13 April 2021, 21:40:28

Autor Thema: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 1 Berufung  (Gelesen 5340 mal)

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felis

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VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 1 Berufung
« am: 20 Januar 2014, 18:33:32 »
Die Konstruktion der Geschichte als fiktive Biographie bringt es mit sich, dass aus der Pespektive des Biographen also eines allwissenden Erzählers berichtet wird.

Die Erzählung selbst entspricht hier dem Grundplot der klassischen „Heldenreise“ und Kennern des äußerst empfehlenswerten Schreibratgebers „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“ wird auch das typische dazugehörige Personal sofort ins Auge springen.  ;)
Da begegnet uns doch gleich im ersten Kapitel der „Mentor“ in Gestalt des Musikmeisters. (Der erste ernstzunehmende „Schellenhüter“ taucht leider erst im nächsten Kapitel auf).

Wie es sich für einen 1. Akt einer Heldenreise gehört, taucht Josef – unser Held - zunächst in der „gewohnten Welt“ der Regelschule auf und erhält dann den Ruf des Abenteuers, nämlich die Berufung an die Eliteschule, hier in der Form, dass es der Mentor ist, der ihm den Schubs zur Tür hinaus verpasst.

So weit, so klassisch. (Ich glaube, es könnte sich lohnen, die ganze Geschichte mal auf die Struktur der Heldenreise abzuklopfen.  :devgrin:)

Obwohl aufgrund des Vorworts längst bekannt ist, dass Josef natürlich Karriere im System macht, dieses Spannungselement also komplett wegfällt, schafft Hesse es trotzdem, mich für seinen Helden - oder vielleicht eher für sein Thema? - zu interessieren. Josefs Begeisterungsfähigkeit macht ihn für mich trotz leichter Gary-Stu-Haftigkeit zu einem Sympathieträger.

Hesse gelingt das Kunststück, mich sozusagen mit Josef zusammen in die Welt des Glasperlenspiels einzuführen. Das namensgebende Spiel hat hier (naturgemäß – wir erinnern uns – zunächst ist der Held in seiner gewohnten Umgebung einzuführen) noch keine Bedeutung.

Morwen

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 1 Berufung
« Antwort #1 am: 22 Januar 2014, 20:11:54 »
Hallo felis,

Kennern des äußerst empfehlenswerten Schreibratgebers „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“
Kannst du  - vielleicht in einem anderen, passenderen Thread - ein bisschen mehr dazu schreiben? Die Suche im Federfeuer habe ich schon bemüht, aber die Infos sind dort auch eher kurz. Mich würde z.B. interessieren, ob du es auch jemandem uneingeschränkt empfehlen würdest, der sicher keine Drehbücher schreiben will.
 
Zitat
Ich glaube, es könnte sich lohnen, die ganze Geschichte mal auf die Struktur der Heldenreise abzuklopfen.  :devgrin:)
Ja, bitte!

Zitat
Josefs Begeisterungsfähigkeit macht ihn für mich trotz leichter Gary-Stu-Haftigkeit zu einem Sympathieträger.
Mich hat Gary Stu auch deshalb weniger gestört als in anderen Romanen, weil die Einleitung eine Art Rahmen bildet und der Erzähler - nach meinem Eindruck - durchgängig im Text auffällig präsent ist. Da berichtet jemand, den ich als Mitglied eines "Ordens" wahrnehme (ob er das in der Einleitung explizit sagt, weiß ich nicht, aber bei mir entsteht der Eindruck) über eine Person, die für die Geschichte dieses Ordens außerordentlich wichtig war. Da erwarte ich keine Objektivität und kann einen gewissen Teil der Gary-Stu-Aspekte dem Enthusiasmus des Erzählers zuschreiben.



Parzifal

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 1 Berufung
« Antwort #2 am: 24 Januar 2014, 20:54:01 »
Hallo, werte Hesse-Gemeinde!

