22 September 2023, 06:41:03

Autor Thema: Perspektive  (Gelesen 11146 mal)

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Beatrice

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Re: Perspektive
« Antwort #30 am: 16 April 2023, 22:58:59 »
Hallo liebe Federteufel, bitte verzeiht, wenn die Frage schonmal aufkam, aber die Beiträge hier sind ja schon etwas älter...was ust eure Meinung Erzählung aus der 1. Person, also der klassische Ich Erzähler? Ich finde ja, das man da näher am Charakter dran ist und ich kann innere Vorgänge da ernster nehmen. Es gibt aber auch Meinungen, die diese Perspektive strikt ablehnen. Wie ist bei euch da so das Stimmungsbild? Lg Bea

merin

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Re: Perspektive
« Antwort #31 am: 17 April 2023, 09:11:40 »
Ich liebe die erste Person als Perspektive. Ich verwende sie oft in Kurzgeschichten. Mein erster Roman (Das Geflecht) hat eine Ich-Hauptperspektive. In "Etomi", das ich gerade korrigiere, gibt es keine Ich-Perspektive. Im Geflecht wieder die Hauptperspektive. Das Projekt danach ("Headhunter") hat bislang nur eine Ich-Perspektive, die dann hoffentlich den gesamten Roman trägt. Das hat für mich und meine Protas den unschätzbaren Vorteil, dass ich bei genderqueeren Personen die Pronomenfrage nicht habe.

Letztlich ist es wohl so, dass es Leute gibt, die keine Texte in der ersten Person lesen mögen. Ich habe aber noch nie von jemandem gehört, der die dritte Person verweigert. Darum sind Texte in der dritten Person wohl prinzipiell besser verkäuflich. Aber für mich ist es wichtiger, was ich brauche, um den Text schreiben zu können. Reich werde ich vom Schreiben eh nicht.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht und was ich gern anders hätte.

diffusSchall

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Re: Perspektive
« Antwort #32 am: 17 April 2023, 13:24:43 »
Ich mag auch die 1. Person als Perspektive.
Dabei ergibt sich bei mir fast schon automatisch eine gewisse Lässigkeit im Stil, weil ich der Geschichte die Charakterfarbe des Protas deutlicher mitgeben kann.
Hier gibt´s im Rostfundus die Geschichte "Houston, wir haben ein Frettchen", wo ich das gemacht habe.

Mein aktuelles Novellenprojekt schreibe ich auch in der 1. Person. Das ist eine ziemliche Herausforderung, weil ich da eine Menge Schmerzbewältigung drin habe. Aber ich merke auch, dass es dabei hilft, ganz nah an der Prota zu sein. Weil das Thema genau das fordert.

Ich arbeite gerade den Plot für einen Future-Noir-Roman aus, der ganz wunderbar in der 1. Person funktionieren würde. Da habe ich mich aber noch nicht festgelegt, weil ich vor der Aufgabe einen ganzen Roman in dieser Perspektive zu schreiben Respekt habe. Aber da das bei der Novelle zur Zeit gut funktioniert...

LieGrü - Frank
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merin

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Re: Perspektive
« Antwort #33 am: 17 April 2023, 15:51:52 »
Was ich wichtig finde: Man kann auch in der 3. Person ganz nah am Prota sein. Und ich habe auch schon einige (meiner Meinung nach schlechte) Texte gelesen, in denen eine 1. Person-Perspektive nicht nah dran war. Die Ich-Perspektive hat natürlich den gravierenden Nachteil, dass man nichts erzählen kann, was die erzählende Person nicht weiß. Aber ich spiele ja sehr gern mit unzuverlässigen Erzähler*innen ...
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht und was ich gern anders hätte.

diffusSchall

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Re: Perspektive
« Antwort #34 am: 17 April 2023, 16:05:10 »
Die Ich-Perspektive hat natürlich den gravierenden Nachteil, dass man nichts erzählen kann, was die erzählende Person nicht weiß.

