28 November 2020, 15:55:17

Autor Thema: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches  (Gelesen 13342 mal)

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felis

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VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« am: 05 Februar 2014, 18:57:28 »
Ich muss mal was Grundsätzliches zum Glasperlenspiel loswerden:

Als Utopist ist Hesse keinen Pfifferling wert. Ich fide das Werk soggar extrem "retro".
Das Buch ist zwischen 1930 und 1942 entstanden. Da hast das Radio als "Volksempfänger" längst seinen Siegeszug angetreten und das Fernsehen war auch erfunden.

Nichts davon taucht im Glasperlenspiel auf: Nein, das Feindbild ist "das Feuilleton" also die Zeitung, damals zwar noch bedeutender als heute aber schon ein bischen altmodisch.

Aber das ist nicht das Schlimmste. Am grauenhaftesten finde ich das Frauenbild das Hesse hier transportiert.
Dass Frauen studieren, war in den 30er Jahren nix Besonders mehr.
Auch extrem erfolgreiche Forschrinnen gabs bereits: ich sach nur Lise Meitner, Marie Curie....

Aber Hesses zukünftige Bildungselite - ein reines Männerclübchen. Hallo????
Wie peinlich ist das eigentlich!


Viskey

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #1 am: 05 Februar 2014, 19:07:35 »
 :devgrin:

Ich sage mir diesbezüglich schon immer wieder: Hesse wollte ja keine tolle Welt zeichnen, sondern eine problematische ...

Und wenn's Mädchen/Frauen in Kastalien gibt, wird ja das mit dem Zölibat gleich sooooo viel schwieriger ... :wech:
"There is no such thing as bad work, just unfinished work." - Eric Idle

Fabian

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #2 am: 05 Februar 2014, 19:39:39 »
Dass Frauen studieren, war in den 30er Jahren nix Besonders mehr.
Auch extrem erfolgreiche Forschrinnen gabs bereits: ich sach nur Lise Meitner, Marie Curie....

Bis 1949 betrug der Anteil der Studentinnen nie über 1-2%, erst danach stieg er bis 2009 langsam, aber stetig auf ca. 50%.

Im Bezug auf wissenschaftliche Karrieren sind Frauen bis heute unterrepräsentiert.

Die genannten Beispiele würde ich als Leuchtfeuer in der Nacht des männerdominierten Wissenschaftsbetriebs verstehen.


"Weil niemand mehr Leonardo ist, können alle Leonardo werden ...
das Phantasma der Auserwähltheit Einzelner macht dem Phantasma der Selbstwahl aller Platz"

 (Jörg Scheller in der ZEIT, Nr 2/2019, S. 43)

Viskey

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #3 am: 05 Februar 2014, 19:53:06 »
Frauen sind in der Geschichte (zumindest bisher) sowieso überhaupt nur in einer Form vertreten: Die Kastalianer dürfen keine haben.

Davon abgesehen: Es gab sie, die studierenden Frauen. Aber es kommen ja auch Radio und Film nicht vor ... Also hat Hesse sich bei seiner Weltenbastelei deutlich an der Vergangenheit orientiert. Ich spekuliere mal, dass er da seine eigene Schul- und Jugendzeit zu Rate gezogen hat.
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Parzifal

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #4 am: 05 Februar 2014, 21:55:52 »
Ich vermute eher, dass er mit Feuileton-Zeitalter das "Zeitalter der medialen Geschwätzigkeit ohne Tiefgang" gemeint hat - das schließt Radio und alles andere bis heute mit ein. Hesse hat das satte, selbstzufriedene und kriegshetzerische Bürgertum verachtet. Und ganz besonders hat ihn gewurmt, dass es den Medien gegenüber so hörig war - und den nächsten Krieg hat er ja im Steppenwolf schon voraus gesagt. (20 iger Jahre) Zitat: Diese schneidigen und fehlgeleiteten Menschen werden sich im nächsten Krieg trefflich bewähren (aus dem Kopf zitiert)
Utopist wollte er vermutlich auch nicht sein. In all seinen Romanen geht es thematisch um Selbstsuche und Selbstfindung - das ist auch im Glasperlenspiel nicht anders. Zitat: Das Wichtigste im Leben ist die eigene Person zu erforschen und zu verstehen.
Dass er ein schlechtes Verhältnis zu Frauen hatte, glaube ich kaum, wenn man seinen Briefwechsel studiert (Materialien zum Steppenwolf als Buchempfehlung) Bin schon ein bisschen verwundert darüber, was man in diesen Autor so alles hinein projeziert, kaum dass zwei Kapitel gelesen sind. Old fashion ist dieser Autor ganz und gar nicht. Die Mechanismen, die er beschreibt, und das Verhalten von Menschen ist immer noch das Gleiche - nur unter anderen Bedingungen. ;)
« Letzte Änderung: 05 Februar 2014, 21:59:56 von Parzifal »

