Der Anfang des Folgeromans zu 'Arcadia', Rahmen und erste 2 Seiten. Für Neu-Leser gibt es einen Infodump mit einer Kurzfassung der Lage. Mich interessiert vor allem, ob das funktioniert. Und natürlich auch auch, was sonst auffällt. - Bitte nicht ins Höllenfenster.
I Kibundu, Demokratische Republik Kongo, Gegenwart
Sie standen im Schatten des Wellblechdachs und beobachteten die Soldaten, die ihren Landrover filzten. Professor Lind rauchte. Etwas macht sie nervös, dachte Max. Himmel, hoffentlich hat sie nicht irgendeinen Scheiß in dem Wagen versteckt. Einen Spaten könnte man erklären. Wer über diese Straßen fährt, braucht einen Spaten. Aber Sandsiebe oder womöglich ein Bodenscanner oder Metalldetektor würde sie beide in große Schwierigkeiten bringen. Das ganze Gebiet war für Grabungen gesperrt. In den Bergen gab es Coltan-Vorkommen.
Ein Windstoß blies Staub über die Piste. Er trug den Geruch von feuchtem Gras und Exkrementen mit sich. Vor einer Baracke des Checkpoints war ein Zwergschimpanse an einer Kette angebunden. Soldaten standen um das Tier herum, lachten und hielten ihm Bierdosen hin, um es betrunken zu machen. Aber der Affe reagierte nicht. Er starrte aus glasigen Augen vor sich hin. Die Soldaten trugen keine Uniformhemden, sondern T-Shirts mit dem Bild des Präsidenten. Wenn es überhaupt Soldaten waren. Der Teufel soll sich hier auskennen.
Endlich war der Offizier mit dem Durchblättern der Papiere fertig. Professor Lind hatte in ihren Pass einen 20.000-Franc-Schein hineingelegt. Der Offizier hielt den Schein mit spitzen Fingern hoch.
„Qu’est-ce que c’est?“
Lind ließ die Zigarette fallen und trat sie mit dem Fuß aus. „Es sieht wohl nach einem Geldschein aus, Monsieur“, sagte sie. Gott, dachte Max, dies ist nicht der Ort, den Klugscheißer zu spielen.
Der Offizier starrte Lind aus rot unterlaufenen Augen an. Er war von bulliger Gestalt und einen Kopf kleiner als die Professorin. „Wollen Sie mich bestechen?“
„Natürlich nicht. Der Schein muss wohl in meiner Handtasche dort hineingerutscht sein.“
„Sie glauben, in Afrika sind alle korrupt? Sie glauben, hier sind alle Wilde?“
„Natürlich nicht, Monsieur.“
„Was wollen Sie in unserem Land?“
„Eine Feldstudie durchführen. Wir untersuchen den Lebensraum des Hakenschnabelwürgers in den Itombwe-Bergen.“
Hoffentlich stellt er mir keine Fragen zu diesem verdammten Vogel, dachte Max. Laut ihren Permits waren sie Biologen der Uni Hamburg, doch von Biologie hatte er keine Ahnung. Er war ja auch nur der Praktikant. Professor Lind selbst konnte sich natürlich aus jeder Lage herausquatschen.
„Sie wissen, dass das Banditenland ist? Sind Sie verrückt? Für Ihre Sicherheit können wir nicht garantieren.“
„Wir sind nur Wissenschaftler. Bei uns gibt es nichts zu stehlen.“
„Können Sie beweisen, dass der Geldschein Ihnen gehört?“
„Ich fürchte nein, Monsieur.“
„Dann ist er eine Fundsache. Wir werden ihn verwahren, bis der Eigentümer feststeht. Haben Sie Einwände?“
Professor Lind lächelte. „Sie tun nur Ihre Pflicht.“
* * *
Lind fuhr. Sobald sie außer Sichtweite des Checkpoints waren, schlug sie gegen die Verkleidung der Fahrertür. „Ha!“, rief sie.
„Sie haben doch nicht etwa -“
„Meine Ausrüstung da drin verstaut? Aber sicher doch.“
„Aber wir machen nur Fotos. Keine illegalen Grabungen. Das war doch von vornhinein klar.“
„Sie können ja weggucken, Max.“
Der Landrover hatte kein Radio, aber Professor Lind ließ den Arm aus dem Fenster baumeln, steuerte einhändig und sang aus voller Kehle. Sie hatte anfangs versucht, Max zum Mitsingen zu animieren. Doch er hatte keine Lust.
