Hallo The_Reptilian!
Wir hatten noch nicht das Vergnügen und ich habe die ursprüngliche Version deiner Geschichte knapp verpasst. Ich stürze mich also vollkommen unbedarft auf deinen Text, was bei einer Überarbeitung sicher hilfreich ist.
- Ich versuche, gezielt die Wandlung des Hauptcharakters zu zeigen, also dass er den Hass auf die Elfen, die ihm anfangs durch seine Lebensgeschichte widerfahren war hatte, überwinden will, aber dann scheitert. Ist mir das gelungen?
Nein, finde ich nicht.
- Ist euch der Hauptcharakter sympathisch?
Nein. Sympathie hat viel mit Identifikation und Mitleiden zu tun: das heißt, kann ich mich in den Konflikt der Figur einfühlen, werden mir ihre Gefühle und Motivationen glaubhaft verkauft und kann ich darin Parallelen zu meinem eigenen Erleben entdecken?
Professor Gonzo bleibt mir als Leserin an vielen Stellen fern. Ich bekomme eher eine analytische Sicht auf ihn. Das
kann Interesse wecken, wenn es packend geschrieben ist, aber Sympathie kommt auf diese Weise weniger auf.
- Hat der Text jetzt mehr mit LGBTQ* zu tun?
Der Text greift durch den Körperwechsel eine LGBTQ*-verwandte-Thematik auf, aber Gonzo durchläuft eigentlich keinen Konflikt mit seiner Geschlechtsidentität. Was für LGBTQ* die Grundvoraussetzung wäre.
- Was fällt euch noch so auf?
Du hast ein interessantes Setting und interessante Grundideen. Aber die Umsetzung hapert gewaltig.
Was folgt, sind mehr analytische Gedanken als Kritik. Vielleicht helfen dir diese, deinen Text mit anderen (meinen) Augen zu sehen.
Professor Gonzo Spejbl, der Goblin, trug einen weißen Kittel und er war fieberhaft über die vielen Notizen auf seinem Schreibtisch gebeugt, die im fahlen Glühbirnenlicht des Bunkers gerade noch entzifferbar waren. Seine grüne Haut war verblasst und die Augen hatten dunkle Lider, seine weißen Haarsträhnen verdeckten halb die eingefallenen Wangen. Der Raum wurde von einer fernen Explosion leicht zum Beben gebracht, die Luft roch nach Schwefel, doch Gonzo machte unbeirrt weiter, er zündete sich sogar noch eine Pfeife an, die einen aromatischeren Duft verströmte.
Ich begegne der Haupt- und Perspektivfigur. Was ich erfahre: männlich, Goblin, Arzt, arbeitet offenbar hart, schlechte Austattung der Umgebung (die Glühbirne), Militärbezug. Also ein Militärarzt in einem Fantasy-SciFi-Setting. Er wird mir als alt beschrieben. Die Umgebung ist nicht sicher, aber seine Mission ist Gonzo so wichtig, dass er trotz Gefahr weitermacht und damit gelassen umgeht.
Persönliche Meinung: Zu wenig gradlinig, teils verwirrend/widersprüchlich erzählt - fieberhaftes Durchsehen der Notizen (wie "starrt" man fieberhaft?) vs. Gelassenheit. Die Pfeife wirkt hier nicht als Versuch der Selbstberuhigung durch die Formulierung: "zündete sich sogar noch" - das vermittelt eine gegensätzliche Haltung zum eigentlich nervenaufreibenden Kontext (Explosion).
Stilistisch beginnt das Ganze wie ein Bericht, dabei allerdings nicht fokussiert, und bricht dann zu einem atmosphärischen, teilweise sinnlichen Erzählstil. Der Text schweift in Nebensächlichkeiten ab, verwendet ungeschickte, teils paradoxe Formulierungen. Beide Stile könnten ihren Reiz haben: Bericht betont das Militärische, ermöglicht eine nüchterne Außensicht auf die Figur und die Situation, während ein erzählerischer Stil mehr ins Geschehen eintaucht. Du hast hier aber keine klare Entscheidung getroffen.
