19 Januar 2021, 22:52:27

Autor Thema: VL1: Einleitung. Das Glasperlenspiel  (Gelesen 5034 mal)

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merin

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VL1: Einleitung. Das Glasperlenspiel
« am: 16 Januar 2014, 15:12:57 »
Der Roman beginnt mit einem kurzen lateinischen (?) Text, der dann ins Deutsche übersetzt wird und der mir zunächst völlig unverständlich erscheint. Ich werde versuchen, ob es mir nach dem Lesen der Einleitung anders geht damit...

Darauf folgt eine Einleitung, die fast wissenschaftlich anmutet und mir Wichtiges nahebringt nämlich
a) den Protagonist
b) das Setting und dessen zentrales Element: Das titelgebende Glasperlenspiel.

Für mich ist dabei der Grundkonflikt der, dass es um ein Kunstwerk (einen Roman) geht, in dessen Zentrum ein Individuum steht und das dieser Roman aber in einer fiktiven Welt entstanden ist, in der es weder Kunstwerke noch Individuen gibt. Es ergibt sich das Paradoxon eines Kunstwerks mit Prota, in einer Welt, in der weder Kunstwerke noch Protas existieren. Und das ist dann noch einmnal gebrochen dadurch, dass unsere reale Welt (also sowohl die, in der Hesse das schrieb, als auch die, in der ich das jetzt lese) sich nicht vorstellen kann, dass es weder Kunstwerke, noch Individuen gibt.
Somit macht die Einleitung mich als Leserin zwar mit Setting und Prota vertraut, sie macht aber vor allem ein philosophisches Feld auf, dessen zentrale Frage für mich als Spannungselement wirkt: Wie kann ich mir eine Welt denken, die Individualität und individuelles Kunstschaffen überwunden hat und in der Kunst (nämlich in Form des Glasperlenspiels) kollektiv erschaffen wird? Und wie geht es den individuellen Menschen in so einer Welt?

Spannend daran finde ich, dass die Spannung auf ganz untypische Art geschaffen wird. In den meisten Büchern passiert das über Identifizierung mit einem Prota. Aber von diesem erfahre ich in diesen 60 Seiten nichts, außer seinem Namen und seiner Funktion. Es gibt keinen Identifizierungsrahmen. Es gibt nur eine philosophisch anmutende Neugier. Ich finde, dass Hesse diese Neugier geschickt immer wieder füttert. So enthält die Einleitung die Information, dass sie in der Zukunft geschrieben worden sei, im Jahr 2400, und zurückblicke auf das, was wir heute Jetzt nennen. Und einige dieser Betrachtungen lassen uns schmunzeln, weil sie das als absurd benennen, was für uns normal ist: das Zeitungswesen z.B., von dem Hesse asl Autor auch ein Teil gewesen sein mag.
Und dann gibt es immer wieder Futter der Neugier, weil das Glasperlenspiel als etwas eingeführt wird, das auch für uns interessant und bereichernd wäre, würden wir es kennen und verstehen:
- es ist universal
- es beinhaltet alle Sprache, alle Theorie, alles Wissen
- es ist spirituell und wissenschaftlich
- es ist eine Geheimwissenschaft (au ja, spannend!)
- es ist Magie
- es hilft, die Musik von heute und die Klassiker zu verstehen
- es gbt einen neuen Blick usw.
Das heißt, uns wird quasi eine Erleuchtung verkauft. Und als Skeptikerin nehme ich das nicht ganz ernst und warte gespannt, wo der Bruch kommt.
Es gibt auch Futter für diese Skepsis: Zum Beispiel scheint das Spiel einen sehr rigiden Rahmen zu haben.

Wie macht Hesse das nun alles?

Sprache
Die Sprache ist dicht, das Lesetempo dadurch gering. Lange Sätze, stellenweise ein hohes Abstraktionsniveau und eine große Entfernung vom Prota wirken wissenschaftlich, distanziert, sezierend.

