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Die Evolution der Geschichteerzählung

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Mooncat:
Mich beschäftigt zur Zeit etwas die Frage, wie es mit der Zukunft des Schreibens weitergehen könnte. Oder vielleicht eher, die Kunst des Geschichteerzählens? Denn was anderes ist ein Buch, als die Erzählung einer Geschichte?

So lange die Menschheit existiert, wird es Geschichten geben. Ich denke, das kann man ruhig als Fakt ansehen. Doch in welcher Form? Angefangen hat es mit Erzählungen. Eventuell auch in Liedern oder Theaterformen. Dann kamen langsam Aufzeichnungen dazu, erst durch Bilder, dann mit Worten. Dann kam der Buchdruck, in Asien etwas früher als in Europa, aber seit plus/minus 1000 Jahren leben nun die Bücher. Erst nur für Gelehrte und Geistige, später dann auch für das Vergnügen des Volkes.

Im letzten Jahrhundert kam dann der Film dazu, was den Büchern schon einiges an 'Kunden' ageläschelt hat. Und das Hörbuch. Und das Internet. Der lesefreudige Mensch findet dort so ziemlich alles was er will - oder nicht will, in den weiten Welten des Internets. Sei dies kryptische Nachrichten in Form von Tweets, Lebenserfahrungen oder Kurgeschichten aus Blogs und Zeitschriften, Sachthemen, neuzeitliches, fanfiction oder noch ein richtiges Buch - als eBook.

Dass das eBook auf dem Vormarsch ist, ist wohl kaum noch abzustreiten. Das mag man mögen oder nicht - aber ob in 50 oder 100 Jahren noch wirklich Hardcovers gedruckt werden - wenn, dann wohl nur noch selten.

Doch was kommt nach eBook? Oder zumindest neben eBook? Okay, ich meine jetzt nicht Form eBook sondern Buch insgesamt. Das Geschichteerzählen eben.

Ich bin keine Gamerin, aber sogar ich bekomme mit, dass dort ja auch schon viel mit Welten und Geschichten, die miterlebt werden, passiert. Allgemein geniessen auch virtuelle Welten eine zunehmende Beliebtheit.

Wie lange kann da das gute, alte Buch noch gegen solche Trends ankämpfen? 1000 Jahre ist es alt? Ist es Zeit für das Buch, in Rente zu gehen? Wenn du direkt in eine Welt selbst reingehen kannst, die Charaktere selbst vor dir hast, selbst über die Leiche stolperst, den Zauberberg erklimmst und dort in das Raumschiff steigst, das dich zum Planten Saswerna bringt, wo du noch schnell mit dem Eingeborenen dort eine neue Rasse zeugst, bevor dich der Engel Gabriel abholen kommt, du kurz vor dem Himmelstor aber von Luzifer selbst in die Hölle entführst und zu einem Dämon transformierst wirst und mit einem Vampir eine Affäre anfängst ... Kann da das geschriebene Wort überhaupt noch mithalten?

Werden Geschichten in Zukunft dreidimensional geschrieben? Entwickeln die Nerds dann endlich das Holodeck? Oder zapft die Maschine direkt dein Gehirn an und projiziert deine Gedankenwelt in eine virtuelle Welt?

Oder wird der Mensch, trotz all dieser Möglichkeiten, in ferner Zukunft in seiner Kugel vor dem virtuellen Feuer hocken - mit einem Buch in der Hand?

Fox:
Vielleicht. Ich für meinen Teil gehe davon aus, dass die Rezeption von Texten nicht zurückgehen wird, auch nicht die Anzahl an veröffentlichten Texten (im Internet). Das Buch hat einige Vorteile, die ein Film oder ein Spiel oder eine Serie nicht haben.

Der größte Vorteil eines Buches sind die Kosten in der Produktion. Geschichte auf Papier oder digitalen Lettern zu erzählen ist im Grunde die günstigste, dauerhafte Variante. Filme brauchen Schauspieler, Kameras, Sets und so weiter. Spiele brauchen eine Unmenge an Aufwand, Programmierkenntnisse, ganze Teams an Programmierern, Designern et cetera. Bücher brauchen meistens einen Schriftsteller, einen Lektor, einen Coverdesigner, wenn es hoch kommt. Das ist vergleichsweise günstig.

Auch können mit Worten unheimlich gigantische Gebilde beschrieben werden, die sich in Filmen nur kostenintensiv darstellen lassen. Großes Beispiel sind Massenschlachten oder -szenen, die in ein paar Seiten beschrieben werden können, aber in der multimedialen Darstellung weit mehr verbrauchen.

Ein weiterer Vorteil ist, dass man zum Schreiben tatsächlich wenige Vorkenntnisse braucht. Man benötigt keine Programmierkenntnisse, muss nicht wie ein Comiczeichner zeichnen können, muss nicht wie ein Filmemacher Bilder arrangieren können. (Wenn man kleine Filmprojekte macht, heißt das). Dadurch ist das Schreiben eine sehr demokratische Kunst, höchstens noch von Künsten übertroffen, für die man nur seine Stimme braucht, wie das wirklich klassische Geschichtenerzählen. Beim Schreiben musst du nur noch lesen und schreiben können, um es praktizieren zu können - dadurch ist es vielen Menschen zugänglich.

