24 July 2026, 01:11:05

Autor Thema: Arcadia - Anfang  (Gelesen 298 mal)

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jcl

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Arcadia - Anfang
« am: 22 September 2023, 12:23:23 »
Bei einigen Kapiteln bin ich mir unsicher, der Anfang ist eins davon. Er soll den Erzählstil und den Protagonisten vorstellen und den Leser in die Geschichte hineinziehen. Wenn die ersten Sätze nichts taugen, kann man große Verlage vergessen. Bitte nicht ins Höllenfenster.

Über Einsamkeit kann ich mich nicht beklagen. Gestern Abend hat mich der Henker in meiner Zelle aufgesucht, heute Morgen ein Dichter. Der Henker kam, um mir Trost zuzusprechen. Er habe den Prozess genau verfolgt, und er halte meine Schuld durchaus nicht für schwerwiegend. Er müsse am nächsten Tag zwar seine Plicht tun, nichts für ungut, Sir! Doch im Grunde seines Herzens - und dabei öffnete er tatsächlich sein Hemd und schlug sich auf die affenartig bepelzte Brust - sei er auf meiner Seite.
"Ich mache es Euch leicht, Sir", versicherte er mir. "Gebt mir zwei Pennies, und meine beiden Buben, Bill und Bob, werden sich morgen an Eure Beine hängen, sobald Ihr baumelt. Dann geht es ganz schnell. Kein elendes Zappeln und Strampeln. Ein Ruck, und Ihr seid im Himmel."
"Meine Geldmittel sind leider erschöpft."
Das letzte Geld hatte ich schon vor Wochen ausgegeben. Für die eigene Zelle und für das Privileg, meine Schuhe behalten zu dürfen. Zwischen diesen Mauern kann man alles erkaufen, außer der Freiheit.
"Schade. Aber Sir, wisst Ihr was? Ich sorge dafür, dass meine Buben es umsonst machen. Wir sind human in London."
Auch der Dichter will nur mein Bestes. Er hat politische Absichten. Aus meinem Fall soll die Öffentlichkeit lernen. Die Sündigen soll mein Schicksal warnen. Mit seiner, des Dichters, Hilfe würde ich somit die menschliche Gesellschaft voranbringen und mir Vergebung im Jenseits erwerben. Das erklärt er mir in aller Hast, denn schon sind draußen die Kommandos der Eskorte zu hören, die mich zum Hinrichtungsdock bringen soll. Der Dichter bittet, mich begleiten zu dürfen.
"Wenn es Euch gefällt, Sir", erwidere ich, "doch den Rückweg werdet Ihr, wie's aussieht, allein antreten müssen."
Getrampel auf der Treppe, dann wird die Zellentür aufgerissen. "Mr. Kreutzner, heraus! Es ist so weit."
Ein Abschiedsblick in die jämmerliche Zelle. Rußige Steinquadern, Rost an der Tür, auf dem Boden eine fleckige Decke, geliehen für einen halben Schilling. Nicht mein erster Kerker, aber wohl mein letzter, die letzte Station meines Lebens nach all diesen Irrfahrten. Nun geht es, von backenbärtigen Wächtern eskortiert, die Steintreppe empor ins kalte Morgenlicht. Der Dichter hält sich knapp hinter mir, als befürchte er, ich könnte ihm doch noch entwischen.
Mein letzter Morgen: Die Sonne ist gerade aufgegangen, doch schon sitzt sie hinter einer Nebelbank. Es nieselt. In der Luft hängt der Schwelgeruch von tausend Feuerstellen und Kaminen. Vor mir ragt London auf wie eine Festung. Ich sehe Wälle von Pfeilern, Säulen, Uhren und Glockentürmen, und darüber, weit entfernt und halb vom Dunst verschluckt, eine hohe kupferne Kuppel.
"Die neue Börse", sagt der Dichter, der meinem Blick gefolgt ist. "Verglichen mit den Piraten dort seid Ihr, Sir, mit Verlaub, nur ein kleiner Fisch." Sein Mantel ist geflickt, aber sauber, das Kinn scharf rasiert, die Perücke frisch gepudert und gekämmt. Perücken sind wie Masken, sie verleihen allen Gesichtern den gleichen Anschein von Bedeutsamkeit.
Mir werden von einem Schmied zwei Ketten angemessen. Diese sind gerade drei Fuß lang und verbinden Fußknöchel und Handgelenke über Kreuz, so dass ich meine Arme nur heben kann, wenn ich mich zugleich bücke. Bei der kleinsten Bewegung rasselt es erbärmlich. Auch neben mir klirrt und rasselt es, und ich sehe Mullins, den Iren, unseren früheren Bootsmann, und Thursday, den Wilden, den der Captain in Calli Quilon gekauft hatte. Beide sitzen auf der Lade eines hochrädrigen Karrens, der mit schwarzen Tüchern behängt ist. Also müssen wir wenigstens nicht zu Fuß gehen. Thursday blinzelt in den kalten Londoner Morgenhimmel, aus dem stetig der Regen fällt. Seine Augen tränen, er hustet und kauert sich dann auf der Ladefläche zusammen. Er verträgt unser Klima nicht, er versteht unsere Sprache nicht, und gewiss hat ihm auch niemand erklärt, wohin diese Fahrt geht.
Vor dem Karren steht ein dunkelgekleideter Mann und redet mit Mullins. Sein Gewand ähnelt dem meines Dichters. An den Blicken, mit denen die beiden sich jetzt mustern, sehe ich, dass sie sich weder unbekannt sind, noch sonderlich einander zugetan.
"Ein Aasgeier", sagt mein Dichter zu mir. "Mr. Robert Barrow. Im gleichen Geschäft tätig wie ich, doch ihm geht es nicht um die menschliche Gesellschaft. Ihm geht es nur ums Geld. Er wirbt mit Anzeigen in allen Londoner Zeitungen."
"Was für ein Geschäft ist das, Sir?"
"Hinrichtungsberichte", erwidert er freimütig. "Manche Delinquenten geben sich verstockt, wenn es so weit ist. Sie fluchen dem Tod oder lachen ihm frech ins Gesicht. Andere weinen wie die Kinder und vergeben Gott und der Welt, dass es allen das Herz wärmt. So etwas interessiert die Öffentlichkeit. So etwas kann einen Mann ernähren. Aber die Konkurrenz ist nicht gering."
Ich hatte mir schon gedacht, dass in dieser Stadt sogar der Tod ein Kapital ist. "Was meint Ihr, Sir, gewissermaßen als Fachmann, zu welcher Sorte ich zähle?"
"Das kann man nie im Voraus sagen. Wir werden es wissen, sobald Ihr auf der Leiter steht."
Ich habe stets versucht, der Philosophie des Marcus Aurelius zu folgen. Wenn man am Tod schon nichts ändern kann, dann wenigstens an der Art, wie man ihm begegnet. Deshalb stört mich die Anwesenheit des Dichters nicht. Ich will ruhig, aufrecht, ohne Winseln meinen Gang antreten. Darüber sollen getrost alle in der Zeitung lesen.
Jetzt hält ein zweiter Pferdekarren vor dem MarshalseaGefängnis. Der Wachoffizier komplimentiert mich hinauf. In das hölzerne Geländer des Karrens sind Eisenringe eingelassen, und an einem davon werden meine Ketten festgemacht. Der Dichter wechselt einige Worte mit dem Offizier. Dann lässt man ihn zu mir auf den Wagen.
"Wieviel werdet Ihr an mir verdienen?", frage ich ihn.
"An die zehn Pfund", erwidert er, "wenn Ihr am Galgen eine Rede haltet und laut bereut. Das steigert die Auflage. Sonst vielleicht sechs Pfund."
"Euer Name, Sir?"
"Daniel Defoe, zu Euren Diensten."