felis

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #5 am: 05 Februar 2014, 22:05:55 »
@Parzifal,
1. hab ich das Buch inzwischen durch.
2. ist es ja wohl kaum eine Projektion, sondern eine Feststellung, dass Hesses Elite komplett die weibliche Hälfte der Menschheit ausschließt.
Außerdem ist festzustellen, dass (Achtung Spoiler, für die die noch nicht weiter sind) die einzige Frau, die überhaupt im Roman vorkommt, bei der Erziehung ihres Kindes so versagt, dass man es ihr weg nehmen muss.
Klingt nicht gerade nach einwem wohlwollenden Frauenbild...

Und da das Glasperlenspiel ca. 400 Jahr in der Zukunft angesiedelt ist und einen alternativen Kultur-Entwurf einer (vermeintlich) besseren Zukunft präsentiert, ist es ganz klar in die Gattung der Utopien einzuorden.

Parzifal

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #6 am: 05 Februar 2014, 22:21:01 »
Zitat
@Parzifal,
1. hab ich das Buch inzwischen durch.

Oh - fleißig!

Zitat
2. ist es ja wohl kaum eine Projektion, sondern eine Feststellung, dass Hesses Elite komplett die weibliche Hälfte der Menschheit ausschließt.

Vielleicht war es zu der Zeit, in der das Buch geschrieben wurde, nicht so üblich wie heute, über Frauen und Männer gleichermaßen viel zu schreiben - also 50:50. Das wäre dann eher ein Fehler dieser Zeit, den man Hesse nicht unbedingt anlasten kann.

Zitat
Außerdem ist festzustellen, dass (Achtung Spoiler, für die die noch nicht weiter sind) die einzige Frau, die überhaupt im Roman vorkommt, bei der Erziehung ihres Kindes so versagt, dass man es ihr weg nehmen muss.
Klingt nicht gerade nach einwem wohlwollenden Frauenbild...

Ähm. vielleicht gibt es Gründe und man nimmt ihr das Kind berechtigterweise weg. Frauen sind keine Engel, nur weil sie Frauen sind.  ;)

Zitat
Und da das Glasperlenspiel ca. 400 Jahr in der Zukunft angesiedelt ist und einen alternativen Kultur-Entwurf einer (vermeintlich) besseren Zukunft präsentiert, ist es ganz klar in die Gattung der Utopien einzuorden.

Sehe ich nicht so: Das Glasperlenspiel wurde erschaffen (und hat sich entwickelt), um alles Wissen und alle Phänomene (mit denen Menschen sich auseinander setzen) in ein einheitliches Verständnissystem zu bringen. Und das geschieht innerhalb einer geistigen Elite, die auf Ehe, Familie und das Leben in der Welt draußen verzichtet, um ganz für den Geist zur Verfügung zu stehen.
« Letzte Änderung: 05 Februar 2014, 22:54:08 von Parzifal »

felis

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #7 am: 06 Februar 2014, 14:57:10 »
@Parzifal,

Ähm. vielleicht gibt es Gründe und man nimmt ihr das Kind berechtigterweise weg. Frauen sind keine Engel, nur weil sie Frauen sind.  ;)
Das hat niemand behauptet.
Aber wenn die einzige überhaupt vorkommende Frau negativ gezeichnet wird, gibt mir das als Frau jedenfalls schon zu denken.

Zitat
Sehe ich nicht so: Das Glasperlenspiel wurde erschaffen (und hat sich entwickelt), um alles Wissen und alle Phänomene (mit denen Menschen sich auseinander setzen) in ein einheitliches Verständnissystem zu bringen. Und das geschieht innerhalb einer geistigen Elite, die auf Ehe, Familie und das Leben in der Welt draußen verzichtet, um ganz für den Geist zur Verfügung zu stehen.
Jepp. ein typisches utopische Konstrukt also. Du solltest an dieser Stelle vielleicht mal den Schritt auf die Meta-Ebene mitvollziehen.  ;)

