12 August 2020, 17:00:49

Autor Thema: im Osten geht die Sonne auf - vom Ende der 'dichterischen Freiheit'  (Gelesen 3196 mal)

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Uli

  • Gast
Egal, wie deine Welt beschaffen ist, die Sonne geht immer im Osten auf.
was einfach daran liegt, daß 'Osten' hergeleitet ist vom Angelsächischen 'eâst', was verwand (und wahrscheinlich gleichbedeutend) mit dem lateinischen  'Aurora' sowie dem griechischen 'Eos' (Morgen bzw Morgenröte). 'Osten bedeutet also schlicht 'Richtung, in der die Sonne aufgeht.
Eine Welt, in der die Leute die Richtung 'gen Sonnenuntergang' mit 'Osten' bezeichnen, wäre also ... außerordentlich seltsam. Oder schlicht von jemandem entworfen, der Wortbedeutungen ignoriert. Also ... falsch.

Man kann so ziemlich alles realisieren in einem Setting, aber es gibt ein paar Grenzen:
Dinge, die auf eine bestimmte Art funktionieren müssen immer auf genau diese Art funktionieren.
Und das gilt auch für Leute:
Jemand, dessen Charakter damit erklärt (und 'entschuldigt') wird, daß er an Kurzsichtigkeit leidet, kann einfach nicht 'mit scharfen Augen' jemanden als erstes erkennen (was in 'die Nebel von Avalon' passiert), nur, weil die Dramaturgie eines Dialoges das fordert.
Ebenfalls kann es nicht sein, daß ständig Nahrungsmittel herbeigezaubert werden, und später, ebenfalls aus dramaturgischen Gründen, die Herstellung von Nahrung durch Magie ausgeschlossen ist (Harry Potter)
Ebenfalls in HP wandelt sich das Geräusch beim Apparieren - vom 'leisen Plopp' zum 'lauten Knall' - und ebenfalls aus dramaturgischen Gründen

Und ganz grauenhaft ist 'der verschollene Zwilling', der zumeist aus 'dem unbekannten Geheimgang' hervorspringt, sobald die Sache völlig verfahren ist. Edgar Wallance bietet hier einiges auf.

Wir haben hier drei verschiedene No-Gos:
Das erste ist schlichtes Nicht-Kennen von Bedeutungen, zusammen mit den Trieb, ein Setting 'ungewöhnlich' zu gestalten. Sicher, ein fremder Planet kann den magnetischen Nordpol 'auf der anderen Seite' haben, schon recht: Ein irdischer Kompass würde also Ost und West 'vertauschen' - nur, ein Raumfahrer, der einen irdischen Kompass mit sich führt, weiß wenigstens, wie das Ding funktioniert und was es zeigt.

Das zweite ist ein banaler Fehler, der darauf beruht, daß man die eigenen  'Regeln 'nicht kennt - peinlich. Megapeinlich.  Wenn man irgendwas im Setting einbaut, sollte man wenigstens davon wissen!
(es ist insgesamt besser, Dinge gar nicht erst einzubauen, wenn man sie nicht zwingend benötigt. Oder das wenigstens erst bei der Überarbeitung zu tun)

Und das Dritte ...
Meine Güte! Das ist ein massiver handwerklicher Bock, geschossen wegen großen Defiziten im Plot. Eine billige Lösung, weil man sich an die Wand geschrieben hat und keine Lust oder kein Talent hat, die Sache ordentlich zu regeln.
Wenn man solche Elemente mag, dann bitte: Rechtzeitig einführen, nicht erst, wenn man sie benötigt!
(Natürlich darf man gerne diese Einführung unauffällig gestalten, das ist sogar gut - aber sie muss vorhanden sein)

Dichterische Freiheit ist wunderbar.
Aber das Wunder verliert an Glanz, wenn sie unbedacht eingesetzt wird und zur Beliebigkeit verkommt
« Letzte Änderung: 24 Oktober 2014, 12:54:53 von Uli »

Parzifal

  • Gast
Re: im Osten geht die Sonne auf - vom Ende der 'dichterischen Freiheit'
« Antwort #1 am: 24 Oktober 2014, 12:46:48 »
Zitat
Man kann so ziemlich alles realisieren in einem Setting, aber es gibt ein paar Grenzen:

Theoretisch (evtl. sogar praktisch) könnte man auch besagte Grenzen überschreiten, wenn man eine plausible (dem Leser einleuchtende) Erklärung dafür hat.  :klug:

LaHallia

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Re: im Osten geht die Sonne auf - vom Ende der 'dichterischen Freiheit'
« Antwort #2 am: 24 Oktober 2014, 15:52:58 »
Zitat
Und das Dritte ...
Meine Güte! Das ist ein massiver handwerklicher Bock, geschossen wegen großen Defiziten im Plot. Eine billige Lösung, weil man sich an die Wand geschrieben hat und keine Lust oder kein Talent hat, die Sache ordentlich zu regeln.
Wird meines Wissens auch "Deus Ex Machina" genannt.
Ich bin der Meinung, dass wenn man an einen Punkt kommt, an dem man so eine Methode benutzen muss, um etwas aufzulösen/weiterzukommen etc. stoppen, und seinen Plot nochmals durchgehen sollte.
Überarbeiten ist zwar lästig (manchmal auch richtig cool  8) ), aber die Geschichte wird es einem danken.
Sie müssen erzählerische Risiken eingehen. Vor allem aber: niemals versuchen, den anderen zu gefallen. Sie müssen so hoch zielen, dass Sie ganz tief fallen können. Dann vielleicht haben Sie Erfolg. (Frank Schätzing)

Uli

  • Gast
Re: im Osten geht die Sonne auf - vom Ende der 'dichterischen Freiheit'
« Antwort #3 am: 24 Oktober 2014, 18:56:24 »
OK ... der 'Gott aus der Maschine, das kommt ursprünglich vom Theater und bedeutet da (recht schlicht) daß ein Schauspieler (meist in der Rolle eines Gottes) mittels eines Tricks oder einer Vorrichtung auf ungewöhnlichem Wege in die Szene gebracht wird - also nicht aus den Kulissen reinstapft, sondern (z.B.) miteinem Flaschenzug von oben einschwebt.
Das Wort istin die Literatur übernommen worden und wird tatsächlich (und verfälscht ...) für eben solche Tricks verwendet. Wärend aber der Theater DeM ein dramaturgischer Kunstgriff ist, der lediglich ein gottgerechtes Auftreten ermöglichen soll, ist der Text-DeM eben ein 'hervorzaubern' vorher unerwähnter Mächte und Mittel.

Tja. Und Parzival, das stimmt natürlich: Was du gut begründen kannst, kannst du auch verwenden - damit überschreitest du diesen Rubikon nicht. Eben weil das dann allen Kriterien entspricht.