27 Juni 2019, 08:39:17

Autor Thema: Anrede-Problem im Fantasy-Setting  (Gelesen 502 mal)

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Oldlady

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Anrede-Problem im Fantasy-Setting
« am: 18 März 2019, 10:56:59 »
Hallo Teufelsschreiber,

bei meinem aktuellen Fantasy-Projekt habe ich ein Problem: Wie reden die Personen einander an? Bisher gab es bei mir nur ein schlichtes "du" bzw. "ihr". Aber inzwischen kommt es mir nicht mehr passend vor, wenn zum Beispiel ein Diener den König mit "du" anredet. Etwas schräg, wenn auch weniger schlimm, klingt es bei einem Händler, der mit einem reichen Kunden redet. 
Mein Setting ist von der Antike (Rom ums Jahr 0) inspiriert.
Stattdessen das für mich eher mittelalterlich klingende "Ihr" zu verwenden gefällt mir daher nicht recht,  und das moderne "Sie" geht für mein Gefühl gar nicht.

Bisher ist mir nur eingefallen, etwa bei der Anrede des Königs irgendeinen rituellen Zusatz zu verwenden (etwa, dass man ihn mit "großer Herrscher" anspricht. Und als Höflichkeitsform käme beim Händler dann der ständige Zusatz "Herr" in Frage, bei Frauen "verehrte Dame" oder so ähnlich. Dadurch würde aber eventuell eine arge Häufung dieser Wörter entstehen.

Wie würdet Ihr mit dem Problem Anrede umgehen?

Fabian

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Re: Anrede-Problem im Fantasy-Setting
« Antwort #1 am: 18 März 2019, 12:05:46 »
Wie würdet Ihr mit dem Problem Anrede umgehen?

Ich würde in ein paar historischen Romanen blättern (keine Trivialliteratur!), die in der Zeit spielen (z.B. Robert Harris' Cicero-Romane oder "Augustus" von John Williams) und schauen, wie die das gelöst haben.

"Weil niemand mehr Leonardo ist, können alle Leonardo werden ...
das Phantasma der Auserwähltheit Einzelner macht dem Phantasma der Selbstwahl aller Platz"

 (Jörg Scheller in der ZEIT, Nr 2/2019, S. 43)

Oldlady

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Re: Anrede-Problem im Fantasy-Setting
« Antwort #2 am: 18 März 2019, 15:14:36 »
Gute Idee! Robert Harris kenne ich, der ist wirklich gut!

merin

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Re: Anrede-Problem im Fantasy-Setting
« Antwort #3 am: 18 März 2019, 21:26:10 »
So würde ich es wohl auch machen. Ich nehme aber an, dass dann Ihr drin vorkommt. Was spricht denn dagegen?
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Oflinitrium

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Re: Anrede-Problem im Fantasy-Setting
« Antwort #4 am: 19 März 2019, 02:48:50 »
Ich würde es simpel halten und Dinge verwenden wie:
"Ja Meister" - Als Diener oder Schüler
"Aber sicher Meister Bowlen." Händler zu reichem/einflussreichen Kunden.

Für den Herrscher würde ich einfach "Majestät" benutzen immerhin kommt der Begriff aus dem Lateinischen und wurde (laut Wiki) seit Kaiser Tiberius (* 16. November 42 v. Chr. † 16. März 37 n. Chr.) angewandt.

In der Armee und Politik würde ich die jeweiligen Ränge auch als Anrede benutzen. Und diese gegebenenfalls ein wenig vereinfachen. Oder halt mit den Titeln deiner eigenen Armeehierachie. Aber wenn dann nur in tatsächlichen Dialogen und nicht beim erteilen oder befolgen von Befehlen in der Schlacht. Das klappt auch gut aus beiden Perspektiven. Wenn ich als Tribun den Legatus mit "wie lautet eure Strategie Legatus Linus?" anspreche zeige ich Respekt. Genauso umgekehrt als Legat "Kommt her und setzt euch Tribun Fabius.". Oder man benutzt es um daran zu erinnern, dass der Gegenüber unter einem steht. "Glaubt ihr es ist weise mit mir zu diskutieren, Tribun Fabius?"

