27 November 2020, 18:16:53

Autor Thema: VL2: J.K. Rowling; Harry Potter Bd.1 - Kapitel 3  (Gelesen 5979 mal)

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Mooncat

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VL2: J.K. Rowling; Harry Potter Bd.1 - Kapitel 3
« am: 29 August 2014, 12:09:04 »
Kapitel 3 zeigt den Übergang vom normalen Alltagsleben von Harry und den Dursleys zu - nun ja, Nicht-Alltagsleben.

Die Zeit nach Dudleys Geburtstag ist eine harte für Harry. Erst hat er den längsten Stubenarrest seines Lebens und ist zudem Liblingsziel für Dudleys Bullying und wird, so scheint es, pausenlos von ihm und seinen Freunden schikaniert. Ausserdem laufen die Vorbereitungen für den Schulanfang im September, die einmal mehr zeigen wir Harry als Aschenputtel der Familie benachteiligt während Dudley weiterhin pausenlos bevorzugt wird.
Das ändert sich, als Harry plötzlich einen Brief an ihn adressiert in der Hand hält - seinen ersten. Blöderweise schaltet er nicht schnell genug und öffnet ihn direkt sondern trägt ihn mit der anderen Post in die Küche zu den Dursleys - wo Dudley natürlich sofort seinen Eltern darauf aufmerksam macht und so Vernon ihm den Brief wegnimmt bevor Harry ihn öffnet. Vernon und Petunia scheinen sofort zu wissen was Sache ist, schweigen aber. Sogar Dudley und seine Quängelei/Tobsucht werden für einmal von den Eltern ignoriert.
Vernon will den Brief ignorieren und zerstört ihn. Das einzige Zugeständnis das er macht ist, dass er Harry plötzlich vom Schrank unter der Treppe in Dudleys Spielzimmer einquartiert, sehr zu dessem Verdruss. Der Plan des Ignorierens geht aber nicht auf. Die Briefe flattern weiterhin in Scharen ins Haus, aber er unternimmt alles, damit die Jungs keinen in die Hände kriegen. Er geht so weit, dass er sie alle ins Auto verfrachtet und erst in ein Hotel und - als das nichts nützt - auf eine einsame Insel in einen Leuchtturm flüchtet. Pünktlich zu Harrys 11. Geburtstag. Der zählt die Sekunden bis Mitternacht, die Uhr schlägt - und mit dem 12. Schlag fliegt die Tür auf.

Falls es durch die Zusammenfassung noch nicht klar geworden ist - ich halte nicht besonders viel von diesem Kapitel. Das einzig interessante daran sind die Briefschwärme, die nicht nachlassen und die Beschriftung der Briefe - wobei ich das im Übrigen im Film viel eindrücklicher umgesetzt finde als es im Buch rüberkommt. Aber damit hört es auch schon auf.
Was mich stört? Erstens v.a. Dingen die Dursleys, die ach so furchtbar sind und Harry, der ja ach so arm ist. Sie sind alle in ihren Rollen so stark überzeichnet, dass es für mich gerade eine Spur zu viel ist, selbst wenn ich dabei übersehe, wie klischeehaft das Ganze ist. Gut, es ist primär ein Kinderbuch, ich weiss, das darf man nicht vergessen. Ich nehme an da muss man halt mit Klischee und Überzeichnung bis zu einem gewissen Grad rechnen.
Was ich JKR aber nicht verzeihen kann sind die ganzen Logikfehler in diesem Kapitel. Es fängt damit an, dass die Schulleitung (nehme mal jetzt an, dass die der Absender sind) ihm, nachdem der erste Brief offenbar Harry nicht erreicht hat, weiterhin nur Briefe senden. Okay, vielleicht noch zwei, drei - aber statt es danach auf anderem Weg zu versuchen, schicken sie Dutzende, wenn nicht hunderte Briefe nach? Was für eine Papier- und Eulenverschwendung.
Dann haben wir Harry, der so blöd ist und den Brief nicht gleich öffnet, bevor die Dursleys es überhaupt merken, dass er Post bekommen hat. Okay, er ist baff und erstaunt, trotzdem, er sollte die Dursleys eigentlich gut genug kennen. Das alles wäre ja noch akzeptabel - aber es geht weiter.
Warum zum Beispiel wehrt sich Vernon so dagegen? Okay, er leidet an einer schweren und akuten Magiephobie und will nichts mit Zauberer zu tun haben - aber warum macht er dann nicht Luftsprünge wenn ein Brief ins Haus flattert, der ihm sagt, dass sie den lästigen, ungeliebten Jungen, dem immer wieder seltsame Dinge passieren wie eine Glasscheibe, die sich in Luft auflöst, aus dem Haus in ein Internat holen. So können sie ihn abschieben, müssen ihn nicht mehr füttern und anziehen und ertragen und mit ihm gehen auch alle unnatürlichen Sachen weg. Aber nein, er macht das Gegenteil. Gut, sie verlieren so einen perfekten Haussklaven und natürlich wird er dort noch in dem unnatürlichen Zeug unterrichtet - trotzdem, sie müssen sich so nicht mehr um ihn kümmern. Selbst Petunia sieht ein, dass Widerstand zwecklos ist, aber auf sie will er ja auch nicht hören.
Was uns gleich zum nächsten Punkt bringt. Ehrlich jetzt? Dutzende von Briefe strömen durch alle Schlitze und Öffnungen ins Haus, aber nicht einer schafft es in Harrys Hände??????? Völlig irrealistisch!

