30 May 2024, 09:35:40

Autor Thema: Vergiss es! Das brauchst Du gar nicht erst versuchen  (Gelesen 4987 mal)

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Cecilie H

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Vergiss es! Das brauchst Du gar nicht erst versuchen
« am: 10 November 2022, 22:41:35 »
Hey ihr,

ich möchte Euch ne Kurzgeschichte vorstellen.

Sie gehört mit weiteren zum Thema REGIONAL, also Kurzgeschichten, locker, flockig, einige seicht, dafür hoffentlich gut lesbar. Ziel ist Kurzweiligkeit, Ironie, auch Tiefgründigkeit über meine Heimat.

Jaaaaaa, klingt jetzt öde, soll es aber nicht sein. Heimat kann auch sexy  :biggrin: (hoffentlich!!)

Heimatbonus ist etwas, wofür die Leute sich erwärmen können.
WARUM? Ich gewann auf der hiesigen Fläming ART, das waren Kurzgeschichten, die in Stadt & im Dorf spielten. Sicherlich könnten die überall spielen. Ich finde das aber ganz reizvoll, also habe ich sie hier angesiedelt.
Meine Fragen zum Schluss.
LG Cecilie
             

VERGISS ES! DAS BRAUCHST DU GAR NICHT ERST VERSUCHEN

 „VERGISS es!“, hatte Christian mir zugeraunt, als ich mit halberhobenem Finger Richtung Tür auf eine Erscheinung deutete. Meine Entdeckung schwebte stilsicher in Stilettos durch jene Tür hinein. Mein Arm sank Dank der ungemein liebenswürdigen Bemerkungen von Christian nieder wie ein blutleerer Krake, um auf dem Meeresboden zu verenden.
„Das brauchst Du gar nicht erst versuchen!“ Während er weitersprach, beobachteten wir beide fasziniert meine äußerst attraktive Entdeckung, welche Clara ansteuerte.       
                              
Wir waren zu Claras Geburtstagsfeier eingeladen worden. Christian, ihr ehemaliger langjähriger Kollege und ich, Claras kurzzeitiger Chef, wir drei hatten uns nie aus den Augen verloren, wenngleich mir doch Claras Geburtstage alljährlich entfielen. Zwei Tage vor ihrem 50. Jubiläum flatterte dann diese Karte, extrem bunt, genau wie Clara, in meinen Briefkasten: Jüterbog, Biergarten ZUM EICHELHÄHER. Ein zu schöner Name für ein verlebtes Anwesen. Immerhin war der Garten reichlich chlorophyllhaltig, das viele Grün und die Blumen kaschierten so einiges und ließen es zu, dass ich es immerhin bis 23.00 Uhr aushielt.

Christian hatte schon im Biergarten gesessen und gewartet – noch bevor das Geburtstagskind überhaupt erschienen war. Zuverlässig, treu - eine Eigenschaft von ihm, die ich noch aus unserer gemeinsamen Zeit kannte, immer korrekt, immer gewissenhaft. Mittlerweile war er Redakteur beim Jüterboger Wochenspiegel, dem kostenlosen Anzeigeblatt. Mich hatte es, als unser Kleeblatt zur Wendezeit auseinanderging, in die Welt hinaus- und umher gewirbelt, wie Rosenblätter im Wind. Ich hatte einen kurzzeitigen Job in Hamburg, bevor ich drei Jahre in London sesshaft wurde, später der Liebe wegen nach Würzburg ging. Als die Liebe erlosch, mochte ich auch die Würzburger Residenz im schönsten süddeutschen Barock nicht mehr ablichten und ging zurück nach Brandenburg, dorthin, wo alles seinen Ursprungs hatte – ich hatte als Fotograf meine Ausbildung in Jüterbog begonnen.

Clara hat zahlreich Leute eingeladen, erzählte mir Christan beim Bier, sie ist Stunden eher gekommen, in Jeans und Neckholder, um Tische aufzustellen und das Büfett zu arrangieren. Ihr Ex sei diesmal nicht eingeladen worden. Mich beunruhigte eher die Vorstellung, wie Clara in Jeans aussah, als die Anwesenheit eines Ex-Alkoholikers. In den letzten 15 Jahren hatte ich sie genau dreimal gesehen, stets trug sie Rock und Bluse, ein schrill-buntes Sommerkleid oder, wie zum Anfang ihrer Schwangerschaft, ein Umstandskleid, das für Drillinge maßgeschneidert zu sein schien. Clara war einen halben Kopf größer als ich und von kräftiger Statur. Ich war neugierig und fantasievoll, typisch Fotograf, hätte Clara gesagt. Ihr ausladendes Hinterteil konnte ich mir jedoch nicht in Jeans vorstellen.    
               
Heute war ich bewusst Stunden später gekommen, Festtagsstimmung mit Jubelrufen und Ansprachen ertrug ich genauso wenig wie verkommene Biergärten oder schrill-bunte Outfits. Clara musste sich umgezogen haben, stellte ich fest, sie trug Make - up und ein gemixtes Ensemble in Türkis, das ihr – bis auf den Schal – hervorragend stand. Dazu Absatzschuhe. Entgegen ihrem sonstigen Naturell burschikos zu sein, hatte sie sich heute bewusst mit Erscheinungsbild und Kleiderfragen auseinandergesetzt. Als ich ankam, hatte ich den Umweg über die Herrentoilette des Lokals genommen und die Szenerie vom Fenster aus beobachtet, ehe ich Christan entdeckte und ansteuerte. Nach einem Bier und 3 Liedern schaffte ich es endlich, Clara zu gratulieren.

„Na, Uli, wir sind alle älter geworden, was?“, schmeichelte sie mir. Für Clara kam mir kein Kompliment über die Lippen. Ich konnte es nicht.
„Hauptsache gesund, Clara!“ Ich beugte mich vor und flüsterte ihr ins Ohr:
„Alles Liebe und Gute zum Geburtstag!“ Sie hatte Tränen in den Augen. Ich war immer Claras heimlicher Schwarm gewesen, alle wussten das, auch ich. Aber mir war nie nach Jeans und Bunt und Türkis und Turnschuhen zu Mute, ich wollte frei sein. Dass Freiheit auch Einsamkeit bedeuten konnte, wusste ich damals noch nicht. Clara hatte sich nach der Wende umschulen lassen, war Köchin geworden und hatte später einen Partyservice gegründet. Auf der Bootstaufe von Herrn Kappenrad, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur hatte sie das Catering organisiert und dort Frau Dr. Kester kennengelernt. Frau Dr. Kester, Hautärztin, hatte den operativen Eingriff bei Claras Exmann vorgenommen. Hautkrebs Stadium II.

Wir saßen an schmalen, gut füllten Biertischen, tranken Pilsner, um die Musik besser zu ertragen. Zum Glück wurde ich nicht zum Tanzen aufgefordert. Im Gewühl bemerkte ich Claras Mutter, hochbetagt und rüstig, sowie ihre Schwester Manuela, eine kleinere Ausgabe von Clara, was die Körperhöhe betraf, im Umfang toppte sie sie. Claras Tochter dagegen konnte ich nicht entdecken, erst später machte mich Christan auf sie aufmerksam. Sie schien die Figur ihres Vaters geerbt zu haben, ein spindeldürrer Teenager mit gefärbten Haaren hing mit anderen Jugendlichen hinter einigen Rosenrabatten und mit einer Zigarette im Mund herum.       
                                 
Dann, inmitten dieser lauten, tristen, bunten Veranstaltung kam SIE. Frau Dr. Kester.
„Vergiss es!“ hatte mich Christian angeraunzt. Er war immer der schönere von uns gewesen, selbst jetzt mit 45 Jahren, hochgewachsen und gutaussehend. Aber kontaktscheu. Ich hatte immer Frauenbekanntschaften gehabt, mehr als er, obwohl dies bei meinem Aussehen unvorstellbar war, bei ihm wahrscheinlicher. Es gab Jugendfotos von ihm, hollywoodreif. Dunkles, volles Haar, ein markantes Kinn, dunkle Augen. Aber sowie dieser statische Zustand der Fotografie in den dynamischen Zustand des Belebten überging und er sich bewegte, redete, sich krümmte beim Sprechen, zögerte, innehielt und die Augen senkte, hüstelte und sich am Kopf kratze, leicht vorübergebeugt schritt, war der Traum dahin. Auf mich sind die Frauen geflogen, obwohl klein von Statur und Kräuselhaar auf Kopf und Brust im Kupferton. Clara hatte Christian nie erhört.       
               