Perspektive
Tja, schwierig. Es gibt ein Ich, das erzählt. Aber wer ist der Erzähler? Wie kann ein Ich gedacht werden, in einer Welt ohne individuelle Identität? Hesse hat das gut gelöst, weil der Erzähler eine Hülle bleibt und weil er "wir" schreibt, und damit klar macht, dass er nicht als Individuum schreibt, sondern in der Funktion als Biograph, als Wissenschaftler, Historiker. Der Erzähler zieht sich in der Einleitung oft ganz weit hinter den Text zurück, er schaut gottähnlich auf die Geschichte des Glasperlenspiels, als wisse er die Wahrheit als solche. Was zwar absurd ist, uns aber so verkauft wird. Und dann doch wieder nicht: Es wird gebrochen durch allgemeine Überlegungen zur Geschichtsschreibung und den verwendeten Quellen mit deren Ungenauigkeit. Was aber hier nicht zuträfe, das sei alles genau und wahr. Tja, oder auch nicht.... ;)

Stil
Der Stil ist wissenschafltich anmutend. Es wird zitiert, aber komischerweise hat keines der Zitate eine eigene Stimme. Alle sind im gleichen Stil, irgendwie luzide, fast ätherisch, unkörperlich. Ich finde, dass die Namen diese Wirkung verstärken, denn es sind keine Namen, sondern Vignetten: Der Prota
Magister Ludi Josef Knecht
hat einen Namen der besteht aus
einem Titel (Magister Ludi = Spielmeister)
einer Namensvignette, einem männlichen biblischen Urnamen (Josef)
und einem Nachnamen, der Untertanentum, Dienen verdeutlicht (Knecht).
Und das ist ein bissel wie "ihre Hoheit die Dienerin": eine Brechung. Der Höchste ist Dienender. Und als solcher identitäts- und namenlos.

So. Und nun versuche ich mich nochmal an dem Zitat vor der Einleitung. Es ist also ein Zitat aus den Schriften des Protas, wie ich nun verstehe. Aber nicht nur das, es ist das Zitat eines Zitats. Knecht hat jemanden übersetzt und der behauptet, dass die Worte des Schriftstellers Magie besitzen. Dass "die Darstellung"  gewisser Dinge, "deren Existenz weder beweisbar noch wahrscheinlich ist" diese dadurch wahrscheinlicher werden und vielleicht sogar einmal existieren lässt, dass man sie so behandelt, als würden sie bereits existieren. Und genau das tut Hesse: Er behauptet, dass das Glasperlenspiel existiere, ja zentral sei. Und will uns nun hier am Anfang des Buches offenbar darauf hinweisen, dass wir nicht wissen können, ob es existiert oder existieren wird. Dass also Schreiben, so verstehe ich es, eine Art Glasperlenspiel sei: magisch, erschaffend, kreativ.
Na, wenn das mal nicht eine Steilvorlage für meine Neugier ist. :biggrin:

Edit: ich hab mal meine Fehler rausgemacht. Den einen Satz habe ich zumindest nicht mehr verstanden und musste ihn umschreiben.
« Letzte Änderung: 16 Januar 2014, 19:03:39 von merin »
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Viskey

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Re: VL1: Einleitung. Das Glasperlenspiel
« Antwort #1 am: 16 Januar 2014, 18:34:49 »
Wow, was für eine Vorlage ... :confused:


Bei mir blieb und bleibt: Nach der Einführung bin ich so klug  wie zuvor. Mein Fehler war vermutlich, dass ich ständig versucht habe, mir dieses Spiel vorzustellen, es zu durchschauen. - Wobei ich aus der Distanz heraus nicht einmal sicher bin, ob Hesse selbst eine Vorstellung davon hatte.

Was mich allerdings immer wieder erstaunte (und ängstigte), war die Gültigkeit, die Hesses Gesellschaftsbeschreibungen auch heute noch haben. - Hesse hält ja hier der Gesellschaft einen Spiegel vor, in der sich der Antisemitismus zu seiner stärksten Ausprägung hin entwickelt hat. Da bildet man sich ein, man hätte sich so viel weiterentwickelt seit den Nazis, wäre so viel besser als die Leute "damals". Und dann kommt einem dieser Hesse in den Weg, und ... tja, und irgendwie ist so vieles von dem, was er beschreibt, heute noch genauso. Und der Wunsch nach einer uniformen Welt, wo alles der Gesellschaft (also dem Gesellschaftssystem) untergeordnet wird ... Tja ... Ich frage mich da schon, was uns da demnächst an Schrecklichem ins Haus steht. - Der von Einstein geweissagte Dritte Weltkrieg? :glotz:


Noch ein paar Worte zur Sprache: Ja, sie ist dicht. Anfangs hatte ich echt Schwierigkeiten, da mitzukommen, weil ich es einfach nicht (mehr) gewöhnt bin, einen  Text zu lesen, wo jeder Satz voller Inhalt ist. Es gibt keine "Füllsel"-Sätze, die einfach nur ein Bindeglied darstellen zwischen zwei "informativen" Sätzen, damit sich das Zeug halt flüssiger liest. Nein. Jeder Satz enthält zumindest eine Information, die im Gesamtgefüge wichtig ist. Zumindest sind mir keine anderen Sätze untergekommen. ;)
"There is no such thing as bad work, just unfinished work." - Eric Idle

merin

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Re: VL1: Einleitung. Das Glasperlenspiel
« Antwort #2 am: 16 Januar 2014, 19:05:16 »
Stimmt, Füllsel ist nicht. Ausschmückung auch nicht. Ich habe manche Sätze mehrfach lesen müssen. Was sicher nicht nur damit zu tun hatte, dass ich im Wartezimmer saß und zwischendurch mit meiner Tochter gesprochen habe, die auf ihre Untersuchung wartete ... und wartete ... und wartete.... und schwupps war das Vorwort zu Ende.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Parzifal

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Re: VL1: Einleitung. Das Glasperlenspiel
« Antwort #3 am: 16 Januar 2014, 19:53:55 »
Hallo merin!

Deine Vorlage erklärt eine einigermaßen schwierige Sache (die es eigentlich gar nicht gibt) mit klaren Worten. Wow, mir geht es wie Viskey: Was für eine Vorlage. Dein Erläuterungstext liest sich, wie von einer Germanistik-Professorin geschrieben. Werde ihn bestimmt nochmal lesen, um mir die einzelnen Punkte (für mein eigenes Verständnis) einzuprägen.
Daumen hoch!  :applaus:

LG, Parzifal

Edit: Was mich an Hesses langen Sätzen fasziniert, ist, dass sie immer glasklar sind. Vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig für Leute, die nur aktuelle Literatur lesen und Asthmatikerprosa gewöhnt sind (kurzatmig) Wenn man sich aber an diese ausgreifenden Atemzüge eines Hesse gewöhnt hat, erkennt man die Klarheit und Präzision, mit der sie gebaut sind. Manchmal denke ich mir, dass die Menschen seiner Epoche doch noch mehr Zeit hatten. Die Autoren konnten sich die Zeit nehmen, lange Sätze zu schreiben. Und die Leser hatten diese Zeit vermutlich ebenfalls, sie auf sich wirken zu lassen.  ;) 
« Letzte Änderung: 16 Januar 2014, 20:19:25 von Parzifal »

Ryek Darkener

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Re: VL1: Einleitung. Das Glasperlenspiel
« Antwort #4 am: 16 Januar 2014, 20:25:15 »
Hallo merin!

Deine Vorlage erklärt eine einigermaßen schwierige Sache (die es eigentlich gar nicht gibt) mit klaren Worten. Wow, mir geht es wie Viskey: Was für eine Vorlage. Dein Erläuterungstext liest sich, wie von einer Germanistik-Professorin geschrieben. Werde ihn bestimmt nochmal lesen, um mir die einzelnen Punkte (für mein eigenes Verständnis) einzuprägen.
Daumen hoch!  :applaus:

LG, Parzifal

Dem "Daumen hoch" kann ich mich nur anschließen. Die sehr komplexe Einleitung wird von dir sehr gut verständlich zusammengefasst und  analysiert.