Ich finde den Teil in diesem Kapitel so anrührig, als der Musikmeister (Magister Musicae) in das Städchen Berolfingen kommt, um den Musikschüler Josef Knecht in Augenschein zu nehmen. Knecht denkt ja erst, es müsse ein Riesen-Trara geben bei dessen Ankunft; die Stadt sei dann beflaggt und geschmückt, wie er es schon bei anderen Gelegenheiten erlebt hatte. Aber nein, nichts dergleichen geschah. Alles war am Tag der Ankunft wie immer, der Lehrer trug nicht einmal einen besseren Rock. Und dann wurde Knecht gerufen und ein alter Mann stand vor ihm, der ihn ernst, zugleich aber auch heiter anblickte. Und er fragte ihn nicht nach Fingerübungen oder dergleichen, wie es ein gewöhnlicher Pauker getan hätte. Nein, er sagte: "Josef, lass uns zusammen etwas spielen."
Und der Meister stimmte ein Lied an, dass Knecht gut kannte und wohl schon oft zur eigenen Verlustierung oder mit anderen gespielt hatte. So wurde das Geprüftwerden und die in Augenscheinnahme eine vergnügliche Sache, die für beide viel Spaß brachte und nur ganz nebenbei eine Prüfung war.
Als Josef Knecht später durch das Städtchen lief, war alles feierlich gestimmt, beflaggt und geschmückt - nicht außen, in seinem Innern. Und er verstand, dass der Musikmeister mehr war, als ein großer Musiker, der ihn auf diese wohlgefällige Art begutachtet hatte. Er war der Bote, der ihn seine Berufung ahnen ließ.

LG, Parzifal   
« Letzte Änderung: 24 Januar 2014, 21:24:50 von Parzifal »

Viskey

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 1 Berufung
« Antwort #3 am: 28 Januar 2014, 19:25:36 »
Nachdem ich nun das 1. Kapitel gelesen habe ... bin ich so ratlos wie zuvor. :dontknow:


Ich bin mir nicht sicher, wer hier wem was vormacht.

Macht der Magister Musicae Josef Knecht was vor (oder schlimmer: sich selbst), wenn er über die Unfreiheit der freien Berufe redet. - Ist, sich der Lateinischen Aussprache im 12. Jahrhundert zu beschäftigen, wirklich Freiheit? Oder ist das nicht einfach nur ... ein Zeittotschlagen, weil man halt sonst nix mit seiner Zeit anzufangen weiß. (Oder sind das nur die, die allen Talenten zum Trotz, schlicht unbrauchbar sind?) Und wo ist die Freiheit, wenn man sich "immer an den Ort stellen und zu der Funktion bestimmen [lässt], welche die Oberen [...] wählen"? - Gut, der MM relativiert das gleich wieder, indem er sagt, dass die Oberen da wiederum nur auf die vorhandenen Talente reagieren. (Das würde irgendwie die Theorie mit den unbrauchbaren Zeitverschwendern stützen.)

Und wieso kann einer nicht volle Freiheit genießen, der von Kindesbeinen an nichts anderes wollte, als Klempner werden? Gut, auch das hat Hesse nicht allgemein für alle Nicht-Electi behauptet.

Trotzdem dieser ganze Teil scheint mir irgendwie faul ... Vor allem, weil das Kapitel ja mit den Worten des Meisters endet: "[...] wer höher steigt und größere Aufgaben bekommt, wird nicht freier, er wird nur immer verantwortlicher."

Da hat er mich schön im Regen stehen lassen, der gute Hesse. - Was zum Ge*er ist denn nun eigentlich Freiheit?!

:nudelholz:

Die Frage hätte er auch beantworten können, der gute Hermann, nicht nur so umfangreich in den Raum stellen... :devgrin:



Andererseits, nachdem mir der Josef am Anfang des Kapitels (als Kind) kaum nahe kam, und er auch irgendwie noch farblos blieb - er war halt der Aufhänger, um noch etwas mehr Welten- und Gesellschaftsbastelei zu betreiben - wurde ich mit Josef dem Teenager dann doch recht schnell recht warm. Er ist so richtig schön auf Sinnsuche, verzweifelt an sich und der Welt, weiß nicht, wohin zuerst und hat Weltschmerz. :devgrin: Man muss Pubertierende einfach lieben. :hehe:
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Parzifal

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 1 Berufung
« Antwort #4 am: 28 Januar 2014, 22:20:46 »
Hallo!

Zitat
Macht der Magister Musicae Josef Knecht was vor (oder schlimmer: sich selbst), wenn er über die Unfreiheit der freien Berufe redet. - Ist, sich der Lateinischen Aussprache im 12. Jahrhundert zu beschäftigen, wirklich Freiheit? Oder ist das nicht einfach nur ... ein Zeittotschlagen, weil man halt sonst nix mit seiner Zeit anzufangen weiß. (Oder sind das nur die, die allen Talenten zum Trotz, schlicht unbrauchbar sind?) Und wo ist die Freiheit, wenn man sich "immer an den Ort stellen und zu der Funktion bestimmen [lässt], welche die Oberen [...] wählen"? - Gut, der MM relativiert das gleich wieder, indem er sagt, dass die Oberen da wiederum nur auf die vorhandenen Talente reagieren. (Das würde irgendwie die Theorie mit den unbrauchbaren Zeitverschwendern stützen.)