„Das brauchtest Du gar nicht erst zu versuchen.“ Ich war neugierig, ein charakteristisches Kennzeichen eines jeden guten Fotografen. Meine besten Bilder sind aus Neugier entstanden. Sylvia, meine Exfrau, bei den umgestürzten Birken, der angeleinte Hund vor dem Tattoo Salon. Der alte Mann mit dem Rosinenbrot, preisgekrönt. Oder das Schneckenmotiv mit der Taube – es gewann den ersten Preis beim Toleranzwettbewerb der LINKEN und ging als Poster in Produktion. Das war damals meine Visitenkarte für die Bewerbung bei einer Londoner Werbeagentur gewesen.             

Christan und ich inspizierten gemeinsam das Büfett, es war bereits leicht geplündert und wir hatten uns ziemlich lange und ausdauernd angeschwiegen. Wir setzten uns, ich biss in das Käsesandwich, als er sich wiederholte: „VERGISS es!“
„Aber ich will doch gar nicht…“
„Trotzdem! Außerdem – die spricht mit keinem. Zu abgehoben, Chateau in Südfrankreich, 2012 Gast bei Thomas Gottschalk. Zu ihrem 40.Geburtstag hatte ihr Mann ein Ständchen organisiert. Gesungen hat Anna Netrebko!“
Hoffnung, wo fliegst Du hin?
„Aha. Und wer ist nun diese blonde südfranzösische Gottschalk-Netrebko-Ausgabe?“
Christian schaute mich mit Hundeblick an. Mitleidig und böse in einem.
„Frau Prof. Dr. Kester, Chefärztin der Dermatologischen Abteilung des Berliner Humboldt-Krankenhauses, Aufsichtsrätin bei der Krebshilfe. Und noch so ein paar andere Sachen, ich hab´s vergessen, frage Clara.“ Er stand auf, ergriff seinen Teller und visierte wieder zielstrebig das Büfett an. Erstaunlich bei seiner schlanken Figur, dachte ich, immerhin ist er gut informiert, im Gegensatz zu mir. Ich sah ihm nach, er hatte immer Kontakt zu Clara gehalten, ihre Scheidung durchgestanden, ihren Ex zur Entziehungskur, dann zu den Anonymen Alkoholikern geschleppt und ihr Kind vor einem Schulrausschmiss bewahrt. Jetzt amüsierte sich Clara prächtig, die dunklen Zeiten waren vorbei, sie legte den doofen Schal ab, der ihr schönes, üppiges Dekolleté verdeckt gehalten hatte. Ich wünschte, ich würde in 3 Jahren keine 50 werden und alle Biergärten dieser Welt hätten Musikverbot. Meine düsteren Gedanken vermehrten sich, wie Muschelschalen auf dem Meeresboden.      
   
„Ist hier noch frei?“ Eine melodische Stimme beschallte mein Ohr, mir gegenüber war meine blonde Erscheinung wie eine Plötze an der Wasseroberfläche aufgetaucht. Sportlich, interessant, anziehend, eine leichte Bräunung ließ vergessen, dass sie Hautärztin war. Die schwarze Tunika, die sie trug, stand ihr hervorragend. Nicht overdressed, sondern absolut sexy und mit raffinierten Schlitzen. Die lange schwarze Haremshose hatte sie mit Stilettos kombiniert. Mir fiel Waffenschein ein, als ich sie ansah, wie sie so vor mir stand. Die Haare hatte sie hochtoupiert und seitlich streng nach hinten zusammengebunden, so dass die sportliche Note mit ihrer Erscheinung harmonierte, wie die großen schwarzsilbernen Ohrringe mit dem schwarzen ETWAS, das sie trug.                                           
Sie setzte sich auf Christians Platz. Ich lächelte sie an und schwieg.
„Kennen wir uns?“ Zu anderen Zeiten hätte ICH das vielleicht gesagt haben können. Ich war zu irritiert, um zu antworten und die etwas plumpe Anmache als eine ernstgemeinte Frage zu deuten. Sie wiederholte ihre Frage und stellte sich vor.
„Dr. Sandra Kester“. Ich lachte verschämt auf, zeigte auf meine Stirnnarbe und betonte, dass ich leider keiner ihrer Patienten gewesen war, sondern ich dies Ungemach in einem Londoner Hospital – ein Zusammenstoß mit einem Betrunkenen, nähen lassen musste.
Sie sprach, jonglierte medizinisch geschickt mit verständlichen Begriffen, betonte die Bedeutung der Haut und den sanften Umgang mit ihr. Sie sprach vom Streicheln, dem Liebhaben, dem Umgang mit unserem Körper, von der Haut als unserem größten Organ. Sie säuselte und mir schien, als streichelten ihre Wörter meinen Körper, fuhren ihre Worte wie Finger über meinen Rücken, zeichneten Kreise und Figuren auf meiner Brust und stupsten mein Brusthaar an. Ihre schlanken Finger glitten an meinem Nacken empor, der sanfte Übergang zum Haar versetzte mir eine Gänsehaut, ich spürte ihre Worte wie eine Berührung an meinem Ellenbogen, durchs Gesicht über meine Oberlippe gleiten und auf dem Knie ruhen. Ihre Augen leuchteten, ich war eingesogen - wie ein hypnotisiertes Meerestier sank ich hinab in die Arme einer unvergleichlich schönen Nymphe.          
            
Christian kam mit vollem Teller vom Büfett wieder, er erstarrte, machte einen Bogen um uns, um sich an den Tisch zu Clara und Manuela zu setzen. Damals hatte er sich auch auf den Chefposten beworben, den ich bekommen hatte.                  
   
„Ihre Narbe, da ließe sich was machen“, hauchte sie. Narbenbehandlung, Abschleifen der Kanten, auch Entfernung von Altersflecken, Krebsvorsorge, Pigmentuntersuchung unter Auflichtmikroskop.
„Leider keine Kassenleistung.“ Ich war hingerissen und hätte ihr stundenlang zuhören können.          
                      
Ihre zweite Hälfte erschien. Als wären sie irgendwann einmal abgespalten worden, ein Mann und eine Frau aus einem Material, ein siamesisches Zwillingspärchen, das man getrennt hatte, wunderschön und kraftvoll. Er groß, dunkles Haar, im schwarzen Anzug, beugte sich zu ihrem Mund, der ihn weich küsste.
„Schatz, wir müssen los.“
„ICH spreche gerade.“ Ein diktatorisches Wort einer Chefärztin, einer Frau, die fest mit beiden wohlgeformten Beinen im Leben stand. Er setzte sich zu ihr, nahm spielerisch ihre Hand. Wie gern hätte ich diese Finger berührt, wäre von den nudefarblackierten Nägeln über das weißgoldene Ringlein zu ihren kleinen Knöcheln gefahren, hätte ihre Linien nachgezeichnet. Nach einer Weile wiederholte er sanft seine Worte.
„Wir sollten los.“
Sie nickte, brach unser Intermezzo ab und überreichte mir ihre Visitenkarte.
„Sagen Sie meiner Assistentin, dass Sie gestern mit mir persönlich gesprochen haben, Sie bekommen dann den Termin.“ Sie lächelte. „Eher.“
Dieses Lächeln war schöner als alle Meerestiere in sämtlichen Aquarien der Welt.
„Für die nächsten 6 Monate sind schon alle Termine ausgebucht“, flüsterte sie. Ihre Schneidezähne wurden sichtbar, schön, regelmäßig. Sie erhob sich, nickte den Anwesenden zu. Ihre laute kräftige Stimme erscholl:
„Ich danke Ihnen, liebe Clara, für die Einladung, haben Sie vielen herzlichen Dank, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend. Ich klopfe jetzt mal für alle auf den Tisch.“ Die Menge schaute ihr zu und antwortete mit Klopfen.
„Und von Ihnen“, sie wandte den Kopf mir zu und hauchte, „möchte ich mich persönlich verabschieden.“ Sie gab mir die Hand. Ich erhob mich, fühlte mich wie besoffen.
„Danke für das schönes Gespräch“, sie lächelte mich an und dieses Lächeln war Eisschmelze für mich. Kernfusion. Mein persönliches Fukushima. Ich blieb immer noch stehen, als sie schon mit ihrem schwarzen Galan im schwarzen Porsche verschwunden war.       
                                          
Ich blickte ihr nach und entdeckte dann Christian, der mit offenem Mund zu mir herüber starrte. 