Ich höre Hufschlag und Kommandos. Die Soldaten nehmen vor und hinter den beiden Karren Aufstellung. Sie haben hier doppelt so viel Tombak und anderen Plunder an ihren Uniformen wie in den Kolonien. Der Zug formiert sich. Angeführt wird er von Sir Peter Floyer, dem feisten, rotgesichtigen Sheriff von London, den ich noch von der Gerichtsverhandlung her in übler Erinnerung habe. Neben ihm reitet Mr. Cheeke, der Marschall, der mich am Tag meiner Ankunft ins Gefängnis werfen ließ. Heute trägt er das Wahrzeichen der Admiralität, den Silbernen Riemen, und einen schwarzen Hut mit einem riesigen Federbusch, der freilich im Regen traurig herabhängt.
Der Dichter beginnt mich auszufragen, kaum dass der Karren losgerollt ist: "Bedauert Ihr nun Eure Taten?"
"Im Moment, Sir", sage ich wahrheitsgemäß, "bedauere ich vor allem, dass ich unseren Captain hier nicht sehe. Irgendwie kommt es mir nicht gerecht vor, dass er uns heute nicht Gesellschaft leistet."
Der Dichter zwinkert mir zu. "Dann wird Euch die Nachricht erfreuen, dass auch Mr. Kidd gerade in einem solchen Gefährt von Newgate zum Dock gebracht wird."
Also ist doch nicht eingetreten, womit ich die ganze Zeit gerechnet hatte - dass der Captain sich noch irgendwie aus der Schlinge winden konnte. Die Beziehungen zu Lords und zum Königshaus, deren er sich immer rühmte, haben ihm nicht geholfen. So wird auch mir das Sterben ein wenig leichter. Dass man ihn aber ausgerechnet in Newgate eingekerkert hatte, dem - wie ich gehört hatte - übelsten Gefängnis von London, viel schlimmer als das Marshalsea, das wundert mich doch.
Der Zug bewegt sich gemessen in Richtung Themse. Trotz der frühen Morgenstunde sind viele Menschen auf den Straßen. Von meiner erhöhten Position aus blicke ich auf weiße Hauben, schwarze Samthüte, Dreispitze, Topfmützen, Kapuzen, regennasse Perücken, grindige Haarschöpfe und Glatzen. Doch höre ich keine Rufe aus der Menge. Alle stehen nur stumm und gaffen uns an und wenden sich, kaum dass die Wagen an ihnen vorbeigerollt sind, wieder ihren Geschäften zu.
"Seht Ihr?", sagt mein Dichter. "Man will Euch rasch vergessen. Ihr habt getan, wovon diese guten Leute nur träumen. Immerhin einige Jahre lang habt ihr das Leben geführt, das ihnen nie vergönnt sein wird. Ein freies Leben auf der See, voller Abenteuer, Schätze und Reichtümer. Diese Leute hassen Euch nicht. Eher beneiden sie Euch. Und sehen Euch trotzdem gerne hängen, damit sie weiterleben können im Wissen, dass alles seinen gerechten Preis hat."
"Ihr solltet in Euren Bericht schreiben, dass es keinen Grund zum Neid gibt. Das Leben als Pirat ist anstrengend und der Gesundheit abträglich. Niemand will es lange führen. Und wie Ihr wisst, hat man bei keinem von uns nennenswerte Schätze oder Reichtümer gefunden."
Defoe aber lächelt mich listig an. "Von Mr. Kidd wurden 14.000 Pfund beschlagnahmt. Hatte er aber nicht fast 400.000 Pfund Beute gemacht?"
"Das ist gewiss weit übertrieben, Sir."
"Hat Mr. Kidd nicht auf seiner Rückreise eine einsame Insel angelaufen?"
"Seemannsgarn, Sir."
"Hieß es nicht, dass er der Mannschaft wissentlich die genaue Position verschwieg? Und dass er dort mit einigen Männern an Land gegangen ist, und schwere Kisten von Bord hat schaffen lassen? Und dass er dann nach Tagen allein zurückkam, ohne die Kisten, und ohne die Männer, von denen man nie mehr gehört hat? Nun frage ich Euch, Sir: Was ist auf dieser Insel passiert?"
"Die gleiche Geschichte habe ich schon vor Jahren in den Hafenschänken über Captain Avery gehört."
"Zwei Matrosen aus Mr. Kidds Mannschaft haben aber unter Eid von einer solchen Insel gesprochen."
"Geschwätz, um ihren Kopf zu retten. Bei Freibeutern wird alles gerecht geteilt. Glaubt Ihr, die Mannschaft hätte es zugelassen, dass ihre Schätze auf irgendwelchen Inseln vergraben werden? Oder hingenommen, dass Männer aus ihrer Mitte ermordet werden? Nein, Sir, es gibt keine Schatzinsel. Im Übrigen hat man den Captain nur für einen Mord verurteilt, an dem Waffenmeister Billy Moore, und das geschah auf hoher See. Das wisst Ihr sicher, wenn Ihr den Prozess verfolgt habt."
Aber Defoe verliert sein Lächeln nicht, und ich sehe, dass er sich eine feste Meinung gebildet hat, so wie alle anderen. Ich könnte ihm die Wahrheit erzählen, doch wozu? Es gibt eine Schatzinsel, aber nicht in der Art, die sich Defoe vorstellt. Und der Captain ist ein Mörder, aber nicht an Moore. Jetzt ist all dies ohnehin gleichgültig.
Wenn dich der Tod angrinst, grinse zurück. Aber nun steigt mir der Geruch der Themse in die Nase. Teer und Tang und Fäulnis, kein angenehmer Geruch, aber doch zusammenhängend mit dem Meer, und natürlich auch mit unserem Ziel, das Mr. Cheeke mir damals schon im Hafen gezeigt hatte, den Galgen am Dock von Wapping. Doch mir scheint es plötzlich zu früh. Ich hatte noch so vieles vor. Früher habe ich mich stets vor der Welt versteckt, aber dann sah ich Dinge, die wohl nur wenige Menschen zu Gesicht bekommen haben. Ich sah Feuerkugeln am Himmel über dem Atlantik. Sah die Insel Arcadia im Feuersturm untergehen. Sah brennende Schiffe, groß wie Paläste, im Meer versinken. All dies ist nun vorbei, all diese Bilder sind bald ausgelöscht.
Wir überqueren die Themse auf einer langen Brücke und rollen durch die Innenhöfe der Brückenhäuser, unter Wäscheleinen hindurch. Gassenjungen springen auf die Wagen. Sie lassen sich ein Stück mittragen, bis sie von den Soldaten verscheucht werden. Wie gerne würde ich jetzt mit einem von ihnen tauschen, würde zwischen ihnen in der Menge verschwinden und unter ihnen namenlos sein, ungekannt und unbedeutend. Doch meine Ketten trennen mich von ihnen.
Vor den letzten Brückenbögen drehen sich gewaltige Wasserräder. Ich kann nicht erkennen, welchem Zweck sie dienen, aber ihr Lärm erinnert mich an die Räder und die Maschinen in der Silbergrube. Die Erinnerung ist nicht angenehm. An jenem Ort habe ich schieres Grauen erlebt, und auch dort war ich eingesperrt gewesen, eingemauert vom eigenen Vater. So schließt sich jetzt der Kreis.
Am Nordufer kommt der Zug kurz ins Stocken. Ein alter Mann mit Holzbein - ein ehemaliger Pirat? - reicht mir von der Seite einen Becher hoch. Ich stürze den Inhalt hinunter: Rum, zwar nicht der beste, doch immerhin mein letzter Rum. Und mit dem Rum schlucke und würge ich auch all diese Gedanken an die Vergangenheit hinunter, an meine rasch verrinnende Zukunft und an all die unerfüllten Pläne. Ich stopfe mir diese Gedanken tief in den Schlund, denn ich will mir nicht meinen eigenen Tod verderben und nicht in Defoes Kolportage erwähnt werden als einer, der am Galgen zu flennen beginnt, Auflage hin oder her. Ich werfe den Becher zurück. Schon sind wir wieder in Bewegung und rollen aus den Gassen hinaus auf das Dock.

