30 November 2020, 03:09:38

Autor Thema: Was dürfen Autoren?  (Gelesen 6517 mal)

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Sirius

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Re: Was dürfen Autoren?
« Antwort #15 am: 15 Januar 2014, 14:55:45 »
Es macht heutzutage oft den Eindruck, als ob Autoren sich dazu berufen fühlen, nicht nur Misstände aufzuzeigen, sondern sie auch noch bis in die letzte dunkle Tiefe aufzudecken - beinahe so wie Endzeit-Visionen. Doch da liegt meiner Meinung nach die Gefahr, alles Helle im Leben auszulöschen.
Es ist doch bekannt, dass über irgendeine Thema nichts mehr gelesen wird - nicht mehr darüber nachgedacht wird - wenn zu oft darüber geschrieben oder geredet wird.
Warum werden nicht - oder nur sehr selten - Bücher geschrieben, in denen Brisantes zwar nicht schön geredet wird, aber dennoch den Lesern ein positive Ausweg aus dem Bösen und Hässlichen gezeigt wird?
Oder sind die Menschen schon so abgestumpft, dass sie diese sanften Hinweise nicht mehr bemerken und die Autoren mit der "Keule" arbeiten müssen, um Aufmerksamkeit zu bekommen?

Skirnir

  • Gast
Re: Was dürfen Autoren?
« Antwort #16 am: 15 Januar 2014, 15:16:51 »
Es macht heutzutage oft den Eindruck, als ob Autoren sich dazu berufen fühlen, nicht nur Misstände aufzuzeigen, sondern sie auch noch bis in die letzte dunkle Tiefe aufzudecken - beinahe so wie Endzeit-Visionen. Doch da liegt meiner Meinung nach die Gefahr, alles Helle im Leben auszulöschen.
Dass dir Endzeitszenarien nicht liegen, ist dein gutes Recht. Aber was hat das damit zu tun, was ein Autor darf?

Mero

  • Gast
Re: Was dürfen Autoren?
« Antwort #17 am: 15 Januar 2014, 15:20:39 »
Zitat
Natürlich würde ich nicht beliebig alles, was Grenzen überschreitet, gut heißen.

wo sind diese Grenzen?
Werden sie auch außer durch gesetzliche Verbote durch irgendwelche allgemeinen Regeln festgesetzt?
Oder werden sie durch jeden einzelnen Autor individuell festgelegt - er bewegt sich dann innerhalb dieser Grenzen oder auch nicht?

Natürlich muss das erst einmal jeder Autor für sich selbst entscheiden. Ich glaube schon, dass es auch allgemeine Regeln gibt, was man nicht schreiben sollte, diese werden aber immer wieder überschritten und genau da fängt es an interessant zu werden. Ich denke, das, was heute gesetzlich verboten ist, hat einen guten Grund, aber sicherlich kann man auch in dem Bereich Beispiele finden, wo die Grenze zur Kunst verschwimmen.

Spontan fallen mir die Bereiche Sex, Gewaltverherrlichung und unangebrachter Humor ein. Darf man sich über sterbende Kinder lustig machen? Darf man Töten als Akt der Kunst beschreiben (ohne weitere moralische Reflektion). Darf man zur Gewalt als mögliche Option in einer Gesellschaft darstellen? Hm, ich glaube, beim Sex sind schon so manche Tabus inzwischen gebrochen wurden, aber zB wäre sicher ein Roman sehr heiß diskutiert, in dem der Prota nur als ein beiläufiger Nebenstrang pädophile Neigungen zeigen oder ausleben würde. Wo also weder thematisiert noch reflektiert wird über die weiteren Implikationen.

Gehört sowas vebroten, auf den Index oder zeigt es bloß eine menschliche Facette, die gerade durch diese ungewohnte Präsentation zum Nachdenken anregt? Wie gesagt, ist für mich dabei nebensächlich, was der Autor bezwecken wollte, sondern zunächst mal nur interessant, was der Text bei mir persönlich auslöst. Das heißt allerdings nicht, dass ich Lust hätte, die oben genannten Beispiele wirklich zu lesen. Vielleicht aber auch doch, das käme auf sehr viele Faktoren an.

