24 Februar 2020, 12:42:53

Autor Thema: VL1: Das Glasperlenspiel, Kapitel 7: Im Amte  (Gelesen 4000 mal)

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Viskey

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VL1: Das Glasperlenspiel, Kapitel 7: Im Amte
« am: 22 März 2014, 23:46:25 »
Inhaltlich passiert in diesem Kapitel herzlich wenig, wenn man nur oberflächlich auf Handlung sieht.

Ins Amt gewählt wurde Josef ja schon im Kapitel davor. Jetzt sehen wir Josef Knecht dabei zu, wie er sich in die Rolle hineinfindet. Und da gibt es dann doch ein paar Stellen, die ich sehr interessant gefunden habe.

Interessant als erstes, so als allgemeiner Eindruck des Kapitels: Er fügt sich mal wieder bestens in die Rolle, die ihm zugedacht wurde. ABER zum ersten Mal tut er das nicht blind und allein auf seinen Instinkt vertrauend, sondern wohlüberlegt und sich seiner Situation bewusst. Das finde ich nach all dem Gary Stu, das mich beim Glasperlenspiel so nervt, echt erfrischend.


Als zweites liest sich "Im Amte" zum Teil wie eine Liebeserklärung an das Glasperlenspiel, das aber seinen Zenit bereits überschritten hat, wie wir hier erfahren. Die Welt - und selbst die Kastalier, wie es scheint - ist nicht mehr so fasziniert und beeindruckt, wie sie das einmal war. Trotzdem hält Knecht eine flammende Rede für das Spiel

Auch die Elite, die hier schon oft zur Diskussion gestanden ist ( ;) ), verteidigt er voller Leidenschaft. Beides scheint (nur noch?) rein zum Selbstzweck zu existieren, woran sich Knecht aber nicht stört. Im Gegenteil, er findet es gut. - Für ihn scheinen diese beiden Dinge - Glasperlenspiel und geistige/intellektuelle Elite - der Kern Kastaliens zu sein, das, was Kastalien ausmacht.

Und das finde ich tatsächlich gut. Endlich einmal bekennt sich Knecht zu etwas, offen und direkt, statt ewig herumzueiern und sich herumschieben zu lassen. - Wobei letzteres schon im Kapitel davor besser geworden ist.

Mir gefällt auch, dass hier eine Rede für den Selbstzweck gehalten wird. Ich finde es ermüdend, in der heutigen Zeit, dass alles einem bestimmten Zweck dienlich sein soll. Wie das damals war, als Hesse das geschrieben hat ... keine Ahnung, ob es damals auch schon so war. Da wissen andere vermutlich besser Bescheid. Ich finde diese Rede und das Befürworten des Selbstzwecks sehr befreiend.

Bedenklich finde ich dann allerdings wieder den Teil, wo sich Knecht immer jüngeren Schülern zuwendet, und sich Schüler wünscht mit
Zitat
... noch offeneren, bildsameren, erziehbareren Schülern

Warum das? Weil er seine eigenen Leute, die Kastalier, unbewusst leid ist? Oder will er sie möglichst früh "einfangen", um sie zum gleichen Leben heranzuziehen, das er führt? Wobei ich zu ersterer Interpretation tendiere, denn es heißt ja später, dass er von Gelehrten und Studierten umgeben und vom "einfachen Volk" ferngehalten wird.

Interessant auch, dass der alte Musikmeister offenbar den gleichen Wunsch hegte und - im Rahmen seiner Möglichkeiten - auslebte.


Und das ist natürlich der zweite, große Punkt, der dieses Kapitel ausmacht: Der alte Musikmeister. Der wird hier vom Großherzigen Gönner und Förderer noch einmal gesteigert, zum Verklärten, gar Heiligen. Da diese Entwicklung so lange und ausführlich vorbereitet wird,  gehe ich davon aus, dass sie sehr wichtig ist, weiß aber (noch) nicht, wofür. Da lass ich mich mal von den weiteren Kapiteln überraschen. :devgrin:


Und Tegularius rückt auch wieder in den Fokus, und zum ersten Mal bekommt er für mich auch ein Gesicht, eine Persönlichkeit. Und er tut mir leid. Weil er Knecht all diese guten Dinge zuschreibt, die lediglich Zufall waren. Und er lässt sich auch mit Freuden von Knecht einspannen, das Spiel für die jährliche Feier zu planen ... und für viele folgende ebenfalls. Und er begnügt sich mit dem Wissen, dass er daran beteiligt war. Für mich bis jetzt der sympathischste Typ im ganzen Buch.



« Letzte Änderung: 24 März 2014, 18:57:51 von merin »
"There is no such thing as bad work, just unfinished work." - Eric Idle

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Morwen

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel, Kapitel 8: Im Amte
« Antwort #1 am: 23 März 2014, 13:28:29 »
Schöne Zusammenfassung. Ich picke mir nur mal ein paar Aspekte heraus...