jcl

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #1 am: 30 September 2023, 13:05:04 »
Nanu? Ist der Text so genial, dass niemand was zum Rösten findet?

trillian

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #2 am: 02 October 2023, 08:02:28 »
Hi jcl,

keine Panik, wir finden immer etwas zu meckern   :biggrin:

Gelesen habe ich deinen Text bereits,  nur zum Kommentieren bin ich noch nicht gekommen. Das folgt hoffentlich in Kürze.  :)

LG trillian


merin

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #3 am: 02 October 2023, 18:43:34 »
Hiho,

hmm. Ich versuche, den Finger darauf zu legen, was mir da fehlt. Einerseits glaube ich, ich bin einfach nicht dein Zielpublikum. Ich mag weder historisierende, etwas weitschweifige Sprache, noch Piratengeschichten. Aber vielleicht kann ich trotzdem ein paar hilfreiche Hinweise geben:

Zitat
Über Einsamkeit kann ich mich nicht beklagen. Gestern Abend hat mich der Henker in meiner Zelle aufgesucht, heute Morgen ein Dichter. Der Henker kam, um mir Trost zuzusprechen. Er habe den Prozess genau verfolgt, und er halte meine Schuld durchaus nicht für schwerwiegend. Er müsse am nächsten Tag zwar seine Plicht tun, nichts für ungut, Sir! Doch im Grunde seines Herzens - und dabei öffnete er tatsächlich sein Hemd und schlug sich auf die affenartig bepelzte Brust - sei er auf meiner Seite.