Hesse will damit sagen, dass die sogenannten "freien Berufe" keine Berufe im Sinne von Berufung sind. Sie sind Arbeit, Sklavenarbeit, das nur dem Zweck dient, Geld zu verdienen und den Unterhalt zu bestreiten. Die Mönche der Eliteschule können ihre Berufe als tatsächliche Berufung begreifen und leben; sie müssen keinem Zweck dienen. Wenn einer sich mit der lateinischen Aussprache im 12. Jahrhundert beschäftigen will, dann hat er die Freiheit, das zu tun.  ;)

Zitat
Und wieso kann einer nicht volle Freiheit genießen, der von Kindesbeinen an nichts anderes wollte, als Klempner werden? Gut, auch das hat Hesse nicht allgemein für alle Nicht-Electi behauptet.

Die Vorstellung von diesem Beruf ist ja vielleicht noch schön und man kann ja auch tatsächlich frei auswählen, was man werden möchte. Aber damit ist es mit der Freiheit auch schon vorbei.

Zitat
Trotzdem dieser ganze Teil scheint mir irgendwie faul ... Vor allem, weil das Kapitel ja mit den Worten des Meisters endet: "[...] wer höher steigt und größere Aufgaben bekommt, wird nicht freier, er wird nur immer verantwortlicher."

Richtige verstandene Freiheit ist Verantwortlichkeit, das will Hesse uns damit sagen. Es gibt natürlich welche, die meinen, dass Freiheit bedeutet, alles tun zu können (sozusagen ohne Rücksicht auf Verluste) Aber die sind auf dem Holzweg.  ;)

Zitat
Andererseits, nachdem mir der Josef am Anfang des Kapitels (als Kind) kaum nahe kam, und er auch irgendwie noch farblos blieb - er war halt der Aufhänger, um noch etwas mehr Welten- und Gesellschaftsbastelei zu betreiben - wurde ich mit Josef dem Teenager dann doch recht schnell recht warm. Er ist so richtig schön auf Sinnsuche, verzweifelt an sich und der Welt, weiß nicht, wohin zuerst und hat Weltschmerz. :devgrin: Man muss Pubertierende einfach lieben. :hehe:

Ich glaube nicht, dass die Sinnsuche vorübergehende Anwandlungen eines Pubertierenden sind. Knecht ist ein außergewöhnlicher Mensch und hat es aufgrund seiner Fähigkeiten und menschlichen Eigenschaften geschafft, zu einer Elite aufzuschließen. Und nicht nur das, es wird ja im Vorwort schon gesagt, er schafft es bis an die Spitze, bis zum Magister. Wäre nicht sein Leben von Anfang an eine Sinnsuche und Selbstfindung gewesen, wäre ihm dieser Weg nicht möglich gewesen (das will uns Hesse auch sagen) Das wird später noch wesentlich klarer, als ein anderer Schüler (mit dem sich Knecht anfreundet) in diese Einrichtung kommt, diesen Weg aber nicht auf Dauer beschreiten kann. Hesses Romane befassen sich im Übrigen alle mit dem gleichen Grund-Thema: Suche und Selbstfindung - zumindest die sechszehn, die ich bisher gelesen habe.  ;)

LG, Parzifal
« Letzte Änderung: 28 Januar 2014, 22:28:31 von Parzifal »

Morwen

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 1 Berufung
« Antwort #5 am: 28 Januar 2014, 22:36:05 »
Richtige verstandene Freiheit ist Verantwortlichkeit, das will er uns damit sagen. Es gibt natürlich welche, die meinen, dass Freiheit bedeutet, alles tun zu können (sozusagen ohne Rücksicht auf Verluste) Aber die sind auf dem Holzweg.  ;)
Und dieser Verantwortung wird man gerecht, indem man im Elfenbeinturm mit Glaskügelchen spielt, keine Kinder in die Welt setzt und weitere Glaskügelchenspieler ausbildet?