Die Erzählhaltung wirkt auktorial. Wir blicken von außen auf die Hauptfigur, statt sie von innen heraus zu erleben.
Während er eine Notiz in seine Pranke nahm, schielte er nach links, zu den Soldaten, die auf beiden Seiten der Tür Position bezogen hatten, um die Gefangene zu bewachen. Dann sah er nach rechts, zu seinem krummbuckligen Assistenten Squig. Sie sahen sich seit mindestens einem Jahr einer neuen Gefahr aus dem All gegenüber: Arroganten Elfen. Seit vor zwei Wochen Goblins eine Elfe gefangen genommen hatten, gab es Krieg.
«Sind die Elektroden bereit?», knarrte der Professor Squig an.
Hier erfolgt für mich der erste verwirrende Bruch. Das Setting wurde bislang als Bunker bezeichnet. Damit verbinde ich einen Schutzraum, keine Militärstation an sich oder gar ein Kriegs-/Gefangenenlager. Entsprechend der Beschreibung im ersten Absatz hatte ich angenommen, der Professor befände sich allein im Raum und würde hochkonzentriert arbeiten. Wo spielt der Text wirklich?
Inhaltlich drückt dieser Absatz aus: Der Professor betrachtet seine Umgebung - ist also abgelenkt von den Notizen und arbeitet wohl doch nicht so fieberhaft - und nimmt dabei Personen wahr, die ihn umgeben und ihm eigentlich bereits vertraut sein dürften. Anschließend erfahre ich etwas über seine Haltung gegenüber Elfen im Allgemeinen (arrogant), sie vertreten hier offenbar die gegnerische Seite. Wir befinden uns im Krieg, ausgelöst durch die Gefangennahme einer Elfe. Das mutet auf mich seltsam an: wurde sie im Zuge von Kriegshandlungen gefangen genommen? Danach klingt es, wenn sie einfach nur als "Elfe" bezeichnet wird. Oder gab es einen anderen Grund, ist sie z. B. eine höhergestellte Persönlichkeit? Das würde den Krieg erklären. Dass die Elfen allein wegen irgendeiner gefangengenommenen Elfe gleich einen ganzen Krieg ausbrechen lassen, erscheint mir unrealistisch.
Der Angesprochene nickte und machte eine Handbewegung in den Raum. Gonzo drehte sich mit dem Bürostuhl auf die andere Seite und blickte der gefesselten Elfe geradewegs in ihr blasses Gesicht, auf deren Kopf die Elektroden befestigt waren. Gonzo war bislang immer ein objektives Wesen, ein Doktor der Neurologie, aber wenn er ihr in die blauen Augen sah, war er verzweifelt. Er kramte gedanklich in seinem Elfisch-Wortschatz. «Junge Frau, ich kenne immer noch nicht Ihren Namen. Ich weiß aber, dass Sie vor zwei Wochen mit Ihrem Raumschiff in einen Markt stürzten, weswegen wir fünf Opfer unser Eigen nennen müssen. Warum taten Sie das?»
Die Elektroden sind ein spannendes Element. Ich frage mich sofort, was sie bedeuten. Sollen ihre Gehirnströme analysiert werden? Geht es um ein Experiment? Warum Gonzo beim Anblick der Elfin verzweifelt wird, erschließt sich mir nicht. Hat er Mitgefühl mit ihr? Das widerspricht der gesamten Konstellation. Der Professor spricht anscheinend Elfisch, aber nicht sehr gut, sonst müsste er nicht "in seinem Wortschatz kramen". Hier erfahre ich übrigens, dass die Goblins nicht mal wissen, wen sie gefangen genommen haben. Das macht das Kriegsszenario noch unglaubhafter. Die Goblins hingegen scheinen viel mehr Grund zu haben, einen Krieg zu erklären, womöglich sehen sie sich als Opfer eines Terroranschlags?