Vom "du" würde ich weitstgehend absehen, wenn es sich nicht um Freunde oder Kumpane handelt. Ansehen und Respekt war damals extrem wertvoll und auch wenn es wahrscheinlich kein "du, Sie" Problem in der Sprache gab, so würde die Verwendung von "du" wahrscheinlich als ziemlich starke Respektsmissachtung und Ehrverletzung gelten. In beide Richtungen übrigens. Daher würde ich so viel wie möglich in der 3. person bleiben, während einem Dialog. Und ich würde mich hauptsächlich auf "ihr, euch, euer" stützen anstelle von "Sie".

Beispiel:
Zitat
"Das ist euer Problem mit dem ICH definitiv nichts zu tun haben will, Senator Gaius. Diese ganze Misere habt ihr euch selbst zuzuschreiben und wenn ihr glaubt ihr könntet mich mit auf euer sinkendes Schiff ziehen, so habt ihr euch geirrt!"
"Ihr müsst die letzten Wochen zuviel Zeit in eurem Bett verbracht haben, Senator Filius. Habt ihr nicht mitbekommen, dass die Senatoren Octavius und Arktorus bereit sind meine Idee zu unterstützen? Die Machtverhältnisse sind im Begriff sich zu ändern und ihr habt es nicht einmal mitbekommen. Ich bin bereit euch zuzugestehen, dass der Anfang meines Plans nicht ganz geklappt hat, aber wenn ihr mich nicht unterstützt so mag es euer eigenes Schiff sein, das zu sinken droht!"
(Abseits der direkten Wörtlichen Rede muss man natürlich nicht ständig den Titel vor den Namen setzen. Und wenn einer der beiden genannten Senatoren später mit einem guten Freund bei einem Fässchen Wein über die Auseinandersetzung und den Kontrahenten spricht kann man den Zusatz "Senator" auch weg lassen. A´la "Dieser Filius ist ein Volltrottel der nicht weiß, dass sein Kopf bald rollen wird.")

Anderes Beispiel:
Zitat
"Was fällt euch eigentlich ein hierher zu kommen, euch als Schuster zu verkaufen und anderen Leuten die Kunden streitig zu machen? Seid ihr wirklich so dumm oder hängt ihr nicht an eurem Leben?"

Ein kleiner Denkanstoß was die Wortwahl betrifft:
Im Englischen gibt es Anreden wie "Sir", "Misstress", "Madam", "Mylord", "Your Majesty", "Your Highness", "Sire" etc. Und mangels einem "Ihr" oder "Sie" hieß es immer "you". Ich glaube die meisten Silben überhaupt hat dabei das Wort "Majesty" mit 3. Alle anderen nur 1-2. Kombiniert mit dem vorigen "your" kommt man maximal auf 4 Silben. Und das ist gut so, weil es sich beim Lesen und sprechen nicht anfühlt als würde man versuchen eine Kartoffel auf einmal herunterzuschlucken ohne zu kauen. Mit diesem Hintergrund würde ich davon abraten allzu lange Versionen zu benutzen, vor allem wenn du noch ein "eure/euer" (2 Silben) davor setzt.

Desweiteren sollte die Anrede nicht zu plump wirken. "Großer Herrscher" passt höchstens zu einem Sklaven der gezwungen ist vor ihm zu knien. (Und dann würde ich eher "Oh großer Herrscher" sagen.) Auch weil dort die Schlichtheit der Worte angemessen ist zu der Schlichtheit des Geistes die man bei seinem Sklaven erwartet.

Im Umgang mit anderen, respektierten Mitgliedern in der Gesellschaft sollte die Anrede etwas schwülstiger sein aber kein Zungenbrecher. Bei deinem speziellen Fall muss ich auch daran denken, dass Herrscher um diese Zeit sich nicht selten als Götter bezeichneten. Entweder als Reinkarnation oder Originale. (Bitte um Korrektur, falls ich mich irre.) Vielleicht kannst du auch etwas kreative Energie daraus schöpfen.

Christopher Paolini hat in Eragon einen guten Job gemacht indem er mit seiner eigenen Sprache spielte. So wurden Drachenreiter Beispielsweise als "Argetlam" bezeichnet. (Übersetzt Silberhand, was Sinn ergibt da die erste Berührung mit seinem eigenen Drachen ein Silbernes Mahl auf der Hand hinterlässt.) Oder "Shur´tugal" (Drachenreiter)

Sein Drache Saphira wird manchmal "Bjartskular" (Schimmerschupe) genannt.