1) Sind die Figuren klar gekennzeichnet, könnt ihr euch die Personen vorstellen (Äußerlichkeiten, Anliegen, Wünsche, Hoffnungen, ihre Gedanken)?
2) Sind die Sprünge nachvollziehbar? Es ist nicht chronologisch, ich halte Rücksprünge, um tiefgründig die Seelen darzustellen. Also, besteht ein Lesefluss?
3) Ist Christians Wut erkennbar, gut dargestellt? Ist erkennbar, dass Uli Schweineglück hat durch seine Art, wie er ist und lebt und das Leben genießt und die Frauen auf ihn fliegen und Christian ein Loser, wenn auch ein schöner?
Ich freue mich auf eure Rückmeldungen, LG Cecilie


« Letzte Änderung: 11 November 2022, 06:26:55 von Cecilie H »

merin

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Re: Vergiss es! Das brauchst Du gar nicht erst versuchen
« Antwort #1 am: 11 November 2022, 20:53:56 »
Hallo Cecilie,

dann nehmen wir doch mal diese Gabel und *pieks*. Oh je, ich glaub, das tut weh.

Ich mach es wie ich es immer mache: Ich bringe dir erst ein paar Erbselein und schreibe dann etwas zum Gesamteindruck. Vielleicht sollte ich vorher vorwarnen: Ich habe einen sehr eigenen Geschmack was Wort und Rhythmus angeht und natürlich spielt der bei jeder Röstung mit rein. Ich bin pedantisch, was Sprache angeht. Manches wird daher für dich nicht passen, weil dein Geschmack einfach ein anderer ist. Dann lass es einfach beiseite und nimmt dir raus, was für dich hilfreich ist.

Zitat
VERGISS ES! DAS BRAUCHST DU GAR NICHT ERST VERSUCHEN

 „VERGISS es!“, hatte Christian mir zugeraunt, als ich mit halberhobenem Finger Richtung Tür auf eine Erscheinung deutete. Meine Entdeckung schwebte stilsicher in Stilettos durch jene Tür hinein. Mein Arm sank Dank der ungemein liebenswürdigen Bemerkungen von Christian nieder wie ein blutleerer Krake, um auf dem Meeresboden zu verenden.

Für mich ist der Einstieg holprig. Das liegt daran, dass der Titel redundant ist: der zweite Teil wirkt wie eine Erklärung des ersten. Dann greifst du den ersten Teil im ersten Satz gleich auf und ich finde, das wird durch den zweiten Teil der Überschrift abgeschwächt. Wenn da nur zwei Mal "Vergiss es" stünde, fände ich es witziger. Es würde auch klarer, dass das kein Versehen ist. Die Großschreibung ist mir zu aufdringlich, ich würde sie weglassen. Zumal raunen und Großbuchstaben für mich ein Widerspruch sind. Großbuchstaben stehen für Schreien. Raunen für Flüstern.
Dann kommt der Finger und ich frage mich: Was ist halberhoben? Und warum ist hier ein Zeitformenwechsel? Der erste Satz ist im Plusquamperfekt, der zweite im Präteritum. Warum? Die Idee einer Erscheinung in Stilettos spricht mich an, macht neugierig. Geister tragen ja eher Laken.  ;) Aber dann werde ich gleich wieder hinausgeworfen: es muss "herein" heißen, nicht "hinein", denn bislang bist du perspektivisch bei einer Person im Zimmer. Dank muss kleingeschrieben werden und dann schreibst du "Bemerkungen" ich weiß aber gar nicht, was gemeint ist. "Vergiss es" ist ja keine Bemerkung, sondern eine Aufforderung und selbst wenn ich es unter Bemerkung fassen würde, wäre es nur eine. Und dann kommt ein Bild:

Zitat
wie ein blutleerer Krake, um auf dem Meeresboden zu verenden

Das ist grammatikalisch nicht stimmig, für mich müsste es heißen: "wie ein blutleerer Krake, der auf dem Meeresboden verendet". Denn so bezieht sich das Verenden auf die Hand, und die verendet ja nicht.

Ich kann auf diesem Niveau nicht weiterrösten, so viel Zeit habe ich gerade nicht. Aber für mich ziehen sich die im ersten Absatz benannten Probleme durch. Das macht es für mich anstrengend, den Text zu lesen. Daher wäre mein Rat der, den Text nochmal genau durchzugehen und zu schauen: Stimmen die grammatikalischen Bezüge? Ist die Blickführung stimmig (im zweiten Absatz hüpfst du ziemlich hin und her, was es schwer macht zu folgen)? Stimmen die Zeitformen? Wo sind Redundanzen, die du streichen kannst?

Ansonsten nimmst du dir für meinen Geschmack recht viel Zeit für die Schilderung von nicht sehr interessanten Dingen, wobei kaum Atmosphäre entsteht. Mir fehlen diese kleinen Kleinigkeiten, wie es riecht und was für Musik spielt, wie die Stimmung ist. Dann hast du jede Menge Leute, aber niemand wird plastisch, wodurch ich nicht durchsehe, wer wer ist. Besonders der Erzähler bleibt für mich blass.

Für meinen Geschmack gibt es Adjektivhäufungen, beispielsweise hier:

Zitat
Wir saßen an schmalen, gut füllten Biertischen, tranken Pilsner, um die Musik besser zu ertragen. Zum Glück wurde ich nicht zum Tanzen aufgefordert. Im Gewühl bemerkte ich Claras Mutter, hochbetagt und rüstig, sowie ihre Schwester Manuela, eine kleinere Ausgabe von Clara, was die Körperhöhe betraf, im Umfang toppte sie sie.

Mir fällt auf, wie abwertend über die Gastgeberin gesprochen wird, hier kommentiert ein Mann einen weiblichen Körper, der nicht normschön ist. Insgesamt kommentiert der Erzähler ständig weiblich gelesene Körper und später auch Männer. Mir stößt es unangenehm auf.

Zitat
Dann, inmitten dieser lauten, tristen, bunten Veranstaltung kam SIE. Frau Dr. Kester.
„Vergiss es!“ hatte mich Christian angeraunzt.

Hier erwarte ich jetzt, dass ich wieder am Anfang bin, aber ich habe keinen Hinweis darauf, dass die Erscheinung mit Dr. Kester identisch ist.

Zitat
„Das brauchtest Du gar nicht erst zu versuchen.“ Ich war neugierig, ein charakteristisches Kennzeichen eines jeden guten Fotografen. Meine besten Bilder sind aus Neugier entstanden. Sylvia, meine Exfrau, bei den umgestürzten Birken, der angeleinte Hund vor dem Tattoo Salon. Der alte Mann mit dem Rosinenbrot, preisgekrönt. Oder das Schneckenmotiv mit der Taube – es gewann den ersten Preis beim Toleranzwettbewerb der LINKEN und ging als Poster in Produktion. Das war damals meine Visitenkarte für die Bewerbung bei einer Londoner Werbeagentur gewesen.   

Du widmest den Bildern hier einen ganzen Absatz. Trotzdem ist keins so beschrieben, dass es in mir lebendig wird. Ich spüre weder die Neugier, noch sehe ich die Bilder vor mir. Ich würde entweder genauer werden oder das streichen. Und auch hier ist mir wieder unklar, warum die Zeitform wechselt.