(Anmerkung: Ich habe noch mal nachgelesen. Da steht nicht explizit, dass die Elfen den Krieg erklärt hätten. Impizit wirkt es durch die Formulierung aber so.)
«Ich hatte ein Problem mit der Steuerung. Ich musste notlanden.»
«Lügt sie dir was vor?», fragte Squig.
Die Elfe sah Gonzo an: «Was meinte er?»
Der Professor übersetzte. «Er meint, dass Sie lügen, Frau Elfe.“
«Aber, ich lüg´ doch gar nicht!» Ihr kam eine Träne.
Squig deutete mit seiner Zeigeklaue auf sie. «Für euch sind wir doch nur rückständige und hässliche Trottel. Gib´s doch zu!»
Dieser Dialog erschließt sich mir nur halb. Inhaltlich verstehe ich ihn: Die Elfe erklärt ihre Unschuld, sie habe nur notlanden wollen. Squig glaubt ihre nicht. Es gibt zudem ein Verständnisproblem - die Elfe versteht Squigs Sprache nicht. Der Professor agiert passiv als Dolmetscher. Warum führt Squig das Gespräch, wo er doch der Assistent des Professors ist, und nicht der Professor selbst, der doch immerhin gerade noch aktiv in seinem Wortschatz gegraben hatte? Zumal Squig offensichtlich kein Elfisch kann.
Gonzo wusste, dass für andere Rassen Morde an Goblins auch immer nur ein Versehen war. Die Berge an radioaktivem Weltraumschrott auf der Planetenoberfläche sprachen Bände. Er nickte Squig zustimmend zu. Sie machte den Mund auf, doch Gonzo kam ihr zuvor. «Ich will nix mehr hören!»
Gonzo ist misstrauisch gegenüber der Elfe, weil Goblins von anderen "Rassen" als nicht gleichwertig, sondern als "Kollateralschaden" angesehen werden. Inhaltlich wird hier der Hass der Goblins auf die anderen "Rassen" (beispielsweise Elfen) thematisiert, auch der Vorwurf der Arroganz an Elfen klärt sich jetzt. Der Professor agiert zunächst zurückhaltend, vermittelt seinem Assistenten Zustimmung - als wüsste dieser noch nicht, dass sein Chef so denkt. Dann brechen seine Gefühle aus ihm hervor und er herrscht die Elfe an.
Wieder gab es eine Erschütterung. Gonzo schmunzelte. «Und glaub´ bloß nicht, dass deine Leute dich hier rausholen können. Da müssten sie den ganzen Berg wegsprengen!»
Hier frage ich mich, woher die Erschütterungen kommen bzw. was sie bedeuten? Wer oder was löst sie aus? Scheinen ja keine Angriffe von außen zu sein, sonst würde Gonzo nicht schmunzeln. Er fühlt sich der Elfe überlegen. Ich erhalte außerdem einen weiteren Hinweis auf das Setting: Wir scheinen uns unter dem Schrotthaufen zu befinden, den andere "Rassen" auf dem Planeten hinterlassen haben während fortwährender "versehentlicher" Angriffe auf Goblins.
Sein Blick folgte den Kabeln an ihren Elektroden, die an der Decke aufgehangen waren und hinter ihrem Stuhlblech weiter in einem schrankgroßen Kasten führten. Durch das Fenster im Kasten schimmerte ein eiförmiger Kristall in Regenbogenfarben. Daran angeschlossen war eine andere Elektronenhaube, die auf einem weiteren Stuhl ausgebreitet lag.
Squig räusperte sich: «Herr Professor, sind sie sich wirklich sicher, dass es funktioniert?»
Er blickte zu seinen Notizen zurück. «Es müsste funktionieren. Es ist ein Kristall, den ich aus ihrem Raumschiff geborgen habe. Ich habe die Bedienungsanleitung gelesen.»