Es gibt noch einige Titulierungen mehr. Was aber auffällt: Sie kommen meist am Ende der wörtlichen Rede wie ein Anhängsel vor und ohne ein "ihr, euer" davor. Sie dienen als reine Respektsbekundung. Außerdem haben alle Titulierungen (auch die von mir nicht genannten) 3-4 Silben was ihnen einen Rhytmus ohne Unterbrechung gibt. Aber soweit ich mich erinnere (und sehe während ich durch das Vokabular zweier Bänder blättere) hat keine weniger als 3 oder mehr als 4 Silben. Bei Titeln die als Respektsbekundung dienen würde ich diese Regel anwenden damit sie sich nicht unvollständig oder überladen anfühlen.
« Letzte Änderung: 19 März 2019, 03:35:33 von Oflinitrium »
Die Werke die ich am meisten liebe, sind gleichzeitig die, die ich am meisten kritisiere. Im Grunde ist es so, dass eine ausführliche Kritik meinerseits auch eine Anerkennung und ein Glückwunsch ist, denn wenn es einfach nur schlecht wäre, würde ich mir gar keine Gedanken darüber machen.

Oldlady

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Re: Anrede-Problem im Fantasy-Setting
« Antwort #5 am: 21 März 2019, 12:53:00 »
Hallo merin,
Danke!  „Ihr“ ist wohl am einfachsten. Kleiner Schönheitsfehler: Für mich klingt es nach Mittelalter und nicht nach Antike. 
Ich bin noch unentschieden, wie ich es mache.

Oldlady

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Re: Anrede-Problem im Fantasy-Setting
« Antwort #6 am: 21 März 2019, 12:55:46 »
Hallo Ofli,

super, dass Du Dir so viele Gedanken gemacht hast! Danke für die Anregungen! :daaanke:

Zitat
Vom "du" würde ich weitstgehend absehen, wenn es sich nicht um Freunde oder Kumpane handelt. Ansehen und Respekt war damals extrem wertvoll und auch wenn es wahrscheinlich kein "du, Sie" Problem in der Sprache gab, so würde die Verwendung von "du" wahrscheinlich als ziemlich starke Respektsmissachtung und Ehrverletzung gelten.
Ja, das empfinde ich auch so. Heute und auf Deutsch  klingt  „Du“ gegenüber nicht nahestenden Menschen nach Respektlosigkeit.

Die englische Version der Anrede mit Titel gefällt mir nicht so gut, wenn man das aufs Deutsche überträgt. Ich finde zum Beispiel „Ihre Majestät“  eckig und etwas seltsam.

Ich schwanke noch, ob ich einfach zu „Ihr“ greifen soll oder doch lieber mit Titulierungen arbeiten soll in der Art, wie Du sie angeführt hast. Du hast sicher recht, dass sie kurz  sein müssen, aber das ist gar nicht so einfach. Ich denke noch drüber nach.

merin

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Re: Anrede-Problem im Fantasy-Setting
« Antwort #7 am: 21 März 2019, 13:57:13 »
Aber es müsste dann schon "Eure Majestät" heißen, denke ich. Oder "Ihre/Ihro Hoheit" oder "Euer/Eure Hoheit". Oder man spricht ihn in der dritten Person an: "Hat der Herr denn schon gespeist" und dann eben im Plural bei richtig hohen Tieren "Haben Eure Hoheit schon diniert?"
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Oldlady

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Re: Anrede-Problem im Fantasy-Setting
« Antwort #8 am: 21 März 2019, 18:10:32 »
Oh - natürlich "Eure Majestät". Die Anrede ist für mich total ungewohnt beim Schreiben...

Danke für die Hinweise!

