13 April 2021, 21:00:08

Autor Thema: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 2: Waldzell  (Gelesen 3191 mal)

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Viskey

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VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 2: Waldzell
« am: 04 Februar 2014, 21:20:02 »
Josef Knecht geht nach Waldzell in die Schule, so wie er sich's gewünscht hat. Das Glasperlenspiel, das hier kultiviert wird, spielt da erst mal keine Rolle. Knecht will sich einfach nur der Musik hingeben und bis in die kleinsten Spitzen erkunden und erleben.

Und damit stößt er schon bald auf Schwierigkeiten. Der Direktor stößt sich daran, dass Josef, sein Recht gebrauchend, außer für Musik für nichts Interesse zu haben scheint. Die ersten Sprünge im Lack der schönen Welt tauchen auf. Auch hier gibt es Gruppenzwang; man hat das zu tun, was alle anderen auch tun. Egal, welche Rechte und Freiheiten man theoretisch hat. - Josef werden zwar keine Verbote auferlegt, aber es kommt eine erste Verstimmung auf.

Und dann noch eine Überraschung für mich: Die Weltordnung, die ich bisher als sehr strikt klar definiert empfunden habe, hat eine Grauzone, die Hospitanten. Sie genießen die Vorteile der Elite-Ausbildung und dann die Vorteile der "normalen Welt".
Und Plinio, der Hospitant, fährt dann gleich mal kräftige Geschütze bei der Gesellschaftskritik auf. Die Lebensweise des Ordens - und damit seine Werte - wären realitätsfremd und von daher nichts wert. - Interessanterweise so ziemlich die Gedanken, die ich beim letzten Kapitel auch hatte. :devgrin:

Wenn der Name Plinio irgendwie eine Anspielung auf etwas sein soll ... hab ich sie nicht verstanden. Sonst wer? Ich habe nämlich das Gefühl, dass da eine Bedeutung dahintersteckt.


Überraschend daran finde ich allerdings vor allem Josefs Reaktion: Dem "natürlichen" Gefühl nach möchte er zustimmen, der Erziehung nach jedoch nicht. Und tja, es überrascht mich wiederum nicht, dass er sich Instruktionen holt, wie er damit nun am besten umgehen soll. Er gibt also der Erziehung den Vorzug. Alles andere hätte ich ihm auch nicht geglaubt. Zu sehr schon hat er sich in diese Welt eingelebt und an ihr orientiert.

Trotzdem, bei dem Satz "Es war ihm erlaubt, Designioris Freundschaft anzunehmen..." rieselte es mir eiskalt den Rücken runter, und ich bekam echt Angst um den armen Josef. Was wird der hier gegängelt und manipuliert. Mit dem Auftrag, Kastalien gegen Plinios Reden zu verteidigen, steht er doch vor der Wahl: Entweder ergibt er sich voll und ganz dieser Lebensweise, oder er öffnet dem Scheitern Tür und Tor.

Dass am Ende beide voneinander lernen und sich ein stückweit nicht nur einander, sondern auch der jeweiligen Ideologie annähern, gefällt mir. Die zwei scheinen nicht nur miteinander, sondern auch jeder für sich allein, die Versöhnung der zwei Welten zu realisieren, deren Fehlen sie beklagen.


Und da auf den letzten Absätzen wieder das Glasperlenspiel voll in den Fokus rutscht, hoffe ich, dass es im nächsten Kapitel darum geht, und ich endlich erfahre, wie dieses Spiel funktioniert ...  :deveek:



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Parzifal

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 2: Waldzell
« Antwort #1 am: 04 Februar 2014, 23:04:57 »
Zitat
Trotzdem, bei dem Satz "Es war ihm erlaubt, Designioris Freundschaft anzunehmen..." rieselte es mir eiskalt den Rücken runter, und ich bekam echt Angst um den armen Josef. Was wird der hier gegängelt und manipuliert.

