Bei einigen Kapiteln bin ich mir unsicher, der Anfang ist eins davon. Er soll den Erzählstil und den Protagonisten vorstellen und den Leser in die Geschichte hineinziehen. Wenn die ersten Sätze nichts taugen, kann man große Verlage vergessen. Bitte nicht ins Höllenfenster.
Über Einsamkeit kann ich mich nicht beklagen. Gestern Abend hat mich der Henker in meiner Zelle aufgesucht, heute Morgen ein Dichter. Der Henker kam, um mir Trost zuzusprechen. Er habe den Prozess genau verfolgt, und er halte meine Schuld durchaus nicht für schwerwiegend. Er müsse am nächsten Tag zwar seine Plicht tun, nichts für ungut, Sir! Doch im Grunde seines Herzens - und dabei öffnete er tatsächlich sein Hemd und schlug sich auf die affenartig bepelzte Brust - sei er auf meiner Seite.
"Ich mache es Euch leicht, Sir", versicherte er mir. "Gebt mir zwei Pennies, und meine beiden Buben, Bill und Bob, werden sich morgen an Eure Beine hängen, sobald Ihr baumelt. Dann geht es ganz schnell. Kein elendes Zappeln und Strampeln. Ein Ruck, und Ihr seid im Himmel."
"Meine Geldmittel sind leider erschöpft."
Das letzte Geld hatte ich schon vor Wochen ausgegeben. Für die eigene Zelle und für das Privileg, meine Schuhe behalten zu dürfen. Zwischen diesen Mauern kann man alles erkaufen, außer der Freiheit.
"Schade. Aber Sir, wisst Ihr was? Ich sorge dafür, dass meine Buben es umsonst machen. Wir sind human in London."
Auch der Dichter will nur mein Bestes. Er hat politische Absichten. Aus meinem Fall soll die Öffentlichkeit lernen. Die Sündigen soll mein Schicksal warnen. Mit seiner, des Dichters, Hilfe würde ich somit die menschliche Gesellschaft voranbringen und mir Vergebung im Jenseits erwerben. Das erklärt er mir in aller Hast, denn schon sind draußen die Kommandos der Eskorte zu hören, die mich zum Hinrichtungsdock bringen soll. Der Dichter bittet, mich begleiten zu dürfen.
"Wenn es Euch gefällt, Sir", erwidere ich, "doch den Rückweg werdet Ihr, wie's aussieht, allein antreten müssen."
Getrampel auf der Treppe, dann wird die Zellentür aufgerissen. "Mr. Kreutzner, heraus! Es ist so weit."
Ein Abschiedsblick in die jämmerliche Zelle. Rußige Steinquadern, Rost an der Tür, auf dem Boden eine fleckige Decke, geliehen für einen halben Schilling. Nicht mein erster Kerker, aber wohl mein letzter, die letzte Station meines Lebens nach all diesen Irrfahrten. Nun geht es, von backenbärtigen Wächtern eskortiert, die Steintreppe empor ins kalte Morgenlicht. Der Dichter hält sich knapp hinter mir, als befürchte er, ich könnte ihm doch noch entwischen.
Mein letzter Morgen: Die Sonne ist gerade aufgegangen, doch schon sitzt sie hinter einer Nebelbank. Es nieselt. In der Luft hängt der Schwelgeruch von tausend Feuerstellen und Kaminen. Vor mir ragt London auf wie eine Festung. Ich sehe Wälle von Pfeilern, Säulen, Uhren und Glockentürmen, und darüber, weit entfernt und halb vom Dunst verschluckt, eine hohe kupferne Kuppel.
"Die neue Börse", sagt der Dichter, der meinem Blick gefolgt ist. "Verglichen mit den Piraten dort seid Ihr, Sir, mit Verlaub, nur ein kleiner Fisch." Sein Mantel ist geflickt, aber sauber, das Kinn scharf rasiert, die Perücke frisch gepudert und gekämmt. Perücken sind wie Masken, sie verleihen allen Gesichtern den gleichen Anschein von Bedeutsamkeit.