Ich versuch mal ein Beispiel, als Illustration, was ich meine:

Zitat
Ich bin neugierig, ein charakteristisches Kennzeichen jedes guten Fotografen. Meine besten Bilder entstanden aus Neugier. Wie das von Sylvia, meiner Exfrau, bei den umgestürzten Birken. Ich hatte sie sehen wollen, die nicht mehr ganz grünen Blätter, die noch nicht ganz eingesunkenen Falten, die Macht des Windes, auf ein Bild gebannt. Ich erinnere mich genau an das Licht, ein Spätsommertag, tiefstehende Sonne, gelbe Blätter, die vor blassblauem Himmel tanzen.

Ich habe die Grammatik angepasst, überzählige Wörter gestrichen und ein Bild genauer beschrieben. Es entsteht ein ganz anderer Erzählton, eine Melancholie, der deiner Idee vielleicht nicht entspricht. Aber vielleicht hilft es trotzdem zum Verständnis.

Insgesamt kann die Geschichte mich nicht einfangen. Ich finde keinen roten Faden, suche die ganze Zeit vergeblich nach der Erscheinung (ich dachte, es gehe um eine Geistergeschichte) und komme nicht recht rein. Ich dachte auch zu Anfang, ich sei irgendwo drinnen und da sind drei Leute, dann bin ich plötzlich in einem Biergarten voller Personen. Ich bräuchte also ganz zu Anfang eine korrekte Verortung.

Zu deinen Fragen:

Zitat
1) Sind die Figuren klar gekennzeichnet, könnt ihr euch die Personen vorstellen (Äußerlichkeiten, Anliegen, Wünsche, Hoffnungen, ihre Gedanken)?
2) Sind die Sprünge nachvollziehbar? Es ist nicht chronologisch, ich halte Rücksprünge, um tiefgründig die Seelen darzustellen. Also, besteht ein Lesefluss?
3) Ist Christians Wut erkennbar, gut dargestellt? Ist erkennbar, dass Uli Schweineglück hat durch seine Art, wie er ist und lebt und das Leben genießt und die Frauen auf ihn fliegen und Christian ein Loser, wenn auch ein schöner?

1) Nein. Sie bleiben für mich alle blass, bis auf Dr. Kester, aber die finde ich leider ein reines Klischee.
2) Für mich sind die Sprünge wenig nachvollziehbar und der Text holpert leider. Da ich die Hintergründe den Personen nur schwer zuordnen kann, bleiben auch sie für mich wenig aussagekräftig. Ich finde, dass du dir die Chance nimmst, in der Interaktion zu zeigen, wer wer ist. Du bist wenig szenisch. Das würde ich dir raten zu ändern.
3) Christian ist wütend? Das kommt bei mir nicht an. Auf mich wirkt der Erzähler wütend, er entwertet alle und jeden und ist mir dadurch recht unsympathisch. Als Loser wirkt er aber nicht. Der Erzähler wirkt auf mich auch nicht erfolgreich, er wird ja von Dr. Kester vorgeführt. Nur wozu, das bleibt mir unklar.

Ich hoffe, es schmerzt dich nicht zu sehr, dass dein Text mir nicht gefallen hat. Für mich fehlt da noch ganz viel Feinarbeit. Mein Hauptproblem ist aber, dass ich die Geschichte im Text nicht finde, ich verstehe nicht, was mir da eigentlich erzählt werden soll, worum es geht. Ich bin gespannt, was die anderen schreiben, ob ich da einfach auf dem Schlauch stehe oder was.
Ich versuche es mal zusammenzufassen: Ein Mann geht auf eine Party, auf die er nicht will. (Warum?) Dort langweilt er sich und entwertet die anderen Gäste. Als eine Frau kommt, die er interessant findet, spricht er sie an, doch sie hat kein Interesse an ihm und stülpt ihm ihr Thema über: Sie will ihm eine Schönheits-OP verkaufen.

Hmm. Das ist für mich keine Geschichte. Die einzelnen Teile hängen nicht recht zusammen, es gibt keinen Spannungsbogen, keine Pointe. Aber wie gesagt: Vielleicht habe ich es einfach nicht verstanden. Ich bin gespannt, ob ich dir trotzdem etwas Hilfreiches sagen konnte. Lass es mich bitte wissen!

So weit erstmal!
LG
merin
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht und was ich gern anders hätte.

Cecilie H

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  • Keine Gabe wirkt mächtiger als die Phantasie.
Re: Vergiss es! Das brauchst Du gar nicht erst versuchen
« Antwort #2 am: 11 November 2022, 22:43:18 »
Hallo merin, Danke für Deine ehrliche Kritik. Ja, genau deshalb wollte ich zu euch. Jetzt, wo ich Deine Anmerkungen lese, sehe ich teilweise klarer. Und ich hab u hab die Geschichte immer wieder gelesen!  :-(. Soviel zu Eigenbild/ Fremdbild - Wahrnehmung.... Ich werde sie später überarbeiten, ich warte noch die anderen Kritiken ab.
Schade, dass das jetzt nicht so ein glücklicher Start für euch u für mich war, ich hatte überlegt, welche Geschichte ich nehme. Lieben Gruss Cecilie

Cimglett

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Re: Vergiss es! Das brauchst Du gar nicht erst versuchen
« Antwort #3 am: 12 November 2022, 00:26:22 »
Hallo Cecilie,

so unterschiedlich wir auch sein mögen, der Start in dieses Forum läuft für die meisten von uns gleich. Du brauchst dich also nicht schlecht zu fühlen :)
Eigen-/Fremdwahrnehmung hat eine Wahnsinnsmacht, die man leicht unterschätzt. Die eigenen Fehler vorgeführt zu bekommen, ist also erst schmerzhaft - aber dann tut es so unglaublich gut. Man erkennt plötzlich den eigenen Text kaum wieder. Und kann so viel daraus lernen. Da müsstest du schon 845 Texte analysieren, um einen ähnlichen Effekt zu erreichen.
Also: Ich fühle deinen Schmerz. Aber glaub mir, es wird besser. So viel besser.

LG Cimglett

Cimglett

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Re: Vergiss es! Das brauchst Du gar nicht erst versuchen
« Antwort #4 am: 12 November 2022, 01:22:20 »
Soo, ich bin müde, deshalb möchte ich nur ein paar grobe Dinge loswerden.

Nur so als Tipp: Wenn du deine Geschichte im Vorfeld schon so verteidigen musst ...
Zitat
Jaaaaaa, klingt jetzt öde, soll es aber nicht sein.
... spricht das nicht unbedingt für sie. ;) Aber das hat ja gerade nichts mit der Geschichte zu tun. Also, steigen wir ein.

Zitat
Mein Arm sank Dank der ungemein liebenswürdigen Bemerkungen von Christian nieder wie ein blutleerer Krake, um auf dem Meeresboden zu verenden.
Zwei Sätze drin und ich verstehe, es soll eine WITZIGE Geschichte sein. Was mich an dem Bild verwirrt, ist das Wort "blutleer". Ist der Arm etwa ganz blass geworden vor Scham? Und wann ist ein Krake jemals blutleer - werden die ausgesaugt? Von wem? Du meinst einfach einen toten Kraken, oder? - Trotzdem finde ich den Vergleich nicht schlecht, er ist zwar etwas umständlich, aber originell und ich habe ein Bild im Kopf.

Zitat
Während er weitersprach, beobachteten wir beide fasziniert meine äußerst attraktive Entdeckung, welche Clara ansteuerte.
Na, da bin ich gespannt. Da kommt jetzt wohl jemand. Oder ... nein, da kommt erst ein erklärender Absatz. Danach aber, oder? ... nein, immer noch nicht. Jetzt aber? ... auch nicht. Meine aufgeregte Erwartung ist etwas verpufft, bis du wieder auf Dr. Kester zu sprechen kommst.

Zitat
Immerhin war der Garten reichlich chlorophyllhaltig
!Disclaimer! Geschmackssache: Mir ist die Art und Häufigkeit der Witzigkeit ein bisschen zu viel, an dieser Stelle wirkt es gewollt auf mich.