Es gibt ja einiges an "Originalzitaten" von Knecht. Dass sich die Zitate stilistisch nicht wirklich vom Erzähler abheben, wurde ja anderswo schon erwähnt (ist mir hier aber mal wieder stark aufgefallen). Wie Viskey finde ich es aber auch sehr interessant quasi von Knecht direkt zu erfahren, wie er den "Kern" Kastaliens definiert, z.B. auch hier:
Zitat
Der Geist unserer Provinz und unseres Ordens ist auf zwei Prinzipien gegründet: auf die Objektivität und Wahrheitsliebe im Studium, und auf die Pflege der meditativen Weisheit und Harmonie.
Das hört sich an wie der Entwurf eines Utopia, an dessen Idealen ich nichts auszusetzen habe. Im Gegenteil. Der "reinen, emotionslosen" Wissenschaft die Meditation zur "Erdung" hinzuzugeben, ist eine Idee Kastaliens, die mir richtig gut gefällt.

Dass Knecht sich offen und direkt zu dem Weg, den er da geht, bekennt, sehe ich zwar auch so. Aber ein "Hinterfragen" verbietet er sich dabei ja noch immer:
Zitat
Er war einen anderen Weg gegangen, vielmehr geführt worden, und es kam nur darauf an, diesen ihm zugewiesenen Weg gerade und treu zu gehen, nicht ihn mit den Wegen anderer zu vergleichen.
Nur ja nicht neben die Spur geraten, ja nicht einmal neben der vorgegebenen Spur denken.

Mit der "Verklärung" des Musikmeisters bekommt der Orden für mich endgültig einen quasi-religiösen Anstrich (das Wort "Heiliger" fällt ja mehrfach). Wobei ich jetzt zu wenig über Buddhismus, Taoismus, Shintoismus und andere fernöstliche Religionen weiß, um sagen zu können, ob diese Art von Erleuchtung sich dort irgendwo einordnen lässt, oder ob der kastalische Weg zur "Vergeistigung" etwas Singuläres ist.

Viskey

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel, Kapitel 8: Im Amte
« Antwort #2 am: 23 März 2014, 15:40:53 »
Dass Knecht sich offen und direkt zu dem Weg, den er da geht, bekennt, sehe ich zwar auch so. Aber ein "Hinterfragen" verbietet er sich dabei ja noch immer:
Zitat
Er war einen anderen Weg gegangen, vielmehr geführt worden, und es kam nur darauf an, diesen ihm zugewiesenen Weg gerade und treu zu gehen, nicht ihn mit den Wegen anderer zu vergleichen.
Nur ja nicht neben die Spur geraten, ja nicht einmal neben der vorgegebenen Spur denken.

Bis zu einem gewissen Grad gebe ich dir recht.

Trotzdem ist es hier zum ersten Mal Knecht selbst, der die Entscheidung trifft, nicht über Alternativen nachzudenken, sondern das Leben anzunehmen, das ihm da beschieden wurde, und es nach bestem Wissen und Gewissen auszufüllen. Es steht niemand über ihm - ist auch keiner mehr da -, der ihn in eine Richtung bugsiert. Knecht sieht die Alternativen zum Leben als Magister, sieht auch durchaus die Verführungen dieser Alternativen, entscheidet sich dann aber dagegen. Er hat die Wahl angenommen - er hätte sie auch ablehnen können (oder ist das nur meine bescheidene Interpretation des Systems?). Dadurch, dass er die Wahl angenommen hat, hat er auch die Verantwortung angenommen, die an dieser Position hängen. Und für mein Empfinden handelt Knecht hier zum ersten Mal selbstbestimmt.
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Morwen

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel, Kapitel 8: Im Amte
« Antwort #3 am: 23 März 2014, 17:49:03 »
Da widerspreche ich dir gar nicht. Es ist seine eigene Entscheidung "in der Spur" zu bleiben. Ich denke, dass es einer Art "Pflichtgefühl" entspringt, was aber nicht im Gegensatz dazu stehen muss, dass er diese Pflicht bewusst und in gewisser Hinsicht selbstbestimmt auf sich nimmt.

Dani

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel, Kapitel 8: Im Amte
« Antwort #4 am: 23 März 2014, 19:22:37 »
Zitat
Bedenklich finde ich dann allerdings wieder den Teil, wo sich Knecht immer jüngeren Schülern zuwendet, und sich Schüler wünscht mit
Zitat

    ... noch offeneren, bildsameren, erziehbareren Schülern


Warum das? Weil er seine eigenen Leute, die Kastalier, unbewusst leid ist? Oder will er sie möglichst früh "einfangen", um sie zum gleichen Leben heranzuziehen, das er führt? Wobei ich zu ersterer Interpretation tendiere, denn es heißt ja später, dass er von Gelehrten und Studierten umgeben und vom "einfachen Volk" ferngehalten wird.

Hast recht, Bedenklich!
Genau deshalb hat Hesse das so gemacht, glaube ich zumindest.
Immer mehr glaube ich das er versucht zu beschreiben, wie man in einen Sog hinein gerät, und dann irgendwann wenn man Begreift was da wirklich mit einem Geschieht nicht mehr heraus kann.
Ich glaube so wird das Ding enden.