Vom Stil her glaube ich, dass heute so etwas wie das Glasperlenspiel nicht mehr geschrieben würde, weil es wohl nicht ausreichend oft verkaufbar wäre. Der Sprachstil ist auch nicht das, was ich üblicherweise lese, und die Einleitung ist außerdem ein gewaltiger Infodump, der einiges an Abstraktionsvermögen verlangt, um ihm folgen zu können. Trotzdem finde ich den Text, obwohl komplex, von der Sprache her einfach gehalten. Jeder, der sich die Mühe macht, den Gedankengängen zu folgen, kann ihn verstehen. Das ist, finde ich, eine erstaunliche Leistung. Der Text scheint auf eine folgende historische Analyse zu verweisen (weiter als zur Einleitung bin ich noch nicht gekommen). Und das Glasperlenspiel entzieht sich, obwohl mit vielen Worten beschrieben, trotzdem bisher einer konkreten Vorstellbarkeit. Alles findet auf einer Metaebene statt, die als Basis der Erzählung genommen wird, um, ausgehend von dieser, weiter zu abstrahieren. Der Erzähler entschuldigt sich ständig dafür, dass er auf den individuellen Bereich herunter muss, um sich dem lesenden Individuum verständlich zu machen. Denen, die das Glasperlenspiel nicht begreifen? Uns, den Lesern? Spannend.
Dazu kommt die erschreckende Aktualität vieler Gedanken des Berichtenden über eine vorgeblich überwundene Vergangenheit, die wir in vielen Zügen als unsere Gegenwart erkennen können. Was alles konkret getan werden musste, um das System zu erreichen, von dem uns berichtet wird, bleibt, bisher zumindest, in einen Mantel des Schweigens gehüllt. Irgendwo auch eine Geschichtsschreibung der Sieger? Es wird ja kein Zweifel daran gelassen, dass das aktuelle System gut und wahr und richtig ist, und dass es kein anderes geben kann. Die Gedanken des Erzählers erinnern mich hier an Eschers Treppe. :diablo:

Bin gespannt, wie es weitergeht.
DSvU-4(5) "Wurzeln und Flügel (AT)": Plotten (demnächst;))
Inspektor Mops 2020: Überarbeiten

Morwen

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Re: VL1: Einleitung. Das Glasperlenspiel
« Antwort #5 am: 16 Januar 2014, 21:11:24 »
Hallo merin,

ich bin wirklich sehr beeindruckt, was du da alles herausgearbeitet hast.

Was kann man dem noch hinzufügen? Vielleicht noch ein oder zwei Sätze zur Sprache? Durch das "wir" denke ich ständig, ich würde einen ziemlich alten Text lesen. Neben dem Grund, dass die Vermeidung des "Ichs" einfacht passt, weil Individualität verpönt ist, könnte ich mir vorstellen, dass auch dieser Effekt vielleicht gewollt ist. Es passt zu einer Welt, die die letzten Jahrhunderte am liebsten ignorieren will und in der weiter zurückliegenden Vergangenheit schwelgt.  Ansonsten wirkt die Sprache auf mich ziemlich modern. Es sind ein paar Begriffe dabei, die wir heute im Alltag so nicht mehr gebrauchen (z.B. "namentlich" im Sinne von insbesondere, vor allem), ich vermute aber, dass die zum Erscheinungszeitpunkt des Buches noch im normalen Gebrauch waren, da die restliche Wortwahl durchgängig modern ist.

Die Einleitung hat mich auch im besten Sinne des Wortes neugierig gemacht. Einerseits sind ( wie du ja auch schreibst) etliche philosophische Gedankengänge enthalten. Da erwarte/erhoffe ich bezüglich gewisser angerissener Themen auch im folgenden Text philosophischen Tiefgang. Daneben ist diese Spiegelung "unserer" Zeit natürlich oft schön ironisch auf den Punkt gebracht. Scharfsinnig beobachtet und scharfzüngig formuliert:
Zitat
Zeitweise besonders beliebt waren die Befragungen .., bei welchen man zum Beispiel ... beliebte Schauspieler, Tänzer, Turner, Flieger oder auch Dichter sich ...  über die mutmaßlichen Ursachen von Finanzkrisen und so weiter äußern ließ. Es kam dabei einzig darauf an, einen bekannten Namen mit einem gerade aktuellen Thema zusammenzubringen
War das schon vor 70 Jahren so?  :deveek: Also kann das Privatfernsehen zumindest in diesem Punkt doch nicht Schuld sein ...

