20 May 2024, 07:32:53

Autor Thema: Szene: Nachricht vom Tod des Sohnes  (Gelesen 3011 mal)

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LaHallia

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Szene: Nachricht vom Tod des Sohnes
« am: 18 September 2022, 01:04:53 »
Hallo ihr Lieben,

Bitte nicht öffentlich stellen.
Triggerwarnung habe ich schon im Titel. Es geht (wieder einmal) um den Tod eines Kindes, dieses Mal stirbt das Kind aber schon vor dieser Szene.

Artemisia hat in Band eins das Leben ihres ungeborenen Kindes den Göttern im Tausch für das ihres Mannes gegeben. Es war ihr erstes Kind. Bis zur untenstehenden Szene hatte sie zwei Fehlgeburten und dann einen lebenden Sohn, der etwa 8 Monate alt ist, als er stirbt.

Maussollos ist Artemisias Mann, der sich mit der Riesenechse herumärgern muss, die die Götter als Strafe für Artemisias Menschenopfer geschickt haben.

Lukian ist ihr Sohn und Pisindelis ein alter Freund von Maussollos.

Orientierung:
Fünf Jahre nach dem ersten Band, aus dem alle bisherigen Szenen stammten. Lukian ist im Palast geblieben. Artemisia und Maussollos sind in einer anderen Stadt.

Fragen sind am Ende.

Hier der Text:
Maussollos betrachtete sein Kurzschwert, als wäre es die Frau, die er liebte.
„Ich hoffe, das Ungeheuer kommt dir nicht so nahe, dass du es einsetzen musst“, meinte Artemisia.
„Und wenn es dazu kommt, bete zu den Göttern, dass ich es überlebe.“
„Das wirst du.“ Artemisia wandte ihren Blick zur Türe, als es klopfte. Pisindelis trat in den Raum, die Augen gesenkt. Er knetete seine Hände und wich ihren Blicken aus.
„Was gibt es, alter Freund?“, fragte Maussollos. Er fuhr fort sein Schwert zu putzen, doch in seiner Stimme klang Sorge.
Pisindelis hob seinen Blick. Kurz betrachtete er Artemisia, bevor er sich an Maussollos wandte. Artemisias Herz schlug wild. Diesen Blick in den Augen des alten Mannes, sie kannte ihn.
„Maussollos“, der alte Mann trat neben ihn, legte ihm eine Hand auf die Schulter und drückte sie. Artemisia spürte den Druck bis in ihr Herz.
Nicht Lukian.
Zeus, Artemis. Er kann nichts für meine Sünden.
„Ein Bote aus Mylasa erreichte uns soeben. Dein Sohn ist tot.“
Ein Laut entwich Artemisia, wie das Grollen eines Stiers, der auf der Tempelterrasse ausblutete.
Maussollos stand auf. Er stieß die Hand seines Freundes von seiner Schulter und schleuderte das Schwert zu Boden. Mit einer großen, verzweifelten Bewegung fuhr er sich durchs Haar. Sein Blick huschte in die dunklen Ecken des Zimmers, als könne er Lukian in den Schatten sehen.
„Was ist geschehen?“ Eine fremde Stimme sprach die Worte. Eine fremde Frau erhob sich von ihrem Stuhl und trat mit unsicheren Schritten zu den Männern. Die Götter hassten diese Frau. Sie hatte ihnen vor Jahren das Leben eines Königs genommen.
„Seine Amme hat ihn genährt. Er ist eingeschlafen und am nächsten Morgen nicht mehr aufgewacht.“
Das kleine, graublaue Gesicht des Mädchens verschmolz mit dem pausbäckigen von Lukian. Sein glucksendes Lachen hallte im Raum wider. Er streckte seine dicken Arme nach Artemisia aus, bevor die Schatten ihn hinunter in ihre Welt zogen. Seine Schreie dröhnten in ihren Ohren.
„Geh“, sagte Maussollos zu Pisindelis und als sie alleine waren, trafen sich ihre Blicke.
„Erneut habe ich ein Kind verloren, ohne seinen Fährmann zahlen zu können“, sagte Maussollos mit rauer Stimme. Er senkte seinen Kopf und verbarg seine Tränen hinter seinem Haar. „Erneut werde ich in eine Schlacht ziehen, ohne etwas zu hinterlassen.“
Artemisia sah ihn an. Sie wollte zu ihm gehen, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht. „Die Götter strafen uns noch immer für das, was ich getan habe“, brachte sie schließlich hervor. Ihr Sohn war unten in der Schattenwelt. Sie ließ zu, dass ihr Herz in so viele Teile brach, dass niemand es jemals wieder zusammensetzen könnte.
„Nein. Die Götter haben dich mir geschenkt, damit du mein Leben rettest“, sagte Maussollos. Mühsam wie ein alter Mann trat er zu ihr. Seine Hand war schwer auf ihrer Schulter.
Sie hatte sein Leben gerettet.
Stechende, brennende Hitze wütete durch ihren Körper und raubte ihr den Atem. Sie presste eine Hand gegen ihr rasendes Herz, rang nach Luft.
Alle ihre Kinder waren tot.
Maussollos´ Hand auf ihrer Schulter war kalt. Ihr Gewicht drückte sie nieder. Sie gab auf, ließ ihr stechendes Herz schmerzen und stolpern, die Tränen aus ihren Augen rinnen und ihre Beine nachgeben.
Alle ihre Kinder waren tot.
Sie krümmte sich am Boden, drückte ihr Stirn gegen ihre Knie und ihre Hände auf das eisige Mosaik.
Sie konnten nichts für ihre Sünden. Keines von ihnen.
Vielleicht würde die Kälte des Bodens das Feuer in ihrer Brust löschen. Vielleicht würde die Kälte ihr Herz erfrieren und die Schmerzen beenden.
Maussollos zog sie an den Oberarmen hoch. Seine Finger drückten in ihr Fleisch. Sie sah auf die weißen Stellen auf ihrer Haut, die seine Fingerkuppen umgaben. Ihr Haarkranz fiel klirrend zu Boden.
„Unser Sohn ist tot“, sagte Maussollos. „Wir werden weitere haben.“
Artemisia sah ihn an. Entschlossenheit lag hinter der Trauer in seinen Augen.
„Hörst du?“
Eine Wimper hatte sich gelöst und rollte gefangen in einer Träne über seine Wange. Artemisia folgte dem Weg der Träne mit ihren Augen, bis sie in seinem Bart versickerte.
Die Götter hatten sie geschickt, um sein Leben zu retten.
Sie fasste an die Stelle seines Barts, an der die Träne versickert war. „Hast du für die anderen auch geweint?“
Maussollos schwieg. Er wich ihrem Blick aus, ließ ihre Arme los und schob ihre Hand von seiner Wange.
Verloren standen sie sich gegenüber. Maussollos´ Blick huschte unruhig durch den Raum, blieb an dem Schwert hängen, das er poliert hatte. Artemisia folgte seinem Blick. Ihr kaltes Herz sang leise ein Trauerlied.
„Was ich am meisten fürchte“, flüsterte sie. „Ist, dass ich eines Tages Nachricht von deinem Tod erhalte.“
Maussollos richtete sich auf. Er fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und strich sich das Haar mit beiden Händen zurück. „Artemisia-“
„Geh nicht, ich bitte dich. Dein Tod ist was ich am meisten fürchte.“
Maussollos streckte schweigend seine Arme nach ihr aus. Sie bewegte sich nicht. Die Wärme seines Körpers würde die Kälte in ihrem vertreiben, die sie taub machte. Sie wollte kalt und taub bleiben, um nichts zu fühlen. In ihrem Zögern fasste Maussollos sie an der Hand und zog sie zu sich. „Eines Tages wirst du Nachricht von meinem Tod erhalten“, sagte er leise, legte seine Arme um sie und wiegte sie, wie er Lukian gewiegt hatte. Die Hitze seines Atems brannte sich durch ihre Haut, fraß sich in ihr Herz und loderte dort. Sie fürchtete das Gefühl, das langsam durch sie kroch, ihre Arme schwer und ihren Geist leicht machte. Sie fürchtete die Hitze, die die Kälte vertrieb.
„Aber du musst immer wissen, Artemisia, dass ich nicht ein König unter Schatten sein werde. Ich werde für einen Platz in Elysium kämpfen. Und wenn ich dort bin, komme ich hinunter in die Schattenwelt, um dich daraus zu befreien.“
„Und jetzt?“, fragte Artemisia.
„Jetzt ziehe ich in die Schlacht. Ich habe gegen Männer gekämpft. Dieses Mal trete ich gegen Zeus‘ Kreatur an.“
Artemisia schloss ihre Augen. „Was wirst du tun?“
„Ich werde meinen Helm aufsetzen, meinen Speer nehmen und mein Schwert umlegen. Und dann werde ich kämpfen, bis ich meine Arme nicht mehr heben kann. Du wirst Nachricht erhalten, Artemisia. Bete, dass sie von Sieg erzählt.“