Ich persönlich würde in sehr viel engeren Grenzen schreiben als ich lese. Als Leser möchte ich herausgefordert werden. Das liegt aber auch daran, dass ich mir nicht zutraue angemessen mit einem provokanten Thema umzugehen.

tintenfalke

  • Gast
Re: Was dürfen Autoren?
« Antwort #18 am: 15 Januar 2014, 15:25:38 »
Zitat
Jemand, der die Worte beherrscht, hat eine Waffe und kann sie beliebig einsetzen.
Wie sollen oder müssen Autoren mit ihren Wortwaffen umgehen?

So wie ich mir in Geschichten Gedanken darüber mache, wie Figuren innerhalb der Geschichte auf Worte, also Szenen oder Dialoge, reagieren, überlege ich auch, wie Leser darauf reagieren. Im Extremfall muss ich die Gesetze beachten, manchmal aber "nur" die Grenzen des guten Geschmacks - oder ich breche sie, weil Kunst Narrenfreiheit genießt, aber nie aus Selbstzweck, sondern, weil dieser Bruch eine Funktion hat wie Leser zum Nachdenken anzuregen.

Zitat
Wie weit dürfen sie damit gehen?

Wenn man eine gute Berufshaftpflicht hat, bis vor den Kadi :)

Zitat
Was sollten sie vermeiden?

Erst einmal nichts. Selbstauferlegte Grenzen sind der Tod jeder Kreativität.

Parzifal

  • Gast
Re: Was dürfen Autoren?
« Antwort #19 am: 15 Januar 2014, 15:27:34 »
Zitat
Es macht heutzutage oft den Eindruck, als ob Autoren sich dazu berufen fühlen, nicht nur Misstände aufzuzeigen, sondern sie auch noch bis in die letzte dunkle Tiefe aufzudecken - beinahe so wie Endzeit-Visionen. Doch da liegt meiner Meinung nach die Gefahr, alles Helle im Leben auszulöschen.

Bemerkenswerter letzter Satz.  ;)
Dem könnte man entgegen halten: Ohne die Dunkelheit zu kennen wüsste man gar nicht, was hell ist.

Was hast du vor? Alle Autoren auf Einhaltung bestimmter Grenzen einschwören? Und wer soll die stecken? Die Moralapostel, die Politiker, der Papst? Vielleicht verstehst du auf die Art, wie absurd mir das vorkommt. Es wäre wie: Wir schaffen die Nacht ab und haben dann 24 Stunden Tag.  ;)
« Letzte Änderung: 15 Januar 2014, 15:29:45 von Parzifal »

Mero

  • Gast
Re: Was dürfen Autoren?
« Antwort #20 am: 15 Januar 2014, 15:59:43 »
Warum werden nicht - oder nur sehr selten - Bücher geschrieben, in denen Brisantes zwar nicht schön geredet wird, aber dennoch den Lesern ein positive Ausweg aus dem Bösen und Hässlichen gezeigt wird?
Oder sind die Menschen schon so abgestumpft, dass sie diese sanften Hinweise nicht mehr bemerken und die Autoren mit der "Keule" arbeiten müssen, um Aufmerksamkeit zu bekommen?

Ich halte mal dagegen, dass es dem Leser dadurch sehr einfach gemacht hat, sich 'dem Guten' zu identifizieren. Vieles, was heute als normal angesehen wurde, war früher tabu oder verboten. Erst wenn man mal gezwungfen ist, die Perspektive wirklich zu wechseln oder echte oder vermeintliche dunkle Seiten an sich, am Menschen allgemein wirklich wahrzunehmen, erreicht man eine neue Stufe. Das bedeutet ja nicht, dass alles 'Dunkle' sichschließlich als in Ordnung entpuppen muss. Aber solange man als Leser Distanz aus der Sicht dessen, der gut ist, oder der schließlich geheilt, rehabilitiert wird, einzunehmen - ich finde einfach, da fehlt eine Dimension, die das Schreiben bietet.