Zauber- und Märchenwelt in aller Liebe, aber in diesem Kapitel gibt es für mich schlicht zu viel Ungereimtheiten. Zum Glück ist es kurz genug und wir nähern uns endlich dem, was HP zum Kultbuch gemacht hat: Die zauberhafte Welt, Hermione und Ron und Hogwarts.
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Re: VL2: J.K. Rowling; Harry Potter Bd.1 - Kapitel 3
« Antwort #1 am: 29 August 2014, 17:00:38 »
Ich habe mit Deinen Kritikpunkten keinerlei Schwierigkeiten im Text. Das mag aber daran liegen, dass ich es erst gar nicht mit Logik versucht habe. Auch finde ich keine Klischees, aber das mag ein Definitionsproblem sein.

Faktum ist, dass alles stark überzeichnet ist, aber in einer skurrilen Art und nicht gemütlich wie im Märchen.
Band 1 ist für mich noch ein ganz typisches Kinderbuch mit einem einzigartigen Charme der Bilder. Und genau das geht später verloren und wird zum Fantasy-Mainstream.

Kurzes Beispiel: Die flut der Breife bauen einen Druck auf, dem Vernon nicht gewachsen ist.
Das wird Vernon also nicht geschickt ausgespielt, sondern auf seinen Druck gibt es eine größeren Gegendruck.
Das verstehen Kinder viel leichter als eine Trickserei.

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Re: VL2: J.K. Rowling; Harry Potter Bd.1 - Kapitel 3
« Antwort #2 am: 31 August 2014, 12:11:26 »


Auch in diesem Kapitel sind die Dursleys wieder stark überzeichnet, aber ich finde, das passt zum Gesamtsetting, und es ist wohl auch notwendig, damit ihre skurrilen Reaktionen verständlich werden.

Und zur Logik:
Mich hat es überhaupt nicht gestört, dass die Briefe nicht bei Harry ankamen, den zauberischen Hintergrund verstehen wir Muggels eben nicht so genau.
Und außerdem sind die Briefe ein großartiges Mittel zur Erzeugung von Spannung.
Mit jedem missglückten Versuch von Zaubererseite und mit der zunehmenden Briefeflut wird diese Spannung gesteigert. Der Leser möchte mit steigender Dringlichkeit endlich wissen, was in dem Brief steht.

Dann eine Verfolgungsjagd und zuletzt eine gruslige Insel. Es folgt ein Countdown zu Harrys Geburtstag um Mitternacht. Und dann:

Zitat
BUMM, BUMM. Die ganze HÜtte zitterte.

Welches Kind (und welcher einigermaßen kindliche Erwachsene) würde da nicht weiterlesen?

Von Rowling kann man wirklich lernen, was Spannungsaufbau ist.

Genauso wie von ihrer Sprache. Sinnlich, mit starken Verben:

Zitat
Sie konnten die Briefe immer noch in der Küche rauschen und gegen die Wände und den Fußboden klatschen hören

Zitat
Er bibberte und wälzte sich hin und her, um es sich bequemer zu machen, und sein Magen röhrte vor Hunger.

Zitat
Tante Petunia fand ein paar nach Aal riechende Leintücher

Ich wäre verdammt noch mal froh, wenn ich so schreiben könnte!

Oldlady




Mooncat

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Re: VL2: J.K. Rowling; Harry Potter Bd.1 - Kapitel 3
« Antwort #3 am: 01 September 2014, 19:04:18 »
Beim ersten Lesen stört mich die Logik auch nur bedingt. Da fällt es mir höchstens auf. Je öfter ich es lese, desto mehr stört es mich allerdings.