Fragen:
---------
- Ich finde, die Emotionen habe ich ganz gut getroffen (korrigiert mich, wenn ich mich irre  :devgrin:), fürchte aber wieder einmal zu pathetisch/kitschig zu werden.
- passt der Wechsel vom Verlust des Kindes zur Angst vor einem Verlust von Maussollos (diese Angst verfolgt Artemisia seit dem Tag, als sie das Kind in Band eins geopfert hat; weil alles was sie seitdem durchlitten hat dann umsonst gewesen wäre). Bin mir nicht sicher ob dieser Wechsel gut getroffen ist.
- Habe ich etwas vergessen, dass einem in so einer Situation durch den Kopf gehen könnte? Ich halte mich bei den Kindern in meiner Romanreihe daran, dass sie eine Absicherung für die Eltern waren; dass die Dynastie ohne Kinder untergehen wird und Kinder eben der Sinn jeder Ehe waren; trotzdem lieben die beiden ihre Kinder natürlich und ich fürchte mich manchmal davor, dass ich das beim Schreiben vergesse.
- tatsächlich bin ich mir noch unsicher wie ich - emotional - weitermache. Inhaltlich weiß ich das ja, aber was ich mit Artemisias Gefühlen tun soll.. keine Ahnung. Ich will sie ja nicht die nächsten 20 Kapiteln nur rumheulen lassen. Hatte daran gedacht, dass sie jetzt eh erst mal ihre Ruhe hat, während Maussollos gegen die Echse kämpft, und sich dann - ein paar Wochen später? - einen Ruck gibt und sich denkt, dass es weiter geht; dass irgendeines von ihren zukünftigen Kindern ja wohl erwachsen werden wird. Könnte das Sinn machen?


Danke  :daaanke:
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diffusSchall

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Re: Szene: Nachricht vom Tod des Sohnes
« Antwort #1 am: 19 September 2022, 08:25:55 »
Guten Morgen LaHallia,

deine Fragen sind so konkret, dass ich bewusst das Erbsenzählen lasse.
Ja, es sind ein paar Wiederholungen drin und einige Stellen sagen mir: "Show, don´t tell."
Aber da ist nichts, was mich wirklich raus haut. Du bist für mich auf einen guten Weg und der nächste Feinschliff wird das noch verbessern.

Pathos:
Ja, der ist drin. Ob das zu viel ist, bleibt Geschmackssache. Ich finde ihn angebracht, für mich passt das zum historischen Background der Geschichte.

Wechsel Verlust Kind-Maussollos:
Den Wechsel bereitest du mit dem Satz "Sie hatte sein Leben gerettet" vor. Dass sie sich in der Folge auch um den Tod des Gemahls sorgt, ist schlüssig und für mich rund.

Fehlt was in der Trauer:
Für mich nicht. Der unmittelbare Schmerz ist für mich spürbar. Der Erhalt der Blutlinie ist in der Epoche enorm wichtig. Folglich ist es schlüssig, dass sich Maussollos Gedanken darum drehen. Artemisia hadert mit ihrer Rolle beim Schicksal der Kinder. Nein, da vermisse ich nichts.

Wie es weiter geht:
Dass Artemisia hauptsächlich aus dem Gedanken Kraft zieht, dass eines der künftigen Kinder schon durch kommen wird, fühlt sich für mich schwach an. Das hat schon was von Resignation. Ich sehe darin keinen Grund für einen Ruck.
Artemisia ist eine starke Frau. Lass sie gegen das paralysierende Gefühl der Trauer rebellieren und ankämpfen. Das gibt einen stärkeren Konflikt und mehr Dynamik.

Liebe Grüße - Frank
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LaHallia

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Re: Szene: Nachricht vom Tod des Sohnes
« Antwort #2 am: 25 September 2022, 19:03:29 »
Hi diffus,

entschuldige die späte Antwort. Es ist das Schlimmste passiert, das passieren kann. Letzte Woche ist mein PC kaputt gegangen und ich krieg das Ding nicht mal mehr im abgesicherten Modus hochgefahren  :'( Hatte zum Glück die ersten drei Bände dieser Reihe gesichert. Aber alles andere ist weg. Alle meine Recherchen, Fotos, andere Projekte. Einfach alles  :flenn:

Aber egal.
Vielen Dank für deine Röstung.
Jaaa, das mit Artemisias Stärke habe ich noch nicht so ganz unter Kontrolle. In Band 1 kommt sie mir noch nicht so wirklich stark und königlich vor und sie ist auch in Band 2 noch seeeeehr weit davon entfernt einmal alleine über Karien zu herrschen und Befehlshaberin einer Flotte zu sein.
Aber ich denke, ihr Weg dorthin ist das Ziel. Und Charakterentwicklung ist eines der wichtigsten Dinge für mich in meinen Romanen.
Wenn es mir also gelingt, den Tod ihrer Kinder als etwas zu nehmen, das sie stärker macht - zu dem, was sie in 35 Jahren sein wird - dann wäre das ideal. Wie genau ich das anstelle weiß ich noch nicht, aber dazu fällt mir sicherlich noch was ein.

 :daaanke:
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Cimglett

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Re: Szene: Nachricht vom Tod des Sohnes
« Antwort #3 am: 26 September 2022, 01:28:18 »
Oh damn, das tut mir leid für dich. Kriegt das auch kein Computerexperte wieder hin?

Ich habe mir vor Kurzem eine externe Festplatte gekauft, um auch mal Zwischensicherungen zu machen. Habe bisher alles nur auf meinem kleinen Laptop, der auch schon langsam schwächelt. Bisher war ich zu faul, um das Ganze zu übertragen, aber ich glaube, jetzt mache ich das echt mal ...

diffusSchall

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Re: Szene: Nachricht vom Tod des Sohnes
« Antwort #4 am: 26 September 2022, 09:06:10 »
Ich nutze LaHallias Pech für einen eindringlichen Appell:

 :klug: :klug: :klug:

!!! Leute, macht DATENSICHERUNGEN !!!

 :klug: :klug: :klug:

Packt Kopien eurer Schreibdateien regelmäßig auf mehrere (!) externe Medien.
Cimglett macht das schon richtig, mit der Festplatte. Eine weitere Kopie auf einen USB-Stick ist immer eine gute Idee.
Legt die Daten auch außer Haus ab. Ich habe einen USB-Stick auf der Arbeit deponiert.
Wer kein Problem damit hat, dass die Daten raus gehen: Speichert auf einem Cloud-Speicher.