Der Text schwankt, so wie ich ihn lese, zwischen Zynismus und Ernst. Mir ist das zu unentschieden, ich hätte lieber einen klareren Ton. Denn so bleibt Vieles irgendwie vage. Denn davor muss es ja in der Zelle eher einsam gewesen sein.
Außerdem verschenkst du mE ein bissel was durch diesen Anfang. Denn der erste Satz lenkt in die Irre. Es geht in dem Text nicht um Einsamkeit. Ich fände das hier wesentlich spannender als Anfang:

Zitat
Getrampel auf der Treppe, dann wird die Zellentür aufgerissen. "Mr. Kreutzner, heraus! Es ist so weit."
Ein Abschiedsblick in die jämmerliche Zelle. Rußige Steinquadern, Rost an der Tür, auf dem Boden eine fleckige Decke, geliehen für einen halben Schilling. Nicht mein erster Kerker, aber wohl mein letzter, die letzte Station meines Lebens nach all diesen Irrfahrten. Nun geht es, von backenbärtigen Wächtern eskortiert, die Steintreppe empor ins kalte Morgenlicht. Der Dichter hält sich knapp hinter mir, als befürchte er, ich könnte ihm doch noch entwischen.

Denn hier erfahre ich etwas darüber, wer er ist und wo er ist. So oder so hätte ich gern in den ersten Absätzen eine Idee vom zentralen Konflikt. Und die fehlt mir hier.

Soweit erstmal

LG
merin
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Leser*innenmeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht und was ich gern anders hätte.

jcl

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #4 am: 03 October 2023, 11:35:05 »
Danke! Das sind hilfreiche Hinweise. Dass ein Anfang mit einer unmittelbaren Szene spannender ist, kann ich nachvollziehen. Aber hier möchte ich mit dem Henker einsteigen. Denn den halte ich für interessanter als den Aufbruch aus der Zelle, der für den Leser nichts enthält, was dieser sich nicht ohnehin selbst vorstellen kann. Aber die ersten Sätze kann man sicher noch etwas konkreter gestalten.

merin

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #5 am: 03 October 2023, 16:26:42 »
Die Frage ist: Was ist der Punkt? Also worum geht es vom Gesamtkonzept des Buches her in dieser Szene?
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jcl

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #6 am: 03 October 2023, 19:38:53 »
Sie ist der Rahmen, das Buch beginnt und endet damit. Alles dazwischen wird im Rückblick erzählt.

merin

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #7 am: 03 October 2023, 20:30:15 »
Okay. Aber welche Funktion hat der Rahmen?

Ich frage mich, wieso du auf Strukturfragen zum Text so wenig antwortest und ob das vielleicht einfach nicht die Art ist, wie du über deine Texte nachdenken magst. Dann würde ich mich zukünftig zurückhalten. Wenn du diese Sorte Input doch magst, wären etwas weniger einsilbige Antworten nett. So habe ich das Gefühl, dir alles aus der Nase zu ziehen, und das macht keinen Spaß.
Daher: Was soll es sein auf dem Rost?
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jcl

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #8 am: 04 October 2023, 09:22:32 »
Ich mag jede Sorte Input, und du kannst ohne Scheu alles sagen, was dir zum Text ein- oder auffällt. Wir Autisten neigen zu einsilbigen Antworten, weil wir manchmal den Kontext außer Acht lassen - frag dann ruhig nach. In der Rahmenhandlung erzählt Richard kurz vor seiner Hinrichtung dem Journalisten Defoe seine Lebensgeschichte.  Diese bildet dann den Rest des Romans. Historische Romane benutzen oft einen solchen Rahmen, um Protagonisten, Inhalt und Stil - was du 'Zynismus und Ernst' genannt hast - dem Leser vorzustellen. Der chronologische Anfang ist dafür oft nicht geeignet, auch in diesem Fall, denn er hat nichts mit Piraten und Seefahrt zu tun, ist nur 'ernst', und der 15jährige Richard ist eine ganz andere Person.

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #9 am: 04 October 2023, 09:35:53 »
Okay, dann nerv ich dich weiter.  ;) Du hast nämlich meine Frage unzureichend beantwortet. Zumindest für mich. Du sagst, du brauchst den Rahmen, um deinen Prota vorzustellen. Aber wieso braucht es den? Wieso kannst du den Prota nicht einfach so vorstellen? Im klassischen Abenteuerroman ist dieser "zum-Tode-Verurteilt-Rahmen" oft ein Spannungselement, wir wollen wissen, ob der Prota doch noch irgendwie gerettet werden kann oder auch, ob er zu Recht verurteilt ist. Gibt es das hier auch?
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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #10 am: 04 October 2023, 13:28:49 »
Das gibt es hier natürlich auch. Aber ein Ich-Erzähler stellt sich ja nicht selbst vor. Zum Vorstellen dient eine Situation, in der er auf für ihn charakteristische Weise handelt oder, wie hier, reflektiert. Die habe ich nicht am chronologischen Beginn. Also muss ich eine solche Situation schaffen und vor den Beginn setzen. Daher, neben den anderen erwähnten Gründen, der Rahmen. Ich hoffe, dass die Frage damit beantwortet ist - falls nicht, frag einfach weiter.

Natascha

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #11 am: 04 November 2023, 09:50:58 »
Nanu? Ist der Text so genial, dass niemand was zum Rösten findet?

Dein Text ist schon sehr gut. Das ist aber nicht der Grund für meine Verspätung. Seit einigen Monaten bin ich woanders schwer beschäftigt.