Morwen

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #8 am: 11 Februar 2014, 22:25:26 »
ACHTUNG SPOILER
Und da das Glasperlenspiel ca. 400 Jahr in der Zukunft angesiedelt ist und einen alternativen Kultur-Entwurf einer (vermeintlich) besseren Zukunft präsentiert, ist es ganz klar in die Gattung der Utopien einzuorden.
Im Klappentext steht merkwürigerweiser bereits, dass es keine sei: ".. Kastalien im Jahr 2400 ... Er schreibt jedoch keine Science Fiction, keine Utopie" Als ich das las, dachte ich erst: "Ne, klar ist Literatur - kann also keine SF sein" (vermutete also Genre-Dünkel beim Verfasser des Klappentextes) Aber nachdem ich jetzt auch durch bin, sehe ich das anders.
Die Geschichte könnte genauso gut auf dem Mond spielen, oder auf Alterra 5 oder im Hades oder in einer Irrenanstalt. Das "2400" steht da anscheinend nur für "das ist nicht hier und heute". Als Science Fiction oder Utopie betrachtet, fällt das Werk für mich auch klar durch. Nach dem Vorwort hatte ich auf merkliche dystopische Züge gehofft.  Knechts Ausbruch hätte ja auf der Erkenntnis beruhen können, dass da was oberfaul ist im Staate Kastalien. Aber, ne.  Er übergießt den Sohn seines Freundes mit kastalischer Weisheit um sich dann ähnlich dämlich selbst umzubringen wie der Prota von "Unterm Rad".

Vielleicht war es zu der Zeit, in der das Buch geschrieben wurde, nicht so üblich wie heute, über Frauen und Männer gleichermaßen viel zu schreiben - also 50:50. Das wäre dann eher ein Fehler dieser Zeit, den man Hesse nicht unbedingt anlasten kann.
Als Plato seine Politeia schrieb, war Gleichberechtigung auch nicht an der Tagesordnung. Aber seine Phantasie reichte aus, sich Frauen auch in anderen Berufen vorzustellen. Marie Curie hat 1903 den ersten und 1911 den zweiten Nobelpreis bekommen. Ein futuristische Elite-Bildung ohne Frauen wirkt vor dem Hintergrund auch auf mich wie eine sehr rückwärts gerichtete Idee. Einer der vielen Gründe, warum ich das Buch über weite Strecken als Dystopie empfunden habe.

Und Knecht und sein Musiker-Meister sind so heilig, dass sie im Dunkeln leuchten. Bis auf die "Lebensläufe" bin ich mit dem Buch jetzt durch, aber schlau bin ich noch nicht draus geworden. Vielleicht hilft ja die Diskussion hier...

merin

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #9 am: 01 März 2014, 20:42:22 »
Ich bin erst auf Seite 89, aber mir geht es wie felis. Mich hat es geärgert, dass Frauen nicht nur nicht existieren (zumindest nicht als handelnde Personen), sondern dass dies nicht mal benannt wird. Es ist normal. Ich finde den Text daher über weite Strecken bedrückend. Dieses ungute Gefühl wird noch verstärkt dadurch, dass die Meister so unkritisch gelobt werden und der Orden so vergöttert wird. Mich erinnert das an Hitler und die Nazizeit mit dem damaligen Personenkult. In mir löst dies leichten Würgereiz hervor.
Ich finde den Text außerdem anstrengend zu lesen und nach der Einleitung ist es für mich auch so, dass ich die Sprache nicht schön finde, jedenfalls nicht so schön, dass sie mich für die Lesemühe ausreichend belohnt. Hätte ich nicht mit Euch diese Lesegruppe gestartet - ich würde das Buch beiseite tun.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Haramis

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #10 am: 02 März 2014, 14:26:30 »
Kastalien ist unendlich weltfremd. Soll es ja auch sein, nur ich könnte mir nicht vorstellen, so zu leben. Ich kann nicht einmal nachvollziehen, wie es für die Charaktere des Buches erstebenswert sein kann.  :dontknow:
Immerhin zweifelt Knecht ab und an mal am System, was ihn mir menschlicher und sympathischer erscheinen lässt.
Wie kann man keine Sehnsucht nach der Welt da draußen haben?  :dontknow:

Ryek Darkener

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #11 am: 02 März 2014, 16:44:49 »
Kastalien ist unendlich weltfremd. Soll es ja auch sein, nur ich könnte mir nicht vorstellen, so zu leben. Ich kann nicht einmal nachvollziehen, wie es für die Charaktere des Buches erstebenswert sein kann.  :dontknow:
Immerhin zweifelt Knecht ab und an mal am System, was ihn mir menschlicher und sympathischer erscheinen lässt.
Wie kann man keine Sehnsucht nach der Welt da draußen haben?  :dontknow:

Ganz einfach. Wenn ich nicht weiß, was sie mir bietet, kann ich sie nicht vermissen. So funktionieren viele Diktaturen.
Im Glasperlenspiel wird "die Welt da draußen" allerdings durchaus erwähnt, und zwar als konkreter Gegenentwurf Kastaliens. Als eine Welt, die erstrebenswert sein kann, wenn man im Gegenzug auf die Vorteile eines kastalischen Gelehrten verzichtet. Beispielsweise auf Forschung um der Forschung willen. Ich denke, der Autor stellt, zumindest soweit ich bisher gelesen habe, die These auf, dass es unmöglich ist, in beiden Welten gleichzeitig zu leben, da ihre Konzepte sich teilweise ausschließen.
DSvU-4(5) "Wurzeln und Flügel (AT)": Plotten (demnächst;))
Inspektor Mops 2020: Überarbeiten

Haramis

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #12 am: 02 März 2014, 16:48:12 »
Doch, sobald man von etwas gehört hat, kann man Sehnsucht danach entwickeln. Und Knecht hat die Welt da draußen als Kind kennengelernt und auch von einem seiner Freunde, dem Gastschüler, davon gehört. Theoretisch könnte er sie also schon vermissen.

Parzifal

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #13 am: 02 März 2014, 16:55:10 »
Zitat
Ganz einfach. Wenn ich nicht weiß, was sie mir bietet, kann ich sie nicht vermissen. So funktionieren viele Diktaturen.

Nur dass die Ordensbrüder das selbst wählen - und nicht von einem Diktator dazu gezwungen werden.  ;)

Zitat
Im Glasperlenspiel wird "die Welt da draußen" allerdings durchaus erwähnt, und zwar als konkreter Gegenentwurf Kastaliens. Als eine Welt, die erstrebenswert sein kann, wenn man im Gegenzug auf die Vorteile eines kastalischen Gelehrten verzichtet.

Als Schüler haben die angehenden Ordensbrüder ja auch genügend Zeit, ihren Entschluss nochmal zu überdenken - und können "in die Welt da draußen" zurück gehen. Was aus kastalischer Sicht jedoch einer Kapitulation gleich käme.  :diablo:

Zitat
Beispielsweise auf Forschung um der Forschung willen.

Ist immerhin ein unstillbarer Drang des Menschen, zu forschen. Und in Kastalien muss man nicht auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Dinge Rücksicht nehmen - man kann es ungehindert tun.

Zitat
Ich denke, der Autor stellt, zumindest soweit ich bisher gelesen habe, die These auf, dass es unmöglich ist, in beiden Welten gleichzeitig zu leben, da ihre Konzepte sich teilweise ausschließen.

Nicht nur teilweise - sie schließen sich generell aus. Man kann nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen, heißt ein Sprichwort. ;)

Fazit: Ich denke mal, man sollte das Normalmenschen-Denken über Bord werfen und sich voll auf die Sache einlassen - sonst kriegt man den Zugang nicht.  :klug:
« Letzte Änderung: 02 März 2014, 16:57:39 von Parzifal »

Parzifal

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #14 am: 02 März 2014, 17:01:59 »
Zitat
Doch, sobald man von etwas gehört hat, kann man Sehnsucht danach entwickeln. Und Knecht hat die Welt da draußen als Kind kennengelernt und auch von einem seiner Freunde, dem Gastschüler, davon gehört. Theoretisch könnte er sie also schon vermissen.

Er unterliegt ja der Versuchung, als sein reicher Freund für eine Zeit in den Orden kommt und ihn mit seinen Reden auf die Probe stellt. Aber Knecht wäre ja nicht Knecht, wenn er dieser Versuchung nachgegeben hätte. Im Endeffekt bestärkt es ihn darin, in Kastalien zu bleiben und auf die Welt da draußen zu verzichten. Angehörige hat er da sowieso keine, wenn ich´s richtig gelesen habe - das ist mit ein Grund. ;)

Haramis

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #15 am: 02 März 2014, 17:06:16 »
Ich rede nicht von Knecht speziell, sondern von den ganzen seltsamen Typen, die sich in Kastalien tummeln.
Es scheint ja allen sehr leicht zu fallen, auf ein normales Leben zu verzichten. Da man keine Innensicht in die anderen Charaktere bekommt, kann man es natürlich schlecht beurteilen.