Ich sehe das gar nicht als Nachteil. Damit kann man ja ganz wunderbar Twists verstecken. Eben weil man leichter den Hasen aus dem Hut zaubern kann, ohne den Leser zu verlieren. Der/die Prota konnte es halt nicht wissen. Auch das schrittweise sichtbar machen von Fakten geht damit gut.
Man muss sich jedoch an die Regeln der Perspektive halten. Aber das muss man z.B. beim personalen Erzähler in der 3. Person auch.
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Viskey

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Re: Perspektive
« Antwort #35 am: 17 April 2023, 19:45:04 »
Ich lehne lediglich die Du-Perspektive ab. Ich will wirklich überhaupt gar nicht, dass jemand mich direkt anspricht.

Mein Problem mit der Ich-Perspektive ist ja, dass uns niemand so sehr belügt wie wir uns selbst. Von daher glaub ich mal gar nichts, was "ich" mir erzählt. Und wir stellen uns auch gern besser dar, als wir sind, verstecken unsere schlechteren Seiten. Also noch weniger Grund für mich, einem Ich-Erzähler zu glauben.


Ich verstehe auch nicht, wieso das "ich kann nur schreiben, was die Figur weiß" immer auf Ich-Perspektive beschränkt wird. Wenn ich in der 3. Person schreibe, beschreibend, was die gerade fühlt, wahrnimmt, denkt, sagt, kann ich auch nicht reinschreiben, was die perspektivtragende Figur nicht weiß. Das kann ich nur beim auktorialen Erzähler tun, den ich übrigens immer ein bisschen unheimlich finde.
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diffusSchall

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Re: Perspektive
« Antwort #36 am: 17 April 2023, 19:59:04 »
.
Ich verstehe auch nicht, wieso das "ich kann nur schreiben, was die Figur weiß" immer auf Ich-Perspektive beschränkt wird.

Immer?
Ich hab’s von Anfang an so gelernt, dass sich das beim personalen Erzähler in der 3. Person auch so gehört.
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Ryek Darkener

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Re: Perspektive
« Antwort #37 am: 18 April 2023, 20:29:10 »
Die Perspektive muss zu den Protas und zur erzählten Geschichte passen. Welche das ist, entscheide ich als Autor.
Die meisten Geschichten werden wohl aus externer Sicht erzählt, was dem Lesenden den – richtigen oder gewollt falschen – Eindruck verschaffen kann, den Überblick zu haben. Wenn ich hier in den Charakter hinein will, dann wird das oft beschreibende und erklärend. Was auch nicht jede|r lesen will.
Die Ich-Perspektive ist die persönlichste Form für eine Geschichte. Die Hauptperson oder auch die Nebenpersonen (wenn es mehrere Ich-Perspektiven gibt) zeigen sich, wie sie sich selbst fühlen. Auch hier ist Abstand möglich. Auf der anderen Seite sind in der Ich-Perspektive innere Monologe realistischer, als diese erzählt zu bekommen.

Man hat also die persönliche Qual der Wahl.  :diablo:
DSvU-4(5) "Wurzeln und Flügel (AT)": Plotten, Schreiben (demnächst;))

Viskey

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Re: Perspektive
« Antwort #38 am: 20 April 2023, 22:39:56 »
Ich hab’s von Anfang an so gelernt, dass sich das beim personalen Erzähler in der 3. Person auch so gehört.

Und genau so ist es auch. Trotzdem lese ich immer wieder Variationen von: "Ich-Perspektive mag ich (nicht), weil ich dann nur schreiben kann, was die weiß."
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merin

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Re: Perspektive
« Antwort #39 am: 21 April 2023, 08:41:52 »
Ja genau. Wobei es ja zwischen "streng personale Perspektive" und "auktoriale Perspektive mit Einblicken in die Personen" nicht so einen strikten Cut gibt. Mischformen sind zwar nicht leicht zu machen, ich bin aber doch schon einigen begegnet, die nicht ganz ungelungen waren. Meiner bescheidenen Meinung nach.  ;)
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht und was ich gern anders hätte.