Mir werden von einem Schmied zwei Ketten angemessen. Diese sind gerade drei Fuß lang und verbinden Fußknöchel und Handgelenke über Kreuz, so dass ich meine Arme nur heben kann, wenn ich mich zugleich bücke. Bei der kleinsten Bewegung rasselt es erbärmlich. Auch neben mir klirrt und rasselt es, und ich sehe Mullins, den Iren, unseren früheren Bootsmann, und Thursday, den Wilden, den der Captain in Calli Quilon gekauft hatte. Beide sitzen auf der Lade eines hochrädrigen Karrens, der mit schwarzen Tüchern behängt ist. Also müssen wir wenigstens nicht zu Fuß gehen. Thursday blinzelt in den kalten Londoner Morgenhimmel, aus dem stetig der Regen fällt. Seine Augen tränen, er hustet und kauert sich dann auf der Ladefläche zusammen. Er verträgt unser Klima nicht, er versteht unsere Sprache nicht, und gewiss hat ihm auch niemand erklärt, wohin diese Fahrt geht.
Vor dem Karren steht ein dunkelgekleideter Mann und redet mit Mullins. Sein Gewand ähnelt dem meines Dichters. An den Blicken, mit denen die beiden sich jetzt mustern, sehe ich, dass sie sich weder unbekannt sind, noch sonderlich einander zugetan.
"Ein Aasgeier", sagt mein Dichter zu mir. "Mr. Robert Barrow. Im gleichen Geschäft tätig wie ich, doch ihm geht es nicht um die menschliche Gesellschaft. Ihm geht es nur ums Geld. Er wirbt mit Anzeigen in allen Londoner Zeitungen."
"Was für ein Geschäft ist das, Sir?"
"Hinrichtungsberichte", erwidert er freimütig. "Manche Delinquenten geben sich verstockt, wenn es so weit ist. Sie fluchen dem Tod oder lachen ihm frech ins Gesicht. Andere weinen wie die Kinder und vergeben Gott und der Welt, dass es allen das Herz wärmt. So etwas interessiert die Öffentlichkeit. So etwas kann einen Mann ernähren. Aber die Konkurrenz ist nicht gering."
Ich hatte mir schon gedacht, dass in dieser Stadt sogar der Tod ein Kapital ist. "Was meint Ihr, Sir, gewissermaßen als Fachmann, zu welcher Sorte ich zähle?"
"Das kann man nie im Voraus sagen. Wir werden es wissen, sobald Ihr auf der Leiter steht."
Ich habe stets versucht, der Philosophie des Marcus Aurelius zu folgen. Wenn man am Tod schon nichts ändern kann, dann wenigstens an der Art, wie man ihm begegnet. Deshalb stört mich die Anwesenheit des Dichters nicht. Ich will ruhig, aufrecht, ohne Winseln meinen Gang antreten. Darüber sollen getrost alle in der Zeitung lesen.
Jetzt hält ein zweiter Pferdekarren vor dem MarshalseaGefängnis. Der Wachoffizier komplimentiert mich hinauf. In das hölzerne Geländer des Karrens sind Eisenringe eingelassen, und an einem davon werden meine Ketten festgemacht. Der Dichter wechselt einige Worte mit dem Offizier. Dann lässt man ihn zu mir auf den Wagen.
"Wieviel werdet Ihr an mir verdienen?", frage ich ihn.
"An die zehn Pfund", erwidert er, "wenn Ihr am Galgen eine Rede haltet und laut bereut. Das steigert die Auflage. Sonst vielleicht sechs Pfund."
"Euer Name, Sir?"
"Daniel Defoe, zu Euren Diensten."