Ich würde sagen, dass einiges in der Einleitung wahrscheinlich auch dazu dient, den Ich-Erzähler einzuführen. Hesse hat hier ja einen Erzähler, der ganz anders "sozialisiert" ist als wir, in den wir uns intuitiv nicht hineinversetzen können. Und statt nun den Erzähler aus "unserer" Sicht zu beschreiben, dreht Hesse den Spieß einfach um, und zeigt uns das Bild, das der Erzähler von uns hat.

@Parzifal: Deinem "edit" schließe ich mich voll an. Die Sätze sind zwar lang, aber sind nie zu verschachtelt und haben einen flüssigen Rhythmus, wodurch man sie auch angenehm laut lesen kann. Gefällt mir außerordentlich gut - insbesondere als Kontrast zur heutigen Mediensprache.

edit: Tippfehler
« Letzte Änderung: 16 Januar 2014, 21:47:25 von Morwen »

merin

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Re: VL1: Einleitung. Das Glasperlenspiel
« Antwort #6 am: 17 Januar 2014, 08:39:10 »
Da bin ich ja selbst beeindruckt davon, dass ihr findet, dass das so gut klingt. Und wäre gespannt, ob die "offiziellen" Textanalysen das ähnlich oder anders interpretieren. Nachher klingt das alles toll, ist aber völlig missverstanden. :diablo: :hehe:
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felis

  • Gast
Re: VL1: Einleitung. Das Glasperlenspiel
« Antwort #7 am: 17 Januar 2014, 12:06:45 »
Nachdem ich jetzt auch durch die Einleitung durch bin:

Sehr dichte Sprache - mir gings wie vielen hier. Ich musste gerade anfangs manche Sätze mehrfach lesen, kam aber immer besser rein.

Beim Lesen der Kritik der feuilletonistischen Gesellschaft, die die Einleitung ja enthält, hab ich mich gefragt, was Hesse wohl zu RTL und co. gesagt hätte.  :biggrin: Bedenkt man, dass in der Entstehungszeit des Glasperlenspiels noch Schreiber bis hin zum Range eines Tucholsky das Feuilleton dominiert haben, sind wir da in noch deutlich extremere Abgründe abgesunken. Insofern ist Hesses Kriitik an der Belanglosigkeit der Nachrichten geradezu prophetisch zu lesen.

Der Hook, den die Einleitung für mich enthält, ist natürlich die Frage, wie dieses alternative un-personalisierte Gesellschaftssystem funktionieren soll und natürlich auch, wie dieses Glasperlenspiel funktionieren soll.

Der Grundentwurf des Glasperlenspiels mutet mich allerdings als seltsam antiquiert und naiv an. Da wird behauptet, es sie eine universale mathematsich-logische Sprache, die es auch erlaubt, die Geisteswissenschaften und sogar die Künste abschließend formelmäßig zu beschreiben.

Antiquiert deswegen, weil Hesse das just in der Zeit schreibt, in der die Naturwissenschaften zu der Erkenntnis kommen, dass es keine abschließende Beschreibung aller naturwissenschaftlichen Vorgänge gibt und geben kann. (Die Heisenbergsche Unschärferelation ist 1927 entdeckt worden). Auf der Höhe der Erkenntnislage seiner Zeit war er also nicht.  ;)

Damit ist Hesses Grundannahme natürlich als unsinnig entlarvt,. Bin aber trotzdem neugierig, was er so daraus machen wird.
« Letzte Änderung: 17 Januar 2014, 12:12:40 von felis »

Parzifal

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Re: VL1: Einleitung. Das Glasperlenspiel
« Antwort #8 am: 17 Januar 2014, 13:05:17 »
Zitat
Antiquiert deswegen, weil Hesse das just in der Zeit schreibt, in der die Naturwissenschaften zu der Erkenntnis kommen, dass es keine abschließende Beschreibung aller naturwissenschaftlichen Vorgänge gibt und geben kann. (Die Heisenbergsche Unschärferelation ist 1927 entdeckt worden). Auf der Höhe der Erkenntnislage seiner Zeit war er also nicht. Damit ist Hesses Grundannahme natürlich als unsinnig entlarvt,. Bin aber trotzdem neugierig, was er so daraus machen wird.