Macht regelmäßig Kopien!
Zur Not tragt euch einen Termin in den Küchenkalender ein.
Ich kopiere immer alles nach größeren Schreibsession.

Und kontrolliert die gesicherten Daten!
Wenn euch schon eine HDD abraucht und ihr DANN auch noch feststellt, dass die Sicherungsplatte defekt ist oder Daten korrumpiert sind, dann habt ihr einen RICHTIG schlechten Tag.

Ich bin seit 25 Jahren in der IT tätig.
Ich hab alles erlebt, was man mangels vernünftiger Sicherung erleben kann. Gottlob nicht am eigenen Leib.
Glaubt mir: Solche Momente wollt ihr nicht erleben. Also nehmt etwas Geld in die Hand und den geringen Aufwand in Kauf.
Es wird sich auszahlen!

Liebe Grüße - Frank
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merin

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Re: Szene: Nachricht vom Tod des Sohnes
« Antwort #5 am: 26 September 2022, 16:30:41 »
Hallo LaHallia,

ich beantworte gezielt deine Fragen.

1. Ja, die Emotionen finde ich gut getroffen. Besonders großartig finde ich diese Stelle:

Zitat
Eine Wimper hatte sich gelöst und rollte gefangen in einer Träne über seine Wange. Artemisia folgte dem Weg der Träne mit ihren Augen, bis sie in seinem Bart versickerte.

An der hier finde ich, dass du etwas viel erklärst und es etwas zu wenig Ambivalenz gibt:

Zitat
Maussollos streckte schweigend seine Arme nach ihr aus. Sie bewegte sich nicht. Die Wärme seines Körpers würde die Kälte in ihrem vertreiben, die sie taub machte. Sie wollte kalt und taub bleiben, um nichts zu fühlen.

Sie fühlt ja etwas. Ihr Hin- und Hergerissensein ist für mich daher nicht ganz nachvollziehbar. Du verschenkst hier mE etwas die Chance, ihre Beziehung zu zeigen.

Pathos und Kitsch. Ja, davon gibt es hier eine ziemliche Ladung. Ich kopier mal nur die Beispielstellen rein, die ich persönlich kitschig oder pathetisch finde, und du kannst schauen, ob du die alle drinbehalten oder was umformulieren magst.

Zitat
Sie ließ zu, dass ihr Herz in so viele Teile brach, dass niemand es jemals wieder zusammensetzen könnte.

Stechende, brennende Hitze wütete durch ihren Körper und raubte ihr den Atem. Sie presste eine Hand gegen ihr rasendes Herz, rang nach Luft.

Maussollos´ Hand auf ihrer Schulter war kalt. Ihr Gewicht drückte sie nieder. Sie gab auf, ließ ihr stechendes Herz schmerzen und stolpern, die Tränen aus ihren Augen rinnen und ihre Beine nachgeben.
Alle ihre Kinder waren tot.
Sie krümmte sich am Boden, drückte ihr Stirn gegen ihre Knie und ihre Hände auf das eisige Mosaik.
Sie konnten nichts für ihre Sünden. Keines von ihnen.
Vielleicht würde die Kälte des Bodens das Feuer in ihrer Brust löschen. Vielleicht würde die Kälte ihr Herz erfrieren und die Schmerzen beenden.

Verloren standen sie sich gegenüber. Maussollos´ Blick huschte unruhig durch den Raum, blieb an dem Schwert hängen, das er poliert hatte. Artemisia folgte seinem Blick. Ihr kaltes Herz sang leise ein Trauerlied.

Die Hitze seines Atems brannte sich durch ihre Haut, fraß sich in ihr Herz und loderte dort. Sie fürchtete das Gefühl, das langsam durch sie kroch, ihre Arme schwer und ihren Geist leicht machte.

Du hast eine Häufung von Bildern rund um das Herz und ich eine Allergie gegen diese Herz-Bilder. Ich würde das an deiner Stelle massiv reduzieren, aber wie schon gesagt: Es ist eine Stilfrage.

Ich finde, dass zum Wert der Kinder fast etwas wenig drin ist. Aber das passt schon. Der Wechsel zur Angst um Maussolus passt gut.

Und wie weitermachen? Ja, sie muss sich halt irgendwie zusammenreißen. Ich fände es gut zu überlegen, wie ihr das gelingt, welche Mechanismen sie dazu nützt, wo sie Halt findet. Also würde ich dir raten, daraus auch einen Spannungsbogen zu machen: Sie hat eine Krise und sie überwindet sie. Wie? Das will ich wissen.

Ansonsten habe ich noch ein Erbselein:

Zitat
„Das wirst du.“ Artemisia wandte ihren Blick zur Türe, als es klopfte. Pisindelis trat in den Raum, die Augen gesenkt. Er knetete seine Hände und wich ihren Blicken aus.

Dreh das um: Erst klopft es, dann wendet sie den Blick.

So far ...
merin
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht und was ich gern anders hätte.

Paul

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Re: Szene: Nachricht vom Tod des Sohnes
« Antwort #6 am: 26 September 2022, 17:50:53 »
Liebe LaHallia

Ein kleiner Tipp für deine Computerprobleme:

Die meisten Firmen, die Computer verkaufen, haben auch eine Reparaturabteilung. Dort kann man meist für ca. 50 Euro seinen Computer vorbeibringen. Die sehen für das Geld dann nach, ob man die Daten noch auslesen kann. Denn auch wenn der Computer nicht mehr funktioniert, ist in den seltensten Fällen auch die Festplatte Schrott. Wenn die Festplatte noch ok ist, brauchst du noch eine externe Festplatte (ebenfalls für ca. 50 Euro zu haben) und du kannst dir die Daten auf die externe Festplatte überspielen lassen. Das kostet natürlich nochmal etwas. Aber je nach dem, was du auf dem Computer hast, lohnt sich die Ausgabe für dich ja vielleicht.

Dir alles Gute

Paul  8)

"Es ist besser, einige der Fragen zu kennen, als alle Antworten." (James Thurber)

Natascha

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Re: Szene: Nachricht vom Tod des Sohnes
« Antwort #7 am: 28 September 2022, 07:00:40 »
Liebe LaHallia,

ich kann diffusSchall nur zustimmen. Bei mir wird jede neue oder veränderte Datei spätestens, wenn ich die Sitzung am Rechner beende, extern archiviert.

Nun zu Deinem Anliegen. Deine Fragen betreffen die Qualität, Plausibilität und Entwicklung der Darstellung von Motiven und Gefühlen.

Bevor ich dazu etwas schreibe, möchte ich Dir nicht verschweigen, dass ich beim Lesen Deines Textes über so einige stilistische Unebenheiten gestolpert bin. Wahrscheinlich sind Dir diese Stolpersteine bewusst und sie sollen hier nicht Thema sein. Falls Du dazu aber auch einen Hinweis erhalten möchtest, lass es mich wissen.

Wenn ich Kritik äußere, erkläre ich meist auch den Hintergrund. Falls Dir das zu viel ist z.B. weil es Dir auch so klar ist und Du nur an meiner Meinung ohne Begründung dieser interessiert bist, schreib es mir gerne.

Ich konzentriere mich im Folgenden auf drei der Fragen, die Du stellst:
  • Werden im Text Gefühle der Figuren erkennbar?
  • Falls ja: Wie ist die Qualität der Darstellung?
  • Und: Sind die erkennbaren Gefühle pathetisch oder kitschig?

Ich beschränke mich auf den Anfang des Textes bis „als könne er Lukian in den Schatten sehen.“

Ich kann aus dem Text Gefühle herauslesen. Die Frage ist, ob es die Gefühle sind, die Du vermitteln wolltest. Die Frage ist auch, ob Du nur wolltest, dass ich erkenne, welche Gefühle die Eltern empfinden, oder ob ich diese auch empfinden sollte oder ganz andere.