Parzifal

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #16 am: 02 März 2014, 17:28:19 »
Meinst du es müsste zu sexuellen Übergriffen unter Männern kommen, heimliches Trinken von Alkohol, Konsum von Drogen oder Abhauen (bei Nacht und Nebel) ins nächste Bordell?   :biggrin:

merin

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #17 am: 02 März 2014, 19:30:13 »
Nein, nicht unbedingt Übergriffe. Aber Sexualität. Ich bin noch nicht weit genug... und mir stellte sich die Frage, welche Auswirkungen es auf Wissenschaft und Kunst hat, wenn diese in so einer Parallelwelt geschaffen werden. Können sie dannwirklich noch hilfreich sein für die "richtige Welt"?
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Morwen

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #18 am: 02 März 2014, 20:04:35 »
Hallo merin,

ich glaube ähnliche Fragen stellen sich hier einige. Und sobald alle mit dem Buch durch sind, können wir das hoffentlich ausgiebig diskutieren. (Also: tapfer weiterlesen!)

Gruß
Morwen

Haramis

  • Gast
Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #19 am: 03 März 2014, 13:06:14 »
Meinst du es müsste zu sexuellen Übergriffen unter Männern kommen, heimliches Trinken von Alkohol, Konsum von Drogen oder Abhauen (bei Nacht und Nebel) ins nächste Bordell?   :biggrin:

Nein, darauf habe ich nicht angespielt, obwohl ich es nicht für undenkbar halte.

Parzival, du verstehst den Roman anscheinend in allen seinen Facetten; du erweckst auf mich den Eindruck, als fändest du meine Schwierigkeiten mit dem Text (oder vllt auch die Probleme der anderen mit dem Text, das mag ich nicht beurteilen) als nicht nachvollziehbar. Ich fühle mich belächelt, was ich nicht besonders gut finde. :(

Parzifal

  • Gast
Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #20 am: 03 März 2014, 15:38:38 »
Zitat
Parzival, du verstehst den Roman anscheinend in allen seinen Facetten; du erweckst auf mich den Eindruck, als fändest du meine Schwierigkeiten mit dem Text (oder vllt auch die Probleme der anderen mit dem Text, das mag ich nicht beurteilen) als nicht nachvollziehbar. Ich fühle mich belächelt, was ich nicht besonders gut finde.

Ich schreibe meine Ansichten zu Hesses Text, wie jeder andere auch. Dass ich über dich (oder sonst jemand) lache, ist nicht der Fall, so souverän fühle ich mich nicht. Was mich nervt, ist, dass man sich nicht vorbehaltloser diesem Text nähern kann. Wie soll ich jemanden verstehen, dem ich nicht zuhöre und versuche seinen Gedankengängen erstmal zu folgen. Und nicht schon nach dem vierten Kapitel sage, dass dieser Text rückständig sei, political uncorrect, weil keine Frauen drin vorkommen, und dass Knecht ein Gary Stue sei (was immer das auch heißen soll) etc. Dass in einem seriösen (und das sind wir doch) Literaturforum so respektlos mit einem Klassiker der Weltliteratur umgegangen wird, das nervt mich schon irgendwo. Ich kann jetzt auch so manche Röstung besser verstehen: Wenn man schon Hesse keine Chance geben will, wie dann den kleinen Möchtegernschreibern, wie wir es sind?  ;) 
« Letzte Änderung: 03 März 2014, 19:42:02 von Parzifal »

Uli

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #21 am: 03 März 2014, 15:47:11 »
 :devgrin:

Das ist aber völlig in Ordnung: Hier werden Texte kritisiert, nicht Autoren - da hilft auch Reputation nichts. Glücklicherweise, meine ich.

Und ein Gary Stu ist ein Gary Stu, wer auch immer den geschrieben hat. Und heute sind solche Figuren eben nicht mehr angesagt (Google mal Mary Sue, Wiki erklärt das sehr gut), im Gegensatz zu den heldenverehrenden vergangenen Tagen: Auch Alt Schmetterhand würde heute diese Kritik bekommen, ganz sicher. Und viele andere auch.

