Die erste Zeile ist ein Volltreffer – trocken, schwarzhumorig, macht sofort neugierig. Auch die Szene mit dem Henker ist großartig, dieser groteske Pragmatismus à la „Zwei Pennies für ein schnelles Ende“ ist makaber, aber auf eine coole Art. Man merkt sofort, dass der Erzähler sich einen gewissen Zynismus bewahrt hat. Bis hierhin also Daumen hoch.
Dann kommt der Dichter, und der ist… na ja. Klar, er hat eine Funktion: Er bringt diese gesellschaftskritische Ebene rein und gibt dem Protagonisten Gelegenheit, sich selbst einzuordnen. Aber sein Auftreten ist irgendwie weniger spannend als das des Henkers. Der Henker ist ein Original, der Dichter wirkt mehr wie eine Plotmaschine. Besonders die Stelle, wo er fast schon beiläufig sagt, dass die Öffentlichkeit aus diesem Fall lernen soll – das ist mir zu platt. Ein bisschen mehr Subtilität würde ihm guttun.
Die Beschreibung Londons finde ich super. Das Bild von der Stadt als düstere, neblige Festung voller Pfeiler und Türme – stark.
„Vor mir ragt London auf wie eine Festung. Ich sehe Wälle von Pfeilern, Säulen, Uhren und Glockentürmen, und darüber, weit entfernt und halb vom Dunst verschluckt, eine hohe kupferne Kuppel.“
Das gibt der Stadt etwas Monumentales, etwas Unausweichliches, fast wie ein Gefängnis, in dem alles und jeder gefangen ist.
Auch die Börse als Ort der wahren Piraterie – bissig, treffend. „Die neue Börse“, sagt der Dichter, der meinem Blick gefolgt ist.
„Verglichen mit den Piraten dort seid Ihr, Sir, mit Verlaub, nur ein kleiner Fisch.“
Das sitzt. Da wird die eigentliche Kriminalität nicht auf die Schiffe, sondern in die Handelszentren verlegt – ein cleverer Seitenhieb.
Dann die Stadtbevölkerung: eine Menge, die beobachtet, aber nichts sagt.
„Trotz der frühen Morgenstunde sind viele Menschen auf den Straßen. Von meiner erhöhten Position aus blicke ich auf weiße Hauben, schwarze Samthüte, Dreispitze, Topfmützen, Kapuzen, regennasse Perücken, grindige Haarschöpfe und Glatzen.“
Eine großartige Aufzählung, die die Masse als gesichtslose Kulisse zeigt – sie starren, dann gehen sie wieder. Keine Empörung, keine Rufe, nur eine schweigende Menge, die ihr Schauspiel sieht und dann zum Alltag zurückkehrt.
Zum Schluss noch eine Szene, die ich als besonders gelungen empfinde:
„Wir überqueren die Themse auf einer langen Brücke und rollen durch die Innenhöfe der Brückenhäuser, unter Wäscheleinen hindurch. Gassenjungen springen auf die Wagen. Sie lassen sich ein Stück mittragen, bis sie von den Soldaten verscheucht werden.“
Erst dieses winzige Aufblitzen von Leben, dann wieder die Ordnung, die es unterdrückt. London lässt einen kurz glauben, dass es noch Spielraum gibt – nur um einen dann sofort wieder daran zu erinnern, dass es in dieser Stadt keinen Platz für Freiheit gibt.
Der Schreibstil ist ohnehin durchgehend stark, mit tollen Formulierungen und einem guten Gespür für Atmosphäre. Die Stadt wird nicht einfach beschrieben, sondern spürbar gemacht – man riecht den Rauch, spürt das Kopfsteinpflaster, hört das Klappern der Karren. Sehr gut.
Was mir aber irgendwann fehlt, ist ein bisschen mehr Emotionalität von Kreutzner. Er ist sehr kontrolliert, sehr gefasst, beinahe unberührt davon, dass er gleich stirbt. Ein bisschen mehr Risse in dieser Fassade würden ihn glaubwürdiger machen.
Nicht, dass er plötzlich panisch werden soll, aber vielleicht eine Szene, in der ihm das Schicksal doch kurz zusetzt. Der Moment, in dem er Rum trinkt, geht in diese Richtung, aber das ist mehr eine symbolische Geste als ein wirklicher Gefühlsausbruch.
Dann kommt die große Enthüllung: Der Dichter ist Daniel Defoe. Netter Twist, funktioniert gut, weil es sich organisch in die Szene einfügt und nicht wie ein billiger „Aha“-Moment wirkt. Aber die Diskussion über Kidds Schatzinsel zieht sich ein bisschen. Ich verstehe, dass du hier mit dem Mythos spielst, aber es ist ein Tick zu viel Dialog. Die Pointe – dass Kreutzner selbst die Wahrheit kennt, sie aber niemandem mehr sagen wird – hätte ich mir kompakter gewünscht.
Unterm Strich: Richtig gelungener Einstieg mit toller Atmosphäre, bissigen Beobachtungen und einer Stadt, die man fast riechen kann. Der Erzähler hat Witz und Haltung, nur könnte er sich zwischendurch mal ein bisschen mehr anmerken lassen, dass er gleich stirbt. Der Dichter ist okay, aber halt kein Henker. Und die Schatzinsel-Debatte? Könnte knackiger sein. Aber insgesamt – bravo!!!