Das einzige Gefühl, dass Du bei Deinen Fragen explizit erwähnst, ist Angst. Dieses Gefühl habe ich beim Lesen nicht empfunden. Die anderen Gefühle (siehe unten) auch nicht. Dafür lag für mich zu viel Distanz zwischen dem Text und das, wovon er erzählt. Es gab für mich zu wenig Anknüpfungspunkte für eigene Projektionen, nichts Vertrautes, an das ich hätte andocken können. Vielleicht geht es anderen anders, die die Vorgeschichte gelesen haben und sich mehr unter den Beziehungen, den emotionalen Banden, der Gefühlswelt der Eltern vorstellen können. Es reicht dafür manchmal wenig. Ein Beispiel:

Es war am Montag, dem 15. April 2013 in Boston. Wir standen an der Boyston Street nahe am Finish und winkten Daddy zu, als er mit den anderen Marathonläufern im Sonnenschein die Straße heraufgelaufen kam. Eve saß stolz auf meinem Arm, lachte und schüttelte wild ihr Händchen. Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist der Rauch und die vielen Leute, die schreiend durcheinander rannten. Ich hob mein Gesicht vom Asphalt, rief nach Eve, doch alles, was ich fand, war ein kleiner Schuh, in dem noch eines ihrer rosa Söckchen steckte.

Das Gefühl der Angst kann ich zum einen aus dem Kontext ableiten, der mich derlei Gefühle erwarten lässt, denn es geht um das Leben eines leiblichen Kindes, dessen emotionale Bedeutung für die Eltern sich aus der Bindung (Du schreibst, die Eltern lieben ihr Kind) und aus der Rolle (Absicherung der Eltern) ergibt. Dieser Kontext sollte den Lesenden aus den vorherigen Texten bekannt sein.

Zum anderen kann ich es den Hinweisen auf vegetative Reaktionen entnehmen, die man fühlt, und zwar nur bei Artemisia (Herz schlug wild; Druck bis ins Herz), denn der Textabschnitt, den ich hier betrachte, wird personal aus Artemisias Perspektive erzählt. Es ist genau richtig, dass Du nur bei ihr solche von innen gefühlte Reaktionen beschreibst. Qualitativ sind diese Charakterisierungen mit dem Herzen nicht ungewöhnlich. Der Rekurs auf das Herz ist aber schon fast ein Klischee. Im eingestellten Text verwendest Du das Herz insgesamt acht Mal. Je nachdem wie die Präferenzen Deiner Zielgruppe sind, könnte das ein paar Male zu viel sein.

Grundsätzlich könntest Du diversifizieren, indem Du andere Körperempfindungen und/oder mehr Kanäle nutzt. Beispielsweise hast du den olfaktorischen Kanal (Gerüche) gar nicht genutzt. Auch die Kulisse taucht in dem eingestellten Abschnitt kaum auf. Die Lesenden erfahren so gut wie nichts über den Raum, in dem die Szene stattfindet. Die Kulissen können aber Emotionen durchaus vorbereiten und modulieren, wobei man sich auch hier teuflisch gut vor Klischees in acht nehmen muss. Gefühle der Perspektivfigur können durch ihre Wahrnehmung der Umgebung deutlich werden, aber auch die der Lesenden können dadurch beeinflusst werden.

Dann gibt es noch Verhalten, aus dem ich Gefühl entnehmen kann. Für Artemisia ist es nur ein Laut und für Maussollos sind es mehrere Verhaltensweisen (stieß die Hand seines Freundes von seiner Schulter; schleuderte das Schwert zu Boden; fuhr sich durchs Haar mit einer großen, verzweifelten Bewegung; sah in die dunklen Ecken des Zimmers). Es ist gut, dass Du dem Fallstrick ausgewichen bist, bei Artemisia von außen sichtbares Verhalten zu schildern, das sie selbst nicht gut wahrnehmen könnte z.B. erblassen. Es ist besser in der Perspektive zu bleiben. Die von Dir geschilderten Verhaltensweisen sind zum Teil belegt mit Wertungen/Behauptungen der erzählenden Instanz. Dazu später mehr.

Dann geht es um den Vergleich mit dem Grollen eines Stiers, der auf der Tempelterrasse ausblutet. Grollen ist hier wahrscheinlich von Dir nicht im Sinne von Dröhnen gemeint, deshalb muss es für zürnen und dergleichen stehen. Ärger und Wut sind jedoch etwas ganz anderes als Angst. Soll hier Ärger vermittelt werden? Ist die Angst in Ärger umgeschlagen? Das wäre gut, denn ein Wechsel der Emotionen ist glaubhafter als eine konstante Emotion. Oder ging es von Anfang an um Ärger? Ich frage mich hier auch, ob die Zielgruppe sich auch wirklich etwas unter dem Grollen eines ausblutenden Stiers vorstellen kann.

Das Verhalten von Maussollos ist hingegen zum einen klar abwehrend (stieß die Hand seines Freundes von seiner Schulter; schleuderte das Schwert zu Boden), was auch eher auf Ärger deutet. Dann kommt aber ein mehrdeutiges Verhalten (fuhr sich durchs Haar mit einer großen, verzweifelten Bewegung), das von der erzählenden Instanz als Ausdruck von Verzweiflung bewertet wird. Wie das von der Zielgruppe bewertet wird (plausibel, realistisch oder rührselig-sentimental, übertrieben und unecht), weiß ich nicht. Der Anlass ist sicherlich dramatisch genug, doch ob der Kode, über den Gefühle in einem bestimmten literarischen Kontext transportiert werden, angenommen wird, hängt von den Erwartungen und Vorlieben der Zielgruppe ab. Das verzweifelte Durchs-Haar-Fahren ist jedenfalls ein Element, das mir schon ein paar Mal begegnet ist.

Und schließlich zeigt Maussollos ein Verhalten, dass noch mehrdeutiger ist als das gerade genannte (sah in die dunklen Ecken des Zimmers, als könne er Lukian in den Schatten sehen). Auch wenn es von der erzählenden Instanz mit einem Vergleich versehen wird, bleibt es mehrdeutig. Ist dieses Verhalten der Ausdruck von Trauer, Sehnsucht oder Verzweiflung im Sinne von Verweigerung von Akzeptanz oder Realitätsflucht? Wenn diese Mehrdeutigkeit nicht beabsichtigt sein sollte, müsste hier eindeutiger erzählt werden.

Und zuletzt gibt es noch mal eine Behauptung der erzählenden Instanz (in seiner Stimme klang Sorge). Bewertungen der erzählenden Instanz sind ja so eine Sache. In dem von mir betrachteten Abschnitt wird personal erzählt aus Artemisias Perspektive. In vielen Fällen ist es für die Lesenden einfacher, wenn die erzählende Instanz in dieser Perspektive bleibt und nicht mit eigenen Wertungen in Erscheinung tritt, weil man sonst leicht durcheinander kommen kann (was ist von Artemisia und was von der erzählenden Instanz?), weil man nicht bei der Figur bleibt, den emotionalen Kontakt zu ihr verliert und möglicherweise stetig daran erinnert wird, dass erzählt wird, was nicht immer erwünscht ist. Falls diese Wertungen von Artemisia stammen sollen, würde es eindeutiger durch eine Umformulierung z.B. „Er fuhr fort, sein Schwert zu putzen, doch in seiner Stimme vernahm Artemisia Sorge“. Das gilt auch für die anderen Wertungen der erzählenden Instanz.