Über dem See auf der rechten Seite flimmerte der Dunst. Eine Rotte Warzenschweine wühlte abseits der Piste im Boden. Beim Näherkommen wandten sie ihnen die Hinterteile zu und galoppierten davon. Vor ihnen kam eine Siedlung in Sicht: Buden aus Spanplatten und Wellblech links und rechts der Piste, bunt angemalt und gruppiert um Kneipen und ein Verwaltungsgebäude. Doch Lind bog vorher auf eine Seitenpiste ab. Sie fuhren jetzt weg vom See in Richtung der Itombwe-Berge. Oder vielmehr in Richtung einer Wolkenschicht, hinter der Max die Berge vermutete.
„Jetzt beginnt das Abenteuer“, sagte Lind. „In den Bergen da vorn gibt es keine Dörfer, sie sind weiße Flecken auf der Landkarte. Wer weiß, wohin uns das Fragment führt – vielleicht direkt ins Reich des Priesters Johannes. Nicht schlecht für Ihre erste Exkursion, was, Max?“
Max schwieg. Im Mittelalter war das Reich des Priesters in allen möglichen Gegenden verortet worden, von der Mongolei bis Äthiopien, doch Professor Lind vermutete den Ursprung der Legende in Zentralafrika. Mit dieser Theorie stand sie ziemlich allein da. Der Anlass für ihre Exkursion war das kürzlich entdeckte Kreutzner-Fragment. Aus den verstümmelten Seiten ergab sich nach Linds Ansicht ein authentischer Reisebericht aus dem Inneren Afrikas im frühen 18. Jahrhundert. Das allein wäre eine Sensation, auch ohne Hinweise auf den legendären Priester. Landläufig galten Burton und Speke als die ersten Europäer, die in diese Gegenden vorgedrungen waren.
Der Himmel hatte sich inzwischen bezogen. Die Sonne war jetzt ein gleißender Fleck hinter einer Dunstkuppel, doch die Hitze ließ nicht nach. „Wir bekommen Regen“, sagte Lind. Es ging stetig bergauf, durch eine karge Landschaft von Felsbuckeln, Tamariskensträuchern und gelbem Gras. An manchen Stellen hatte der Wind den Sand von der Piste geblasen, und der Landrover holperte über nackten Fels. Fern im Norden sah Max die Gipfel der Mondberge, fünftausend Meter hoch, die das Wetter in dieser Region prägten. Von dort zogen Quellwolken herüber.
Professor Lind blickte auf das GPS. Die Piste bog jetzt nach Süden ab, doch Lind schaltete den Vierradantrieb ein und fuhr die niedrige Böschung hinab in ein wasserloses Flussbett. Das Fahren auf Sand und Kies war angenehmer als auf der buckligen Piste. Einmal blieb der Landrover im feuchten Sand stecken, und sie mussten die Seilwinde einsetzen, um ihn freizubekommen. Die Vegetation veränderte sich. Das Flussbett wurde enger, und moosüberwucherte Bäume neigten sich darüber und vermittelten den Eindruck eines Tunnels. Herabhängende Flechten streiften das Dach des Landrovers. Max schätzte, dass sie jetzt etwa 1500 Meter hoch waren. Wenigstens gab es in dieser Höhe keine Moskitos.
„So still, Max?“, fragte Lind. „Denken Sie schon an Ihren künftigen Ruhm?“
„Nein, Professor, eher an die Gefahr für meine Reputation. Ich wurde vor Ihnen gewarnt.“
„Was denn? Angst, dass ich Ihnen zu nahe trete? Träumen Sie weiter.“
„Nein, ich meine Ihre unorthodoxen Methoden. Außerdem suchen wir vielleicht nach einem Phantom. Professor Jones hat im Journal of Archaeology das Kreutzner-Fragment als Fälschung bezeichnet. Er hat die Schrift analysiert.“
„Jones ist ein Idiot. Er könnte eine Minuskel nicht von einer Hieroglyphe unterscheiden.“
Moosbewachsene Felsbrocken versperrten den weiteren Weg. Lind stellte den Motor ab. Es war vollkommen still, als hätte ihr Eindringen die Natur zum Schweigen gebracht. Keine Papageien kreischten, nichts raschelte zwischen den Bäumen. Hinter der Verkleidung der Fahrertür brachte Lind ein Bündel mit Kellen und Bürsten zum Vorschein, ein aufgerolltes Siebgitter und einen flachen Metalldetektor, wie ihn Schatzsucher oder Raubgräber benutzen.