Zitat
Mich hatte es, als unser Kleeblatt zur Wendezeit auseinanderging, in die Welt hinaus- und umher gewirbelt, wie Rosenblätter im Wind
Auch hier. Der Vergleich ist mir zu gewollt. Außerdem werde ich dir das Bild in meinem Kopf zeigen: Ich sehe nur Rosenblätter, nicht die Hauptfigur. Bei dem Krakenbild eben habe ich den Arm und den Kraken gesehen, das wirkte auf mich.

Zitat
Ich hatte einen kurzzeitigen Job in Hamburg, bevor ich drei Jahre in London sesshaft wurde, später der Liebe wegen nach Würzburg ging. Als die Liebe erlosch, mochte ich auch die Würzburger Residenz im schönsten süddeutschen Barock nicht mehr ablichten und ging zurück nach Brandenburg, dorthin, wo alles seinen Ursprungs hatte – ich hatte als Fotograf meine Ausbildung in Jüterbog begonnen.
Interessiert mich sein Lebenslauf für diese Geschichte?

Zitat
Ich war neugierig und fantasievoll, typisch Fotograf, hätte Clara gesagt. Ihr ausladendes Hinterteil konnte ich mir jedoch nicht in Jeans vorstellen.
Ich finde es stärker, wenn Clara das tatsächlich mal gesagt hat. Und ich bekomme gerade den Eindruck, dass der Prota Clara überhaupt nicht leiden kann. Sie als kräftig zu beschreiben ist in Ordnung, aber er reitet schon arg auf ihrer Figur rum.

Zitat
Clara musste sich umgezogen haben, stellte ich fest, sie trug Make - up und ein gemixtes Ensemble in Türkis, das ihr – bis auf den Schal – hervorragend stand. Dazu Absatzschuhe. Entgegen ihrem sonstigen Naturell burschikos zu sein, hatte sie sich heute bewusst mit Erscheinungsbild und Kleiderfragen auseinandergesetzt.
Der Prota stürzt sich seeehhhr auf Claras äußeres Erscheinungsbild. Und ich finde diesen Absatz etwas langweilig, entschuldige. Vielleicht auch wieder persönlich: Mich interessiert Mode nicht sonderlich, wenn ich mich nicht mit den Personen identifiziere (und mit Clara kann ich das nicht, weil du sie nur als laut, nervig und dick beschreibst).

Zitat
Ich war immer Claras heimlicher Schwarm gewesen, alle wussten das, auch ich.
Den Satz mag ich.

Zitat
Clara hatte sich nach der Wende umschulen lassen, war Köchin geworden und hatte später einen Partyservice gegründet. Auf der Bootstaufe von Herrn Kappenrad, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur hatte sie das Catering organisiert und dort Frau Dr. Kester kennengelernt. Frau Dr. Kester, Hautärztin, hatte den operativen Eingriff bei Claras Exmann vorgenommen. Hautkrebs Stadium II.
Zu viele zu dichte Informationen, die relativ bis vollkommen irrelevant für die Geschichte sind.

Zitat
Dann, inmitten dieser lauten, tristen, bunten Veranstaltung
Sehr schön :)

Um jetzt mal auf deine dritte Frage zu antworten:
Zitat
Er war immer der schönere von uns gewesen, selbst jetzt mit 45 Jahren, hochgewachsen und gutaussehend. Aber kontaktscheu. Ich hatte immer Frauenbekanntschaften gehabt, mehr als er, obwohl dies bei meinem Aussehen unvorstellbar war, bei ihm wahrscheinlicher. Es gab Jugendfotos von ihm, hollywoodreif. Dunkles, volles Haar, ein markantes Kinn, dunkle Augen. Aber sowie dieser statische Zustand der Fotografie in den dynamischen Zustand des Belebten überging und er sich bewegte, redete, sich krümmte beim Sprechen, zögerte, innehielt und die Augen senkte, hüstelte und sich am Kopf kratze, leicht vorübergebeugt schritt, war der Traum dahin. Auf mich sind die Frauen geflogen, obwohl klein von Statur und Kräuselhaar auf Kopf und Brust im Kupferton.
Äh ja, merkt man. Weil du es mir sagst. ;)

Zitat
Christan und ich inspizierten gemeinsam das Büfett, es war bereits leicht geplündert und wir hatten uns ziemlich lange und ausdauernd angeschwiegen.
Das kann ich mir gut vorstellen. Könntest es noch mehr ZEIGEN: Wie sie das Essen kritisch inspizieren, nebeneinander hergehen und keiner die Absicht hat, ein Gespräch anzufangen.

Zitat
Meine düsteren Gedanken vermehrten sich, wie Muschelschalen auf dem Meeresboden.
Hier willst du wieder ein Bild bauen, was nicht funktioniert. Seit wann vermehren sich MuschelSCHALEN auf dem Meeresboden? Und der Bezug zum Düsteren greift auch nicht so richtig. Die meisten Muschelschalen, die wir Menschen im Kopf haben, fanden wir am Strand oder in den ersten seichten Metern des Meeres. Das ist das Gegenteil von düster.

Zitat
Eine melodische Stimme beschallte mein Ohr, mir gegenüber war meine blonde Erscheinung wie eine Plötze an der Wasseroberfläche aufgetaucht. Sportlich, interessant, anziehend, eine leichte Bräunung ließ vergessen, dass sie Hautärztin war.
Und ich nehme gleich noch einen Vergleich auseinander, verzeih es mir  :devgrin:. Bei der melodischen Stimme, die das Ohr beschallt, muss ich unfreiwillig lachen - und dann erinnert es mich an eine Meerjungfrau. Dann kommt eine PLÖTZE daher (shame on me, ich musste das googeln und habe verwirrt festgestellt, dass das ein Fisch ist), was so gar nicht passt. Und in meinem Kopf spielt sich eine Szene ab, wie ein verwirrter Mensch in die Hocke geht, neben dem Prota "auftaucht" und dabei in sein Ohr singt. - ABER DANN steht da "sportlich, interessant, anziehend", was ich nicht so richtig (okay: so gar nicht) mit der singenden verwirrten Frau in Verbindung bringen kann.
Verstehst du? Deine Vergleiche treffen's nicht so richtig. Aber das ist nicht schlimm: Du hast viel Fantasie und das ist sehr schön. Was bedeutet, wenn du darauf achtest, dass die Bilder stimmiger werden, kannst du sehr viele gute Vergleiche bauen, über die der Leser in deinem Sinne lachen wird (und nicht, weil er an einen singenden Fisch im Ohr des Protas denkt).

Zitat
Ich lachte verschämt auf, zeigte auf meine Stirnnarbe und betonte, dass ich leider keiner ihrer Patienten gewesen war
Führ den Dialog doch mit der wörtlichen Rede weiter.

Zitat
Sie sprach vom Streicheln, dem Liebhaben, dem Umgang mit unserem Körper, von der Haut als unserem größten Organ. Sie säuselte und mir schien, als streichelten ihre Wörter meinen Körper, fuhren ihre Worte wie Finger über meinen Rücken, zeichneten Kreise und Figuren auf meiner Brust und stupsten mein Brusthaar an. Ihre schlanken Finger glitten an meinem Nacken empor, der sanfte Übergang zum Haar versetzte mir eine Gänsehaut, ich spürte ihre Worte wie eine Berührung an meinem Ellenbogen, durchs Gesicht über meine Oberlippe gleiten und auf dem Knie ruhen. Ihre Augen leuchteten, ich war eingesogen - wie ein hypnotisiertes Meerestier sank ich hinab in die Arme einer unvergleichlich schönen Nymphe.
Ich musste ich mehrmals lesen, bis ich verstanden habe, dass sie ihn keineswegs wirklich berührt. Insbesondere der fett hervorgehobene Satz hat mich in die Falle tappen lassen. (Und es ist sehr dick aufgetragen, aber auch das ist Geschmackssache.)