Knecht wird in diesem Teil des Buches wohl vom verführten zum Verführer was diese von dir hervorgehobene Textzeile wohl aussagen mag.
er sucht sich die richtigen Opfer gezielt aus, die beeinflussbaren, gehorsamen, dienstlichen die, die einen Führer suchen...

Bedenklich? Oh ja! Hesse sendet hier vielleicht eine Bootschaft ein bisschen komplizierter als der Film "Die Welle" aber es klappt.

merin

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel, Kapitel 8: Im Amte
« Antwort #5 am: 24 März 2014, 18:53:52 »
Ich glaube, da steckt noch eine andere Bedeutung drin: Die Sehnsucht nach dem Menschlichen, Individuellen. Das sage ich aber erst jetzt, wo ich im letzten Kapitel der Handlung angekommen bin. Vorher habe ich das nicht gesehen. Aber von hinten betrachtet gibt es einen Strang, der dahin läuft, dass Knecht wieder Menschen begegnen möchte, nicht nur Kastaliern, denen das individuelle Menschsein abtrainiert wurde. Die Krux an der Sache ist, dass er den Menschen ja das Kastaliertum beibringen möchte - und sie damit tendentiell zu genau dem macht, das ihm am Ende des Buches das Genick bricht.

Die Idee, dass er nun in die Verührerposition gerät. gefäll tmir gut. Ja, so sehe ich das auch. Er wird nun zum Anführer und geht getreu seinen Weg.

Ich korrigiere mal die Kapitelnummer im ersten Post.
« Letzte Änderung: 24 März 2014, 18:57:42 von merin »
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Ryek Darkener

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel, Kapitel 8: Im Amte
« Antwort #6 am: 14 April 2014, 21:48:54 »
Zitat
Bedenklich finde ich dann allerdings wieder den Teil, wo sich Knecht immer jüngeren Schülern zuwendet, und sich Schüler wünscht mit
Zitat

    ... noch offeneren, bildsameren, erziehbareren Schülern


Warum das? Weil er seine eigenen Leute, die Kastalier, unbewusst leid ist? Oder will er sie möglichst früh "einfangen", um sie zum gleichen Leben heranzuziehen, das er führt? Wobei ich zu ersterer Interpretation tendiere, denn es heißt ja später, dass er von Gelehrten und Studierten umgeben und vom "einfachen Volk" ferngehalten wird.

Hast recht, Bedenklich!
Genau deshalb hat Hesse das so gemacht, glaube ich zumindest.
Immer mehr glaube ich das er versucht zu beschreiben, wie man in einen Sog hinein gerät, und dann irgendwann wenn man Begreift was da wirklich mit einem Geschieht nicht mehr heraus kann.
Ich glaube so wird das Ding enden.

Knecht wird in diesem Teil des Buches wohl vom verführten zum Verführer was diese von dir hervorgehobene Textzeile wohl aussagen mag.
er sucht sich die richtigen Opfer gezielt aus, die beeinflussbaren, gehorsamen, dienstlichen die, die einen Führer suchen...

Bedenklich? Oh ja! Hesse sendet hier vielleicht eine Bootschaft ein bisschen komplizierter als der Film "Die Welle" aber es klappt.

Ich würde diese Stelle anders interpretieren, teilweise jedenfalls. Auf der einen Seite hat Knecht ein Problem mit der lebensfrohen und gefährlichen Gesellschaft außerhalb Kastaliens, auf der anderen Seite bedauert er genauso, dass innerhalb Kastaliens sehr vieles so stark formalisiert ist,  dass der Sinn kaum noch hinterfragt wird. Er ist sich durchaus bewußt, das es nicht möglich sein kann, diese beiden Welten zu vereinen. Deshalb wünscht er sich eine Art von Schülern, die er, sehr idealisiert, zu Menschen zu erziehen sucht, die möglicherweise besser abwägen können als selbst er es konnte. Ja, es ist sein Ziel, diese Menschen nach seinen Vorstellungen zu formen, aber der selbst gestellte Anspruch ist auch für einen Knecht zu hoch. Ich finde, er gibt es indirekt sogar zu.

Im Endeffekt geht es hier, meiner Interpretation nach, darum, Menschen in die Lage zu versetzen, die 'richtigen Entscheidungen' treffen zu können. Ein Anspruch, der allein schon an der Natur des Menschen selbst scheitert, trotzdem jedoch zu allen Zeiten und in allen Kulturen der Anspruch der Lehrer an ihre eigene Arbeit ist. Oder?
DSvU-4 "Wurzeln und Flügel (AT)": Plotten/Schreiben
DSvU-5 "StarTramp (AT)": Überarbeiten

merin

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel, Kapitel 7: Im Amte
« Antwort #7 am: 15 April 2014, 18:18:20 »
Ja, da könnte was dran sein.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.