An deinen Sätzen, die du herausgepickt hast, finde ich interessant, dass keiner davon ein Adjektiv drin hat. Ich denke, was wir an der Stelle vielleicht (nochmals?) erwähnen können ist, dass die Übersetzer hier wirklich auch gute Arbeit geleistet haben. Ich kenn zwar nur die Originale, aber meine Mutter hatte die deutsche Version und die Ausschnitte, die ich hier lese, sind nicht schlecht. Kommen aber nicht ans Original hin - wo es übrigens dann doch das eine oder andere Adjektiv hat. Zum Vergleich, mal schauen ob ich sie finde:
Zitat
They could hear the letters still streaming into the room, bouncing off the walls and floor.
Plus/Minus übernommen.

Zitat
He shivered and turned over, trying to get comfortable, his stomach rumbling with hunger.
Hmm, fast das Gleiche, aber ohne das ewige 'und' aus dem Deutschen. Definitiv eleganter.

Zitat
Aunt Petunia found a few mouldy blankets in the second room and made up a bed for Dudley on the moth-eaten sofa.
Na ja, mouldy mit Aal riechend zu übersetzen ... Wobei ich da die Übersetzung fast besser finde. Huh.

Was den Schluss angeht:
Zitat
BOOM.
The whole shack shivered and Harry sat bolt upright, staring at the door. Someone was outside, knocking to come in.
Klar, das ist ein guter Kapitelcliffie. Da will ich auch weiterlesen.
 Das davor finde ich trotzdem überlang - und eben unlogisch.
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Fabian

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Re: VL2: J.K. Rowling; Harry Potter Bd.1 - Kapitel 3
« Antwort #4 am: 05 September 2014, 20:13:44 »
Für mich wird HP im 3. Kapitel nicht mehr bloß zum leidenden Opfer stilisiert. Er löst sich schon ein wenig aus dieser Unterdrückungfalle.
Gleich Anfangs fühlt er sich den Dursleys überlegen, wenn er sich innerlich über die neue Schuluniform Dudleys lustig macht und über die Affenliebe, mit der die Eltern ihren Spössling vergöttern.
Dann wird er aufmüpfig: im "Wer-überbietet-wen-beim-Sprücheklopfen"-Wettbewerb kontert er Dudley aus und gegen Vernon setzt er Widerworte.
Er ist nicht mehr so allein und nur auf die Dursleys bezogen. Sein Wahrnehmungsradius erweitert sich: Mrs. Figgs serviert ihm Kuchen und: er bekommt einen Brief - er weiß nicht von wem, er (und wir, die Leser) sind neugierig.
Vernon tritt sofort zwischen uns und das Objekt unserer Neugier und das Kapitel lebt davon, dass er mit immer abstruseren Handlungen versucht, Dudley und HP vom Baum der Erkenntnis fernzuhalten.
Überraschender Weise werden nämlich beide Kinder ausgeschlossen, nicht nur HP.
Zwischen den beiden entbrennt gleich beim ersten Brief ein comicartig inszenierter Kampf um den Platz am Schlüsselloch, und dieses comicartig übertriebene, exaltierte Agieren der Figuren vor Ort in der Szene wie die ansteigende Briefflut des für den Leser erahnbaren, den Kindern aber noch unbekannten Absenders, dieses immer weiter Überdrehen ist hier das wesentliche Gestaltungselement JKRs, mit dem der Big Bang um Mitternacht zu HPs Geburtstag vorbereitet wird.
Es kommt mir so vor, als hätte JKR hier wirklich dem Slapstickkino ihre Referenz erweisen wollen bzw. sich bei dessen Erzähltechniken bedient.

Das ist eigentlich ganz konsequent durchgehalten, wirkt aber ein wenig wie ein Stilbruch, was die bisherige Entwicklung der Charaktere angeht.

Was die Logikfehler angeht: alle Figuren spielen um des Prinzips willen in diesem Slapstick mit, obwohl sich der kluge HP angesichts des Irrsinns, den Vernon da veranstaltet doch an den Kopf fassen müsste (und lt. mooncat eigentlich irgendeinen dieser Briefe mal zu fassen kriegen müsste) bzw. sich fragen müsste: was weiß Vernon, was steckt hinter diesen Briefen, warum darf ich sie nicht in die Finger bekommen- aber wie gesagt: wer fragt im Cartoon schon nach Logik, wenns um Action geht.