Zitat
Ein diktatorisches Wort einer Chefärztin, einer Frau, die fest mit beiden wohlgeformten Beinen im Leben stand. Er setzte sich zu ihr, nahm spielerisch ihre Hand
Rel. viele Adjektive. Vielleicht gibt mir das auch das Gefühl des "dick Auftragens".

Zitat
dieses Lächeln war Eisschmelze für mich. Kernfusion
Okay, okay, ich hab's verstanden, sie ist soooooooooooooo schön, oh mein Gott, sie ist perfekt, ein perfektes Lächeln mit perfekten Schneidezähnen mit perfekten weichen Küssen  :deveek:

Noch kurz zu den Fragen, die ich noch nicht beantwortet habe:
1) Äußerlichkeiten - ja. Und zwar nach dem Schema: Prota ist höchstens durchschnittlich, Christian gutaussehend, die Ärztin uuuuuunfassbar perfekt hübsch toll wunderbar und überhaupt, Clara dick, sehr dick, super dick und überhaupt. Die Charaktere sind mir insgesamt aber relativ klar. Ich finde sie eindimensional, aber ehrlich gesagt - das ist eine Kurzgeschichte. Natürlich könntest du insbesondere die Ärztin weniger klischeeüberladen darstellen, aber du wirst und musst es nicht schaffen, in dieser Kürze super realistische Charaktere zu präsentieren.
2) Ich fand alles klar verständlich, bis auf die oben genannte Stelle. Der Zwischenteil war mir zu lang. Dh der, bevor etwas passiert.

Uuund es ist wieder passiert, ich fange an und möchte eigentlich nur wenige Dinge ansprechen - ZACK - schon wieder durchgeröstet.  :devgrin:
Ich hoffe, du kannst etwas daraus mitnehmen. Bitte lies alle meine Kommentare mit Wohlwollen und etwas Humor. Und wichtig: Das ist nur eine Meinung. Du musst nichts daraus für dich annehmen, wenn du nicht zustimmst. merin hat vielleicht etwas völlig anderes geschrieben (lese mir das gleich durch). Und die anderen haben auch ihre eigenen Gedanken.

LG Cimglett

Cecilie H

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Re: Vergiss es! Das brauchst Du gar nicht erst versuchen
« Antwort #5 am: 12 November 2022, 09:21:49 »
Hallo Cimglett, es tut gut. Also die wohlwollende Kritik.. Also auf den Schmerz mit der Gabel ;-) kommt das lustige Kätzchenpflaster.. Alles okay. Ich bin sehr fr

Cecilie H

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Re: Vergiss es! Das brauchst Du gar nicht erst versuchen
« Antwort #6 am: 12 November 2022, 09:26:01 »
... froh, genauso wollte ich das haben (masochistisch ;-).!!!

Juni

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Re: Vergiss es! Das brauchst Du gar nicht erst versuchen
« Antwort #7 am: 12 November 2022, 12:26:06 »
Hallo Cecilie,

Ok, Text mit Ironie – die ist immer eine Herausforderung. Ich lebe damit, dass ich sie in der Regel nicht verstehe. Es ist mit Sicherheit nicht mein Genre, aber ich schaue trotzdem mal rein...

Zitat
Mein Arm sank Dank der ungemein liebenswürdigen Bemerkungen von Christian nieder wie ein blutleerer Krake, um auf dem Meeresboden zu verenden.
Leider zählen Grammatik und Satzbau nicht zu meinen Stärken, ich versuche es dennoch.
„Mein Arm sank … nieder, wie ein blutleerer Krake zum dunklen, tiefen Meeresboden."

Zitat
„Das brauchst Du gar nicht erst versuchen!“ Während er weitersprach, beobachteten wir beide fasziniert meine äußerst attraktive Entdeckung, welche Clara ansteuerte.
Verbal stößt Christian sich ja so wuchtig ab, und ist aber dennoch fasziniert…?
Für mich ein zu krasser Wiederspruch.
Da etwas faszinierendes einen eher anzieht, gehe ich nun davon aus, das Christian einen stressigen Tag hatte, oder gerade einfach keinen Nerv für das hat, auf das sein Freund da gerade aus ist.
                              
Zitat
Wir waren zu Claras Geburtstagsfeier eingeladen worden. Christian, ihr ehemaliger langjähriger Kollege und ich, Claras kurzzeitiger Chef, wir drei hatten uns nie aus den Augen verloren, wenngleich mir doch Claras Geburtstage alljährlich entfielen.
Oh, alte Freunde die sich seit vielen Jahren kennen. Das finde ich interessant und spannend.
Leider spüre ich im Verlauf dann aber nichts von dieser Freundschaft, was ich sehr schade finde.

Zitat
Immerhin war der Garten reichlich chlorophyllhaltig, das viele Grün und die Blumen kaschierten so einiges und ließen es zu, dass ich es immerhin bis 23.00 Uhr aushielt.
Der Schluss dieses Satzes irritiert mich sehr. Ist der Biergarten wirklich in so einem schlimmen Zustand, oder hat Uli einfach höhere Ansprüche?
Und wenn die Musik so schlimm ist, wieso sagt keiner was?
Dann kommen die Beschreibungen der unterschiedlichen Lebensläufe, wo ich gut durchkomme. Mich irritiert dann allerdings die Bemerkung zu Claras ‚Hinterteil‘, in dem Zusammenhang finde ich das nicht angemessen.
Im weiteren Verlauf fand ich Uli dann zunehmend unsympathischer, ich bekam die Szenen nicht wirklich zu greifen, und litt etwas mit Clara und Christinan.

Ich überlege schon seit gestern, was ich helfendes sagen kann, aber es fällt mir nichts wesentliches ein.
In der Geschichte ist inhaltlich eigentlich alles vorhanden, was es braucht; die Art der Erzählung muss nur noch gründlich überarbeitet werden.

1) Sind die Figuren klar gekennzeichnet, könnt ihr euch die Personen vorstellen (Äußerlichkeiten, Anliegen, Wünsche, Hoffnungen, ihre Gedanken)?
Ja, ich weiß, wie sie aussehen, kenne ihre Lebensumstände und Züge ihres Charakters …

2.1) Sind die Sprünge nachvollziehbar?
Öhm...
2.2) Besteht ein Lesefluss?
Ich kam durch und dachte auch, ich hätte den Inhalt verstanden - jedenfalls bis ich die Fragen unter Punkt 3 las.

3) Ist Christians Wut erkennbar, gut dargestellt?
Wut habe ich nicht erkannt… ich dachte, er wäre einfach von Uli genervt.
3) Ist erkennbar, dass Uli Schweineglück hat durch seine Art, wie er ist und lebt und das Leben genießt und die Frauen auf ihn fliegen
Also … ich mag Uli nicht. Und die Ärztin hat mich vollständig verwirrt. Ich mag sie auch nicht.


Lass dich aber jetzt nicht entmutigen.
Falls es dich tröstet: Vor ca. 18 Jahren war der Thread mit meinem aller aller ersten Text im Forum gesperrt worden. Er hatte ein glattes ‚ungenügend‘ in Lesbarkeit erhalten. Im Federfeuer durfte ich eine Zeit lang auch nichts an Texten posten, bevor sich nicht ein Moderator diese vorher angesehen hatte.
Harte Jahre waren das. Sind es für mich auch noch heute – ich höre schon das Zischen, wenn ich nur an den Grill denke. Trotzdem lege ich mich immer wieder gerne drauf. Es tut weh, aber es lohnt sich.