Wobei man dazu sagen muss, dass Hesse aus einem philosophischen Blickwinkel argumentiert - er ist kein Wissenschaftler und will es vermutlich auch nicht sein. Sein Roman ist auch keine wissenschaftliche Dissertation, sondern eine fiktionale Geschichte - was ja Romane immer sind. Sein Grundthema ist auch nicht das Glasperlenspiel, das er auf irgendeine Art dann nach und nach erklären wird. Das hilft nur, Knechts geistige Welt zu beschreiben und (in etwa - ist ja eine Ansprache ans Volk) zu verstehen. Unterm Strich geht es um etwas anderes - aber ich will nicht vorgreifen, sonst hab ich in meinem Teil nichts mehr zu erzählen.  ;)

LG, Parzifal
« Letzte Änderung: 17 Januar 2014, 13:10:26 von Parzifal »

merin

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Re: VL1: Einleitung. Das Glasperlenspiel
« Antwort #9 am: 17 Januar 2014, 15:36:30 »
Ich finde diese Grundannahme auch hanebüchen, habe sie aber so verstanden, dass auch Hesse sie hanebüchen findet. Ich verstehe ihn so, dass das zu seinem philosophischen Experiment gehört: Wie würde sich eine Gesellschaft verhalten, die davon überzeugt ist, die Wahrheit zu kennen und ein System entwickelt zu haben, in dem sie vollumfänglich enthalten ist?
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Morwen

  • Gast
Re: VL1: Einleitung. Das Glasperlenspiel
« Antwort #10 am: 17 Januar 2014, 20:54:06 »
Da ich das Buch leider noch nicht zu Ende gelesen habe, habe ich eigentlich überhaupt noch keine Meinung, wohin Hesse mit dem Ganzen eigentlich will. Ich wäre aber ziemlich enttäuscht, wenn die "Schöne neue Welt" aus der Einleitung im Verlauf des Romans nicht ein paar dekorative Risse (gerne auch quer durch das Glasperlenspiel) bekäme.

Als Idee,  nicht als fertigen Automaten, finde ich die Grundidee des Glasperlenspiels aber alles andere als antiquiert. Hochrangige Wissenschaftler träumen ja auch heute wieder  einmal von einer "Weltformel", was heutzutage eben die Vereinigung der physikalischen Kräfte in einer gemeinsamen Theorie bedeutet. Wenn man die gar nicht so wenig verbreitete Meinung hinzu nimmt, dass die Geisteswissenschaften für die Erklärung der Welt verzichtbar sind, ist die "Theory of Everything" eine gute Basis für ein System (sicher nicht mit Glaskügelchen, aber heute benutzen wir für derartiges dann eben Computersimulationen) mit dem man (natürlich nur rein theoretisch) sämtliche Zusammenhänge im Universum durchspielen könnte.

Und dass man die Künste in Hesses Zukunftvision abschließend fomelmäßig beschreiben kann, liegt doch mit hoher Wahrscheinlichkeit auch daran, dass man den Status Quo vor Jahrhunderten eingefroren hat. Für eine endliche Menge von Kunstwerken kann man immer eine Formel finden. Das Problem mit Modellen ist ja, dass sie auch bei Vorhersagen, die die Zukunft betreffen, noch passen sollen. Und Zukunft ist ja, zumindest was die Künste betrifft, nicht länger vorgesehen. Und die Vergangenheit kann sich gegen geeignete Interpretationen nicht wehren.  :biggrin:



felis

  • Gast
Re: VL1: Einleitung. Das Glasperlenspiel
« Antwort #11 am: 18 Januar 2014, 19:33:41 »
Wobei man dazu sagen muss, dass Hesse aus einem philosophischen Blickwinkel argumentiert
Ähm - die Philosophie ist abrv schon auch eine Wissenschaft.  ;)

Zitat
er ist kein Wissenschaftler und will es vermutlich auch nicht sein.
Nein, ist er natürlich nicht.
Aber da schon das "Genre" der Utopien, zum dem as Galsperlenspiel ja gehört, eine gewisse philosophische Untermauerung benötigt, um über haupt zu funtionieren, gehe ich mal davon aus, dass Hesse da durchaus äu´ßerst gründlich recherchiert hat. (Wie übrigends auch im Bereich der mussik, wie ich so beim weiter lesen gemerkt habe. Da ersteht er echt ne Menge davon. Auch ohne akademischen Abschluss.  ;)