Ich habe tatsächlich nichts an Deinem Text auszusetzen. Vielleicht darf ich einfach mal nur seine Stärken erwähnen:
Du pflegst einen feinen Humor. Der Text wirkt glaubwürdig durch spezifische Details, die Sprache und die dargelegte Verfassung des Verurteilten. Dadurch ist es leicht, Anteil zu nehmen. Es wird spannend erzählt, nicht nur, weil die Fallhöhe groß ist, sondern weil der Erzähler, der Verurteilte, mich durch seine Art interessiert. Er erzählt ja im Präsenz, nicht aus der Retrospektive. Dafür zeigt er verdammt viel Haltung und Umsicht. Manches Mal wird es sogar tiefsinnig (z.B. Neid der Leute, verschwenderische Endlichkeit des Lebens). Ein Hinweis weckt sogar noch Neugier auf mehr: Es gibt eine Schatzinsel, aber nicht in der Art, die sich Defoe vorstellt. Und der Captain ist ein Mörder, aber nicht an Moore. Auch die Mini-Rückblende zur Silbergrube mit dem Anknüpfungspunkt, der den Kreis schließt, finde ich gelungen.

Ich hoffe, Du bist jetzt nicht enttäuscht, dass ich nichts kritisieren mag.  ;)

Natascha
« Letzte Änderung: 04 November 2023, 09:53:22 von Natascha »
Der edelste Gebieter des Textröstens ist der Respekt gegenüber denen, die lesen, denn sie investieren Lebenszeit und Geld. Beides ist knapp.

jcl

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #12 am: 05 November 2023, 11:28:17 »
Danke für dein Feedback, Natascha! Wo es nichts auszusetzen gibt, kann man auch nichts verbessern, aber es freut mich sehr, dass dir der Text gefallen hat. Arcadia ist jetzt übrigens fertig. Es gibt noch einige Szenen im Roman, bei denen ich mir unsicher bin, darunter einer Folterszene, aber die poste ich hier besser nicht ;). Ich will als nächstes eine Agentur suchen, um das Manuskript an den Verlag zu bringen.

merin

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #13 am: 07 November 2023, 09:24:25 »
Hi jcl,

ich weiß, wenn ein Manu fertig ist, drängt es hinaus, aber ich würde dir raten, gut dran zu arbeiten, bevor du es unterbringst. Hattest du schon Probeleser*innen? Ich habe mir mein ersten Manuskript verbrannt, weil ich es zu früh angeboten hatte.

Es ist ein bissel schade, dass es hier bislang nur zwei Rückmeldungen gibt, ich finde es immer spannend, wie verschieden die Lesarten sind. In diesem Fall sind sie ja fast diametral gegensätzlich. Mal sehen, vielleicht meldet sich noch jemand.
Liebe Grüße
merin
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Natascha

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #14 am: 07 November 2023, 10:05:06 »
Die Rückmeldung von einigen gut ausgesuchten Menschen finde auch ich sinnvoll und habe damit interessante Erfahrungen gemacht. Der Umgang mit diesen Rückmeldungen sollte allerdings auch wohlüberlegt sein, denn es ist nicht möglich, es allen recht zu machen. Es stellt sich immer die Frage nach der Zielgruppe. Außerdem besteht auch die Gefahr der Verschlimmbesserung.

Da Du eine Agentur ansprechen möchtest, ist die Verbrennungsgefahr wohl etwas geringer, als wenn Du das Manuskript direkt an Verlage schicken würdest. Bei einem Roman würde ich immer auch ein Profilektorat in Erwägung ziehen, bevor ich ihn auf Reisen schicke. Die Verlage und sogar manche Agenturen geben zwar an, dass sie lektorieren würden, aber zum einen provozierst Du ja mit Deinem Manuskript einen Ersteindruck und zum anderen sind diese Lektorate oft nicht so intensiv wie es wünschenswert wäre.

Viele, die kein vorausgehendes Profilektorat nutzen, begründen dies damit, dass es viel Geld kostet (was zutrifft) und der Verlag ohnehin sämtliche zuvor geleistete Lektoratarbeit über den Haufen schmeißen würde (was nicht zwingend zutreffen muss).
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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #15 am: 07 November 2023, 10:38:11 »
Ich werde das Manuskript auf jeden Fall testlesen lassen und auch selbst nochmal drübergehen, bevor ich es rausschicke. Zuerst wollen Agenturen ja nur eine Leseprobe und das Exposé. Dann dauert es sicher Monate, bis ich eine Manuskriptanforderung bekomme, wenn überhaupt. Da ist für die Überarbeitung noch Zeit.

merin

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #16 am: 07 November 2023, 11:10:26 »
Die Rückmeldung von einigen gut ausgesuchten Menschen finde auch ich sinnvoll und habe damit interessante Erfahrungen gemacht. Der Umgang mit diesen Rückmeldungen sollte allerdings auch wohlüberlegt sein, denn es ist nicht möglich, es allen recht zu machen. Es stellt sich immer die Frage nach der Zielgruppe. Außerdem besteht auch die Gefahr der Verschlimmbesserung.

Das stimmt auf jeden Fall. Dazu könnten wir glatt mal einen eigenen Thread öffnen.

jcl ist das hier deine Erstfassung? Wann ein Text angeboten wird ist auch eine interessante Frage. Wir haben hier ja auch an anderer Stelle die Diskussion, ob man sogar Ideen pitcht und anbietet. Ich selbst gebe Texte erst nach mehreren Überarbeitungszyklen raus, aber Leute arbeiten ja sehr verschieden.
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trillian

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #17 am: 07 November 2023, 15:44:32 »
Hallo jcl,

hier noch meine Röstung. Ich muss zugeben, ich habe mich ein wenig drumrum gedrückt, weil ich nicht sicher bin, ob es dir wirklich weiterhilft oder dich eher verunsichert. Der Text ist ja bereits fertig, vom Stil her angelegt etc.. Aber schauen wir mal  :cheer: Ich schreibe jetzt hier einfach, was mir auffiel und du kannst es gerne verwerfen :devgrin:

Also dann: Mir gefällt deine Schreibe. Ich mag dieses lässig Humorvolle, aber ich frage mich, ob das zu einer Story dieses Genres passt? Allerdings fehlt mir hierzu komplett die Expertise.