Ich finde, Du hast Dir einen schwierigen Stoff ausgesucht. Das ist mutig und spannend. Ich bin neugierig, was daraus wird.

Natascha
« Letzte Änderung: 28 September 2022, 07:48:30 von Natascha »
Der edelste Gebieter des Textröstens ist der Respekt gegenüber denen, die lesen, denn sie investieren Lebenszeit und Geld. Beides ist knapp.

Natascha

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Re: Szene: Nachricht vom Tod des Sohnes - Entwicklung der Figur
« Antwort #8 am: 01 October 2022, 16:00:48 »
Liebe LaHallia,

Ich konzentriere mich hier auf Deine Fragen betreffend die Entwicklung der Figur:
  • Passt der Wechsel vom Verlust des Kindes zur Angst Maussollos zu verlieren?
  • Habe ich etwas vergessen, dass einem in so einer Situation durch den Kopf gehen könnte?
  • Wie könnte eine plausible und dramaturgisch befriedigende Weiterentwicklung von Artemisias Gefühlen aussehen?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich Deine erste Frage richtig verstehe. Deine Erläuterung verstehe ich so, dass Artemisia es so sieht, dass wenn Maussollos stirbt, sie ihr Kind umsonst geopfert hätte. Deshalb fürchtet sie sich davor, Maussollos zu verlieren, weil es sie in eine existentielle Krise stürzen würde. Aus dem Text geht das für mich nicht hervor. Dort lese ich nur heraus, dass Artemisia zu Beginn weniger bekümmert erscheint um die Gefahr, in die sich ihr Gatte begeben will, als zum Schluss.

Zu Beginn:
Zitat
„Ich hoffe, das Ungeheuer kommt dir nicht so nahe, dass du es einsetzen musst“, meinte Artemisia.
Hier klingt Sorge an, was bedeuten würde, dass eine auf Maussollos gerichtete Verlustangst bereits besteht.
Zitat
„Und wenn es dazu kommt, bete zu den Göttern, dass ich es überlebe.“
„Das wirst du.“ Artemisia wandte ihren Blick zur Türe, als es klopfte.
An dieser Stelle scheint Artemisia zuversichtlich, Maussollos nicht zu verlieren und/oder es wäre für sie nicht so bedrohlich, wenn es denn geschähe.

Und zum Schluss:
Zitat
„Was ich am meisten fürchte“, flüsterte sie. „Ist, dass ich eines Tages Nachricht von deinem Tod erhalte.“
Hier wird von Artemisia die hauptsächliche Richtung ihrer Verlustangst angegeben.
Zitat
Maussollos richtete sich auf. Er fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und strich sich das Haar mit beiden Händen zurück. „Artemisia-“
„Geh nicht, ich bitte dich. Dein Tod ist was ich am meisten fürchte.“
Und hier erscheint sie nicht mehr so zuversichtlich wie zu Beginn, Maussollos wohlbehalten wiederzusehen und/oder der mögliche Verlust erscheint ihr wesentlich bedrohlicher.

Diese Veränderung steht in diesem Text im Zusammenhang mit der Nachricht, Lukian sei gestorben. Es ist naheliegend diesen Zusammenhang als ursächlich anzusehen: Artemisia hat Lukian verloren. Es bleibt ihr nur noch ihr Gatte. Umso größer wird seine Bedeutung für sie. Ein direkter Zusammenhang mit der Opferung des ersten Kindes liegt hier nicht auf der Hand.


Die Antwort auf Deine zweite Frage hängt davon ab, was Artemisia und Maussollos für Menschen sind, woran sie glauben, und das weiß ich nicht so recht, weil ich nur den hier vorliegenden Text kenne und ein paar Hintergrundinformationen. Die meisten Menschen erleben Kinder als sinngebend für ihr Leben. Wenn so ein Mensch alle seine Kinder verliert, entsteht ein Gefühl der Sinnlosigkeit. Nicht selten stellt sich dann die Frage nach dem Warum oder Wozu des Verlustes und des Lebens. Ob ein solcher Mensch darauf eine Antwort findet und wenn ja, wie sie lautet, bestimmt letztlich auch, wie er mit dem Verlust umgeht, wobei wir bei Deiner dritten Frage wären.

Artemisia meint offenbar, sie habe Sünden begangen, für die sie von den Göttern bestraft werde, auch durch den Tod ihrer Kinder. Um welche Sünden es hier geht, das steht wahrscheinlich im ersten Band, den ich nicht kenne. Ob die Opferung ihres ersten Kindes dazu gehört, wird hier nicht klar. Du schreibst als Hintergrundinformation, Artemisia habe im ersten Band das Leben ihres ungeborenen Kindes den Göttern im Tausch für das ihres Mannes gegeben. Das klingt, als habe sie dies aus eigenem Antrieb getan und nicht nach Aufforderung der Götter. Wie dem auch sei: Die Götter sind offenbar auf das Angebot eingegangen. Dies würde auch zur Behauptung passen, die von der erzählenden Instanz und/oder von Artemisia stammt: „Die Götter hatten sie geschickt, um sein Leben zu retten.“ Ähnlich klingt auch Maussollos Ansicht: „Die Götter haben dich mir geschenkt, damit du mein Leben rettest.“

Andererseits sollen die Götter die Riesenechse geschickt haben als Strafe für Artemisias Menschenopfer. Artemisia scheint auch den Tod einiger ihrer Kinder als Strafe der Götter anzusehen. Geht es hier um andere Opfer, andere Taten und/oder um das erste Kind? Wenn es um Opfer gehen sollte, die von den Göttern angenommen wurden, ergäbe sich ein Konflikt, denn es könnte als unfair angesehen werden von den Göttern Opfer zu missbilligen, die sie dennoch angenommen haben. Bestünde tatsächlich dieser Konflikt, wäre dies eine mögliche Linie, entlang der sich Artemisias Trauerbewältigung entwickeln könnte. Die Rebellion gegen die Götter (das Schicksal usw.) ist ja ein klassisches Thema.

Entlang dieser Linie sind viele Subthemen denkbar z.B. könnten in einem solchen Fall die Götter argumentieren, sie hätten die missbilligten Opfer angenommen um Artemisia zu strafen, was Artemisia auf das Motiv ihrer Taten zurückwerfen würde. Gleich ob Artemisia aus eigenem Antrieb geopfert hat oder dem Verlangen der Götter gefolgt ist, stellt sich eine moralische und existentielle Frage: War es richtig so zu handeln? Diese Frage steht in dem vorliegenden Text irgendwie im Raum. Wie sich Artemisias Trauerbewältigung entwickeln wird, hängt auch von der zu erarbeitenden Antwort auf diese Frage ab, was auch die zweite große Bestimmungsgröße beeinflussen wird, nämlich die Bedeutung des Verlustes aller Kinder für das Paar. Je nachdem, was er bedeutet, ergeben sich unterschiedliche Bewältigungsmöglichkeiten, z.B. weitere Kinder haben, wie Maussollos meint.

Hier sind viele interessante Themen möglich wie Gehorsam versus Selbstbestimmung oder Loyalitätskonflikte.

Wie schon geschrieben: Ein schwieriger, aber spannender Stoff.

Natascha
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Re: Szene: Nachricht vom Tod des Sohnes
« Antwort #9 am: 02 October 2022, 13:42:39 »
Hey, es gibt jetzt eine Person hier bei den Teufeln, die noch analytischer als ich an Texte herangeht. Das mir das nochmal passieren würde!

Ich weiß noch nicht so ganz, womit ich etwas anfangen kann. Beispielsweise finde ich, dass die Szene sich null für olfaktorische Referenzen eignet. Andererseits machst du interessante Fragen auf.

