24 Februar 2020, 13:21:04

Autor Thema: VL1 Das Glasperlenspiel: Die Gedichte des Schülers und Studenten  (Gelesen 3187 mal)

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merin

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Dieses Kapitel ist ein (real ja nicht existierender) Teil des Nachlasses von Joseph Knecht. Auf alle 13 Gedichte einzugehen würde diesen Rahmen sicher sprengen, daher möchte ich nur einen Text auswählen, auf den sich der Erzähler schon im Text bezieht und dessen eine Zeile so berühmt geworden ist, dass sicher jede/r sie kennt: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne". Ich denke mal, dass ich nicht die Einzige bin, die erstaunt bemerkt, woher dieses bekannte Zitat stammt. Ich wusste, dass es von Hesse ist, aber dass es aus dem Glasperlenspiel ist, wusste ich nicht.
Wer das Buch nicht vorliegen hat, kann das Gedicht hier nachlesen: http://www.lyrikwelt.de/gedichte/hesseg1.htm

Eine kleine Recherche hilft da auch sofort, dieses Rätsel aufzuklären. Wikipedia verrät uns zum Text mit dem Titel "Stufen":

Zitat
Stufen ist der Titel eines der bekanntesten, philosophischen Gedichte von Hermann Hesse. Er schrieb das Gedicht am 4. Mai 1941 nach langer Krankheit; es trug ursprünglich den Namen Transzendieren.[

Zitat
In Hesses Roman Das Glasperlenspiel, erschienen 1943, wird das Gedicht im zweiten Teil „Josef Knechts hinterlassene Schriften“ im Kapitel „Die Gedichte des Schülers und Studenten“ wiedergegeben.

Es ist also im GPSp verwendet worden, aber isoliert entstanden. Spannenderweise hat auch Knecht angeblich vorher den anderen Titel gewählt und ihn dann geändert.

Zur Interpretation möchte ich nun nicht auf Wikipedia oder ähnliches zurückgreifen, sondern Euch meine (etwas flapsigen) Gedanken zum Text im Zusammenhang mit dem GPSp mitteilen:
Der erste Satz des Gedichts "Stufen" stellt die Behauptung auf, dass jede Tugend seine Zeit hat und dann vergehen müsse. Ich sehe das als Aussage über Knechts kastalische Zeit. Der nächste Satz bestätigt dies und fordert zum Loslassen ohne Trauer auf. Ich finde ihn, trotz der Weichheit der Sprache, sehr hart: Dass man sich Neuem stellen muss, ist ja unbenommen, aber warum Trauer verbieten? Ermöglicht nicht erst Trauer einen wirklichen Abschied? Dann kommt der berühmte Satz (spannend, ein Gedicht in vollen Sätzen): "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,/ Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben."
Offenbar gibt es danach einen Absatz, der in meiner Buchausgabe nicht deutlich ist, weil nach dem Satz ein Seitenumbruch ist. Das ist schade, denn dieser Satz ist auch für das Buch bedeutungsvoll: Knecht profitiert ja gerade nicht von diesem Zauber. Unbeschützt stirbt er, sobald er den Neuanfang gewagt hat.
Die nächsten zwei Sätze bringen ein Hochlied auf den Wandel: Man dürfe sich nicht einrichten, müsse fortschreiten und, wie man salopp sagen würde "gehen, wenn's am schönsten ist". Begründung: Sonst wird man schlaff, gelähmt, gewohnt. Ich weiß nicht so ganz, warum Hesse Gewöhnung so dämlich findet....
Im letzten Vers schließlich beschreibt Hesse auch den Tod als Übergang: Bezogen auf das GPSp ist das eine neue Interpretation von Knechts Sterben: Es ist nur ein neuerlicher Übergang und wird ihn vielleicht gesünder machen.

Insgesamt muss ich sagen, dass das der einzige Text in dieser Sammlung im GPSp ist, der mich anspricht. Ich finde, dass den Texten die lyriktypische Verdichtung fehlt und dass sie alle zu grandiosem Kitsch neigen, wenn ich das mal so unpietätvoll ausdrücken darf. Vielleicht finde ich zu den anderen Texten schwer Zugang, weil mir die üppige Sprache nicht liegt und auch das Esotherische darin mir fern ist. "Dienst" zum Beispiel ist ein Text, der im ersten Vers gleich mit folgenden Wörtern aufwartet: herrschten, frommen, Fürsten, weihen, Recht, Opfer, Maße, Geschlecht, Sterblichen, üben, dürsten. In nur vier Zeilen! Ich finde das pathetisch und steige aus, die restlichen vier Verse sind vor mir sicher oder anders: haben mich als Leserin verloren. Ich glaube, ich habe eine Pathosallergie. :hehe:

"Stufen" ist auch irgendwie pathetisch, aber es hat darüber hinaus einen Rhythmus, der mich anspricht, eine tiefere Wahrheit (die des Zaubers des Anfangs, den ich als Hoffnung übersetzen würde), etwas, das auch heute noch gilt. Und auch wenn ich inhaltlich nicht ganz mitgehe (erfahrungsgemäß schützt der Zauber des Anfangs nicht nur Knecht nicht), finde ich den Text bewegend und irgendwie schön. Wahrscheinlich ist es aber kein Zufall, dass von dem Text nur eine einzige Zeile (und auch nicht der ganze Satz) ins Allgemeingut übergegangen ist.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.