Mir stellt sich sofort die Frage, was dein Zielpublikum ist und wie dessen Erwartungshaltung aussieht?

Evtl. ist Humor in Geschichten dieser Art aber gerade ein Alleinstellungsmerkmal, das mal erfrischend anders ist und mit dem du bei einer Agentur punkten kannst.

Du beginnst mit dem "Ende", kurz vor der Hinrichtung. Das ist ein Cliffhanger, der mich in die Geschichte zieht (und den Leser evtl. auch bis zum Schluss zum Weiterlesen animiert - mensch will ja schließlich wissen, ob der Prota vielleicht doch noch davonkommt ...), dazu kommt der mitfühlende Henker und der Dichter. Beides ist eher überraschend. Auch das gefällt mir gut.

Dass der Prota so locker damit umgeht, dass er nun bald hingerichtet wird, finde ich erstmal nicht glaubwürdig, allerdings bekommst du dann noch die Kurve und lässt ihn darüber sinnieren, was er alles noch vorhatte im Leben etc. Das würde ich vielleicht etwas früher einbauen.

Die Erwähnung von Daniel Defoe haut mich kurzzeitig aus dem Text, weil ich darüber nachdenke, ob das Buch von ihm handelt. Meine Aufmerksamkeit wandert dadurch erstmal weg vom Prota hin zum Schriftsteller.

Zitat
Ich könnte ihm die Wahrheit erzählen, doch wozu? Es gibt eine Schatzinsel, aber nicht in der Art, die sich Defoe vorstellt. Und der Captain ist ein Mörder, aber nicht an Moore. Jetzt ist all dies ohnehin gleichgültig.

Auch das macht mich neugierig auf den Rest der Geschichte. Ich würde hier aber den letzten Satz eher weglassen.

Insgesamt gefällt mir der Text. Er ist gut geschrieben, detailreich, aber nicht zu viel davon. Die Dialoge sind gut. Trotzdem bräuchte ich noch einen weiteren Hook, damit ich unbedingt wissen will, wie es weitergeht.

Ich hoffe, du kannst etwas damit anfangen. Ansonsten einfach ignorieren  :biggrin:

LG trillian








trillian

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #18 am: 07 November 2023, 15:50:14 »
Zitat
Das stimmt auf jeden Fall. Dazu könnten wir glatt mal einen eigenen Thread öffnen.

Stimmt  :hehe:  :biggrin:

jcl

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #19 am: 08 November 2023, 09:25:04 »
Danke für deine Röstung, trillian! Du hast einige interessante Fragen aufgeworfen.

Ich hatte mir ein internationales Zielpublikum vorgestellt und daher die Geschichte in angelsächsischem Stil erzählt, mit einer gewissen Distanz und einer Prise Humor. Die deutschen historischen Romane sind oft bierernst, voller 'großer Gefühle' und auf eine weibliche Leserschaft ausgelegt. Aber es geht auch anders, siehe Kehlmann, Süskind, oder Boetius. Der 'Goldstandard' für Seefahrtsromane ist Patrick O'Brian. Seine Texte sind voller feinem Humor und kleiner 'running gags'. Daran habe ich mich orientiert.

Defoe wollte ich einführen, weil an einigen Stellen in der Geschichte Anspielungen auf Defoes spätere Romane vorkommen.

Ich glaube nicht, dass Verunsicherung durch Manuskriptkritik ein Problem ist. Normalerweise pickt man sich aus der Kritik das heraus, das man nachvollziehen kann. Aber sogar wenn man mit der Kritik überhaupt nicht übereinstimmt, ist sie dennoch nützlich, denn sie lässt einen über den Text nachdenken und gibt einen Einblick, wie andere ihn lesen.
« Letzte Änderung: 08 November 2023, 09:29:00 von jcl »

Musawind

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #20 am: 11 September 2024, 15:56:31 »
Hallo Jcl,
Auch wenn ich wohl hoffnungslos zu spät bin (,Zitat: „Arcadia ist jetzt übrigens fertig.“),
möchte ich einige Gedanken zum Text mitteilen.

Grundsätzlich mag ich historische Romane. Auch bei deinem Text ging es mir so, dass ich mich gerne hineinziehen ließ. Durch die konkreten Beschreibungen (Beispiel: „Es nieselt. In der Luft hängt der Schwelgeruch von tausend Feuerstellen  und Kaminen. Vor mir ragt London auf wie eine Festung. Ich sehe Wälle  von Pfeilern, Säulen, Uhren und Glockentürmen, und darüber, weit  entfernt und halb vom Dunst verschluckt, eine hohe kupferne Kuppel.“) bekommen ich ein Puzzlestück ums andere und ein Bild entsteht, mit dem ich etwas anfangen kann.

Kritik:
Auch mir gefiel der Anfangssatz nicht (s. Merin).
Dieser Satz führt mich ins Kerkerleben des Prota und das bekommt aber dann im weiteren Text nicht das Gewicht, das Satz 1 mir suggeriert.
In deinem Rahmenbild wird, meiner Auffassung nach, der Gang zum Schaffot verhandelt, gespickt mit Seitenästen von Vor-und-Rückgriffen auf das Leben des Prota. Das hat alles wenig mit „Einsamkeit“ zu tun. Ich hätte gerne einen ersten Satz der mehr mit ihm zu tun hat. (Oder ist in seinem Leben Einsamkeit ein großes Thema und wir wissen es nur in der Einleitung noch nicht?)