Josef Knecht unterwirft sich den Anweisungen der Lehrer und Zuchtmeister, weil er weiß, dass sie ihn auf dem rechten Weg halten, damit er sein Ziel erreicht. Das kann man mMn nicht mit den normalen Lebensumständen eines Menschen (draußen in der Welt) vergleichen. Das ist eine Sonderstellung, zu der nur wenige berufen sind und es gehört dazu, dass man sich den Regeln unterwirft. Wenn man aus diesem Holz nicht geschnitzt ist, hat man keine Chance, diesen Weg zu beschreiten.  ;)

Zitat
Mit dem Auftrag, Kastalien gegen Plinios Reden zu verteidigen, steht er doch vor der Wahl: Entweder ergibt er sich voll und ganz dieser Lebensweise, oder er öffnet dem Scheitern Tür und Tor.

Genau - und er schwankt ja auch einen Moment (was völlig normal ist) Sein Freund Plinio wird zum Prüfstein für ihn, ob er das Rechte tut oder sich besser davon abwendet und zurück in die Welt geht. Draußen ist aber niemand für ihn, das kommt für Knecht erschwerend dazu.

Viskey

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 2: Waldzell
« Antwort #2 am: 05 Februar 2014, 11:27:59 »
Zitat
Trotzdem, bei dem Satz "Es war ihm erlaubt, Designioris Freundschaft anzunehmen..." rieselte es mir eiskalt den Rücken runter, und ich bekam echt Angst um den armen Josef. Was wird der hier gegängelt und manipuliert.

Josef Knecht unterwirft sich den Anweisungen der Lehrer und Zuchtmeister, weil er weiß, dass sie ihn auf dem rechten Weg halten, damit er sein Ziel erreicht. Das kann man mMn nicht mit den normalen Lebensumständen eines Menschen (draußen in der Welt) vergleichen.

:cheese:

Ja genau. Und eben das finde ich manipulativ, das heißt, das ganze System, ganz Kastalien. (Josef ist ja allerhöchstwahrscheinlich nicht der einzige, der hier manipuliert wird. Das gilt sicher für die meisten.) Und genau da liegt für mich das Thema der Geschichte bisher: Manipulation vs. Freiheit. Denn das muss schon jedem klar sein: In jeder Gesellschaft wird manipuliert und gegängelt. Es gibt nebst Gruppenzwang noch die gesellschaftlichen Konventionen und stillschweigenden Übereinkünfte... Das gehört zwingend zu einer Gesellschaft dazu, und wenn die einzige Regel wäre: Mach was du willst und hinter dir die Sintflut. ;)
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felis

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 2: Waldzell
« Antwort #3 am: 05 Februar 2014, 11:45:01 »
Womit wir den nächsten Akt der Heldenreise beschreiten.   ;)
Hier die Etappen
-Weigerung
-Mentor
-1. Schwelle (Schwellenhüter)

Zunächst "die Weigerung". Das ist natürlich Josefs eineitiges Musikstudium und seine Weigerung, das Glasperlenspiel zu studieren. Mentoren, die ihn auf den richtigen Weg brignen, tauchen hier gleich mehrere auf.
Natürlich wieder der Musikmeister, der in diesem Kapitel auch explizit als Mentor benannt wird. Der eingentlich dafür  zuständige Mentor: Zbinden, der Schulvorstand scheitert in seinem Bemühen, Josef auf den "richtigen" Weg zu bringen zunächst.
Erst die Auseinandersetzung mit dem Schwellenhüter bringt Josef dann dazu.
 Denn Plinio ist ein klassischer Schwellenhüter. Dessen Aufgabe ist es, dem Helden Knüppel zwischen die Beine zu werfen, Zweeifel zu säen, kurz: es ihm schwer zu machen, die Schwelle zu überschreiten.
eine interessante Pointe ist es, dass der schwellenhüter hier doppelbödig wirkt: zum einen säht er einen lebenslang anhaltenden Zweifel bei Josef. Zum anderen bringt er ihn jedoch gerde durch seine Angriffe dazu, den Gegenpart einzunehmen und sich zum vorbildlichen Kastalier zu entwickeln.