Ich hoffe ja immer noch, dass irgendwo mal klar wird, dass Hesse dieses Kastalien ebenso wenig erstrebenswert findet wie die "Welt draußen".  Ansätze dazu habe ich - in den Kapiteln die ich bisher gelesen habe - eigentlich immer wieder gefunden. Und eben dieser Widerspruch bezüglich der Freiheit gehört für mich auch zu den Indizien, dass man (?) von dieser Art Erziehung doch nicht ernsthaft allzu begeistert sein kann.

Viskey

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 1 Berufung
« Antwort #6 am: 28 Januar 2014, 22:37:23 »
n'Abend!

Die Vorstellung von diesem Beruf ist ja vielleicht noch schön und man kann ja auch tatsächlich frei auswählen, was man werden möchte. Aber damit ist es mit der Freiheit auch schon vorbei.

Ja schon ... Aber wozu braucht man die Freiheit, sich für einen Beruf zu entscheiden, wenn man sich schon längst für den entschieden hat, den man will? Wenn der gewählte "freie" Beruf tatsächlich auch Berufung ist? Da scheint mir der Hund begraben.

Aber eben - was ist Freiheit? Daran hat sich bisher noch jeder Philosoph die Zähne ausgebissen ...



Zitat
Ich glaube nicht, dass die Sinnsuche vorübergehende Anwandlungen eines Pubertierenden sind.

Hab ich auch nicht behauptet. ;)

Trotzdem ist diese Weltschmerz-Einstellung, wie ich es jetzt mal nenne, ein Merkmal der Pubertät: Man ordnet sich das Leben neu. Was ja Sinn macht, man wandelt sich vom Kind zum Erwachsenen. Und dass auch Josef Knecht diesem "Mechanismus" des Lebens unterworfen ist, bringt ihn mir erstmals in der Geschichte auch als Mensch näher. Und das fand ich schön.
« Letzte Änderung: 28 Januar 2014, 22:39:04 von Viskey »
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Parzifal

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 1 Berufung
« Antwort #7 am: 28 Januar 2014, 22:48:51 »
Hallo Viskey!

Zitat
Die Vorstellung von diesem Beruf ist ja vielleicht noch schön und man kann ja auch tatsächlich frei auswählen, was man werden möchte. Aber damit ist es mit der Freiheit auch schon vorbei.
Ja schon ...
Zitat
Aber wozu braucht man die Freiheit, sich für einen Beruf zu entscheiden, wenn man sich schon längst für den entschieden hat, den man will? Wenn der gewählte "freie" Beruf tatsächlich auch Berufung ist?
Da scheint mir der Hund begraben.

Er ist aber keine Berufung, sondern ein Mittel Geld zu verdienen und den Unterhalt zu bestreiten. Mit anderen Worten: Man hat zu tun, was einem der Arbeitgeber diktiert - ansonsten landet man im sozialen Abseits. Die Sache wird im Roman noch viel klarer werden, wenn der Antipode von Knecht auftaucht, der durch und durch ein weltlicher Mensch ist, es aber erst erkennen muss.

Zitat
Aber eben - was ist Freiheit? Daran hat sich bisher noch jeder Philosoph die Zähne ausgebissen ...

Und Hesse gibt seinen Senf dazu, indem er sagt, dass Freiheit mit einem Gutteil Verantwortung einher gehen muss. Ein Beispiel wäre der Mensch und der Planet Erde. Der Mensch ist das höchste Geschöpf und hat alle Freiheit. Nur an der Verantwortung fehlt es ihm - deshalt hat er die Sache so verstanden, dass er tun kann, was er will (ohne Rücksicht auf Pflanzen, Tiere, sich selbst und die Umwelt) Das Ergebnis muss ich vermutlich nicht näher erläutern. ;)

Zitat
Ich glaube nicht, dass die Sinnsuche vorübergehende Anwandlungen eines Pubertierenden sind.
Hab ich auch nicht behauptet. ;) Trotzdem ist diese Weltschmerz-Einstellung, wie ich es jetzt mal nenne, ein Merkmal der Pubertät: Man ordnet sich das Leben neu. Was ja Sinn macht, man wandelt sich vom Kind zum Erwachsenen. Und dass auch Josef Knecht diesem "Mechanismus" des Lebens unterworfen ist, bringt ihn mir erstmals in der Geschichte auch als Mensch näher. Und das fand ich schön.