Und in meiner Wahrnehmung werden viel zu viele Bücher geschrieben, die an der Oberfläche bleiben, illusorisch einfache Auswege anbieten ect. Nicht böse gemeint.  :kaffee2:

Fabian

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Re: Was dürfen Autoren?
« Antwort #21 am: 15 Januar 2014, 16:08:51 »
wo sind diese Grenzen?
Werden sie auch außer durch gesetzliche Verbote durch irgendwelche allgemeinen Regeln festgesetzt?
Oder werden sie durch jeden einzelnen Autor individuell festgelegt - er bewegt sich dann innerhalb dieser Grenzen oder auch nicht?
Hier werden Sie geholfen: Tante Google WIKIPEDIA zu Meinungsfreiheit

felis, du verzeihst, aber wenn schon Schleichwerbung, dann für die Richtigen...

Ansonsten haben wir ja glücklicherweise auch noch die Garantie der Kunstfreiheit im Geltungsbereich des Grundgesetzes.

In dem Artikel werden drei wichtige Entscheidungen erwähnt: die "Mephisto-Entscheidung" (Kunstfreiheit vs Persönlichkeitsrecht),  die Entscheidung zum "Anachronistischen Zug der Freiheit" (allein schon wegen des Brecht-Zitats lohnt sich ein kurzer Blick auf diesen Text, finde ich...) und das "Mutzenbacher-Urteil" (auch Pornografie kann Kunst sein).

"Weil niemand mehr Leonardo ist, können alle Leonardo werden ...
das Phantasma der Auserwähltheit Einzelner macht dem Phantasma der Selbstwahl aller Platz"

 (Jörg Scheller in der ZEIT, Nr 2/2019, S. 43)

Viskey

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Re: Was dürfen Autoren?
« Antwort #22 am: 15 Januar 2014, 19:21:53 »
Ich komme dann mal ganz an den Anfang zurück. - Weil ich die entstandene Diskussion zum größten Teil verwirrend finde, und nicht sicher bin, wo und wie die eigentlich mit dem Thema zu tun hat. :dontknow:


Zitat
Wie sollen oder müssen Autoren mit ihren Wortwaffen umgehen?

Umsichtig. Überlegt. Reflektiert.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Autoren, von denen wir hier sprechen, ihre Worte tatsächlich beherrschen, dann ist das für sie kein Problem, dann können sie das.

Worte haben Wirkungen. Welche, ist aber oft unabsehbar.

Autoren müssen sich bewusst sein, dass ihre Worte etwas bewirken können. Sie müssen sich auch bewusst sein, dass das nicht unbedingt die Wirkungen sein werden, die sie gerne hätten. Und dass nicht unbedingt die Worte etwas im Leser auslösen, die die Autoren selbst für besonders wirkungsvoll halten. Oft bringen nebensächlich, als "Füllmaterial" geschriebene Dinge bei einem Leser eine Saite zum schwingen.



Zitat
Wie weit dürfen sie damit gehen?

So weit sie es für richtig halten und verantworten können. Niemand kann es allen Recht machen. Irgendwer wird immer meckern, irgendwer wird immer etwas verstehen, das so nie gemeint war. Davon darf man sich nicht abhalten lassen. Ich bin mir nicht sicher, ob das die "Grenzen" sind, von denen hier so viel gesprochen wurde. (?)



Zitat
Was sollten sie vermeiden?

Das Gegenteil von allem, was ich oben geschrieben habe. :devgrin:


Viskey
"There is no such thing as bad work, just unfinished work." - Eric Idle

Sirius

  • Gast
Re: Was dürfen Autoren?
« Antwort #23 am: 16 Januar 2014, 09:38:13 »
@ Viskey,

prima, dass du wieder an den Anfang zu den Fragestellungen zurück gekehrt bist.
Irgendwie ist das Thema während der Diskussion aus dem Ruder gelaufen.
Mit deinen Kommentaren hast du es auf den Punkt gebracht.
Genauso sollte ein Autor mit seinen beherrschten Wortwaffen umgehen - umsichtig und behutsam.

Tschüss
Sirius