Zitat
Andererseits sollen die Götter die Riesenechse geschickt haben als Strafe für Artemisias Menschenopfer. Artemisia scheint auch den Tod einiger ihrer Kinder als Strafe der Götter anzusehen. Geht es hier um andere Opfer, andere Taten und/oder um das erste Kind? Wenn es um Opfer gehen sollte, die von den Göttern angenommen wurden, ergäbe sich ein Konflikt, denn es könnte als unfair angesehen werden von den Göttern Opfer zu missbilligen, die sie dennoch angenommen haben. Bestünde tatsächlich dieser Konflikt, wäre dies eine mögliche Linie, entlang der sich Artemisias Trauerbewältigung entwickeln könnte. Die Rebellion gegen die Götter (das Schicksal usw.) ist ja ein klassisches Thema.

Das finde ich einen interessanten Gesichtspunkt und mich würde interessieren, was LaHallia dazu meint.

LG
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Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht und was ich gern anders hätte.

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Re: Antwort #9 - Szene: Nachricht vom Tod des Sohnes
« Antwort #10 am: 06 October 2022, 10:51:35 »
Hallo merin,

in Bezug auf Gerüche dachte ich bei dieser Szene an Wahrnehmungen, die indirekt mit Emotionen verbunden sind, so wie oft bei Gedanken oder Handlungen.

Ein Beispiel: Wenn ich annehme, dass die Szene in der griechischen Antike spielt, dann gibt es einen Kult, bei dem die Körper der Toten mit Essenzen gewaschen werden. Artemisia erahnt die Nachricht vom Tod ihres Kindes und sie antizipiert den Verlust, was Angst in ihr auslöst. Es könnte auch inhaltlich assoziierte Erinnerungen wachrufen, auch olfaktorische. Folgende Passage wäre dann denkbar:
"Diesen Blick in den Augen des alten Mannes, sie kannte ihn, und plötzlich schien der Raum vom Duft der Minze erfüllt zu sein, den die frisch gewaschenen Körper der Toten verströmen."

Es freut mich, dass Du meine Überlegungen zur Entwicklung der Artemisia anregend findest. Dieser Stoff bietet viele interessante Möglichkeiten. Noch ein Beispiel: Artemisia und ihr Gatte scheinen dem damals verbreiteten Hades-Glauben anzuhängen. Falls Artemisia meint, von den Göttern bestraft zu werden, könnte sie auch befürchten, nach ihrem Tod im Tartaros (das Äquivalent der Hölle in der Unterwelt des Hades) zu enden, für immer getrennt von ihren Kindern. Es gab eine Phase in der Antike, in der die Lehren des Pythagoras sich verbreitet hatten. Im Gegensatz zum Hades-Glauben kündeten sie von der Wiedergeburt der Seelen. In dieser Vorstellung könnte Artemisia Trost finden.

Natascha
« Letzte Änderung: 11 October 2022, 11:14:34 von Natascha »
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Re: Szene: Nachricht vom Tod des Sohnes
« Antwort #11 am: 06 October 2022, 18:57:21 »
@ all, ich habe jetzt einen neuen Computer. Die alten Daten konnte ich noch nicht sichern. Die ausgebauten Festplatten werden zwar erkannt, zeigen aber keine Daten. Einer meiner Kollegen hat sie mit heim genommen und sieht was er machen kann.

merin,

Zitat
Zitat
Zitat
Maussollos streckte schweigend seine Arme nach ihr aus. Sie bewegte sich nicht. Die Wärme seines Körpers würde die Kälte in ihrem vertreiben, die sie taub machte. Sie wollte kalt und taub bleiben, um nichts zu fühlen.

Sie fühlt ja etwas. Ihr Hin- und Hergerissensein ist für mich daher nicht ganz nachvollziehbar. Du verschenkst hier mE etwas die Chance, ihre Beziehung zu zeigen.
Ok, du hast wohl recht mit dem hin/und hergerissen sein. Das sind natürlich Gefühle. Ich finde, dass ich ihre Beziehung schon zeige. Alles was die beiden reden, wie sie zueinander sind, jede Interaktion, zeigt doch die Art der Beziehung? Ich wüsste ehrlich nicht, was ich hier ändern könnte, um nichts zu verschenken.

Zitat
Pathos und Kitsch. Ja, davon gibt es hier eine ziemliche Ladung. Ich kopier mal nur die Beispielstellen rein, die ich persönlich kitschig oder pathetisch finde, und du kannst schauen, ob du die alle drinbehalten oder was umformulieren magst.
:biggrin:

Eigentlich gefällt es mir, einzig über diesen Satz stolpere ich selbst immer. Der kommt weg.
Zitat
Sie ließ zu, dass ihr Herz in so viele Teile brach, dass niemand es jemals wieder zusammensetzen könnte.
(Hab ein kitschiges Lied angehört, während ich das geschrieben habe, und ohne Lied wirkt das nicht mehr  :diablo: )

Zitat
Ich fände es gut zu überlegen, wie ihr das gelingt, welche Mechanismen sie dazu nützt, wo sie Halt findet. Also würde ich dir raten, daraus auch einen Spannungsbogen zu machen: Sie hat eine Krise und sie überwindet sie. Wie? Das will ich wissen.
Jap, das würde ein Handlungsstrang werden.

Danke dir  :daaanke:


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Re: Szene: Nachricht vom Tod des Sohnes
« Antwort #12 am: 06 October 2022, 19:16:21 »
Hi Natascha,

Zitat
Das einzige Gefühl, dass Du bei Deinen Fragen explizit erwähnst, ist Angst. Dieses Gefühl habe ich beim Lesen nicht empfunden. Die anderen Gefühle (siehe unten) auch nicht. Dafür lag für mich zu viel Distanz zwischen dem Text und das, wovon er erzählt. Es gab für mich zu wenig Anknüpfungspunkte für eigene Projektionen, nichts Vertrautes, an das ich hätte andocken können. Vielleicht geht es anderen anders, die die Vorgeschichte gelesen haben und sich mehr unter den Beziehungen, den emotionalen Banden, der Gefühlswelt der Eltern vorstellen können
Angst vor Maussollos' Tod und von der Sinnhaftigkeit ihrer Leben ohne Kinder. Hat es sich gelohnt, das Opfer zu bringen, wenn er durch das Ungeheuer stirbt, das sie beschworen hat, um sein Leben zu retten?
Angst um ihre Zukunft, ohne Maussollos, in der sie wertlos wäre, vor allem ohne Kinder.
Ich weiß nicht, wie man von diesen Gedanken Anknüpfungspunkte an das heutige Leben schaffen soll. Artemisia hat ein Geltungsbedürfnis und Maussollos hat ihr versprochen, es zu erfüllen. An diesem Punkt im Plot haben sich die beiden auch recht gerne, aber du kannst das nicht damit vergleichen, deinen Seelenpartner heutzutage zu verlieren. Die Furcht bezieht sich hauptsächlich auf Artemisias Stellung und ihre Zukunft und erst in zweiter Linie um Maussollos als Mensch.

Zitat
Grundsätzlich könntest Du diversifizieren, indem Du andere Körperempfindungen und/oder mehr Kanäle nutzt.
Werde ich bei der Überarbeitung berücksichtigen :)

Zitat
Dann geht es um den Vergleich mit dem Grollen eines Stiers, der auf der Tempelterrasse ausblutet. Grollen ist hier wahrscheinlich von Dir nicht im Sinne von Dröhnen gemeint, deshalb muss es für zürnen und dergleichen stehen. Ärger und Wut sind jedoch etwas ganz anderes als Angst. Soll hier Ärger vermittelt werden? Ist die Angst in Ärger umgeschlagen? Das wäre gut, denn ein Wechsel der Emotionen ist glaubhafter als eine konstante Emotion. Oder ging es von Anfang an um Ärger? Ich frage mich hier auch, ob die Zielgruppe sich auch wirklich etwas unter dem Grollen eines ausblutenden Stiers vorstellen kann.
Ich verwende diesen Ausdruck, dass ein Opfertier grollt oder brüllt, während es getötet wird öfters. Ursprung hat das auf ihrer Hochzeit genommen und auch da war es ein negatives Gefühl. Stiere geben scheußliche Geräusche von sich, leidende Tiere machen grundsätzlich angsteinflößende Geräusche. Zumindest empfinde ich es so. Und Artemisia auch. Es sind schmerzvolle, leidvolle Laute. Also Ärger hatte ich hier absolut nicht im Sinn!