«Können Sie Elfisch, Herr Professor?»
«Ich habe mir Elfisch selbst beigebracht. Daher weiß ich, dass dieser Stein bei langen Weltraumreisen für Abkürzungen über das sogenannte Immaterium gedacht ist. Das Immaterium aber ist nicht nur dafür gut ...» Gonzo paffte an seiner Pfeife besonders oft, wonach viel Rauch verströmte. « ... Das Immaterium ist das spirituelle Reich, wo sich die Seelen aufhalten, wo Himmel und Hölle existieren sollen. Jedes Wesen, das eine Seele hat, soll auch zu Lebzeiten mit dem Immaterium verbunden sein und dieser Stein stellt diese Verbindung zum Immaterium her.»
Persönliche Meinung: Die Idee mit dem Regenbogenkristall, den Elektroden und dem Immaterium finde ich sehr interessant. Für mich ist das bislang die einzige fesselnde Komponente am Text: Es wirkt eigenwillig und kreativ, das macht mich neugierig. Auch das Set-up mit der zweiten Elektrodenhaube auf dem Stuhl wirkt spannend. Worum geht es hier? Im Blick auf den gesamten Text wird hier der "Körpertausch" vorbereitet.
Inhaltlich ist der Text wieder verwirrend strukturiert: Die Beschreibung des Kristalls wirkt sehr flüssig, zieht rein. Beim Gespräch verstehe ich nicht, weshalb Squig nicht weiß, dass der Professor Elfisch kann - er hat es doch soeben demonstriert? Es wirkt, als wären die beiden nicht durch mehrmonatige oder -jährige Arbeit miteinander verbunden. Was in sich einen Logikbruch darstellt.
Dass der Professor sich auf ein solch waghalsiges Experiment einlässt, bloß weil er eine Bedienungsanleitung gelesen hat, wirkt undurchdacht und wenig glaubhaft. Implizit bereitest du hier durchaus vor, dass es dem Professor um etwas ganz Persönliches geht (er will eigentlich im Körper einer jungen Frau/Elfe leben), die Emotionalität bereitet das vor. Andererseits würde sein Team das doch hinterfragen?! Der Professor selbst gibt sich mit seinem Paffen der Pfeife wieder betont gelassen. Das steht im Widerspruch zu der Aufregung, die er angesichts seines Vorhabens empfinden müsste. Wieder: Es wirkt stilistisch durch den Kontext nicht wie eine Selbstberuhigung!
Ich beende meine Analyse an dieser Stelle, weil ich denke, dass sie die Grundprobleme des Textes bereits zutage bringt.
Aus meiner Sicht ist der Text nicht sinnhaft strukturiert. Weder in seinem dramaturgischen Aufbau noch in der Art, wie er Informationen vermittelt. Die Sprache ist semantisch fehlerhaft (Beispiel: "Opfer zu Eigen nennen" - Opfer "gehören" niemandem; man verzeichnet sie, insbesondere in einem militärischen Kontext). Das Setting ist an sich spannend, aber lückenhaft umgesetzt. Die Figuren wirken undurchdacht und ihre Interaktion schwer nachvollziehbar bis unglaubwürdig, teilweise plakativ (die Elfe).
Profitieren könnte die Geschichte von einem emotionalen Einstieg, der den Konflikt des Professors in den Mittelpunkt stellt. Mach sein Ziel und seine Wünsche von Anfang an klar und bleib konsequent in seiner Perspektive. Wenn du nur mit Andeutungen arbeiten würdest, statt dem Leser sofort alles vorzukauen, könntest du auch auf persönlicher Ebene Spannung und Empathie und letztlich sogar Sympathie wecken.
Ich hoffe, das hilft dir weiter.
Wenn du Fragen hast, stell sie gerne.

Liebe Grüße,
Mimesis