Aber zu guter Letzt reichts JKR dann auch mit dem Slapstick und wenn sie zum Schluss dann die Wände zittern und die Blitze zucken und den Sturm ums Haus heulen lässt und der Donner kracht und die Felsen zu bersten scheinen und die Dramatik kaum mehr zu steigern ist und Schläge gegen die Tür donnern - dann - puh - dann hat auch JKR genug von diesem Klamauk, läßt die Luft raus, grinst uns entschuldigend an und schließt lapidar: "Da draußen war jemand und klopfte." Tja, so stell ich mir vor, ist dieses Kapitel entstanden.

"Weil niemand mehr Leonardo ist, können alle Leonardo werden ...
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 (Jörg Scheller in der ZEIT, Nr 2/2019, S. 43)

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Re: VL2: J.K. Rowling; Harry Potter Bd.1 - Kapitel 3
« Antwort #5 am: 05 September 2014, 21:26:43 »
Ich habe so meine Schwierigkeiten mit dem Begriff Slapstick.
Zunächst einmal, weil dieser Begriff in der Literatur eigentlich
nichts zu suchen hat und eine eigenart des Schauspiels ist,
und zum anderen, weil ja alle Figuren unbestritten schon seit
Kapitel 1 überzeichnet sind, Überzeichnungen aber keinen
Slapstick ausmachen.
Für mich ist Vernon in erster Linie furchteinflößend und erst in zweiter Linie
unfreiwillig komisch.

Ich stimme Dir aber gerne zu, wenn Du in Kapitel 3 auch die Komik wiederfindest.

Liebe Grüße
Trippelschritt
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Fabian

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Re: VL2: J.K. Rowling; Harry Potter Bd.1 - Kapitel 3
« Antwort #6 am: 07 September 2014, 15:29:38 »
Ich habe so meine Schwierigkeiten mit dem Begriff Slapstick. ... Ich stimme Dir aber gerne zu, wenn Du in Kapitel 3 auch die Komik wiederfindest.

Lieber trippel,

ich finde nicht nur „auch“ die Komik wieder in K 3, für mich ist sie in der Tat das wesentliche Element in diesem Kapitel. Und zwar eine bestimmte Art von Komik, für die mir der Begriff „Slapstick“ durchaus passend erscheint. Ich will mich aber um den Begriff nicht streiten, ich hatte ihn eher intuitiv-vergleichend gewählt, nicht, weil er im analytisch-kategorialen Sinne das Kapitel erklärt. Dass er in literaturbezogenen Debatten „eigentlich“ (?) nichts zu suchen hätte bezweifle ich (vgl hier) - aber geschenkt, es wäre ein Streit um Kaisers Bart.

Auch werden in diesem Kapitel die Figuren nicht bloß weiter „überzeichnet“, vielmehr bedient sich JKR hier einer spezifischen Art der Überzeichnung. Wenn wir uns die mal etwas genauer anschauen finden wir im wesentlichen: einen auf 12 von 16 Seiten fast linear durcherzählten Handlungsstrang, in dem zwei Kontrahenten - Onkel Vernon und der unbekannte Absender der Briefe - sich eine absurde Schlacht um die Zustellung eines Briefes liefern. In diesem Kampf sind die Rollen klar verteilt, der unsichtbare Absender entpuppt sich als in jeder Hinsicht überlegen, und provoziert Onkel Vernon zu immer absurderen, verzweifelt ungeschickten Versuchen, die Zustellung zu verhindern. Das inszeniert JKR eben nicht als Psychodrama eines „furchteinflößenden“ Vernon, auch nicht als Tragödie des verzweifelt scheiternden, nein, sie inszeniert diesen Kampf als Komödie, und zwar nicht im Kleid eines geschliffenen Parlandos, vielmehr als deftiges Action-Spektakel. Das Spiel läuft ab wie eine Schlacht zwischen Tom & Jerry oder dem Roadrunner & Will E Coyote, bis in die lautmalerische Typografie hinein (ICH WILL MEINEN BRIEF - RUHE - AAAAAUUUUUH - RAUS - BUMM, BUMM.), d.h. ohne tieferes Psychologisieren, vielmehr körper- und gegenstandsbetont, action-lastig. Es ist die Situationskomik des Slapstick-Kinos, die hier erzählerisch in Szene gesetzt wird.