Liebe Grüße  :troest:

Paul

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Re: Vergiss es! Das brauchst Du gar nicht erst versuchen
« Antwort #8 am: 12 November 2022, 12:59:10 »
Hi Cicilie

Ich beginne meine Rückmeldung mit einem

Erstleseeindruck:

Ich habe deine Geschichte neugierig gelesen. Dabei schwankte mein Eindruck beim Lesen immer wieder. Der Anfang war ein wenig kryptisch. Dann gab es Phasen, da hast du mich in deine Geschichte hineingezogen, da wurde die Szene für mich lebendig und dann gab es wieder Szenen, die für mich eher blass blieben. Insgesamt hast du einen eher blumigen, ausschweifigen Schreibstil, der aber für mich durchaus seine Reize hat. An manchen Stellen ist es m.E. aber ein doch eine Spur zu blumig. Bei den Vergleichen hast du m.E. eine Spur zu viele im Text. Weniger ist manchmal mehr. Vor allem, wenn sie sich viele von ihnen im Bereich der "Aquanautik" bewegen. Manche Personenbeschreibungen waren mir eine Spur zu angehängt. Spannend fand ich vor allem die Dreiecksbeziehung zwischen dem Protagonisten und Clara. Sie schwärmte für ihn und er ließ sie links lieben. Dazu kommt sein Freund, der sich in Clara verliebt hat, aber von ihr nicht erhört wurde. Das ist für mich der Kern der Geschichte. Dazu hätte ich gern mehr gehört.
 Der Rahmen um diese Kerngeschichte ist für mich dagegen nicht so wichtig. Ich finde, du hast ihn auch recht blass beschrieben. Sicher, da ist diese umwerfenende Frau am Anfang, die auf dem Fest auftaucht. Doch irgendwie bleibt für mich der Reiz, den sie auf den Protagonisten ausübt, nicht nachvollziehbar. Auch am Ende ist das Gespräch, das beide führen, für mich in keiner Weise erotisch aufgeladen. Da ist keine Spannung. Nichts, was mich beführt hätte. Von daher war ich am Ende von der Kurzgeschichte eher enttäuscht. Ich erwartete irgendeine Pointe, irgendetwas, das über das reine "Anhimmeln" des Anfangs hinausgeht.

Nun zu deinen Fragen:

1) Sind die Figuren klar gekennzeichnet, könnt ihr euch die Personen vorstellen (Äußerlichkeiten, Anliegen, Wünsche, Hoffnungen, ihre Gedanken)?

Uli blieb für mich lange Zeit blass, irgendwann konnte ich mir sein Äußeres vorstellen, allerdings eher recht spät in der Geschichte (zu spät). Christian und Clara waren klarer dargestellt. Auch in ihren Wünschen.


2) Sind die Sprünge nachvollziehbar? Es ist nicht chronologisch, ich halte Rücksprünge, um tiefgründig die Seelen darzustellen. Also, besteht ein Lesefluss?

Beim Lesefluss bin ich öfter über deine Sprache als über die Sprünge gestolpert. Ich würde manche Sätze anders schreiben. Dazu gehört die Häufung der Adjektive, wie auch die Stellung der Verben, die ich in manchen Sätzen weiter nach vorne ziehen würde.

Zitat
Meine Entdeckung schwebte stilsicher in Stilettos durch jene Tür hinein.

Ich nehme diesen Satz als Beispiel: Du hast jemanden, den du als "Erscheinung" und jetzt als "Entdeckung" beschreibst, und das Erste, das ich über diese Person erfahre sind die Worte "Stilsicher" und "Stilettos", dazu kommt das "Schweben".

Mir war bis dahin nicht eindeutig klar, dass es sich bei dieser Erscheinung um eine Frau handelt. Nun dämmert mir als Leser langsam, dass die Erscheinung wohl weiblich ist. Doch wenn ich als Mann zum ersten Mal eine Frau sehe, dann sehe ich sicher nicht auf ihre Schuhe, eher auf ihre Gesamterscheinung - dann bräuchte ich aber eine Beschreibung ihrer Bewegungen, ihres Blicks, ihres Lächelns,... überhaupt eine Beschreibung ihres Gesichts. Deine Beschreibung bleibt für mich flach. Dazu kommt das "stilsicher" das eine Wertung vornimmt über eine Erscheinung, die ich als Leser noch gar nicht "gesehen" habe. Wenn du dieses Wort benutzt, dann ganz am Ende, nachdem du mir die Frau geschildert hast, mit allem, was vom Stil her zusammenpasst, angefangen von den Ohrringen, bis zur Farbe der Stilettos. Dann müsste bei mir als Leser die Lampe angehen: da legt jemand Wert auf Stil. Dann hättest du mich auch mitgenommen, so bleibt das "stilsicher" dagegen eine reine Behauptung.

Sätze wie diese machten mir den Lesefluss schwer. Auch weil "jene Tür" nicht wichtig ist, wenn ich doch wissen will, wie die Frau denn nun aussieht.


3) Ist Christians Wut erkennbar, gut dargestellt? Ist erkennbar, dass Uli Schweineglück hat durch seine Art, wie er ist und lebt und das Leben genießt und die Frauen auf ihn fliegen und Christian ein Loser, wenn auch ein schöner?

Christians Wut ist erahnbar. Aber nicht als Wut. Eher als ein Grummeln. Ob Uli ein Schweineglück hat, weiß ich nicht. Er kommt mir nicht sehr glücklich vor. Eher wie jemand, der an seinem Leben vorbeigelebt hat und jetzt mit 50 noch einmal von jemand anderem träumt, dabei aber von der Ärztin nur als zukünftiger Patient angesehen wird, der ihr Ego streichelt. Von daher: wenn er "glücklich" hätte sein sollen, so ist das bei mir nicht angekommen.

Fazit:

Sprachlich (Häufung der Adjektive und der Vergleiche), wie auch vom Plot her ist in deiner Geschichte noch einiges Möglich. Mein Hauptmanko ist der mangelnde Plot. Für eine Kurzgeschichte passiert mir hier zu wenig. Ich hätte gern, dass Uli auf die Nase fällt und Christian bei Clara landet, dass Clara sich auf peinliche Weise an Uli ranwirft und dann ausfällig wird, während Christian sie tröstet, dass ...  kurzum: dass irgendetwas geschieht und dass Uli, als Protagonist, eine Entwicklung durchmacht. Z.B. dass er merkt, dass das Leben zu schade dafür ist, um immer nur vor ihm wegzurennen, dass äußere Schönheit nicht alles ist, und wahre Schönheit von innen kommt, dass ...

Ansonsten finde ich, dass die blumige Sprache durchaus zu der Art der Geschichte passt.

 ;) Paul




« Letzte Änderung: 12 November 2022, 13:03:37 von Paul »
"Es ist besser, einige der Fragen zu kennen, als alle Antworten." (James Thurber)

merin

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Re: Vergiss es! Das brauchst Du gar nicht erst versuchen
« Antwort #9 am: 12 November 2022, 13:15:18 »
Zitat
Hallo merin, Danke für Deine ehrliche Kritik. Ja, genau deshalb wollte ich zu euch. Jetzt, wo ich Deine Anmerkungen lese, sehe ich teilweise klarer. Und ich hab u hab die Geschichte immer wieder gelesen!  :-(. Soviel zu Eigenbild/ Fremdbild - Wahrnehmung.... Ich werde sie später überarbeiten, ich warte noch die anderen Kritiken ab.
Schade, dass das jetzt nicht so ein glücklicher Start für euch u für mich war, ich hatte überlegt, welche Geschichte ich nehme. Lieben Gruss Cecilie

Also wenn du die Kritik als hilfreich wahrnimmst, dann ist das ein super Start! Ungünstig ist immer, wenn jemand das Gefühl hat, da wird auf die Person statt auf den Text eingedroschen oder da bleibt nur Entmutigung übrig.

@Juni: Oh weh, das war das Vorgängerforum, oder? Tatsächlich hatten wir solche Regeln hier aber auch schon, dass Texte erstmal durch ein Korrektorat mussten, weil Leute wie ich sie sonst nicht rösten können.

Dass man den eigenen Text toll findet, dann auf den Rost legt, und dann mithilfe der Rückmeldungen plötzlich so viele Stellen naja also ähm ... nicht so pralle sind, das geht mir auch immer so. Und ich bin euch so dankbar dafür, dass ihr mir das mitteilt!

LG
merin
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht und was ich gern anders hätte.