Als Idee,  nicht als fertigen Automaten, finde ich die Grundidee des Glasperlenspiels aber alles andere als antiquiert. Hochrangige Wissenschaftler träumen ja auch heute wieder  einmal von einer "Weltformel", was heutzutage eben die Vereinigung der physikalischen Kräfte in einer gemeinsamen Theorie bedeutet. Wenn man die gar nicht so wenig verbreitete Meinung hinzu nimmt, dass die Geisteswissenschaften für die Erklärung der Welt verzichtbar sind, i
@ Morven, ich gehe mal nicht davon aus, dass du jetzt ernsthaft diesem humbug von den "verzichtbsren" Geisteswissenschaften das Wort redest und ignoriere diesen Einwand.  ;)

Zitat
st die "Theory of Everything" eine gute Basis für ein System (sicher nicht mit Glaskügelchen, aber heute benutzen wir für derartiges dann eben Computersimulationen) mit dem man (natürlich nur rein theoretisch) sämtliche Zusammenhänge im Universum durchspielen könnte.

Als jemand der sich beruflich intensiv mit (CFD-)Simulationen befasst, muss ich dir leider sagen, dass du hier die Möglichkeiten von Computersimulationen maßlos überschätzt.

Ab einem gewissen Komplexitätsgrad ist ein System grundsätzlich nicht mehr berechenbar. Näheres hierzu findest du unter dem Schlagwort Chaostheorie. ;-)
Die Tatsache, dass komplexe chaotische Systeme zu spontanen Phasenübergängen neigen, in denen das gesamte System in einen komplett anderen Zustand "kippt", ist auch dafür verantwortlich, dass die Zukunft grundsätzlich niemals vorhersagbar ist. Das gilt nebenbei bemerkt auch, wenn solche Systeme "endlich" sind, als nix neues von außen mehr dazu kommt.

Zitat
Und die Vergangenheit kann sich gegen geeignete Interpretationen nicht wehren.  :biggrin:
Damit hast du allerdings recht.  :biggrin:

Morwen

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Re: VL1: Einleitung. Das Glasperlenspiel
« Antwort #12 am: 18 Januar 2014, 20:50:46 »
Hallo felis,

@ Morven, ich gehe mal nicht davon aus, dass du jetzt ernsthaft diesem humbug von den "verzichtbsren" Geisteswissenschaften das Wort redest und ignoriere diesen Einwand.  ;) 
Nein, das ist - natürlich - nicht meine Meinung, aber als Gedankenspiel finde ich solche Überlegungen ganz interessant. Die Idee dahinter ist ja nicht, dass die Geisteswissenschaften als solche verzichtbar wären, sondern dass es rein theoretisch für alles, was die Geisteswisenschaften erklären, eine tiefer liegende naturwissenschaftliche Erklärung gäbe. Die dann aber natürlich viel zu komplizert wäre, um irgendwie hilfreich oder gar anwendbar zu sein.

Zitat
Ab einem gewissen Komplexitätsgrad ist ein System grundsätzlich nicht mehr berechenbar. Näheres hierzu findest du unter dem Schlagwort Chaostheorie. ;-)
Ich schätze, da liegen wir gar nicht so weit auseinander. Ich setze nur "in Formeln darstellbar" und berechenbar nicht gleich. Spätestens mit der Quantenphysik ist der mechanistische Determinismus ja eh' futsch. Aber dafür gibt es dann ja Wahrscheinlichkeitsverteilungen. (Gott würfelt eben doch oder wie war das mit Schrödingers Katze?)

Wie du siehst, inhaltlich sind wir vermutlich gar nicht so weit voneinander entfernt. Ich halte ein Glasperlenspiel im Computer für ein interessantes Gedankenexperiment und die Sache deshalb nicht für antiquiert. Ich wollte ganz sicher nicht behaupten, dass so etwas heute möglich wäre. Ob es die "Theory of Everything" jemals geben wird, ist ja auch noch völlig unklar.

Liebe Grüße  :lava:
Morwen