Es gibt ja noch viele Kapitel, in denen Hesse uns Knecht nahe bringen wird.  ;)
« Letzte Änderung: 28 Januar 2014, 22:56:09 von Parzifal »

Viskey

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 1 Berufung
« Antwort #8 am: 28 Januar 2014, 23:25:14 »
Auch noch mal Hallo! :cheer:

Zitat
Er ist aber keine Berufung, sondern ein Mittel Geld zu verdienen und den Unterhalt zu bestreiten.
Sagt wer? Der Musikmeister.  Aber nur weil der das sagt, nehme ich das noch lange nicht für bare Münze.

Ich kenne zB eine Frau, deren großes berufliches Ziel war es, Fabriksarbeiterin zu werden. Damit ist nun wirklich kein großes Geld zu machen Aber das ist es, was sie immer schon machen wollte, und was sie jetzt macht, und sie ist glücklich und zufrieden damit.
Klar verdient sie damit auch Geld. Klar bestreitet sie damit auch ihren Lebensunterhalt.

Aber auch die Mitglieder im Orden verdienen sich ihren Lebensunterhalt. Ihren Unterhalt bekommen sie nicht einfach so geschenkt, weil halt der Orden so lieb ist zu den auserwählten Talenten.
Die Ordensmitglieder bezahlen das mit dem Verzicht auf Ehe und Familie.


Und, als Nachgedanke: Die meisten Ordensmitglieder beschäftigen sich (dem 1. Kapitel nach zu schließen) auch ihr ganzes Leben lang mit einer Aufgabe. Wieso ist also ihre Berufswahl so viel "freier" als die anderer Menschen?




Mann, Hermann, da haste was geschrieben! :devgrin:

Viskey
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Parzifal

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 1 Berufung
« Antwort #9 am: 28 Januar 2014, 23:53:36 »
Zitat
Mann, Hermann, da haste was geschrieben!

Kein guter Satz, wenn du mich fragst. Hesse schreibt keine Allerweltsgeschichte über Durchschnittsmenschen, die sich den üblichen Gegebenheiten anpassen. Er will uns mit diesem Roman in die Welt einer geistigen Elite entführen, in der andere Regeln gelten. Wenn man sich darauf nicht einlässt, meine Meinung, wird man keinen wirklichen Zugang zu diesem Roman finden. Soll aber nicht heißen, dass ich dir das unterstelle. Ich verteidige nur "meinen" Hermann ein wenig, der mir immerhin einiges bedeutet hat in meinem Leben und es immer noch tut. Du wirst Verständnis dafür haben.  ;)

LG, P
« Letzte Änderung: 28 Januar 2014, 23:58:08 von Parzifal »

felis

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 1 Berufung
« Antwort #10 am: 29 Januar 2014, 10:20:33 »
Da hat er mich schön im Regen stehen lassen, der gute Hesse. - Was zum Ge*er ist denn nun eigentlich Freiheit?!
:nudelholz:

Die Frage hätte er auch beantworten können, der gute Hermann, nicht nur so umfangreich in den Raum stellen... :devgrin:

Und dieser Verantwortung wird man gerecht, indem man im Elfenbeinturm mit Glaskügelchen spielt, keine Kinder in die Welt setzt und weitere Glaskügelchenspieler ausbildet?
Ich hoffe ja immer noch, dass irgendwo mal klar wird, dass Hesse dieses Kastalien ebenso wenig erstrebenswert findet wie die "Welt draußen".  Ansätze dazu habe ich - in den Kapiteln die ich bisher gelesen habe - eigentlich immer wieder gefunden. Und eben dieser Widerspruch bezüglich der Freiheit gehört für mich auch zu den Indizien, dass man (?) von dieser Art Erziehung doch nicht ernsthaft allzu begeistert sein kann.

Kinners, wir sind hier im Kapitel 1, dasbekanntlich  der Exposition dient. Und ihr habt mit dem oben zitierten m. E. wunderbar die Kernthemen des Romans herausgearbeitet.
Nur deren Beantwortung direkt im 1. Kapitel zu verlangen ist vielleicht etwas - nun ja - voreilig. Gebt dem Mann mal die restlichen 400 Seiten des Romans Zeit dazu.  ;)
« Letzte Änderung: 29 Januar 2014, 10:25:09 von felis »

Viskey

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 1 Berufung
« Antwort #11 am: 29 Januar 2014, 11:50:09 »
Du wirst Verständnis dafür haben.  ;)

Hab ich.