Zitat
Das Verhalten von Maussollos ist hingegen zum einen klar abwehrend (stieß die Hand seines Freundes von seiner Schulter; schleuderte das Schwert zu Boden), was auch eher auf Ärger deutet. Dann kommt aber ein mehrdeutiges Verhalten (fuhr sich durchs Haar mit einer großen, verzweifelten Bewegung), das von der erzählenden Instanz als Ausdruck von Verzweiflung bewertet wird. Wie das von der Zielgruppe bewertet wird (plausibel, realistisch oder rührselig-sentimental, übertrieben und unecht), weiß ich nicht. Der Anlass ist sicherlich dramatisch genug, doch ob der Kode, über den Gefühle in einem bestimmten literarischen Kontext transportiert werden, angenommen wird, hängt von den Erwartungen und Vorlieben der Zielgruppe ab.
Ich habe versucht in der Szene auf die unterschiedlichen Charaktere von Maussollos und Artemisia und ihren unterschiedlichen Rollenbildern Rücksicht zu nehmen. Maussollos ist grundsätzlich ein sehr offener Mensch, er redet frei heraus, er hält sich für ziemlich toll und wichtig - wurde ihm auch so beigebracht - und er greift seine Freunde, Bekannten, Soldaten, ... oft an. Er ist offen und herzlich und manchmal etwas jähzornig.
Artemisia ist eher zurückhaltend, sie redet oft um den heißen Brei herum, sie greift andere nicht an, umarmt auch nicht etc. Während Maussollos seine Trauer also mit großen Gesten und viel Raum ohne Zurückhaltung zeigt, behält Artemisia ihre Gefühle versteckter in sich drinnen. So zumindest mein Plan für die Szene.
Für mich sind die von dir aufgezählten Handlungen von Maussollos aber auch nicht ärgerlich. Er ist traurig und verzweifelt und möchte, dass der Mensch, der ihm diese erschütternden Nachrichten kurz vor einer Schlacht mitgeteilt hat, weggeht. Er wird diesen Mann in nächster Zeit sehr viel sehen, sie kämpfen zusammen. Von Artemisia wird er in ein paar Stunden weggehen müssen.

Zitat
Und schließlich zeigt Maussollos ein Verhalten, dass noch mehrdeutiger ist als das gerade genannte (sah in die dunklen Ecken des Zimmers, als könne er Lukian in den Schatten sehen). Auch wenn es von der erzählenden Instanz mit einem Vergleich versehen wird, bleibt es mehrdeutig. Ist dieses Verhalten der Ausdruck von Trauer, Sehnsucht oder Verzweiflung im Sinne von Verweigerung von Akzeptanz oder Realitätsflucht? Wenn diese Mehrdeutigkeit nicht beabsichtigt sein sollte, müsste hier eindeutiger erzählt werden.
Das ist eine Referenz auf die Schattenwelt. Die Welt der Toten. Sie haben an keinen Himmel geglaubt, auch nicht an eine Hölle. Wenn du gestorben bist, warst du ein Schatten in der Schattenwelt. Außer sehr wenigen Helden, die nach Elysium gekommen sind.

Zitat
Und zuletzt gibt es noch mal eine Behauptung der erzählenden Instanz (in seiner Stimme klang Sorge). Bewertungen der erzählenden Instanz sind ja so eine Sache. In dem von mir betrachteten Abschnitt wird personal erzählt aus Artemisias Perspektive. In vielen Fällen ist es für die Lesenden einfacher, wenn die erzählende Instanz in dieser Perspektive bleibt und nicht mit eigenen Wertungen in Erscheinung tritt, weil man sonst leicht durcheinander kommen kann (was ist von Artemisia und was von der erzählenden Instanz?), weil man nicht bei der Figur bleibt, den emotionalen Kontakt zu ihr verliert und möglicherweise stetig daran erinnert wird, dass erzählt wird, was nicht immer erwünscht ist. Falls diese Wertungen von Artemisia stammen sollen, würde es eindeutiger durch eine Umformulierung z.B. „Er fuhr fort, sein Schwert zu putzen, doch in seiner Stimme vernahm Artemisia Sorge“. Das gilt auch für die anderen Wertungen der erzählenden Instanz.
Habe da jetzt drüber nachgedacht und bin anderer Meinung. Die beiden kennen sich sehr gut. Artemisia WEISS dass er besorgt ist. Das ist keine Vermutung, sie nimmt seine Worte, seine Stimmlage, seine Gestik wahr und weiß, dass er sich sorgt. Genauso wie sie auch weiß, dass er verzweifelt über den Tod von Lukian ist. Ich finde nicht, dass das ein Perspektivwechsel ist. Wenn man jemanden gut kennt, weiß man oft einfach, was der gerade fühlt.

Der zweite Teil folgt gleich  :daaanke:
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Re: Szene: Nachricht vom Tod des Sohnes
« Antwort #13 am: 06 October 2022, 19:35:32 »
Hallo nochmal,

Zitat
Ich bin mir nicht sicher, ob ich Deine erste Frage richtig verstehe. Deine Erläuterung verstehe ich so, dass Artemisia es so sieht, dass wenn Maussollos stirbt, sie ihr Kind umsonst geopfert hätte. Deshalb fürchtet sie sich davor, Maussollos zu verlieren, weil es sie in eine existentielle Krise stürzen würde. Aus dem Text geht das für mich nicht hervor. Dort lese ich nur heraus, dass Artemisia zu Beginn weniger bekümmert erscheint um die Gefahr, in die sich ihr Gatte begeben will, als zum Schluss.
Hast du richtig verstanden, und auch deine Interpretation stimmt. Ich denke, es wäre zu viel, wenn ich am Anfang die Sorge um Maussollos verstärken würde. Artemisia sorgt sich grundsätzlich sehr viel um Maussollos, durch den gesamten zweiten Band hindurch. Ich glaube daher nicht, dass ich in dieser Szene so starten muss.

Zitat
Zitat
Zitat
„Und wenn es dazu kommt, bete zu den Göttern, dass ich es überlebe.“
„Das wirst du.“ Artemisia wandte ihren Blick zur Türe, als es klopfte.
An dieser Stelle scheint Artemisia zuversichtlich, Maussollos nicht zu verlieren und/oder es wäre für sie nicht so bedrohlich, wenn es denn geschähe.
Ermutigend. Aber das könnte ich besser herausarbeiten. Wie schon geschrieben hadert sie ja ständig mit sich und ihrer Angst und geht Maussollos damit oft auf die Nerven, deswegen versucht sie sich zusammenzureißen und nicht ständig davon zu sprechen wann, wo und wie er sterben könnte.