Ich höre Hufschlag und Kommandos. Die Soldaten nehmen vor und hinter den beiden Karren Aufstellung. Sie haben hier doppelt so viel Tombak und anderen Plunder an ihren Uniformen wie in den Kolonien. Der Zug formiert sich. Angeführt wird er von Sir Peter Floyer, dem feisten, rotgesichtigen Sheriff von London, den ich noch von der Gerichtsverhandlung her in übler Erinnerung habe. Neben ihm reitet Mr. Cheeke, der Marschall, der mich am Tag meiner Ankunft ins Gefängnis werfen ließ. Heute trägt er das Wahrzeichen der Admiralität, den Silbernen Riemen, und einen schwarzen Hut mit einem riesigen Federbusch, der freilich im Regen traurig herabhängt.
Der Dichter beginnt mich auszufragen, kaum dass der Karren losgerollt ist: "Bedauert Ihr nun Eure Taten?"
"Im Moment, Sir", sage ich wahrheitsgemäß, "bedauere ich vor allem, dass ich unseren Captain hier nicht sehe. Irgendwie kommt es mir nicht gerecht vor, dass er uns heute nicht Gesellschaft leistet."
Der Dichter zwinkert mir zu. "Dann wird Euch die Nachricht erfreuen, dass auch Mr. Kidd gerade in einem solchen Gefährt von Newgate zum Dock gebracht wird."
Also ist doch nicht eingetreten, womit ich die ganze Zeit gerechnet hatte - dass der Captain sich noch irgendwie aus der Schlinge winden konnte. Die Beziehungen zu Lords und zum Königshaus, deren er sich immer rühmte, haben ihm nicht geholfen. So wird auch mir das Sterben ein wenig leichter. Dass man ihn aber ausgerechnet in Newgate eingekerkert hatte, dem - wie ich gehört hatte - übelsten Gefängnis von London, viel schlimmer als das Marshalsea, das wundert mich doch.
Der Zug bewegt sich gemessen in Richtung Themse. Trotz der frühen Morgenstunde sind viele Menschen auf den Straßen. Von meiner erhöhten Position aus blicke ich auf weiße Hauben, schwarze Samthüte, Dreispitze, Topfmützen, Kapuzen, regennasse Perücken, grindige Haarschöpfe und Glatzen. Doch höre ich keine Rufe aus der Menge. Alle stehen nur stumm und gaffen uns an und wenden sich, kaum dass die Wagen an ihnen vorbeigerollt sind, wieder ihren Geschäften zu.
"Seht Ihr?", sagt mein Dichter. "Man will Euch rasch vergessen. Ihr habt getan, wovon diese guten Leute nur träumen. Immerhin einige Jahre lang habt ihr das Leben geführt, das ihnen nie vergönnt sein wird. Ein freies Leben auf der See, voller Abenteuer, Schätze und Reichtümer. Diese Leute hassen Euch nicht. Eher beneiden sie Euch. Und sehen Euch trotzdem gerne hängen, damit sie weiterleben können im Wissen, dass alles seinen gerechten Preis hat."
"Ihr solltet in Euren Bericht schreiben, dass es keinen Grund zum Neid gibt. Das Leben als Pirat ist anstrengend und der Gesundheit abträglich. Niemand will es lange führen. Und wie Ihr wisst, hat man bei keinem von uns nennenswerte Schätze oder Reichtümer gefunden."
Defoe aber lächelt mich listig an. "Von Mr. Kidd wurden 14.000 Pfund beschlagnahmt. Hatte er aber nicht fast 400.000 Pfund Beute gemacht?"
"Das ist gewiss weit übertrieben, Sir."
"Hat Mr. Kidd nicht auf seiner Rückreise eine einsame Insel angelaufen?"
"Seemannsgarn, Sir."
"Hieß es nicht, dass er der Mannschaft wissentlich die genaue Position verschwieg? Und dass er dort mit einigen Männern an Land gegangen ist, und schwere Kisten von Bord hat schaffen lassen? Und dass er dann nach Tagen allein zurückkam, ohne die Kisten, und ohne die Männer, von denen man nie mehr gehört hat? Nun frage ich Euch, Sir: Was ist auf dieser Insel passiert?"
"Die gleiche Geschichte habe ich schon vor Jahren in den Hafenschänken über Captain Avery gehört."