„Da!“, rief Max. „Genau das meinte ich!“
„Haben Sie sich nicht so“, erwiderte Lind. „Erste Archäologenregel: Nutze jede Gelegenheit. Wer weiß, ob wir je wieder in diese Gegend kommen.“
Sie stopfte die Ausrüstung in ihren Rucksack. Dann klappte sie die Motorhaube auf, baute den Verteilerfinger aus und versteckte ihn unter einem Stein. Zum Abschluss breiteten sie ein Tarnnetz über den Wagen und verwischten die Reifenspuren.
„Bereit, Max?“
Max zögerte. Er wusste, er konnte jetzt einfach die nächsten Tage im Wagen sitzen und die Rückkehr der Professorin abwarten. Das Praktikum würde trotzdem anerkannt. Das hatte sie ihm zugesichert. Doch dann blickte er zu den Bergen. Die Wolken waren für einen Moment aufgerissen. Schroffe Klippen und Felsterrassen leuchteten in vereinzelten Sonnenstrahlen. Sie wirkten greifbar nah, höchstens einen Tagesmarsch entfernt. Das Reich des Priesters Johannes würden sie dort sicher nicht finden, doch irgendetwas, das er nicht genau bestimmen konnte, lockte ihn zu diesen Bergen.
„Hören Sie auf Ihre innere Stimme, Max. Das hat dieser Kreutzner auch getan, wenngleich er sie personalisierte. Wie lautet der erste Satz auf der ersten Seite des Fragments?“
Max kannte ihn mittlerweile auswendig. „Gabriel Archangelus hodie iterum ad me locutus est.“
„Richtig. Die zweite Regel: Höre auf den Engel!“
Sie schulterten die Rucksäcke und marschierten los.
II Madinat Zanjibar, 3. Januar 1702
Heute sprach der Erzengel Gabriel wieder zu mir. Vom Achterdeck der Hakim Ki Izzat aus beobachtete ich das Treiben im Hafen, da vernahm ich seine Stimme deutlich in meinem Kopf. Die Stimme sagte: „Schreib auf!“ Es konnte nur der Erzengel sein. Früher redete Gott mit mir, doch er hatte mich seit meiner Konversion zum Islam verlassen. Aber Engel, wie auch Dämonen, wandern zwischen allen Religionen herum.
„Was soll ich aufschreiben?“, flüsterte ich und blickte dabei über die Schulter. Es ist nicht gut, vor anderen Leuten mit Engeln zu reden. Doch ich war allein an Deck. Der Wesir und sein Gefolge bereiteten sich in der großen Kabine mit Gebeten auf unser Unterfangen vor.
Der Erzengel schwieg. Das ist so mit den Engeln oder Göttern, ihre Forderungen sind oft vage oder schwer zu erfüllen. Von Mohammed verlangte der Engel einst zu lesen, tausend Jahre ist es her. Doch der Prophet war des Lesens nicht mächtig. Ich kann immerhin schreiben. Ich besitze Federn, Tuschestein und bestes arabisches Papier, mit Stärke behandelt und geglättet mit poliertem Achat. Ich hatte es in Bombay erworben, um ein Vokabular der Sprache Tesfays anzufertigen, des Wilden aus dem Inneren Afrikas. Aber ich will nun auf den Engel hören und auf diesem Paper ein Logbuch führen. Ich werde von jetzt an meine Erlebnisse und Beobachtungen festhalten, wann immer ich die Gelegenheit habe.
Mein Name ist Richard Kreutzner, mein Beruf Bibliothekar, auch wenn ich diesen noch nicht praktisch ausüben konnte. In Freiberg, gelegen in der Markgrafschaft Meißen, wurde ich vor zweiundzwanzig Jahren geboren. In London wurde ich vor acht Monaten wegen Piraterie zum Tode verurteilt. Allerdings hatte man mir Begnadigung in Aussicht gestellt, wenn ich der Royal Society ein gewisses Artefaktum beschaffe. Es befand sich auf der Insel Arcadia im Indischen Ozean. Sahir und ich hatten es dort an einer geheimen Stelle vergraben, damit es nicht in falsche Hände falle. Doch kurz danach wurde ich von Piraten von der Insel verschleppt. Meine Frau Sahir blieb allein zurück, schwanger mit unserem Kind.
Immerhin weiß ich nun, dass sie noch lebt. Wir fanden auf Arcadia viele Spuren von ihr, Feuerstellen, einen Fischspeer, einen Unterstand aus Treibholz, auch kleine Fuß- und Handabdrücke von einem Kind. Beide waren verschwunden, ebenso das Artefaktum. Aber Mukhlis Khan, Sahirs Vater und Wesir des Großmoguls Aurang-Zeb, brachte in Erfahrung, dass sie sich angeblich hier auf Sansibar befand. Darum lagen wir nun im Hafen von Madinat vor Anker. Der Wesir hatte unser Vorhaben mit einem Boten angekündigt. Und ich zitterte vor Erwartung, nach drei Jahren Sahir endlich wieder in den Armen zu halten. Vielleicht noch heute, vielleicht in wenigen Stunden.
„Die Verhandlung mit dem Emir führe ich allein“, hatte der Wesir mir eingeschärft. „Ihr dürft ihr beiwohnen, aber sagt kein Wort.“
Direkt neben unserem Schiff hatte ein omanisches Kriegsschiff geankert, die Saqr Quraysh, eine riesige Dhau mit drei Masten und zwölf Kanonen an jeder Seite des Decks. Madinat war ein Flottenstützpunkt. Vom Hafen aus wirkte sie wie eine arabische Märchenstadt. Die Kuppeln der Moscheen, Minarette und Paläste funkelten wie Gold in der Sonne. Die See schimmerte wie Saphir, darüber leuchteten die lohfarbenen Dreiecksegel von Schiffen aller Größen.
Doch schon als wir uns mit dem Beiboot der Hafenmole näherten, wehte uns ein Pesthauch an, ein Brodem von fauligem Fleisch, verrottenden Früchten, von menschlichen und tierischen Exkrementen. Wir traten an Land und hielten uns die Ärmel vor Mund und Nase. In den engen Gassen häuften sich Unrat und Tierkadaver. Alles, was ich über Sansibar gehört und gelesen hatte, fand ich nun aufs Schlechteste bestätigt. Das Inselvolk lebt im Elend. Die Araber, die neuen Herren, halten sie als Diener oder Konkubinen oder schinden sie auf den Nelkenplantagen.
Der Palast des Musa bin Bil’arab, des Emirs von Sansibar, lag abseits von den Ausdünstungen der Stadt in einem Hain aus Mangobäumen. Wir ließen uns vom Hafen aus in Sänften hintragen. Der Emir war zugleich der größte Sklavenhändler dieser Region, wenn nicht des ganzen Erdkreises. Auf Sansibar kostet ein schwarzer Sklave vier Dirham. In Indien bezahlt man bis zu zwanzig Dirham, ganz zu schweigen von London oder New York, wo ein gesunder Arbeiter nicht unter fünf Pfund zu haben ist.
Da ein Teil des Palastes noch unfertig war, wurden wir für die Verhandlung zu einem Zelt geleitet. Dieses war prächtig genug, mit Wänden aus gelber Seide, darauf genäht das Emblem des Emirs, eine purpurne Raute ohne weitere Zeichen oder Symbole. Das Innere war mit Teppichen und mit seidenen Vorhängen ausgestattet, die die Hitze des Morgens zurückhielten. Wir nahmen auf Kissen Platz. Diener brachten Tabletts mit Stutenmilch und gesüßtem indischen Tee. Ein schwarzer Knabe bewegte über einen Hebel einen großen Fächer, der uns Luft zuwedelte.
Ich verstand Arabisch gut genug, um dem Gespräch folgen zu können. Auf Arcadia hatte Sahir mir Worte und Schrift beigebracht, damit ich den Koran im Original lesen konnte. Außer mir begleiteten den Wesir vier seiner älteren Söhne. Diese hatten nur die Aufgabe, streng zu blicken, die Stirn zu runzeln, sich zuweilen über den Bart zu streichen und damit unserem Anliegen mehr Gewicht zu verleihen. Nach dem Austausch der Begrüßungsreden kam der Wesir ohne weitere Umschweife zur Sache.
„Shaikh Musa, wir möchten vierzig Sklaven von Euch erwerben.“
Der Emir hockte in der Mitte des Zeltes auf einem niedrigen Schemel. Er war breitschultrig und muskulös, man sah ihm an, dass er lieber auf dem Rücken eines Pferdes saß als in einem Zelt. Unter seinem Umhang trug er einen ledernen Brustharnisch. An seiner Seite thronte sein Sohn, Prinz Tafiq, auf einem Kissenstapel. Der Prinz war kostbarer gekleidet als sein Vater, hatte aber ein aufgedunsenes Gesicht mit einem dünnen Schnurrbart, der einem Schmutzstreifen auf der Oberlippe glich. Seine Augen waren mit Kajal umrandet. Beide trugen riesige weiße Turbane.
Der Emir runzelte die Stirn ob der Geringfügigkeit unseres Anliegens und hob bedauernd die Hände. „Leider ist dies ein ungünstiger Zeitpunkt, Exzellenz. Die Karawanen mit neuer Ware treffen erst im nächsten Monat ein. Zur Zeit kostet ein Schwarzer bester Qualität zehn Dirham.“
Ich wusste inzwischen, dass dies der übliche Beginn einer langen und blumigen Verhandlung war. Am Ende würde man sich dann auf den regulären Preis von vier Dirham einigen. Doch Mukhlis Khan sagte:
„Eure Großzügigkeit wird überall gepriesen, Shaikh Musa, und wie ich sehe, nicht zu Unrecht. Doch ich will sie nicht ausnutzen. Ich biete Euch zwanzig Dirham für jeden hochwertigen Sklaven. Dies ist der Preis, der auch in meinem Land üblich ist.“
Der Emir und sein Sohn blickten sich an.
„Das sind zusammen achthundert Dirham“, fuhr Mukhlis Khan fort. „Und um Euch meine Wertschätzung zu erweisen, will ich die Summe auf tausend Dirham aufrunden.“
Der Emir räusperte sich und fand die Sprache wieder. „Ich sehe, Exzellenz, Ihr seid ein Mann, der gute Handelsbeziehungen schätzt und zu vertiefen weiß.“
Der Wesir lächelte. „Allerdings muss ich auf einer Bedingung bestehen. Ich will die zehn Männer, zehn Frauen, zehn Knaben und zehn Mädchen aus Eurem eigenen Haushalt erwerben. Denn so bin ich sicher, nur die beste Ware zu erhalten. Sie sind bestimmt für meinen Herrn Aurang-Zeb, den Großmogul von Indien und Dekkan. Ich will sie selbst aussuchen. Zeigt mir alle Sklaven Eures Hauses, vom obersten Eunuchen bis zum kleinsten Säugling, und lasst mich die Wahl treffen.“
„Das ist eine höchst ungewöhnliche Bedingung.“
„Soll diese Wahl“, fragte Prinz Tafiq, „etwa auch den Harem einschließen?“
„Das versteht sich, Hoheit, denn dort vermute ich die schönsten Frauen.“
Der Emir beugte sich zu seinem Sohn hinüber, und sie tuschelten miteinander. „Ich frage mich, Euer Exzellenz“, sagte er dann, „ob Ihr vielleicht vor allem an einer bestimmten Sklavin interessiert seid.“
„Was bringt Euch auf diesen Gedanken?“
„Vor einiger Zeit erwarb ich Ware aus einer Korsarenbeute. Darunter befand sich eine junge Frau indischen Geblüts mit ihrem kleinen Sohn.“
Der Wesir schwieg.
„Sie war verwildert, als hätte sie lange in der Einöde gelebt. Doch ich erkannte sogleich ihre Bildung und Schönheit. Ich ließ sie baden und einkleiden. Ihr Sohn hatte auffällig helle Haut. Ich habe ihn meinem Onkel Saif bin Sultan, dem Herrscher von Oman, für seine Mamluken zum Geschenk gemacht. Die Frau gab ich meinem Sohn zum Weibe, denn er hatte sie auf dem Markt ausgewählt.“
„Tatsächlich habe ich Gefallen an ihr gefunden“, sagte Prinz Tafiq. „Unter all meinen Frauen reite ich sie noch immer fast jede Nacht.“
Die Tasse zerbrach in meiner Hand. Ich murmelte eine Entschuldigung. Ein Diener brachte neuen Tee. Mukhlis Khan schwieg.
„Am Anfang hat sie sich ein wenig gesträubt“, sagte Prinz Tafiq, wobei er mich aufmerksam anblickte. Ich sagte nichts.
„Ich musste sie erst zureiten“, sagte der Prinz. „Mit Sporen und Zaumzeug, wenn Ihr versteht. Aber jetzt ist sie ein williges Pferdchen.“ Er lächelte dabei und starrte mir unverwandt ins Gesicht. Ich hatte mich gut in der Gewalt.
„Ja“, sagte Mukhlis Khan, „es ist wahr, diese Frau wünsche ich vor allem zu erwerben, denn sie ist eine meiner Töchter. Sie strandete auf einer einsamen Insel und wurde dort unlängst von Korsaren verschleppt. Ich biete Euch tausend Dirham für sie.“
„Woher wusstet Ihr, dass sie in unserem Besitz ist?“
„Ich habe es zufällig erfahren.“
Das war natürlich gelogen. Der Wesir befehligte das Munihyan, das indische Ministerium für geheime Dienste. All seine Söhne und Töchter waren seine Agenten, zudem besaß er Kundschafter und Spione in allen Häfen des Indischen Ozeans. Ständig empfing er ihre Nachrichten, die sie abgerichteten Tauben ans Bein banden.
„Nun, Exzellenz, ich würde Euch die Sklavin gewiss gern verkaufen, zumal sie Eure Tochter ist, wie Ihr sagt. Über den Preis können wir reden. Aber dies ist nun die Entscheidung meines Sohnes.“
„Hunderttausend Dirham“, sagte der Prinz.
Es herrschte allgemeines Schweigen.
„Ich sagte doch, ich habe Gefallen an ihr gefunden. Hunderttausend für das Weib. Ein Lakh in Eurer Zählweise.“
„Ihr beliebt zu scherzen, Hoheit. Für ein Lakh Dirham könntet Ihr Euch ein Dutzend der schönsten Frauen für jede einzelne Nacht Eures Lebens kaufen.“
„Ich scherze nicht.“
„Zweitausend.“
„Wollt Ihr mich beleidigen, Wesir? Ihr kennt den Preis.“
„Ihr wisst, dass niemand ein Lakh Dirham besitzt.“
„Euer Herr Aurang-Zeb verfügt bekanntermaßen über die größten Reichtümer des Erdkreises.“
„Über die verfügt er gewiss, aber ich verfüge nicht darüber.“
„Sie ist Muslima. Der Koran verbietet es, Muslime zu versklaven“, sagte ich. Alle starrten mich an.
„Was tut ein ungläubiger Hund in Eurem Gefolge, Wesir?“, fragte der Prinz.
Ich bemerkte durchaus den warnenden Blick, den der Wesir mir zuwarf. Doch ich konnte nicht an mich halten. „Ich bin gläubiger Muslim, anders als Ihr, Hoheit. Denn da Ihr gegen den Koran und Gottes Gesetz verstoßt, ist Euch nun die Hölle sicher.“
Der Prinz fasste an seinen Gürtel. Doch darin steckte kein Dolch. In arabischen Ländern werden Verhandlungen stets unbewaffnet geführt, damit es im Eifer des Feilschens nicht zu Verletzungen kommt.
„Dort in der Tiefe“, fuhr ich fort, „werden Eure Füße in heißem Öl gesotten, während Feuerameisen Euer Gemächt abfressen. Nicht dass ich glaube, dass es da viel zu fressen gibt.“
Der Prinz wollte aufspringen, doch der Emir hielt ihn am Oberarm fest und sagte zu dem Wesir: „Ihr beleidigt uns und werft uns vor, den Koran nicht zu achten? Wäret Ihr nicht Gäste, ließe ich Euch auf der Stelle erdrosseln. Und ich werde es tun, falls Ihr nach Sonnenuntergang noch auf dieser Insel verweilt. Die Verhandlung ist beendet.“