Und 'respektlos' ... du hast doch sicher auf das Türschild geschaut?

merin

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #22 am: 03 März 2014, 16:44:22 »
Parzifal ich danke Dir dafür, dass Du Deine Wünsche an den Umgang mit dem Text hier dargelegt hast. Das macht es möglich, darüber zu sprechen, dass ich z.B. andere Wünsche habe. Mir ist Respekt vor den Autoren auch wichtig, egal ob es Hobbyautoren oder Menschen mit Renommé sind. Ich behaupte, dass ich mich schon auf Hesses Text einlasse, dass es bei mir aber trotzdem vorkommt, dass ich in der Einleitung denke "wie aktuell" und im ersten Kapitel "wie rückständig!". Ich behaupte mal, dass ich den Text nicht darauf reduziere, aber ich finde es bereichernd, diese Gedanken hier auszutauschen - und dann trotzdem weiter und genauer hinzusehen. Und dazu möchte ich Dich gern einladen.
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

felis

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #23 am: 03 März 2014, 19:26:41 »
Ich schreibe meine Ansichten zu Hesses Text, wie jeder andere auch. Was mich nervt, ist, dass man sich nicht vorbehaltloser diesem Text nähern kann. Wie soll ich jemanden verstehen, dem ich nicht zuhöre und versuche seinen Gedankengängen erstmal zu folgen. Und nicht schon nach dem vierten Kapitel sage, dass dieser Text rückständig sei, political uncorrect, weil keine Frauen drin vorkommen, und dass Knecht ein Gary Stue sei (was immer das auch heißen soll) etc. Dass in einem seriösen (und das sind wir doch) Literaturforum so respektlos mit einem Klassiker der Weltliteratur umgegangen wird, das nervt mich schon irgendwo. Ich kann jetzt auch so manche Röstung besser verstehen: Wenn man schon Hesse keine Chance geben, wie dann den kleinen Möchtegernschreibern, wie wir es sind?  ;)
@Parzifal,
solltest du damit mich meinen, so weise ich dich nochmals darauf ihn, dass ich diesen Thread gestartet habe, nachdem ich das Buch komplett gelesen habe.

Mir mangelnde Vorbehaltlosigkeit vorzuwerfen und Vorverurteilung eines "von dir behaupteten "Klassikers der Weltliteratur" empfinde ich als Unverschämtheit und ein Vergiff im Ton, den ich mir verbitte.
Mal ab davon, dass wir diese Veranstaltung hier nicht als Heldenverehtrung betreiben, sondern um den Text zu analysieren.



Parzifal

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #24 am: 03 März 2014, 19:50:08 »
Zitat
@Parzifal,
solltest du damit mich meinen, so weise ich dich nochmals darauf ihn, dass ich diesen Thread gestartet habe, nachdem ich das Buch komplett gelesen habe.

Ich hab das allgemein gemeint, das ist mein Eindruck. Ohne das jetzt an einer speziellen Person festmachen zu wollen. ;)

Zitat
Mir mangelnde Vorbehaltlosigkeit vorzuwerfen und Vorverurteilung eines "von dir behaupteten "Klassikers der Weltliteratur" empfinde ich als Unverschämtheit und ein Vergiff im Ton, den ich mir verbitte.

Wie gesagt: Sollte eine allgemeine Aussage sein. Mit Klassiker der Weltliteratur habe ich den Autor Hesse gemeint.

Zitat
Mal ab davon, dass wir diese Veranstaltung hier nicht als Heldenverehtrung betreiben, sondern um den Text zu analysieren.

Heldenverehrung ist in dem Zusammenhang ein merkwürdiges Wort: Hesse war bestimmt kein Held, aber ein Autor, der Respekt verdient (und seine Texte auch)
« Letzte Änderung: 03 März 2014, 19:54:25 von Parzifal »

Parzifal

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #25 am: 03 März 2014, 20:15:53 »
Zitat
(Google mal Mary Sue, Wiki erklärt das sehr gut),

Hab ich: Ein Idealcharakter, der alle Aufgaben bravourös löst.  :confused:
So gesehen, steht natürlich jetzt die Frage im Raum, ob Josef Knecht so eine Figur ist oder ob das nur in ihn hinein interpretiert wird. :diablo:

 

Viskey

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #26 am: 03 März 2014, 22:19:12 »
Ein Idealcharakter, der alle Aufgaben bravourös löst.

Das ist erst die halbe Mary Sue. ;) Die andere Hälfte ist ihre völlige Naivität und Unbedarftheit, und ihre Überzeugung, doch nichts Besonderes zu sein, wenn nicht sogar was Minderwertiges ...



Und das kommt mir beim Glasperlenspiel halt dauernd unter. Und es nervt mich.


Zu der Sache mit dem Respekt:

Wenn wir hier nicht sagen können, was wir von dem Text halten, was uns daran gefällt und was nicht ... Dann können wir das Experiment wirklich abblasen. Weil dann lesen wir alle das Buch (welches auch immer) und schreiben am Ende in einem Thread gesammelt: "Ja, war ein tolles Buch."