Letzter Abschnitt / Zitat:
„Ein alter Mann mit Holzbein - ein ehemaliger Pirat? - reicht mir von der  Seite einen Becher hoch. Ich stürze den Inhalt hinunter: Rum, zwar  nicht der beste, doch immerhin mein letzter Rum. Und mit dem Rum  schlucke und würge ich auch all diese Gedanken an die Vergangenheit  hinunter,. . „
Hier ist für es mich nicht vorstellbar, dass ein Mensch,
   
Zitat: „Mir werden von einem Schmied zwei Ketten angemessen. Diese sind gerade  drei Fuß lang und verbinden Fußknöchel und Handgelenke über Kreuz, so  dass ich meine Arme nur heben kann, wenn ich mich zugleich bücke.“

der sich in so einer Bewegungsseinschränkung befindet überhaupt einen Becher von außerhalb des Gefährts annehmen und ihn dann so zum Mund kann, dass nicht alles wieder herausläuft.
Soweit nur zwei kleine Unstimmigkeiten, die mir beim ersten Lesen auffielen.

Obwohl ich den Text, wie oben schon erwähnt, gerne lesen mochte, fehlt mir in seiner Gesamtheit etwas, was ich nicht leicht benennen kann. Am besten umschreibe ich es mit:
Der Prota kommt für mich nicht so rüber, dass ich ihm sein abenteuerliches Draufgängerleben wirklich abnehmen will. Ich kann diesen Eindruck allerdings noch nicht erklären.

Soviel von mir
Und viel Glück bei der Suche nach einer Veröffentlichung!

Musawind


jcl

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #21 am: 11 September 2024, 18:32:32 »
Wow, nach langer Zeit wieder eine Email vom Teufelforum! Ich habe meine Kritikarbeit hier sträflich vernachlässigt. Danke für deine Röstung. Es ist interessant, dass nach 100 Testlesern und Lektoren immer wieder was Neues im Text entdeckt wird.

In der Druckfassung lautet der erste Satz etwas anders, aber dein Einwand bleibt dennoch korrekt. Mir ist nur kein besserer erster Satz eingefallen. Bei der Szene mit dem Rum hatte ich mir bildlich vorgestellt, wie er am Rand des Wagens kauert und mit der gefesselten Hand den Becher zum Mund führt. Aber Texte enthalten ja immer nur einen Bruchteil der Bilder, die man im Kopf hat. Ein Draufgänger ist Richard sicher nicht, den Eindruck wollte ich auch nicht erwecken.

Mit den Verlagen hatte ich Glück, vielleicht unverdient.

merin

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #22 am: 11 September 2024, 20:08:31 »
Wo ist das Buch denn erschienen? Vielleicht magst du es im Teufelswerke-Thread verlinken? (Oder hast du es schon verlinkt und ich hab es nur vergessen?)
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Leser*innenmeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht und was ich gern anders hätte.

jcl

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #23 am: 12 September 2024, 11:10:00 »
So viel Glück war es nun auch wieder nicht. 'Die Insel Arcadia' kommt erst 2025 heraus. Dieses Jahr war nichts mehr zu machen. Wenn es so weit ist, poste ich hier den Link. Dann kann ich auch den Verlag verraten. Ich hatte mehrere Angebote und habe mich erst kürzlich festgelegt.

Jetzt arbeite ich am Folgeband 'Utopia', den ich im Januar abliefern muss. Da könnte ich auch noch Hilfe gebrauchen. Ich will hier noch Abschnitte zur Röstung einstellen, bei denen ich mir unsicher bin. 

merin

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #24 am: 12 September 2024, 12:45:50 »
Oh. Mehrere Angebote? Das klingt für mich so, als seist du an DKZV geraten. Wenn du dich darüber austauschen magst, eröffne gern einen neuen Thread dazu. Ich habe damit (leider) einige Erfahrung, möchte dir aber auch nicht reinreden, wenn du dein Ding machen magst.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Leser*innenmeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht und was ich gern anders hätte.

jcl

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #25 am: 12 September 2024, 12:48:42 »
Keine Sorge. Ich habe keine Erfahrungen mit DKZV und auch nicht vor, welche zu machen.
« Letzte Änderung: 12 September 2024, 12:55:58 von jcl »

Haru

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #26 am: 16 February 2025, 19:01:32 »
Die erste Zeile ist ein Volltreffer – trocken, schwarzhumorig, macht sofort neugierig. Auch die Szene mit dem Henker ist großartig, dieser groteske Pragmatismus à la „Zwei Pennies für ein schnelles Ende“ ist makaber, aber auf eine coole Art. Man merkt sofort, dass der Erzähler sich einen gewissen Zynismus bewahrt hat. Bis hierhin also Daumen hoch.

Dann kommt der Dichter, und der ist… na ja. Klar, er hat eine Funktion: Er bringt diese gesellschaftskritische Ebene rein und gibt dem Protagonisten Gelegenheit, sich selbst einzuordnen. Aber sein Auftreten ist irgendwie weniger spannend als das des Henkers. Der Henker ist ein Original, der Dichter wirkt mehr wie eine Plotmaschine. Besonders die Stelle, wo er fast schon beiläufig sagt, dass die Öffentlichkeit aus diesem Fall lernen soll – das ist mir zu platt. Ein bisschen mehr Subtilität würde ihm guttun.

Die Beschreibung Londons finde ich super. Das Bild von der Stadt als düstere, neblige Festung voller Pfeiler und Türme – stark.

