrecherchen dazu Wikipedia immer noch die beste Quelle. Dort steht:

Novelle
- mittlere Länge (ließe sich noch am Stück lesen)
- zentral ist ein unerhörtes Ereignis, oft mit großer Zufallskomponente oder es gibt ein Grundmotiv, auf das sich die Handlung konzentriert
- oft großer Fokus auf innerer Entwicklung des Protagonisten
- straffe, lineare Handlungsführung, wobei geraffte und ausgeführte Abschnitte abwechseln
- das Ende (die Zukunft der Figuren) wird oft nur angedeutet
- oft gibt es ein Ding-Symbol, also ein symbolisches Objekt, das für den Wendepunkt steht

Nicht bei Wikipedia, sondern auf anderen Seiten, wird ein überschaubares Figurenensemble erwähnt.

Erzählung
- ist laut Wikipedia der Oberbegriff über alle epischen Gattungen und gleichzeitig ein eigenes literarisches Genre
- Eine Handlung wird aus einer Perspektive und großenteils chronologisch erzählt

Roman
- der Wikipedia-Artikel dazu ist so lang, dass eine Zusammenfassung hier kaum möglich ist, zumal er keine Definition enthält. Offenbar hat sich, was ein Roman ist, im Laufe der Zeit stark verändert
- andere Seiten sagen, ein Roman erzählt die Veränderung einer Person oder Gruppe und hat meist verschiedene Stränge, ist also komplex

Joa. Mein Text ist eindeutig eine Novelle: er ist linear erzählt, es gibt Raffungen und Ausführungen, die sich abwechseln, das Grundereignis ist arg zufällig und das Ende relativ offen.
Er ist auch eine Erzählung. Aber er ist kein Roman. Wieder was gelernt.

Ob es allerdings schlau ist, das als Novelle oder Erzählung zu vermarkten, ist nochmal eine andere Frage. Wahrscheinlich hängt das auch davon ab, was bei der Überarbeitung dabei rauskommt. Aktuell ist das nicht gerade ein hochsprachlicher Text, sondern einer, der von einer sehr flapsigen Erzählstimme lebt.
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