Dass ich mit dem Glasperlenspiel Probleme habe, darf jetzt aber nicht verallgemeinert werden zu: Ich halte Hesse für schlecht. Zwischendrin versteckt, zwischen dem, was mich nervt, finde ich immer wieder Stellen, die ich total spannend und interessant finde.

- Im übrigen habe ich wieder angefangen zu lesen, habe auch tapfer über die schon drei Seiten nach meiner Lesepause kommende Gary-Stu-Stelle drübergelesen. Im Moment läuft's, und "Die Mission" scheint wieder besser zu sein.
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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #27 am: 03 März 2014, 22:23:47 »
Zitat
- Im übrigen habe ich wieder angefangen zu lesen, habe auch tapfer über die schon drei Seiten nach meiner Lesepause kommende Gary-Stu-Stelle drübergelesen. Im Moment läuft's, und "Die Mission" scheint wieder besser zu sein.

Okay!  ;)

Morwen

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #28 am: 04 März 2014, 18:50:27 »
Dass in einem seriösen (und das sind wir doch) Literaturforum so respektlos mit einem Klassiker der Weltliteratur umgegangen wird, das nervt mich schon irgendwo. Ich kann jetzt auch so manche Röstung besser verstehen: Wenn man schon Hesse keine Chance geben will, wie dann den kleinen Möchtegernschreibern, wie wir es sind?  ;)
Ich denke, dass auch ich Hesse jede Chance gebe. Die Einleitung hat mich regelrecht begeistert und ich habe mich auf das Buch gefreut. Meinen ersten tendentiell negativen Kommentar habe ich geschrieben, nachdem ich das Buch zu 2/3 durch hatte. Ich bin derzeit irritiert und frage mich, ob er gewisse Dinge mit Absicht getan hat oder nicht. Hesses Stil gefällt mir. Im Glasperlenspiel uneingeschränkt. (Bei "Unterm Rad" war es mir teilweise zu kitschig) Das Buch ist auch nicht uninteressant. Ich habe im Moment nur überhaupt keine Idee, warum der Autor dieses Buch so und nicht anders geschrieben hat.

Ich glaube, du machst auch gelegentlich den Fehler, dass du in den Threads zum Thema weder Hesse noch das Buch, sondern Kastalien verteidigst. Bist du dir so sicher, dass uns das hier als positives Exempel vorgeführt werden soll?
 
Liebe Grüße
Morwen

Parzifal

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #29 am: 04 März 2014, 22:41:09 »
Zitat
Ich glaube, du machst auch gelegentlich den Fehler, dass du in den Threads zum Thema weder Hesse noch das Buch, sondern Kastalien verteidigst. Bist du dir so sicher, dass uns das hier als positives Exempel vorgeführt werden soll?

Ich sags mal so: Ich könnte so nicht leben, wie diese Ordensbrüder. Aber es fasziniert mich, dass es Menschen gibt (und wenn nur im Roman), die der Welt entsagen, um sich ganz auf das Geistige zu konzentrieren. Außerdem faszinieren mich alle Bücher von Hesse (ich habe einige gelesen). Suche und Selbstfindung ist nun mal ein großes Thema. Aber Kastalien als postives Exempel vorführen (so sollt ihr leben Leute und denken), nein, das nicht.  ;) 

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #30 am: 14 März 2014, 12:41:32 »
Mir sind noch zwei allgemeine Dinge aufgefallen.

1. Die sprachliche Eigenheit des Textes. Es gibt nicht nur eigene Ränge und Wörter (Repetenten, Magister Ludi...), sondern auch eigene Formulierungen: "je und je" verwendet jeder im Text, ich habe das noch nie vorher gehört. Dadurch entsteht eine Art Kunstsprache, die zum Inhalt ganz gut passt.

2. Das Werk gilt als Hesses Spätwerk. Dabei ist er erst über 30 Jahre später gestorben. Wie kommt denn das?
Ich röste zunächst immer, ohne andere Röstungen zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist mein Ansatz der, eine qualifizierte Lesermeinung abzugeben, Euch also zu verraten, wie der Text auf mich wirkt und wie es mir beim Lesen geht.