Eine Stelle gibt es allerdings, in der fügt JKR - für mich - der Figur Onkel Vernons ganz am Rande des Klamauks noch eine Facette hinzu, die man zwar erwarten konnte, die JKR aber so ganz nebenbei und ohne sie eigentlich in Worte zu fassen zeigt: zum autoritären, engstirnigen und despotischen Kleinbürger Vernon gehört auch der Opportunist, der - wenn er sich bedrängt fühlt - nach oben buckelt und nach unten tritt und hier mir nichts dir nichts schnell auch mal eben seinen heissgeliebten Sprössling Dudley verrät (weg ist das 2. Zimmer!).
« Letzte Änderung: 07 September 2014, 17:35:32 von Fabian »

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Re: VL2: J.K. Rowling; Harry Potter Bd.1 - Kapitel 3
« Antwort #7 am: 07 September 2014, 16:14:13 »
Dem kann ich mich anschließen.

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merin

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Re: VL2: J.K. Rowling; Harry Potter Bd.1 - Kapitel 3
« Antwort #8 am: 23 Oktober 2014, 19:24:08 »
Ich auch.

Ich liebe dieses Kapitel. Und zwar deshalb, weil, anders als im vorigen Kapitel, deutlich wird, dass JKL den Text nicht ernst nimmt. Hier kommt Humor ins Spiel, der sich für mich an Kleinigkeiten wie dem halben Bart Vernons, festmacht. Sie spitzt auf absurde Weise zu - und plötzlich werden Dudley und Harry Leidensgenossen. Man hat die Ahnung, dass sie sich zusammentun würden, wenn es lange so ginge.
Ich mag es auch, dass die Hilflosigkeit der Dursleys gezeigt wird. Und dass es wirklich spannend ist. Ich will nun endlich wissen, wie Harry zu seinem Brief kommt. Das ist mir viel wichtiger, als die Frage, was drin steht.

Trotzdem fallen mir die Logikfehler auf: Wenn die Briefe nicht per Post kommen und fliegen können - warum fliegen sie dann nicht durch Harrys Fenster, sobald er eins hat? Und wieso nun lehnen die Dursleys die Briefe so ab? Aber ich nehme JKL das nicht übel, weil der Text so vergnüglich ist.

Spannend finde ich die Frage, warum Harry an dieser Stelle ein eigenes Zimmer bekommt. Meine Interpretation ist, dass die Adresse auf dem ersten Brief Vernon deutlich macht, wie schäbig er den Jungen behandelt hat: Obwohl es zwei eigentlich freie Zimmer gibt, hat Harry keines erhalten. Und er will nicht als schäbig dastehen und gibt Harry daher ein "ordentliches" Zimmer. Nur: Wieso macht er das erst jetzt? Ich denke: Er hat Angst, weil er um die Macht der Briefeschreiber weiß. Und weil er weiß, dass sie wissen, was er tut.

PS: Mooncat wie kommst Du auf den Leuchtturm?
« Letzte Änderung: 23 Oktober 2014, 19:43:58 von merin »
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Ryek Darkener

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Re: VL2: J.K. Rowling; Harry Potter Bd.1 - Kapitel 3
« Antwort #9 am: 23 Oktober 2014, 19:49:04 »
Ich denke, bei solchen Szenen ist nicht mehr unterscheidbar, was sich die Autorin im Detail gedacht hat und wo das Kopfkino angesprungen ist. Die Szene entwickelt ein Eigenleben, abhängig davon wie der Leser gestrickt ist, ohne dabei die Handlung zu verlassen.
DSvU-4(5) "Wurzeln und Flügel (AT)": Plotten (demnächst;))
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Re: VL2: J.K. Rowling; Harry Potter Bd.1 - Kapitel 3
« Antwort #10 am: 24 Oktober 2014, 13:08:09 »
Ich sehe an dieser Stelle überhaupt keine Logikfehler bei den Briefen,
weil sie aus Hogwart kommen. Und wie das Postsystem dort funktioniert weiß ich nicht.
Auch nicht wie viel Intelligenz die fliegenden briefe haben. Oder wer auch immer.

Ganz im Gegenteil. Diese Abweichung von der Normaliltät oder besser gesagt
der nornalen Erwartung erhöht für mich nur den Reiz, die magische Welt, die sich
mir hier andeutet, endlich näher ennen zu lernen.

Liebe Grüße
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merin

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Re: VL2: J.K. Rowling; Harry Potter Bd.1 - Kapitel 3
« Antwort #11 am: 24 Oktober 2014, 15:47:25 »
Da kann man doch gleich sehen, dass auch Logik nicht immer logisch ist. Bzw. es unterschiedlich ist, was wer als logisch empfindet.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.