Das sind bisher aber nur Vorteile für die Kunstschaffenden. Was übrigens meiner Ansicht nach unter anderem die Wirkung hat, dass man mit Büchern im Gegensatz zu Filmen und Spielen relativ Konventionen brechen und Schritte ins Unbekannte wagen kann, sie viele Nischenmärkte bedienen können, die von kostspieligeren Medien nicht unbedingt erfasst werden können. Mit einem relativ günstigen Buch (oder eBook oder ähnlichem) kann man eher Risiken eingehen als mit millionenschweren Filmen. (Natürlich gibt es auch Independent Filme und Spiele, das streite ich nicht ab, aber auch sie sind insgesamt aufwändiger als ein Buch.)

Ein Vorteil - und Nachteil - eine Besonderheit des geschriebenen Wortes ist hingegen, dass es abstrakt ist. Jeder geschriebene Text, jede erzählte Geschichte lässt Weißräume und Interpretationsmöglichkeiten offen. Selbst die detailliertesten Beschreibungen können nicht alles erfassen, was in einer Filmszene auf dem Bildschirm gezeigt, in einem Foto, in einem Spiel. Das ist auch nicht unbedingt nötig, denn Bücher beziehungsweise Texte ermöglichen dem Leser hier, seine eigene Geschichte vorzustellen. Das ist natürlich anstrengender, als eine Geschichte mit expliziten Bildern erzählt zu bekommen, hat allerdings auch Vorzüge.

Cheers,
Fox

Uli:
analog zu Trippel Aussage bezüglich der Märchen:

Bücher in Papierform haben einen entscheidenden Vorteil. Sie unterliegen nämlich einem gewissen Evolutionsdruck, einem geradezu darvinschen Druck - nur die besten erleben eine weitere Auflage, und lange nicht alle werden überhaupt gedruckt. Weil das nämlich kostet: Da überlegt man sich eher, ob es das wert ist.
Im Gegensatz zu eBooks: Mostet nicht, die Investition ist minimal - und das Zeug ist unendlich lange haltbar. Also verschwindet es nicht einfach im Nirvana, wenn es niemand haben will, was mit einen gedruckten Buch ja der Fall ist: Makulatur.
So generiert das gedruckte Buch einen Vorteil, und zwar aus seinem größten Nachteil heraus: Wenn es in der buchhandlung steht, weiß man sicher, daß zumindest mehrere Leute davon überzeugt sind und sogar Geld ausgegegeben haben für das Werk (Zukostendruckzeug steht nie in Buchhandlungen und Selbstverleger nur seeeehr selten).
Woraus man ableiten kann, daß gewisse Qualitätsgrenzen nicht unterschritten werden, und wenn man einbezieht, daß der Vertriebsweg 'Buchhandlung' da weitere Kriterien einfließen lässt, kommt schon mal eine Art 'Siegel' zusammen.
Das allein ist schon mal eine Attraktion: Im Gegensatz zu den (gefakten) Amazon-Beurteilungen kann man sich hier orientieren.
Dazu kommen ein paar andere Faktoren, die nicht zu unterschätzen sind: Die Regalwand, zum Beispiel. Ich meine, gut und schön: Ich lese ein paar Tausend Bücher, und der sekundärnutzen der stilvoll gestalteten Wohnzimmerwand kann durch eine noch so volle Festplatte nicht ersetzt werden. Irgendwelche Nachfahren können am Zustand der Bücher erkennen, welche oft gelesen wurden und welche nicht - das leistet kein eBook.
Damit ist das Papierbuch, neben seiner Rolle als Datenträger, auch zu anderen Dingen geeignet, die anderen Medien abgehen.
Die Besonderheit einer Erstausgabe, einer persönlichen Widmung (des Autors oder des Schenkenden, egal), die schiere Masse, die eindrucksvoll belegt, wie belesen man ist (und was man liest), das ist ein gigantischer Subtext.
Außerdem nutzt ein Buch, wenn der Tisch wackelt oder ein Insekt zu töten ist, in Notzeiten kann man Feuer entfachen oder hygienischen Anforderungen gerecht werden, an Außenwänden plaziert senken Bücher die Heizkosten (Isolierung) - alles Dinge, die ein Reader (und seine Nachfahren) eher nicht leisten ...

Deswegen: Ja, das klassische Buch wird überleben

tlt:

--- Zitat von: Uli am 24 Januar 2014, 16:03:32 ---Im Gegensatz zu eBooks: Mostet nicht, die Investition ist minimal - und das Zeug ist unendlich lange haltbar. Also verschwindet es nicht einfach im Nirvana, wenn es niemand haben will, was mit einen gedruckten Buch ja der Fall ist: Makulatur.
--- Ende Zitat ---
Abgesehen davon, dass das schon ein Fall fürs Stilblütenbeet ist  :cheer:, muss ich da widersprechen. Es gibt Bücher, die sind über 500 Jahre alt. So lange wird keine digitale Aufzeichnung halten. Hier gehen die Meinungen zwar auseinander, aber die digitalen Medien erreichen ein Zehntel dieser Zeit.
Und gerade, weil e-books billig sind, verschwinden sie viel schneller im Nirvana, irgendwo auf der hintersten Festplatte, oder ausgelagert im Archiv, was mindestens so viel ist wie ein Papierkorb.

Uli:
schon, die einzelne Kopie kann verschwinden - aber das Werk lauert immer noch bei Amazon ...

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