Zitat
Die Antwort auf Deine zweite Frage hängt davon ab, was Artemisia und Maussollos für Menschen sind, woran sie glauben, und das weiß ich nicht so recht, weil ich nur den hier vorliegenden Text kenne und ein paar Hintergrundinformationen. Die meisten Menschen erleben Kinder als sinngebend für ihr Leben. Wenn so ein Mensch alle seine Kinder verliert, entsteht ein Gefühl der Sinnlosigkeit. Nicht selten stellt sich dann die Frage nach dem Warum oder Wozu des Verlustes und des Lebens. Ob ein solcher Mensch darauf eine Antwort findet und wenn ja, wie sie lautet, bestimmt letztlich auch, wie er mit dem Verlust umgeht, wobei wir bei Deiner dritten Frage wären.
Sinnlosigkeit. Finde ich gut. Sinnlosigkeit bezogen auf ihre Ehe, auf das Opfer, das Artemisia gebracht hat. Die Frage, was sie hinterlassen, ohne Kinder. Trotz alledem war Maussollos der bedeutendste Herrscher von Karien und hat enorm viel hinterlassen und auch Artemisia hat ihre Bedeutsamkeit bekommen. Sie hat nach seinem Tod sogar selbst über Karien geherrscht und der persische Großkönig hatte dagegen nichts einzuwenden, weil die karische Elite sie unterstützt hat. (Aber dafür habe ich noch ein paar Bände Zeit  :biggrin:)

Zitat
Artemisia meint offenbar, sie habe Sünden begangen, für die sie von den Göttern bestraft werde, auch durch den Tod ihrer Kinder. Um welche Sünden es hier geht, das steht wahrscheinlich im ersten Band, den ich nicht kenne. Ob die Opferung ihres ersten Kindes dazu gehört, wird hier nicht klar. Du schreibst als Hintergrundinformation, Artemisia habe im ersten Band das Leben ihres ungeborenen Kindes den Göttern im Tausch für das ihres Mannes gegeben. Das klingt, als habe sie dies aus eigenem Antrieb getan und nicht nach Aufforderung der Götter. Wie dem auch sei: Die Götter sind offenbar auf das Angebot eingegangen. Dies würde auch zur Behauptung passen, die von der erzählenden Instanz und/oder von Artemisia stammt: „Die Götter hatten sie geschickt, um sein Leben zu retten.“ Ähnlich klingt auch Maussollos Ansicht: „Die Götter haben dich mir geschenkt, damit du mein Leben rettest.“
Genau. Artemisia hat eine Sünde begangen, die Opferung des Kindes. Sie hat es ohne Drängen von irgendwem getan, das war nur ihre Entscheidung alleine. Sie hat es Maussollos einige Monate danach gebeichtet, als das Ungeheuer begonnen hat alle zu terrorisieren. Und seitdem haben die Beiden dieses Geheimnis. Maussollos ist ihr übrigens dankbar dafür.

Zitat
Andererseits sollen die Götter die Riesenechse geschickt haben als Strafe für Artemisias Menschenopfer. Artemisia scheint auch den Tod einiger ihrer Kinder als Strafe der Götter anzusehen. Geht es hier um andere Opfer, andere Taten und/oder um das erste Kind? Wenn es um Opfer gehen sollte, die von den Göttern angenommen wurden, ergäbe sich ein Konflikt, denn es könnte als unfair angesehen werden von den Göttern Opfer zu missbilligen, die sie dennoch angenommen haben. Bestünde tatsächlich dieser Konflikt, wäre dies eine mögliche Linie, entlang der sich Artemisias Trauerbewältigung entwickeln könnte. Die Rebellion gegen die Götter (das Schicksal usw.) ist ja ein klassisches Thema.
Es geht immer um dasselbe Opfer: das Erstgeborene. Artemisia fühlt sich schuldig. Sie versteht nicht, warum die Götter das Opfer angenommen haben und sie dennoch strafen. Sie fürchtet, dass die Götter Maussollos' Leben auf Umwegen zurück wollen (indem das Ungeheuer ihn tötet). Und im Laufe der Jahre beginnt sie auch zu denken, dass die Götter dafür sorgen, dass sie keine lebenden Kinder hat. Die Götter bestrafen sie für das, was sie getan hat. Diese Gefühle der Schuld und Angst brauche ich als Motivation für andere Handlungsstränge. Um geschichtliche Fakten zu erklären, für die es geschichtlich keine Erklärung gab. zB warum unter Maussollos' Herrschaft Zeus Labraundos (der Gott, dem Artemisia das Kind geopfert hat), Kariens Hauptgott wird, Labraunda eine freie Stadt wird, der Tempel vergrößert und die jährlichen Festlichkeiten auf drei Tage verlängert werden. Davor war ein anderer Gott Kariens Hauptgott. Es ist mir wichtig, dass ich den fantasy Teil der Romanreihe sinnvoll mit dem historischen verknüpfe.

Zitat
Gleich ob Artemisia aus eigenem Antrieb geopfert hat oder dem Verlangen der Götter gefolgt ist, stellt sich eine moralische und existentielle Frage: War es richtig so zu handeln? Diese Frage steht in dem vorliegenden Text irgendwie im Raum. Wie sich Artemisias Trauerbewältigung entwickeln wird, hängt auch von der zu erarbeitenden Antwort auf diese Frage ab, was auch die zweite große Bestimmungsgröße beeinflussen wird, nämlich die Bedeutung des Verlustes aller Kinder für das Paar. Je nachdem, was er bedeutet, ergeben sich unterschiedliche Bewältigungsmöglichkeiten, z.B. weitere Kinder haben, wie Maussollos meint.
Bisher hat sich Artemisia eingeredet und war auch überzeugt davon, dass ihr Opfer richtig war, dass sie das richtige getan hat. Aber dieser Gedanke wird schwanken, je älter sie wird und je länger sie keine (über)lebenden Kinder haben. Fakt ist nämlich, dass die historische Artemisia und der historische Maussollos keine Kinder hatten (die alt genug geworden sind, um von Geschichtsschreibern erwähnt zu werden). Das führte dazu, dass ihre jüngeren Geschwister geheiratet haben. Natürlich während Maussollos und Artemisia noch lebten. Auch diese Entscheidung wird in meiner Romanreihe natürlich behandelt werden. Hätten Maussollos und Artemisia Kinder gehabt, hätten diese die Titel geerbt und Idrieus und Ada hätten nicht heiraten müssen. Die zweite Geschwisterehe in dieser Generation der Hekatomniden wurde ganz sicher aufgrund der Kinderlosigkeit von Artemisia und Maussollos geschlossen.
Artemisia war nur die Frau von Maussollos. Ada wurde aber von Anfang an als Teil eines Herrscherpaares präsentiert. Und auch das bereite ich bereits seit Band 1 vor. Die Steigerung des Einflusses der Frauen dieser Dynastie. Super spannend.  :cheer:

 :daaanke:
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Re: Szene: Nachricht vom Tod des Sohnes
« Antwort #14 am: 06 October 2022, 19:51:56 »
Zitat
Ein Beispiel: Wenn ich annehme, dass die Szene in der griechischen Antike spielt, dann gibt es einen Kult, bei dem die Körper der Toten mit Essenzen gewaschen werden. Artemisia erahnt die Nachricht vom Tod ihres Kindes und sie antizipiert den Verlust, was Angst in ihr auslöst. Es könnte auch inhaltlich assoziierte Erinnerungen wachrufen, auch olfaktorische. Folgende Passage wäre dann denkbar:
"Diesen Blick in den Augen des alten Mannes, sie kannte ihn, und plötzlich schien der Raum vom Duft der Minze erfüllt zu sein, den die frisch gewaschenen Körper der Toten verströmen."
Könnte man durchaus so machen. Es könnte auch eine Erinnerung an die Geburten auslösen, bei denen ja auch viel mit Kräutern, Bädern und Düften gearbeitet wurde, weil es praktisch null (korrektes) Wissen über Frauenheilkunde, Schwangerschaften, Geburten und den (weiblichen) Körper an sich gab.
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