„Vor mir ragt London auf wie eine Festung. Ich sehe Wälle von Pfeilern, Säulen, Uhren und Glockentürmen, und darüber, weit entfernt und halb vom Dunst verschluckt, eine hohe kupferne Kuppel.“

Das gibt der Stadt etwas Monumentales, etwas Unausweichliches, fast wie ein Gefängnis, in dem alles und jeder gefangen ist.

Auch die Börse als Ort der wahren Piraterie – bissig, treffend. „Die neue Börse“, sagt der Dichter, der meinem Blick gefolgt ist.

„Verglichen mit den Piraten dort seid Ihr, Sir, mit Verlaub, nur ein kleiner Fisch.“

Das sitzt. Da wird die eigentliche Kriminalität nicht auf die Schiffe, sondern in die Handelszentren verlegt – ein cleverer Seitenhieb.

Dann die Stadtbevölkerung: eine Menge, die beobachtet, aber nichts sagt.

„Trotz der frühen Morgenstunde sind viele Menschen auf den Straßen. Von meiner erhöhten Position aus blicke ich auf weiße Hauben, schwarze Samthüte, Dreispitze, Topfmützen, Kapuzen, regennasse Perücken, grindige Haarschöpfe und Glatzen.“

Eine großartige Aufzählung, die die Masse als gesichtslose Kulisse zeigt – sie starren, dann gehen sie wieder. Keine Empörung, keine Rufe, nur eine schweigende Menge, die ihr Schauspiel sieht und dann zum Alltag zurückkehrt.

Zum Schluss noch eine Szene, die ich als besonders gelungen empfinde:

„Wir überqueren die Themse auf einer langen Brücke und rollen durch die Innenhöfe der Brückenhäuser, unter Wäscheleinen hindurch. Gassenjungen springen auf die Wagen. Sie lassen sich ein Stück mittragen, bis sie von den Soldaten verscheucht werden.“

Erst dieses winzige Aufblitzen von Leben, dann wieder die Ordnung, die es unterdrückt. London lässt einen kurz glauben, dass es noch Spielraum gibt – nur um einen dann sofort wieder daran zu erinnern, dass es in dieser Stadt keinen Platz für Freiheit gibt.

Der Schreibstil ist ohnehin durchgehend stark, mit tollen Formulierungen und einem guten Gespür für Atmosphäre. Die Stadt wird nicht einfach beschrieben, sondern spürbar gemacht – man riecht den Rauch, spürt das Kopfsteinpflaster, hört das Klappern der Karren. Sehr gut.

Was mir aber irgendwann fehlt, ist ein bisschen mehr Emotionalität von Kreutzner. Er ist sehr kontrolliert, sehr gefasst, beinahe unberührt davon, dass er gleich stirbt. Ein bisschen mehr Risse in dieser Fassade würden ihn glaubwürdiger machen.
Nicht, dass er plötzlich panisch werden soll, aber vielleicht eine Szene, in der ihm das Schicksal doch kurz zusetzt. Der Moment, in dem er Rum trinkt, geht in diese Richtung, aber das ist mehr eine symbolische Geste als ein wirklicher Gefühlsausbruch.

Dann kommt die große Enthüllung: Der Dichter ist Daniel Defoe. Netter Twist, funktioniert gut, weil es sich organisch in die Szene einfügt und nicht wie ein billiger „Aha“-Moment wirkt. Aber die Diskussion über Kidds Schatzinsel zieht sich ein bisschen. Ich verstehe, dass du hier mit dem Mythos spielst, aber es ist ein Tick zu viel Dialog. Die Pointe – dass Kreutzner selbst die Wahrheit kennt, sie aber niemandem mehr sagen wird – hätte ich mir kompakter gewünscht.

Unterm Strich: Richtig gelungener Einstieg mit toller Atmosphäre, bissigen Beobachtungen und einer Stadt, die man fast riechen kann. Der Erzähler hat Witz und Haltung, nur könnte er sich zwischendurch mal ein bisschen mehr anmerken lassen, dass er gleich stirbt. Der Dichter ist okay, aber halt kein Henker. Und die Schatzinsel-Debatte? Könnte knackiger sein. Aber insgesamt – bravo!!!

jcl

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #27 am: 18 February 2025, 16:54:27 »
Danke für die professionelle Einschätzung! Man merkt, dass du mit Texten Erfahrung hast. Es freut mich natürlich, wenn dir das Kapitel gefallen hat, zumindest in großen Teilen. Du hast auch einen wunden Punkt angesprochen, der sich leider auch durch den Rest des Romans zieht. Richard erscheint ziemlich distanziert und zeigt wenig Emotionen. Mir fällt es schwer, Emotionen zu beschreiben. Ich habe im zweiten Roman der Serie versucht, das besser zu machen. Der erste Teil erscheint am 21. September.
« Letzte Änderung: 18 February 2025, 16:59:19 von jcl »

Haru

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Re: Arcadia - Anfang
« Antwort #28 am: 21 February 2025, 18:15:29 »
Danke für deine Antwort.

Das mit der emotionalen Distanz deines Protagonisten hat mich an die Serie Die Brücke erinnert, in der die Hauptfigur, eine autistische Kommissarin, auch extrem emotionslos wirkt – fast wie ein Roboter.

Trotzdem ist sie eine total faszinierende Figur, weil man im Verlauf der Serie merkt, dass da unter der Oberfläche viel mehr los ist.

Vielleicht ist es bei Kreutzner ja ähnlich? Falls seine Distanz bewusst als Charakterzug gewählt ist, wäre es spannend, das auf subtile Weise spürbar zu machen – also kleine Momente, in denen sich doch mal etwas rührt, selbst wenn er es sofort wieder unterdrückt. Das würde ihn greifbarer machen.

Ich finde es auf jeden Fall interessant, dass du im zweiten Band bewusst an diesem Punkt gearbeitet hast. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt!