Hallo Bea
Ich habe die erste Fassung deiner Geschichte leider nicht gelesen, von daher kann ich dir nicht sagen, wie sich diese Geschichte im Vergleich dazu liest, aber ich kann dir gern eine Rückmeldung zu dieser Fassung geben.
Erstleseeindruck:Die Geschichte liest sich flüssig und nimmt mich als Leser auf angenehme Weise in ihre Welt mit hinein. An manchen Stellen ist sie mir eine Stelle zu ausführlich erzählt, doch passt der Erzählstil zum Inhalt der Geschichte. Ich stolpere immer wieder an kleinen Stellen, an denen ich von meinem Sprachgefühl die Wörter umstellen würde, doch bin ich selbst nicht gerade ein Experte in diesen Fragen, so dass ich meinem Urteil an dieser Stelle nicht zu sehr trauen würde. Insgesamt eröffnet die Szene auf eine angenehme Weise eine größere Geschichte, in der der Protagonist in seiner Welt für den Leser / die Leserin eingeführt wird, und zugleich der Antagonist, der die Geschichte weiter vorantreibt, zum ersten Mal auftaucht.
Zu deinen FragenIst es mir gelungen? Könnt ihr euch einen Bahnhof vorstellen in dem ein kleiner Kater rumstreunt?Ja, für mich hat die Szene alles, um in meinem Kopf ein Bild von dem Bahnhof und den Abläufen dort zu zeichnen. Du hast die Figuren auf eine natürliche Weise miteinander verknüpft, die Abläufe sind in sich stimmig, es gibt Nebenbeobachtungen, die das Bild bunter machen und es gibt keine Stelle, an der ich - sei es aus sprachlichen oder aus inhaltlichen Gründen - aus der Geschichte herausfalle.
Ich habe auch dem Bösewicht einen Namen und einen Grund gegeben, Bo nicht zu mögen. Gefällt er euch nun besser?Ich kann dir nicht sagen, ob es mir besser gefällt, ich kann dir nur sagen, dass die Geschichte in dieser Form für mich als Leser gut funktioniert. Ich nehme Bo seine Reaktionen ab - und ich kann mir vorstellen, wie Mick ihm folgt - und Bo in Angst und Schrecken versetzt.
Anmerkungen:Ich habe geschrieben, dass mir manches in deiner Geschichte eine Spur zu ausführlich war. Umgekehrt ist es toll, wenn man eine Geschichte mit Details füllt. Die Details machen die Geschichte lebendig.
Ein lauter Pfiff hallte von den Wänden des Bahnhofs wieder. Er kündigte die Abfahrt eines Zuges an. Die Lokomotive stieß eine Rußwolke aus und für einen Moment hüllte Rauch den Bahnsteig ein. Bo nieste. Der Bahnhofsvorsteher beugte sich zu ihm hinab.
Du beginnst deine Geschichte mit einem lauten Pfiff, der durch den Bahnhof hallt. Bei dir hallt er jedoch von den Wänden wieder. Das ist ein Detail, das ich für meine Vorstellung nicht unbedingt brauche. Umgekehrt, wenn du die Wände einführst, würde ich das "laut" vor dem Pfiff weglassen. Beides zusammen ist mir eine Spur zu viel. Aber wie gesagt, das ist mein "Gefühl". Und damit auch immer eine Geschmacksfrage.
Dann kommt bei dir eine "Erklärung": Er kündigte die Abfahrt eines Zuges an. Das ist unnötig. "Show it, don´t tell it."
Das "show it" machst du im nächsten Satz: Dort zeigst du, was der Pfiff bedeutet. Von daher kannst du die Erklärung davor weglassen.
Bo nieste. - Das ist toll. Kurz und knapp. Dazu eine Handlung.
Der Bahnhofvorsteher beugte sich zu ihm hinab. - Da stolpere ich dagegen eher wieder: Bo ist die Hauptfigur, er kann später beschrieben werden. Durch seine Augen sehe ich die Geschichte. Doch wie sieht Bo den Bahnhofvorsteher? Wie sieht der Mann aus? Welche Details an ihm nimmt Bo wahr?
Du schreibst:
Er hatte einen Blumenstrauß auf dem Schoss und sah immer wieder nervös auf seine Taschenuhr.
Ich würde hier das "nervös" streichen. Es erklärt ein Gefühl, zeigt aber nichts. Man kann nicht nervös blicken, man kann nur nervös sein.
Immer wieder strich er sich seine Weste glatt.
Ich würde entweder schreiben: Immer wieder strich er sich über seine Weste - oder aber: Immer wieder strich er seine Weste glatt.
Aber, wie gesagt, das alles sind Kleinigkeiten. Insgesamt ist deine Geschichte in sich rund und entfaltet die Szene für mich auf eine schöne Weise.
Paul