Parzifal

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #31 am: 14 März 2014, 14:08:29 »
Zitat
1. Die sprachliche Eigenheit des Textes. Es gibt nicht nur eigene Ränge und Wörter (Repetenten, Magister Ludi...), sondern auch eigene Formulierungen: "je und je" verwendet jeder im Text, ich habe das noch nie vorher gehört. Dadurch entsteht eine Art Kunstsprache, die zum Inhalt ganz gut passt.

Hesse hält diese Sprache und Ausdrucksweise in allen seinen Büchern (ich kenne 16) durch - es ist eindeutig sein Stil.

Zitat
2. Das Werk gilt als Hesses Spätwerk. Dabei ist er erst über 30 Jahre später gestorben. Wie kommt denn das?

Das Glasperlenspiel hat er 1943 geschrieben, im Alter von 66 Jahren. Gestorben ist er am 9. August 1962 (also 19 Jahre später) in seinem Sommerhäuschen in Montagnola (Tessin) Nach dem Glasperlenspiel hat er weiter geschrieben, bis zu seinem Tod. Vermutlich gilt ein Werk ab einem gewissen Alter als Alterswerk. Heute fängt das Leben ja erst mit 66 an, laut Udo Jürgens - damals war das vielleicht noch anders.  ;)

merin

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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #32 am: 14 März 2014, 14:21:57 »
Uups, entschuldige, ich habe die Jahreszahl seines Geburtsjahr fürs Sterbejahr genommen und das Sterbejahr fürs Geburtsjahr. Wahrscheinlich hilt alles ab dem Rentenalter als Alterswerk.
In Narziss und Goldmund erinnere ich mich auch an die eigentümliche Sprache (aber ohne "je und je", meine ich). Und "Unter dem Rad" fand ich sprachlich wesentlich näher am Alltagssprachlichen, wenn ich recht erinnere. Ist schon einige Jahre her, dass ich es gelesen habe.

Spannend ist auch, dass Technik in dem Buch keine Rolle spielt. Bislang gibt es Radios, aber reisen tut man immer noch zu Fuß. Das war ja auch 1946 nicht mehr so.
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Re: VL1: Das Glasperlenspiel - Grundsätzliches
« Antwort #33 am: 14 März 2014, 17:28:37 »
Ich nochmal. Nun wollte ich doch mal genauer nachlesen. Bei Wikipedia ist zu lesen, dass Hesse im Internat war (er sollte Theologe werden) und dass er diesem vorbestimmten Weg aber entfloh:

Zitat
Nun begann, begleitet von heftigen Konflikten mit den Eltern, eine Odyssee durch verschiedene Anstalten und Schulen. Im Alter von nun 15 Jahren befand sich Hermann Hesse in einer depressiven Phase und äußerte in einem Brief vom 20. März 1892 Suizidgedanken („Ich möchte hingehen wie das Abendrot“). Im Mai 1892 versuchte der Jugendliche einen Selbstmord mit einem Revolver in der von dem Theologen und Seelsorger Christoph Friedrich Blumhardt geleiteten Anstalt Bad Boll.

Ich finde es ganz spannend, weil mir scheint, dass er in Knecht einen Gegencharakter entwirft: Knecht geht den vorbestimmten Weg - und trotzdem habe ich das Gefühl, dass eine Depressivität im Charakter des Josef angelegt ist.

Zum Glasperlenspiel steht bei Wikipedia:

Zitat
Im Spätwerk tritt diese Komponente noch deutlicher hervor – in den zusammengehörigen Werken Die Morgenlandfahrt und Das Glasperlenspiel verdichtete Hesse in mehrfachen Variationen sein Grundthema: die Beziehung zwischen einem Jüngeren und seinem älteren Freund oder Meister. Vor dem historischen Hintergrund der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland zeichnete Hesse im Glasperlenspiel eine Utopie der Humanität und des Geistes, zugleich schrieb er aber auch wieder einen klassischen Bildungsroman. Beide Elemente halten sich in einem dialektischen Wechselspiel die Waage.

Ich finde es spannend, dass das so sehr dem widerspricht, wie ich das Buch empfinde. Für mich sind die Beziehungen ziemlich blass, auch wenn jetzt im Kpaitel 7, wo der Altmeister erleuchtet wird, nochmal mehr Intensität da ist. Und für mich sit es auch keine Utopie, sondern klar Dystopie. Aber die Beziehungslosigkeit, die es für mich zur Dystopie macht, zieht sich durch alle Werke Hesses und hat vielleicht etwas mit seinem eigenen Blick auf Beziehungen zu tun. Möglicherweise nimmt er als beziehungsvoll wahr, was mir verknöchert und fern erscheint...
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