Cecilie H

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Re: Vergiss es! Das brauchst Du gar nicht erst versuchen
« Antwort #10 am: 12 November 2022, 14:55:09 »
Danke. Ich werde mir all eure Hinweise zu Herzen nehmen, für mich prüfen und am Text arbeiten :-) LG Cecilie

Natascha

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Re: Vergiss es! Das brauchst Du gar nicht erst versuchen
« Antwort #11 am: 13 November 2022, 11:35:02 »
Hallo Cecilie,

nun hast Du ja schon ganz viele Rückmeldungen erhalten, an die ich nur kurz anknüpfe, um wenig zu wiederholen. Dazu kommen noch ein paar Ergänzungen.

Ich finde es schön, dass Du Dich mit den Figuren beschäftigst und sie uns näher bringen möchtest. Dabei erzählst Du uns jedoch so manches, was für die kurze Geschichte und die Handlung vielleicht nicht so relevant ist. Auch bleiben die Figuren in Klischees verhaftet (v.a. der Ladies‘ Man, der „Loser“, die Burschikose, die Femme fatale). Mancher Charakterisierungsversuch wirkt unmotiviert im Sinne eines unklaren oder fehlenden künstlerischen Motivs z.B. verwendet der Erzähler gerne Vergleiche zur Meeresfauna, doch es ist für mich nicht ersichtlich wie diese Eigenart den Rest der Erzählung unterstützt.

Deine Humoreinsprengsel würzen den Text, brauchen zum Teil jedoch, wie Deine Vergleiche, noch etwas Handarbeit. Bei dieser Art Text spielt der Humor eine entscheidende Rolle, denn Du gehst ja nicht in die Tiefe der Figuren und der existentiellen Bedeutung all dessen, was da geschieht. Das heißt: Wenn der Text nicht nur Banalitäten aneinander reihen soll, muss er zumindest richtig witzig sein. Auf einen dieser Vergleiche, der auch schon von Cimglett angesprochen wurde, möchte ich kurz eingehen:

Zitat
„Ist hier noch frei?“ Eine melodische Stimme beschallte mein Ohr, mir gegenüber war meine blonde Erscheinung wie eine Plötze an der Wasseroberfläche aufgetaucht.

Der Vergleich widerspricht den bisherigen Beschreibungen, die eine attraktive Frau erwarten lassen. Eine Plötze ist ja ein Fisch, der relativ normal aussieht und nicht besonders schön. Außerdem erinnert das Wort Plötze lautsprachlich an andere Worte, die wenig anmutige Assoziationen wecken wie Klötze, Götze, Pfütze oder Hetze.


Die Episode bietet einiges an Konfliktmöglichkeiten, doch eine spannende Auseinandersetzung fehlt. Es wird auch keine Fallhöhe erkennbar. Wo geht es wirklich um was? Falls Du Genre schreiben möchtest, brauchst Du solche Elemente. Demzufolge fehlen auch eine überzeugende Prämisse und ein mitreißender Spannungsbogen. Es bleibt auf der Ebene einer Anekdote.

Die Abfolge in der Darstellung von Elementen der Geschichte unterstützt die Lesenden in ihrem Wunsch sich zu orientieren, interessieren und zu verstehen wenig. Im ersten Absatz wird z.B. eine Erscheinung erwähnt, die das Interesse der zwei im Gegensatz liegenden ersten Figuren weckt, doch dann wird über viele Absätze gar nicht mehr darauf eingegangen.

Das Abfolge-Problem findet sich bis hinab auf die Satzebene:

Zitat
Als die Liebe erlosch, mochte ich auch die Würzburger Residenz im schönsten süddeutschen Barock nicht mehr ablichten

An der Stelle verstehe ich noch nicht, warum es ausgerechnet ums Ablichten geht, weil ich erst am Ende des Satzes erfahre, dass der Erzähler Fotograf ist.

Zitat
Ich war neugierig und fantasievoll, typisch Fotograf, hätte Clara gesagt.

In den vorausgehenden Sätzen geht es um Claras Aussehen. Dann dieser Satz. An der Stelle verstehe ich noch nicht, warum der Erzähler auf einmal ausgerechnet diese zwei seiner Eigenschaften erwähnt, was sich erst im nächsten Satz aufklärt.


Manche Darlegung habe ich nicht verstanden:

Zitat
„Na, Uli, wir sind alle älter geworden, was?“, schmeichelte sie mir. Für Clara kam mir kein Kompliment über die Lippen.

Der Erzähler wertet Claras Begrüßung offenbar als Kompliment, was ich erklärungsbedürftig finde, denn wenn jemand meint, feststellen zu müssen, dass man gealtert ist, denken die meisten Menschen nicht an schmeichelhafte Anhaltspunkte, auf denen eine solche Feststellung beruhen könnte.

Zitat
Sie sprach, jonglierte medizinisch geschickt mit verständlichen Begriffen

Was ist medizinisch geschicktes jonglieren mit verständlichen Begriffen? Wie kann man mit verständlichen Begriffen medizinisch geschickt jonglieren?


Dies habe ich erst beim zweiten Lesen verstanden:

Zitat
Wir waren zu Claras Geburtstagsfeier eingeladen worden. Christian, ihr ehemaliger langjähriger Kollege und ich, Claras kurzzeitiger Chef, wir drei

Das „wir drei“ bezieht sich auf die zuvor Erwähnten, doch dort taucht Clara nicht auf. Es wirkt, als wären Christian und der ehemalige langjährige Kollege zwei verschiedene Personen.


Auch wenn das Korrektorat bei der Texterstellung erst zum Schluss kommen sollte, wäre es sicher schön und auch sinnvoll, wenn alle hier eingestellten Texte zuvor ein Korrektorat durchlaufen würden. Wenn viele Fehler auftreten, ist es ja sonst wirklich ein sehr roher Entwurf. So einen Text kann man nicht so rasch rösten, weil man ständig über die Fehler stolpert. Und wir haben ja alle wenig Zeit zur Verfügung. Aus diesem Grund kann man solche Texte dann im Erbsenbereich nicht detailliert kommentieren. Es sind einfach zu viele Erbsen. Allerdings können wir in unseren Texten nicht alle Rechtschreibfehler allein finden. Sinnvoll wäre es vielleicht, wenn wir vor dem Einstellen zumindest diejenigen Fehler ausmerzen würden, die uns ein vernünftiges Textverarbeitungsprogramm anzeigt, auch wenn nicht alle Hinweise valide sind und das nur ein Bruchteil dessen berührt, worum es sprachlich geht.

Stilistisch kann uns momentan im deutschen Sprachraum leider kein Programm wirklich helfen. Auch Papyrus nicht. Dieses Programm kann zwar auf Verdacht Hinweise geben, doch meiner Erfahrung nach sind die Heuristiken viel zu grob, das „Textverständnis“ viel zu schlicht und die allermeisten Hinweise für die Katz.


Auch ich möchte Dich ermutigen trotz all dieser Kritik weiter zu machen. Es geht ja viel um Handwerk und Übung. Klavierspielen lernt man auch nicht einfach so. Aber irgendwann kann man’s einigermaßen. :cheese:

Natascha
Der edelste Gebieter des Textröstens ist der Respekt gegenüber denen, die lesen, denn sie investieren Lebenszeit und Geld. Beides ist knapp.

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Re: Vergiss es! Das brauchst Du gar nicht erst versuchen
« Antwort #12 am: 13 November 2022, 11:52:07 »
Wow Natascha, du hast hier nebenbei ein Thema angerissen, das mich brennend interessiert:

Zitat
Stilistisch kann uns momentan im deutschen Sprachraum leider kein Programm wirklich helfen. Auch Papyrus nicht. Dieses Programm kann zwar auf Verdacht Hinweise geben, doch meiner Erfahrung nach sind die Heuristiken viel zu grob, das „Textverständnis“ viel zu schlicht und die allermeisten Hinweise für die Katz.

Dein Einverständnis vorausgesetzt, lagere ich das mal in einen extra Thread aus und hoffe dort auf regen Besuch.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht und was ich gern anders hätte.

merin

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Re: Vergiss es! Das brauchst Du gar nicht erst versuchen
« Antwort #13 am: 17 March 2023, 20:55:34 »
Hier ist es ja schon lange still. Daher:  :closed:
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht und was ich gern anders hätte.