@Viskey: der Name Plinio ist natürlich symbolisch aufgeladen (wie alle Namen im Roman). Guckst du unter Plinius (dem Jüngern) Der ist am bekanntesten dafür dass er uns einen Augenzeugenbericht über den Vesuvausbruch 79 hinterlassen hat, bei dem Pompei vernichtet wurde.  ;)
Im Nachnamen steckt. m. E. der Wortstamm designare bzw. designiert, also dazu bestimmt sein, in diesem Fall etwas zu beobachten.  ;)



« Letzte Änderung: 05 Februar 2014, 11:48:24 von felis »

Viskey

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 2: Waldzell
« Antwort #4 am: 05 Februar 2014, 17:13:56 »
@Viskey: der Name Plinio ist natürlich symbolisch aufgeladen (wie alle Namen im Roman). Guckst du unter Plinius (dem Jüngern) Der ist am bekanntesten dafür dass er uns einen Augenzeugenbericht über den Vesuvausbruch 79 hinterlassen hat, bei dem Pompei vernichtet wurde.  ;)

Ich bin wohl zu dumm, denn ich kapier's immer noch nicht. - Außer Hesse vergleicht hier Kastalien mit Pompeij kurz vor dem Ausbruch ...?
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felis

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 2: Waldzell
« Antwort #5 am: 05 Februar 2014, 17:36:20 »
@Viskey ich will nicht spoilern...  ;)

Viskey

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 2: Waldzell
« Antwort #6 am: 05 Februar 2014, 18:22:55 »
Na dann les ich mal einfach weiter und hoffe, dass ich's noch schnalle. :cheese:
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merin

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 2: Waldzell
« Antwort #7 am: 11 März 2014, 08:22:53 »
Erstmal wieder meine Gedanken, ohne Eure zu lesen: Ich fand dieses Kapitel wiederleichter zu lesen, die Sprache wirkte auf mich lebendiger. Was mich irritiert hat ist, dass Freundschaften eingeführt werden, man aber doch kaum etwas über sie erfährt. Zentral scheint die Beziehung zum Hospitanten, die Knecht sehr belastet und man bekommt eine Ahnung davon, was ihn da so rüttelt - aber man kommt ihm wieder nicht nah, bleibt in seltsam entrückter Ferne. Mir geht es auch so, dass ich es gemein finde, wie der Musikmeister ihn unterstützt: Er gibt ihm einen mächtigen Rucksack, das System zu verteidigen und macht es damit für Knecht schwerer, seinen Weg zu finden und seine Zweifel selbst stehenzulassen oder auszuräumen.
Was auch komisch ist: Das Kapitel scheint eher "tell, don't show" als Motto zu haben - und funktioniert trotzdem. Ich fühle Knechts Verzweiflung nicht, ich erfahre davon. Und ich fühle auch seine musikalische Verzückung nicht - sondern bekomme sie mitgeteilt. Ich glaube, dadurch entsteht die große Ferne: weil ich nichts mitfühlen darf. und der Erzähler immer sehr präsent zwischen mir als Leserin und Knecht steht.

Was mich auch emotional beeindruckt hat, ist die Rigidität des Waldzeller Systems. Die jungen Männer bekommen ganz viel Input, aber sie dürfen keinerlei Verantwortung übernehmen und gar nicht schaffen oder schöpferisch tätig sein. Ich habe darüber nachgedacht, warum es dieses Kreativitätsverbot gibt. Mir erscheint es als unglaublich brutal - ebenso wie das Verbot, dass Knecht den Besuch beim Hospitanten abstattet. Warum wird das alles verboten?

Edit, nachdem ich Eure Gedanken gelesen habe: Mir geht es wie Viskey. Ich finde das System auch so rigide, dass es mir kalt den Rücken runterläuft. Und ich finde es perfide, wie Knecht dazu gebracht wird, innerhalb des Systems zu bleiben. Man ahnt seine immense Einsamkeit - die auch die angeblichen Freunde oder Meister nicht ansatzweise durchbrechen.

Die Analogien zur klassischen Heldenreise finde ich spannend. Und was es mit Plinio noch auf sich hat - ich bin gespannt.
« Letzte Änderung: 11 März 2014, 08:27:39 von merin »
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.