Ryek Darkener

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Re: Anrede-Problem im Fantasy-Setting
« Antwort #9 am: 21 März 2019, 20:07:37 »
Das klingt auf jeden Fall erst einmal ungewöhnlich. Interessant wird es dann, wenn sich zwei hochgestellte Personen treffen, die sich noch nicht so gut kennen. Früher war nicht alles besser, aber vieles anders. :devgrin:
DSvU-4 "Wurzeln und Flügel (AT)": Plotten/Schreiben
DSvU-5 "StarTramp (AT)": Überarbeiten

kass

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Re: Anrede-Problem im Fantasy-Setting
« Antwort #10 am: 21 März 2019, 20:22:40 »
Ich persönlich finde immer besonders schön herablassend:
 
"Er möge sich entfernen!"

oder noch schlimmer:

"Es hat hier nichts verloren."

die dritte Person als Anrede kann echt schön fies sein. :)
Merkzettel für mich: Nicht ins Höllenfenster stellen!
(Experiment für Gedächtnistraining, Klappe 1)

Oflinitrium

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Re: Anrede-Problem im Fantasy-Setting
« Antwort #11 am: 21 März 2019, 23:13:24 »
Beides grandiose Beispiele kass. Vor allem das "es" fehlt mir häufig bei vielen Filmsynchronisationen.
z.B. bei Fluch der Karibik (dem ersten Film) fragt ziemlich am Anfang während dem Kampf in der Schmiede Jack warum Will so viel mit dem Schwert trainiert. Und Will antwortet:
"Ich trainiere drei Stunden täglich um einen Piraten, wenn ich ihm begegne töten zu können!"
viel schwächer als die englische Originalversion:
"I practice three hours a day so when I meet a pirate, I can kill it!"

Im englischen Original kommt durch das kleine aber feine Wörtchen "it" viel besser heraus wie abgrundtief Will Piraten hasst. Sie sind nicht einmal Menschen für ihn. Zu schade, dass die deutsche Sprache das häufig nicht so einfach hergibt wie die englische.

Die Werke die ich am meisten liebe, sind gleichzeitig die, die ich am meisten kritisiere. Im Grunde ist es so, dass eine ausführliche Kritik meinerseits auch eine Anerkennung und ein Glückwunsch ist, denn wenn es einfach nur schlecht wäre, würde ich mir gar keine Gedanken darüber machen.

Mondstern

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Re: Anrede-Problem im Fantasy-Setting
« Antwort #12 am: 22 März 2019, 00:52:15 »
Mein Setting ist von der Antike (Rom ums Jahr 0) inspiriert.

Die Bergkrimikönigin und etwas aus der Antike   8)

Auch wenn es nach heutigem Sprachgebrauch etwas seltsam klingt, sprachen sich diese Zeitgenossen tatsächlich mit "du" an. Wenn du authentisch sein willst, "musst" du das unbedingt beachten.
Bei höhergestellten Personen kommt ein Zusatz dazu. "Du willst mich sprechen, Herr?" Der Sklave, und damit niederste aller Menschen redet genauso wie der Prokonsul. Könige gab es in der Zeit nicht, wie der Kaiser angesprochen wurde, müsste man recherchieren. Domina und Dominus für Herr und Herrin - aber ich würde dann bei einem Begriff bleiben. Von „Heil dir, Diktator“ als anrede für Cesar) würde ich abraten.  :devgrin:

Bei Fantasie oder Mittelalter kommt dann durchaus das "Ihr, Euch" ins Spiel. Bei History-Romanen, würde ich die Form verwenden, die in der Epoche auch tatsächlich üblich war.

LG Mondstern  :lava:

Oldlady

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Re: Anrede-Problem im Fantasy-Setting
« Antwort #13 am: 22 März 2019, 14:15:19 »
Hallo Mondstern,

Vielen Dank für den Input!

Die Geschichte ist von der Kultur der Antike inspiriert, aber es handelt sich nicht um eine historische Story, es ist ein Fantasy.

Sieht so aus, als hätte ich die Möglichkeit "Ihr, Euch" ebenso wie das Du mit entsprechendem Zusatz bei hoch gestellten Personen.
Ich grüble immer noch.

Federhexe

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Re: Anrede-Problem im Fantasy-Setting
« Antwort #14 am: 19 Juni 2019, 20:08:46 »
Mmh... Ich würd' auf die Beziehung achten. Ich denke, dass die Figur ihre eigene Familie durch aus als "du" betiteln kann. Aber eine höhere Person bzw. eine fremde Person –, wie z.B. den König/Kaiser/etc. –, würd' ich schon als "ihr/euch" betiteln.