"Zwei Matrosen aus Mr. Kidds Mannschaft haben aber unter Eid von einer solchen Insel gesprochen."
"Geschwätz, um ihren Kopf zu retten. Bei Freibeutern wird alles gerecht geteilt. Glaubt Ihr, die Mannschaft hätte es zugelassen, dass ihre Schätze auf irgendwelchen Inseln vergraben werden? Oder hingenommen, dass Männer aus ihrer Mitte ermordet werden? Nein, Sir, es gibt keine Schatzinsel. Im Übrigen hat man den Captain nur für einen Mord verurteilt, an dem Waffenmeister Billy Moore, und das geschah auf hoher See. Das wisst Ihr sicher, wenn Ihr den Prozess verfolgt habt."
Aber Defoe verliert sein Lächeln nicht, und ich sehe, dass er sich eine feste Meinung gebildet hat, so wie alle anderen. Ich könnte ihm die Wahrheit erzählen, doch wozu? Es gibt eine Schatzinsel, aber nicht in der Art, die sich Defoe vorstellt. Und der Captain ist ein Mörder, aber nicht an Moore. Jetzt ist all dies ohnehin gleichgültig.
Wenn dich der Tod angrinst, grinse zurück. Aber nun steigt mir der Geruch der Themse in die Nase. Teer und Tang und Fäulnis, kein angenehmer Geruch, aber doch zusammenhängend mit dem Meer, und natürlich auch mit unserem Ziel, das Mr. Cheeke mir damals schon im Hafen gezeigt hatte, den Galgen am Dock von Wapping. Doch mir scheint es plötzlich zu früh. Ich hatte noch so vieles vor. Früher habe ich mich stets vor der Welt versteckt, aber dann sah ich Dinge, die wohl nur wenige Menschen zu Gesicht bekommen haben. Ich sah Feuerkugeln am Himmel über dem Atlantik. Sah die Insel Arcadia im Feuersturm untergehen. Sah brennende Schiffe, groß wie Paläste, im Meer versinken. All dies ist nun vorbei, all diese Bilder sind bald ausgelöscht.
Wir überqueren die Themse auf einer langen Brücke und rollen durch die Innenhöfe der Brückenhäuser, unter Wäscheleinen hindurch. Gassenjungen springen auf die Wagen. Sie lassen sich ein Stück mittragen, bis sie von den Soldaten verscheucht werden. Wie gerne würde ich jetzt mit einem von ihnen tauschen, würde zwischen ihnen in der Menge verschwinden und unter ihnen namenlos sein, ungekannt und unbedeutend. Doch meine Ketten trennen mich von ihnen.
Vor den letzten Brückenbögen drehen sich gewaltige Wasserräder. Ich kann nicht erkennen, welchem Zweck sie dienen, aber ihr Lärm erinnert mich an die Räder und die Maschinen in der Silbergrube. Die Erinnerung ist nicht angenehm. An jenem Ort habe ich schieres Grauen erlebt, und auch dort war ich eingesperrt gewesen, eingemauert vom eigenen Vater. So schließt sich jetzt der Kreis.
Am Nordufer kommt der Zug kurz ins Stocken. Ein alter Mann mit Holzbein - ein ehemaliger Pirat? - reicht mir von der Seite einen Becher hoch. Ich stürze den Inhalt hinunter: Rum, zwar nicht der beste, doch immerhin mein letzter Rum. Und mit dem Rum schlucke und würge ich auch all diese Gedanken an die Vergangenheit hinunter, an meine rasch verrinnende Zukunft und an all die unerfüllten Pläne. Ich stopfe mir diese Gedanken tief in den Schlund, denn ich will mir nicht meinen eigenen Tod verderben und nicht in Defoes Kolportage erwähnt werden als einer, der am Galgen zu flennen beginnt, Auflage hin oder her. Ich werfe den Becher zurück. Schon sind wir wieder in Bewegung und rollen aus den Gassen hinaus auf das Dock.