Aber nimm doch bitte diesen einen Satz nicht so ernst.  :devgrin:

Und damit mit Dampf ins 2. Kapitel ...
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Ryek Darkener

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 1 Berufung
« Antwort #12 am: 30 Januar 2014, 18:35:35 »
Ich kann, da stark eingespannt, gerade nicht viel an tiefschürfenden Erkenntnissen beitragen. Ich bin froh, wenn ich mit dem Lesen hinterherkomme. :devgrin:

Deshalb bleibe ich beim Leseeindruck. Inhaltlich scheint es mir, dass Hesse, wie schon in obigen Posts erwähnt, sich hier auf die Auswahl des Protagonisten sowie dessen Erkenntnis - vielmehr Selbstbestätigung - fokussiert. Das Ganze hätte auch bequem auf einer Seite meines 900 Seitigen Buches Platz gefunden. :cheese:
Hesse schafft es aber, dem Leser diese Situation aus vielen Perspektiven darzustellen, was auf der einen Seite zwar, ehrlich gesagt, ein wenig langweilt, auf der anderen aber interessant genug bleibt, um weiterzulesen. Ob das für die meisten gegenwärtigen Gymnasiasten zutreffen würde, wage ich allerdings zu bezweifeln.
Ich habe ein wenig den Eindruck, dass Hesse sich an eine Leserschaft wendet, die sowohl über eine gewisse "Grundausstattung" inklusive Toleranz beim Lesen verfügt, und die bereit ist, sich in ein Szenario mitnehmen zu lassen, welches ungewöhnlich ist und möglicherweise einen Erkenntnisgewinn bietet. Das wissen wir aber erst am Ende des Buches, vermute ich. :biggrin:
Die Heldenreise, von der die Rede war, betrifft also nicht nur den Protagonisten, sondern meiner Wahrnehmung nach auch den Leser selbst. Spannend.
DSvU-4(5) "Wurzeln und Flügel (AT)": Plotten, Schreiben (demnächst;))
Inspektor Mops: Überarbeiten und als Print veröffentlichen

merin

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 1 Berufung
« Antwort #13 am: 09 März 2014, 16:17:47 »
Bevor ich lese, was ihr so geschrieben habt, möchte ich mal meine Eindrücke darlegen: Ich fand den Beginn des Kapitels langweilig und er fiel für mich, verglichen zum Vorwort, deutlich ab. Ich habe mich ganz schön gequält. Es wurde dann besser, als die Beziehung zum Meister beschrieben wird.
Was mich daran verwundert ist, dass das alles so blass und unlebendig bleibt, als seien das alles steinerne Ideale, aber keine realen Menschen. Von Knechts Zeit an der ersten Schule erfahren wir fast nichts, er scheint keine Freunde zu haben und überhaupt spielen zwischenmenschliche Beziehungen kaum eine Rolle in diesem Roman. Dadurch wird die eine intensiver geschilderte Beziehung zum Meister wie durch ein Brennglas hervorgehoben - und ist trotzdem seltsam blutleer. In mir führt das dazu, dass es mir kalt den Rücken runterläuft, es mich seltsam bedrückt. Mir wird ganz unwohl angesichts dieser Unlebendigkeit.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

merin

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Kapitel 1 Berufung
« Antwort #14 am: 09 März 2014, 17:53:03 »
So, und nun gehe ich noch einmal auf Eure Gedanken ein. Ich habe an der Freiheitsszene, die hier schon diskutiert wurde, auch gestutzt. Es war deutlich, dass diese Szene bedeutsam ist, dass sie eine philosophische Frage aufwirft. Aber für mich blieb es offen, wo Hesse sich da verortet. Ich glaube auch nicht, dass es Hesse um die Elitewelt geht, ich habe aktuell die Hypothese eines Gedankenexperimentes: Was wäre, wenn die Welt regiert würde von einer zweiten abgeschotteten Welt der Elitären? Ich sehe da schon auch einen möglichen Weg zur Sozialkritik.  Für mich wird das Ideal des Helden auch immer wieder gebrochen durch den distanzierten Schreibstil: Der Erzähler ist Fan von Knecht, so viel ist klar, aber er immer ihn aus der Ferne an. Und das lässt auch mich, die Leserin, in der Ferne. Ich komme nicht dazu, mich dem Anhimmeln anzuschließen, sondern bin eher irritiert und skeptisch.

Spannend finde ich, dass einige hier den pubertierenden sinnsuchenden Knecht im Text fanden. Ich fand ihn nicht und habe ihn vermisst. Ich wäre gern ein wenig näher herangerückt an Knecht.

Ich bin gespannt auf das zweite Kapitel.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.